Mit ehemaligen Soldaten durch Hebron – zwischen Besatzung, Schuldfragen und dem Versuch, das Schweigen zu brechen
Über meine ersten Eindrücke aus der besetzten Stadt Hebron berichtete ich bereits in dem Artikel „Alltag im Ausnahmezustand – Besuch einer Geisterstadt“. Doch bei meinem zweiten Besuch am 21. Dezember bekam ich noch einmal eine ganz andere Perspektive auf diesen Ort, der mich seitdem nicht mehr loslässt.
Gemeinsam mit anderen Teilnehmern nahm ich an einer besonderen Stadtführung teil, organisiert von ehemaligen israelischen Soldaten der Nichtregierungsorganisation Breaking the Silence („Das Schweigen brechen“). Die Organisation besteht aus Veteranen der israelischen Armee, die während ihres Militärdienstes in den besetzten Gebieten stationiert waren und heute öffentlich über ihre Erlebnisse sprechen. Ziel der Organisation ist es, die israelische Öffentlichkeit und internationale Besucher mit der Realität des Alltags unter Besatzung zu konfrontieren.
Dean und die Frage nach der eigenen Verantwortung
Unser Tourguide hieß Dean. Er war groß, sportlich gebaut, mit krausen Locken, Dreitagebart und auffallend freundlichen dunklen Augen. Während der zweiten Intifada hatte er selbst als Soldat in Hebron gedient. Einige Jahre später entschloss er sich, öffentlich über seine Erfahrungen zu sprechen – nicht zuletzt, weil ihn die Frage nach der eigenen Schuld und Verantwortung nicht mehr losließ, besonders nachdem er später mit palästinensischen Kindern gearbeitet hatte.
Schon auf der Busfahrt nach Hebron erhielten wir Hintergrundinformationen zur politischen Situation der Stadt. Hebron gilt bis heute als eine der konfliktreichsten Städte des Westjordanlands. Anders als in Ramallah, Bethlehem oder Nablus befinden sich hier jüdische Siedlungen mitten im palästinensischen Stadtgebiet. Deshalb wurde die Stadt in zwei Zonen geteilt: H1 unter palästinensischer Verwaltung und H2 unter israelischer Kontrolle.
Die Zone H2, durch die unsere Tour führte, wird von israelischen Soldaten kontrolliert und umfasst große Teile der Altstadt sowie mehrere jüdische Siedlungen. Dort leben zehntausende Palästinenser und einige hundert jüdische Siedler – geschützt von einem massiven Militär- und Sicherheitsapparat.
Eine Stadt voller Stille
Schon bei meinem ersten Besuch hatte mich die Atmosphäre Hebrons tief bedrückt, doch diesmal nahm ich vieles noch bewusster wahr. Die Straßen wirkten auch mitten am Tag nahezu ausgestorben. Nur gelegentlich huschten Kinder zwischen den Häusern hindurch oder Soldaten patrouillierten mit Maschinengewehren durch die verlassenen Gassen.
Dean erklärte uns, dass die israelische Armee versuche, jüdische Siedler und palästinensische Bewohner möglichst vollständig voneinander zu trennen. Besonders sichtbar wurde dies in der ehemaligen Haupteinkaufsstraße, der a-Shuhada Street. Einst war sie das wirtschaftliche Herz der Stadt – voller Geschäfte, Marktstände und Leben. Heute dürfen Palästinenser diese Straße nicht einmal mehr zu Fuß betreten.
Viele Häuser entlang der Straße sind verriegelt oder zugeschweißt. Familien, die dort noch leben, erreichen ihre Wohnungen oft nur über Dächer, Hintereingänge oder Leitern. Dean zeigte uns alte Fotografien aus den Jahren vor der zweiten Intifada. Es war kaum zu glauben, dass es sich um denselben Ort handelte.
Er erklärte uns, dass während der Intifada rund 77 Prozent der palästinensischen Geschäfte in der Altstadt geschlossen wurden – ein Großteil davon auf direkte Anweisung des Militärs.
Selbst Rettungswagen dürften manche Straßen nur mit Sondergenehmigungen passieren.
Häuser wie Käfige
Besonders eindrücklich blieb mir die Begegnung mit Mahmoud in Erinnerung, einem jungen Palästinenser, der uns später durch einen Teil der Altstadt begleitete. Ruhig und beinahe sachlich erzählte er, dass seine Mutter starb, als er fünf Jahre alt war, weil der Krankenwagen den Checkpoint nicht rechtzeitig passieren durfte.
Solche Geschichten schienen in Hebron keine Ausnahme zu sein.
