Spontan ans Tote Meer
Auch mit Jasmin, einer jungen Frau, die ich hier in Jerusalem kennengelernt habe, unternahm ich bereits eine ausgesprochen schöne und zugleich ziemlich spontane Tour. Nach der Arbeit beschlossen wir, zum Toten Meer zu fahren. Eigentlich wollten wir ganz regulär den Bus nehmen, doch der massive Rushhour-Stau in Jerusalem machte uns schnell einen Strich durch die Rechnung. Als wir endlich am Busbahnhof ankamen, war unser Bus längst verschwunden.
Also begannen wir zu trampen.
Mittlerweile gehörte das für mich hier fast schon zum Alltag und erstaunlicherweise funktionierte es in Israel oft unkomplizierter, als ich es jemals erwartet hätte. Insgesamt mussten wir auf dem Weg zum Toten Meer drei Mal umsteigen. Die letzte Mitfahrgelegenheit stellte schließlich ein Mann dar, der uns eigentlich nur ein Stück mitnehmen wollte, uns dann aber spontan anbot, direkt bis nach Masada zu fahren, obwohl dies für ihn einen deutlichen Umweg bedeutete.
Während der Fahrt erzählte er uns ganz selbstverständlich, dass er ohnehin noch an einen Strand am Toten Meer fahren wolle, um dort den Sonnenuntergang zu erleben und etwas zu grillen. Fast beiläufig lud er uns ein, ihn zu begleiten. Natürlich sagten wir sofort zu.
Abendstimmung zwischen Israel und Jordanien
Der Strand, an dem wir ankamen, lag etwas abgelegen und war nahezu menschenleer. Nur wenige Leute hielten sich dort auf, zufälligerweise auch zwei deutsche Touristen. Es dämmerte bereits und auf der anderen Seite des Wassers konnte man die Lichter Jordaniens erkennen, die langsam in der Dunkelheit aufleuchteten.
Noch während wir aus dem Jeep stiegen, waren Jasmin und ich uns sofort einig, dass wir einfach hier übernachten würden.
Im Lichtkegel der Autoscheinwerfer bauten wir unser kleines Zelt direkt am Strand auf, während unser Fahrer ein Stück weiter ein Lagerfeuer vorbereitete. Wenig später kochte er für uns sogar noch vegetarische Nudeln mit Soße, weil wir erzählt hatten, dass wir kein Fleisch essen. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet, als wir am Nachmittag aus dem grauen, hektischen Jerusalem aufgebrochen waren.
Es war einer dieser Momente, die für mich diese Zeit in Israel so besonders gemacht haben: Dieses ständige Improvisieren, diese Spontaneität und gleichzeitig diese unglaubliche Gastfreundschaft vieler Menschen.
Sonnenaufgang am Salzmeer
Die Nacht selbst war ehrlich gesagt deutlich weniger romantisch als der Abend davor. Der harte Sandboden, die dünnen Isomatten und die trockene Luft sorgten dafür, dass wir beide nur mäßig gut schliefen. Um halb sechs morgens klingelte dann auch schon der Wecker.
Doch jede Müdigkeit war vergessen, als wir aus dem Zelt krochen und den Sonnenaufgang über dem Toten Meer sahen.
Die Landschaft wirkte vollkommen unwirklich. Das Wasser lag still zwischen den kahlen Bergen Jordaniens und Israels, die ersten Sonnenstrahlen färbten die Felsen orange und rosa und alles war vollkommen ruhig.
Natürlich gingen wir sofort baden. Das Gefühl, schwerelos auf diesem extrem salzhaltigen Wasser zu treiben, bleibt einfach einzigartig. Gleichzeitig brannte jede kleine Schramme an Armen und Beinen augenblicklich wie Feuer. Trotzdem wollten wir kaum wieder hinaus.
Mit Nonnen nach Masada
Nach dem Baden trampten wir weiter Richtung Masada. Diesmal wurden wir von zwei älteren Nonnen mitgenommen, die ursprünglich aus Amerika stammten und erst vor einigen Jahren nach Israel ausgewandert waren.
Die beiden erzählten mit großer Begeisterung von ihrem Leben hier und davon, dass sie jeden einzelnen Tag in Israel noch immer als Abenteuer empfänden. Ihre Offenheit und Fröhlichkeit beeindruckte mich sehr.
Von Masada aus wanderten wir später durch die Wüste und entschieden uns für einen steilen Pfad hinauf zur antiken Felsenfestung. Der Aufstieg in der Hitze war anstrengend, aber die Aussicht von oben entschädigte für alles. Weit unter uns lag das Tote Meer, dahinter Jordanien, ringsherum nur Wüste, Felsen und Stille.
Dort oben machten wir eine lange Pause und schwiegen zwischendurch einfach nur, weil diese Landschaft kaum Worte brauchte.
Heimweg per Lastwagen
Am Nachmittag machten wir uns schließlich wieder auf den Rückweg nach Jerusalem. Lange warten mussten wir diesmal nicht. Ein Lastwagenfahrer hielt an und nahm uns direkt bis nach Jerusalem mit.
Die Verständigung verlief allerdings etwas schwierig, da er kaum Englisch sprach. Trotzdem entstand auf merkwürdige Weise eine freundliche Stimmung im Fahrerhaus, geprägt von Händen und Füßen, einzelnen Wortfetzen und viel gegenseitigem Lachen über misslungene Kommunikationsversuche.
Als wir schließlich wieder in Jerusalem ankamen, fühlte sich der ganze Tag bereits völlig unwirklich an.
Begegnungen zwischen Jerusalem, Göttingen und Teheran
Überhaupt vergeht die Zeit hier in Israel für mich unglaublich schnell. Jeder Tag scheint voller Begegnungen, Eindrücke und kleiner Geschichten zu sein, die sich kaum planen lassen und gerade deshalb so besonders bleiben.
Während ich nun in Jerusalem lebe und arbeite, verbringt gleichzeitig mein iranischer Austauschschüler Amir Arsalan seine Zeit bei meiner Familie in Göttingen, lernt dort Deutsch und besucht das Hainberg-Gymnasium. Allein dieser Gedanke wirkt angesichts der politischen Spannungen zwischen Israel und Iran beinahe absurd.
Und trotzdem erscheint mir genau das mittlerweile wichtiger denn je: Dass Menschen sich trotz aller Unterschiede begegnen, voneinander lernen und erleben, dass hinter politischen Konflikten immer einzelne Menschen mit Hoffnungen, Sorgen und Geschichten stehen.
Vielleicht sind es gerade diese kleinen Begegnungen unterwegs – beim Trampen, an einem Strand, in einem Lastwagen oder bei einem gemeinsamen Essen –, die mir hier am meisten im Gedächtnis bleiben werden.
