Mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem

Zwischen Krankenhausalltag und Ausflug

Im Alyn-Hospital gibt es neben den Kinderstationen auch eine weitere Abteilung mit dem Namen Independent Living Neighbourhood, in der erwachsene Menschen mit schweren körperlichen Behinderungen dauerhaft leben können und entsprechend ihrer Bedürfnisse medizinisch und pflegerisch versorgt werden. Dort leben unter anderem die beiden Brüder Fares und Maram, die beide an Muskeldystrophie vom Typ Duchenne leiden und deshalb in nahezu allen Bereichen ihres Alltags auf Unterstützung angewiesen sind. Trotz ihrer schweren Erkrankung begegneten die beiden ihrer Umwelt mit einer beeindruckenden Offenheit und Herzlichkeit und luden uns Freiwillige eines Tages zu einem gemeinsamen Ausflug nach Bethlehem ein.

Bethlehem ist für die beiden Brüder ein ganz besonderer Ort, da sie arabische Christen sind und sich dort die Geburtskirche befindet, die der Überlieferung nach über der Geburtsstätte Jesu errichtet wurde. Schon die Fahrt dorthin fühlte sich eigenartig und widersprüchlich an, denn um von Jerusalem nach Bethlehem zu gelangen, mussten wir zunächst den stark gesicherten israelischen Checkpoint am Nordrand der Stadt passieren.

Durch Mauern und Kontrollpunkte

Hohe Betonmauern, Stacheldraht, Wachtürme und schwer bewaffnete Soldaten bestimmten dort das Bild. Die massive Sperranlage soll verhindern, dass palästinensische Attentäter aus der Westbank nach Israel gelangen können und gleichzeitig wirkt dieser Ort wie ein sichtbares Symbol dafür, wie tief Misstrauen, Angst und Trennung dieses kleine Land prägen. An einigen Stellen türmten sich Berge aus Müll und Schutt direkt an der Mauer auf, an anderen waren die Betonflächen vollständig mit politischen Graffiti und Botschaften übersät.

Nachdem wir den Checkpoint ohne größere Probleme passiert hatten, war die Altstadt Bethlehems nicht mehr weit entfernt. Schon von außen wirkte die Geburtskirche unglaublich imposant, gleichzeitig aber auch alt, schwer und von Jahrhunderten geprägt. Menschen aus allen Teilen der Welt drängten sich durch die engen Eingänge und über den Vorplatz. Für Fares und Maram begann der Besuch jedoch bereits am Eingang mit Schwierigkeiten, denn die Kirche war alles andere als behindertengerecht. Mit vereinten Kräften und einer improvisierten Rampe gelang es uns schließlich, die beiden Brüder samt ihrer schweren Rollstühle überhaupt ins Gebäude zu manövrieren.

Die Geburtskirche und die Blicke der Menschen

Im Inneren wurde einem noch deutlicher bewusst, wie wenig Menschen mit körperlichen Einschränkungen an vielen Orten wirklich mitgedacht werden. Während sich Touristengruppen relativ mühelos durch das historische Bauwerk bewegten, blieb Fares und Maram nur ein kleiner Bereich der Kirche zugänglich. Besonders bedrückend empfand ich dabei weniger die Treppen oder engen Gänge, sondern vielmehr die Blicke der Menschen. Viele starrten die beiden Brüder völlig hemmungslos an, manche beobachteten sie minutenlang oder tuschelten laut miteinander. Es war dieses unverstellte, beinahe schon sensationsgierige Mustern, das mich zunehmend irritierte und traurig machte.

Während Fares und Maram im zugänglichen Teil der Kirche warteten, wurden wir dazu aufgefordert, noch den unteren Bereich der Geburtskirche zu besichtigen. Dafür mussten wir uns an dichten Menschengruppen vorbeischieben, eine steile Treppe hinabsteigen und schließlich durch die extrem niedrige Demutspforte das eigentliche Heiligtum betreten. Im Inneren sah man dem Bauwerk sein hohes Alter deutlich an. Die Steine waren glatt und abgewetzt von den unzähligen Menschen, die seit Jahrhunderten hierher pilgerten. Dunkle Wände, schwere Lampen und die besondere Atmosphäre des Ortes machten den Besuch beeindruckend, gleichzeitig blieben wir dort unten jedoch nur kurz, da wir unsere Gastgeber nicht länger als nötig draußen warten lassen wollten.

Als wir später wieder gemeinsam auf dem Vorplatz standen, passierte eine Situation, die mich bis heute beschäftigt. Ein Palästinenser kam eilig auf uns zugelaufen, sah sofort, dass wir Touristen waren und fragte dann auf Maram deutend, wo wir denn herkämen und warum wir mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem seien.

