Goldschmuggel über die Hochsicherheitsgrenze

Zwischen Politik und Alltagschaos

An einem freien Tag beschlossen Antonia, Karim, Lukas und ich gemeinsam nach Ramallah zu fahren, dem politischen Zentrum der palästinensischen Autonomieverwaltung. Eigentlich lag die ursprüngliche Idee unseres Ausflugs darin, einen besseren Eindruck von der politischen Lage vor Ort zu bekommen, denn schon mein erster Besuch in der Westbank hatte bei mir ein eigenartig bedrückendes Gefühl hinterlassen. Besonders die gewaltigen Sperranlagen und Hochsicherheitscheckpoints, die Jerusalem von den palästinensischen Gebieten trennen, wirkten auf mich jedes Mal gleichermaßen einschüchternd und surreal.

Doch wie so oft entwickelte sich der Tag schnell anders als ursprünglich geplant.

Nachdem wir den ersten Kontrollbereich passiert hatten, saßen wir noch eine ganze Weile in einem kleinen, etwas klapprigen Bus und entschieden spontan, einfach bis direkt ins Zentrum von Ramallah weiterzufahren. Dort angekommen erwartete uns plötzlich das völlige Gegenteil der beklemmenden Atmosphäre an den Sperranlagen. Die Straßen waren laut, bunt und voller Leben. Händler priesen lautstark ihre Waren an, aus kleinen Läden strömte der Duft orientalischer Gewürze und zwischen Bergen aus Obst, Gemüse, Süßigkeiten und gefälschter Markenkleidung drängten sich Menschen durch die engen Gassen.

Der Goldfischladen von Ramallah

Mitten in diesem chaotischen Gewusel entdeckten wir schließlich einen kleinen Laden, der unsere Aufmerksamkeit sofort auf sich zog. Vor der Tür standen mehrere Aquarien und Gläser voller Goldfische und kleiner, bunt schillernder Zierfische. Natürlich mussten wir sofort stehen bleiben.

Der Ladenbesitzer sprach nur wenige Brocken Englisch, aber genug, um mit uns zu handeln. Nach kurzer Diskussion und erstaunlich viel Begeisterung unsererseits einigten wir uns schließlich auf vier Goldfische, zwei kleinere bunte Fische und einige Plastikbehälter für den Transport. Schon während des Kaufes schmiedeten wir begeistert Pläne, einen der Goldfische Judith aus unserer WG zum Geburtstag zu schenken.

Völlig zufrieden mit unserem absurden Einkauf liefen wir später noch etwas durch die Stadt und beobachteten den Sonnenuntergang über Ramallah. Erst als wir wieder im Bus Richtung Jerusalem saßen und die kleinen Fische vorsichtig auf unseren Knien balancierten, dämmerte uns langsam, dass unser Vorhaben vielleicht doch nicht ganz so unkompliziert war.

Die große Erkenntnis im Bus

Während wir im Bus zunehmend hektischer darüber diskutierten, wie wir die Fische wohl sicher durch den Checkpoint bringen könnten, schalteten sich schließlich zwei junge palästinensische Männer ein, die unser Gespräch offensichtlich schon eine ganze Weile belustigt verfolgt hatten.

Mit sichtbarer Freude über unsere Naivität erklärten sie uns dann, dass es offiziell verboten sei, Tiere – ganz gleich ob lebendig oder tot – nach Israel einzuführen. Die einzige realistische Möglichkeit bestehe darin, die Fische während der Kontrolle einfach im Bus zurückzulassen und erst auf der anderen Seite wieder einzusammeln.

Diese Idee erschien uns zunächst vollkommen absurd. Gleichzeitig hatten wir aber auch keinerlei bessere Lösung.

Durch die Sperranlage

Je näher wir dem Checkpoint kamen, desto angespannter wurde die Stimmung im Bus. Während wir noch darüber diskutierten, ob unsere Goldfische möglicherweise ein Sicherheitsrisiko darstellen könnten, rückte gleichzeitig wieder die bedrückende Realität dieses Ortes in den Vordergrund.

Die riesige Sperranlage wirkte selbst beim zweiten oder dritten Passieren noch einschüchternd. Hohe Betonmauern, Kameras, Stacheldraht und bewaffnete Soldaten bestimmten das Bild. Für Palästinenser bedeutet dieser Ort Alltag. Für uns war es nur eine gelegentliche Erfahrung.

Wir ließen die Fische schließlich tatsächlich im Bus zurück und reihten uns in den schmalen Zugangskorridor ein. Der Weg führte durch einen langen, seitlich abgeschirmten Gang mit hohen Metallgittern. Auf dem Boden befanden sich in regelmäßigen Abständen merkwürdige Betonleisten, die fast wie überdimensionierte Bordsteinkanten wirkten. Welchen Zweck sie genau erfüllen sollten, erschloss sich mir nicht vollständig. Offensichtlich machten sie das Passieren jedoch insbesondere mit Kinderwagen oder Rollstühlen extrem umständlich.

Am Ende des Ganges mussten wir schwere Drehkreuze mit Metalldetektoren passieren, unsere Schuhe ausziehen und sämtliches Gepäck wie am Flughafen durch ein Scangerät schieben. Hinter einer Glasscheibe saßen junge israelische Soldaten mit müden und genervten Gesichtern, die unsere Pässe kontrollierten und kaum Notiz von uns nahmen.

Für uns dauerte die gesamte Prozedur vielleicht zwanzig Minuten. Trotzdem empfand ich sie schon als unangenehm und entwürdigend. Während wir warteten, dachte ich immer wieder an die Menschen, die diesen Weg täglich zurücklegen müssen – oftmals stundenlang –, nur um zur Arbeit, zur Universität oder zu ihrer Familie zu gelangen.

Erfolgreicher Goldschmuggel

Mit großer Erleichterung saßen wir schließlich wieder im Bus auf israelischer Seite und das Erste, worauf wir achteten, waren natürlich unsere Fische.

Zu unserer großen Freude schwammen alle sechs noch friedlich in ihren kleinen Behältern umher, völlig ahnungslos darüber, dass sie gerade erfolgreich über eine der am stärksten kontrollierten Grenzen der Region geschmuggelt worden waren.

Wir hingegen mussten so sehr über die Absurdität dieser Situation lachen, dass wir für einen Moment beinahe die bedrückende Atmosphäre des Checkpoints vergaßen.

Und trotzdem blieb am Ende ein eigenartiges Gefühl zurück. Auf der einen Seite diese absurde Leichtigkeit eines Tages, an dem wir spontan Goldfische in Ramallah kauften und heimlich nach Jerusalem transportierten. Auf der anderen Seite die Realität einer hochmilitarisierten Grenze, die für viele Menschen Alltag bedeutet und ihren gesamten Lebensrhythmus bestimmt.

Die massiven Sperranlagen vermitteln zweifellos vielen Israelis ein Gefühl von Sicherheit. Gleichzeitig fragte ich mich an diesem Abend einmal mehr, ob Mauern, Stacheldraht und stundenlange Kontrollen langfristig wirklich eine Lösung sein können.