Während wir weiterliefen, sahen wir Häuser, deren Fenster und Balkone vollständig mit Gittern und Draht eingezäunt waren. Stimmen drangen aus den Gebäuden nach außen, Kinder schauten vorsichtig zwischen Metallgittern hindurch.
Auf die Frage, warum Menschen ihre Häuser derart verbarrikadierten, zitierte Dean die junge Palästinenserin Raja’a Abu‘Ayesha:
„Unser Haus ist wie ein Käfig. Es ist komplett eingezäunt, inklusive Fenster und Eingang. Mein Großvater hat es so gebaut, um uns vor den Siedlern zu schützen.“
Je länger wir durch die Straßen liefen, desto deutlicher wurde mir, dass diese Stadt nicht nur geteilt ist, sondern dass sich hier Misstrauen, Angst und Feindseligkeit tief in den Alltag eingeschrieben haben.
Schutz für die einen, Stillstand für die anderen
Dean kritisierte offen die israelische Besatzungspolitik und bezeichnete viele Maßnahmen nicht nur als Sicherheitsstrategie, sondern auch als Mittel, um palästinensisches Leben aus bestimmten Gebieten zu verdrängen und jüdische Siedlungen auszuweiten.
Gleichzeitig machte er aber auch deutlich, dass die Sicherheitsfrage real sei. Viele jüdische Familien in Hebron lebten tatsächlich in Angst vor Anschlägen und Gewalt.
Gerade diese Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Realitäten machte das Erlebte für mich so schwer greifbar.
Besonders irritierend erschien mir die Beschreibung der Rolle der Soldaten. Dean erklärte, man habe ihnen während ihres Dienstes immer wieder eingeschärft, dass ihre Aufgabe ausschließlich darin bestehe, jüdische Siedler zu schützen – nicht jedoch, Konflikte neutral zu schlichten oder palästinensische Zivilisten zu verteidigen.
Auf die Frage, warum Soldaten bei Übergriffen extremistischer Siedler häufig nicht eingreifen würden, antwortete Dean nüchtern:
„Die Menschen, bei denen man am Abend zum Essen eingeladen ist, verhaftet man am nächsten Morgen nicht.“
Dieser Satz blieb mir lange im Kopf.
Streit um „Breaking the Silence“
Während der Führung wurde deutlich, wie umstritten Breaking the Silence in Israel ist. Mehrfach tauchten jüdische Siedler auf, fotografierten Dean demonstrativ oder versuchten lautstark, die Tour zu stören. Die anwesenden Soldaten beobachteten die Situation meist schweigend.
Auch politisch steht die Organisation massiv unter Druck. Die israelische Regierung wirft ihr vor, Israel international zu diffamieren und gezielt Einfluss auf ausländische Medien und Regierungen zu nehmen. Besonders bekannt wurde der Konflikt, als Premierminister Netanjahu 2017 ein Treffen mit Sigmar Gabriel absagte, weil dieser Vertreter von Breaking the Silence treffen wollte.
Kritik gibt es außerdem daran, dass viele Aussagen ehemaliger Soldaten anonym veröffentlicht werden, was laut Kritikern ihre Überprüfbarkeit erschwere.
Gespräche unterwegs
Einige Tage später, nach einer Wanderung nahe des Toten Meeres, wurde ich beim Trampen von Michael mitgenommen – einem wohlhabenden Israeli mit deutschem Pass, großem SUV und bunt gemustertem Hawaiihemd.
Er bezeichnete sich selbst politisch als links und sah die Arbeit von Breaking the Silence grundsätzlich als wichtig an, meinte aber gleichzeitig, manche Berichte der Organisation seien ihm zu einseitig oder übertrieben formuliert.
Gerade diese Begegnung war für mich interessant, weil ich sonst fast ausschließlich sehr harsche Kritik an der Organisation gehört hatte – auch von Mitfreiwilligen oder anderen Israelis.
Zwischen Eindrücken und offenen Fragen
Die Tour durch Hebron hat mir keine einfachen Antworten gegeben. Eher das Gegenteil. Sie hat mir gezeigt, wie kompliziert, emotional und widersprüchlich dieser Konflikt ist und wie unterschiedlich Menschen dieselben Ereignisse wahrnehmen.
Ich merke immer stärker, dass ich während meines Aufenthalts versuche, möglichst viele Perspektiven kennenzulernen – selbst dann, wenn sie sich gegenseitig widersprechen oder mich innerlich verunsichern.
Vielleicht besteht genau darin ein Teil dessen, was dieses Land für mich so schwer begreifbar und gleichzeitig so faszinierend macht.
