Alltag im Ausnahmezustand – Besuch einer Geisterstadt

Zwischen Heiligtum und Hochsicherheitszone

Hebron ist die größte palästinensische Stadt im südlichen Teil des Westjordanlands und zugleich einer der religiös bedeutendsten Orte für Juden, Christen und Muslime. Dort befindet sich das Grab Abrahams, des gemeinsamen Stammvaters von Juden und Arabern. Gemeinsam mit Linda machte ich mich auf den Weg in diese alte, geschichtsträchtige Stadt, ohne zu ahnen, wie bedrückend und verstörend dieser Besuch für mich werden würde.

Schon im Vorfeld hatten wir einiges über Hebron gehört. Die Stadt gilt als einer der konfliktreichsten Orte der gesamten Westbank. Seit dem Oslo-II-Abkommen ist Hebron in zwei Zonen geteilt. In H1 leben etwa 120.000 Palästinenser unter palästinensischer Verwaltung. In H2 hingegen leben etwa 30.000 Palästinenser und ungefähr 800 radikale jüdische Siedler, die von einer enormen Präsenz israelischer Soldaten geschützt werden. Dieser kleine Teil der Stadt steht vollständig unter israelischer Kontrolle und genau dorthin führte uns unser Weg.

Nach einer etwas rasanten Busfahrt über staubige Straßen stiegen Linda und ich als einzige Passagiere nahe des Heiligtums „Haram el-Khalil“ aus. Kaum hatte der Bus die Haltestelle verlassen, breitete sich um uns eine bedrückende Stille aus. Obwohl es mitten am Tag war, wirkte die gesamte Umgebung wie ausgestorben.

Die unheimliche Ruhe von H2

Die Straßen lagen leer und regungslos in der heißen Morgensonne. Verrammelte Läden, verlassene Werkstätten, zerfallene Häuser und menschenleere Höfe reihten sich dicht aneinander. Die trockene Luft war staubig und schwer und selbst das Atmen fiel uns plötzlich unangenehm schwer. Jeder Schritt durch diese stille, beinahe tote Umgebung fühlte sich eigenartig unwirklich an.

Ich fragte mich die ganze Zeit, wo die Menschen hier eigentlich waren. Wo spielte sich das Leben dieser Stadt ab? Warum war niemand auf den Straßen?

Zwischen den verlassen wirkenden Gebäuden bewegten sich nur vereinzelt orthodoxe Juden mit schwarzen Gewändern, Kippa und Schläfenlocken, die Vorbereitungen für anstehende Feiertage trafen. Auch für sie ist der Zugang zur Grabstätte streng geregelt. Juden und Muslime betreten das Heiligtum über getrennte Eingänge und bewegen sich in unterschiedlichen Bereichen des Gebäudes.

Vor dem Eingang wurden auch wir kontrolliert. Einige junge israelische Soldaten musterten unsere Pässe kritisch, bevor wir passieren durften. Als ausländische Besucher hatten wir es vergleichsweise einfach. Für die Menschen, die hier leben, ist jeder Kontrollpunkt Teil ihres Alltags.

Das Grab Abrahams

Im Inneren des Heiligtums herrschte eine ganz andere Atmosphäre. Die Räume waren dunkel, kühl und nur spärlich beleuchtet. Inmitten eines viereckigen Saales stand ein prächtig verzierter Sarkophag, der Abraham symbolisieren soll. Der eigentliche Körper befinde sich jedoch in einer darunterliegenden Kammer, erklärte man uns.

Besonders faszinierte mich die tiefe Frömmigkeit der orthodoxen Juden vor Ort. Mit über den Kopf gelegtem Tallit standen sie betend vor den heiligen Stätten und bewegten dabei rhythmisch ihren Oberkörper vor und zurück. Diese völlige Hingabe und Selbstverständlichkeit des Glaubens beeindruckte mich sehr, auch wenn ich vieles davon nur schwer greifen konnte.

Doch kaum verließen wir den religiösen Bereich wieder, holte uns die Realität der Stadt unmittelbar ein.

Die Geisterstadt

Am frühen Nachmittag machten Linda und ich uns auf den Weg Richtung H1 und mussten dafür die ehemalige Altstadt Hebrons durchqueren. Dieser Weg gehört bis heute zu den bedrückendsten Dingen, die ich bisher erlebt habe.

Seit Beginn der zweiten Intifada wurden dort tausende Geschäfte geschlossen. Viele Häuser stehen leer oder sind bereits halb eingestürzt. Ganze Straßenzüge wirken wie Kulissen einer verlassenen Stadt. Überall hängen rostige Metallrollläden vor ehemaligen Basaren, Kabel baumeln lose von den Hauswänden und zwischen den Gebäuden ziehen Staub und Hitze durch die leeren Gassen.

Besonders bedrückend war jedoch die allgegenwärtige Militärpräsenz. Alle paar Meter patrouillierten israelische Soldaten mit Maschinengewehren durch die Straßen. Wir passierten Wachtürme, Kontrollpunkte und Militärposten. Nahezu an jedem noch bewohnten Haus hingen Israelflaggen oder Girlanden. Die Botschaft war unübersehbar.