Für einen kurzen Moment wusste ich nicht, ob ich lachen, schweigen oder wütend werden sollte. Vielleicht hätte die Bemerkung sogar etwas Komisches gehabt, wenn der Mann Maram direkt angesprochen hätte. Stattdessen sprach er jedoch mit uns über ihn, als wäre er überhaupt nicht anwesend. Gerade das machte die Situation so unangenehm. Es zeigte auf eine sehr direkte und bedrückende Weise, wie häufig Menschen mit schweren Behinderungen nicht als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen werden, sondern eher als außergewöhnliche Erscheinung oder Kuriosität.

Gastfreundschaft auf dem Marktplatz

Noch etwas nachdenklich von dieser absurden Begegnung machten wir uns weiter auf den Weg Richtung Marktplatz, wo wir schließlich in einem kleinen Restaurant ein typisch arabisch-palästinensisches Gericht serviert bekamen. Besonders berührt hat mich dabei die Tatsache, dass Fares und Maram uns eingeladen hatten, obwohl sie aufgrund ihrer Erkrankung selbst kaum oder gar nicht normal essen konnten. Trotzdem war es ihnen wichtig, Gastgeber zu sein und uns diesen Tag zu ermöglichen. Gerade diese Selbstverständlichkeit von Gastfreundschaft und Großzügigkeit habe ich während meiner Zeit dort immer wieder erlebt.

Am Nachmittag fuhren die meisten von uns wieder zurück nach Jerusalem, doch Lukas und ich beschlossen spontan, noch etwas länger in Bethlehem zu bleiben. Wir liefen entlang der hohen Sperrmauer, die auf palästinensischer Seite vollständig mit politischen Botschaften und Graffiti bedeckt war. Dort lernten wir Hamoud kennen, der einen kleinen Souvenirladen direkt an der Mauer betrieb. Nach wenigen Minuten Smalltalk erklärte er plötzlich, er müsse kurz etwas erledigen und wir sollten solange einfach auf seinen Laden aufpassen. Noch bevor wir richtig begriffen hatten, was gerade passierte, war er mit seinem Auto verschwunden.

Nächtliche Graffiti an der Mauer

Erst deutlich später kam Hamoud zurück, schloss seinen Laden hastig und erklärte uns dann, dass wir nun mitkommen würden. Kurz darauf saßen wir in einem winzigen, völlig verrauchten Restaurant zusammen mit zwei Künstlern aus Österreich und Australien, die in dieser Nacht ein großes Graffiti an die Mauer bringen wollten. Natürlich sagten wir sofort zu.

Als es dunkel wurde, begann die Arbeit. Zunächst musste die Betonwand mehrfach weiß grundiert werden, danach wurde mithilfe eines Projektors das geplante Motiv auf die Mauer übertragen. Ein Dieselgenerator brummte laut im Hintergrund, überall roch es nach Farbe und Staub und die beiden Künstler arbeiteten mit einer beeindruckenden Routine und Ruhe. Es hatte etwas Surreales, mitten in der Nacht zwischen Betonmauern und politischen Botschaften zu stehen und dabei zuzusehen, wie dort Kunst entstand.

Leider konnten wir nicht bis zur Fertigstellung bleiben. Hamoud selbst durfte Bethlehem ohne spezielle Genehmigung israelischer Behörden nicht verlassen. Trotzdem schaffte er es irgendwie noch, eine junge Frau aufzutreiben, die bereit war, uns spätabends mit ihrem Auto nach Jerusalem mitzunehmen. Bevor wir losfuhren, kontrollierte sie unsere Pässe mehrfach sehr genau und vergewisserte sich immer wieder, dass wir tatsächlich problemlos den Checkpoint passieren dürften.

Zurück nach Jerusalem

Erst weit nach Mitternacht kamen wir schließlich wieder in unserer WG in Jerusalem an. Doch selbst dort ließen mich die Eindrücke dieses Tages noch lange nicht los. Die Mauer, die Kirche, die Blicke der Menschen, die Gespräche und die nächtliche Atmosphäre an der Sperranlage vermischten sich in meinem Kopf zu einem eigenartigen Gefühl zwischen Faszination, Beklemmung und Überforderung.

Um nach all diesen intensiven Eindrücken wieder etwas Ruhe zu finden, fuhr ich einige Tage später an meinem freien Tag in den En-Gedi-Nationalpark am Toten Meer. Dort wanderte ich stundenlang alleine durch die Wüste, blickte über das tiefblaue Wasser bis nach Jordanien und saß schließlich lange an einer kleinen Wasserquelle mitten zwischen den Felsen. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Israel hatte ich das Gefühl, wirklich still zu werden und für einen Moment Abstand von all den Bildern, Gesprächen und Widersprüchen zu bekommen, die dieses Land so schwer greifbar und gleichzeitig so faszinierend machen.