Die wenigen palästinensischen Familien, die noch in diesem Teil der Stadt leben, wirken wie eingeschlossen. Viele Fenster und Balkone sind mit Gittern und Drahtkonstruktionen gesichert, um sich vor Steinwürfen extremistischer Siedler zu schützen. Einige Haustüren zur Hauptstraße wurden komplett versiegelt. Manche Bewohner erreichen ihre Wohnungen nur noch über Leitern und Dächer auf der Rückseite der Häuser.

Alltag unter Kontrolle

Etwas später kamen wir mit Mohammed ins Gespräch, einem etwa dreißigjährigen Palästinenser, der uns in gebrochenem Englisch erklärte, wie sich das Leben in H2 verändert habe. Die israelische Armee sei ausschließlich für die Sicherheit der Siedler zuständig, sagte er. Die palästinensische Polizei dürfe in diesem Gebiet nicht eingreifen und die Bewohner hätten kaum Möglichkeiten, sich gegen Übergriffe zu schützen.

Während er sprach, blickte er immer wieder vorsichtig die Straße hinunter, als müsse er ständig darauf achten, wer ihn beobachtete.

Mir wurde zunehmend bewusst, wie sehr der Ausnahmezustand hier zum Alltag geworden ist. Kinder wachsen zwischen Kontrollpunkten, Waffen und Mauern auf. Menschen planen ihren Tagesablauf danach, welche Straßen sie benutzen dürfen und welche nicht. Freiheit wirkt hier nicht wie etwas Selbstverständliches, sondern wie ein kaum erreichbarer Zustand.

Und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass nahezu jeder Mensch in dieser Stadt seine eigene Geschichte von Angst, Verlust oder Gewalt erzählen könnte – egal auf welcher Seite.

Hinter dem Checkpoint

Nachdem wir schließlich den streng bewachten Übergang von H2 nach H1 passiert hatten, veränderte sich das Stadtbild schlagartig.

Auf einmal herrschte wieder Leben. Die engen Gassen der Altstadt waren voller Menschen, Marktstände quollen über vor Gewürzen, Kleidung und Obst, Kinder rannten lachend durch die Straßen und überall hörte man Stimmen, Motorengeräusche und Musik. Es roch nach orientalischen Gewürzen, Benzin, Staub und Essen zugleich.

Immer wieder wurden wir freundlich angesprochen. „Welcome to Hebron“, „Nice that you visit Palestine“, hörten wir aus allen Richtungen. Viele Menschen schienen sich ehrlich darüber zu freuen, dass sich überhaupt jemand für ihre Stadt interessierte.

Besonders irritierend und gleichzeitig berührend war eine Begegnung mit einigen kleinen Kindern. Zwei Mal kamen Gruppen von vielleicht sechsjährigen Jungen auf uns zugelaufen, umarmten uns einfach und griffen nach unseren Händen. Ich konnte dieses Verhalten zunächst überhaupt nicht einordnen. Einerseits wirkte es unglaublich herzlich, andererseits auch fremd und beinahe verstörend, weil ich so etwas nie zuvor erlebt hatte.

Neben all der Offenheit blieb jedoch auch die sichtbare Armut nicht verborgen. Vielerorts quoll Müll aus den Containern, Gebäude verfielen und meterhohe Zäune sowie Stacheldraht durchschnitten ganze Straßenzüge.

Zwischen Hoffnung und Beklemmung

Am meisten beschäftigt mich bis heute der Kontrast zwischen den Lebensumständen der Menschen und ihrer gleichzeitigen Lebensfreude. Trotz all der Einschränkungen, der Perspektivlosigkeit und der täglichen Spannungen begegneten uns viele Menschen mit einer Wärme und Offenheit, die mich tief beeindruckte.

Gleichzeitig ließ mich die Frage nicht los, wie ein normales Leben unter solchen Bedingungen überhaupt möglich sein soll. Warum bleiben Mauern und Soldaten bestehen, während die Menschen verschwinden? Warum wird ein historisches Stadtzentrum zur Geisterstadt?

Am späten Nachmittag verließen Linda und ich Hebron schließlich wieder mit einem Minibus Richtung Bethlehem. Müde, erschöpft und völlig überladen mit Eindrücken saßen wir nebeneinander und schwiegen lange.

Mir war dabei sehr bewusst, dass all dies nur erste und zwangsläufig begrenzte Eindrücke eines hochkomplexen Konfliktes waren. Dennoch wurde mir an diesem Tag deutlicher denn je, wie wichtig die Arbeit von Einrichtungen wie dem Alyn-Hospital ist, in denen Menschen unabhängig von Religion oder Herkunft miteinander arbeiten und leben.

Und trotz aller Beklemmung möchte ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass Orte wie Hebron eines Tages wieder normale Städte werden können – Städte voller Leben statt voller Kontrollpunkte, Mauern und Angst.