70 Kilometer, steile Anstiege und das überraschende Gefühl, in einem fremden Land langsam anzukommen
Als ich nach meiner Radreise nach Rom schließlich in Israel angekommen war, hatte ich mir eigentlich fest vorgenommen, für längere Zeit kein Fahrrad mehr anzufassen. Nach tausenden gefahrenen Kilometern erschien mir allein der Gedanke daran schon anstrengend genug. Ich war ehrlich davon überzeugt, erst einmal genug von langen Strecken, verschwitzten Trikots und schmerzenden Beinen zu haben.
Doch dieses Vorhaben hielt nicht besonders lange.
Mit der Zeit begann mir das Fahrradfahren hier zunehmend zu fehlen. Die Busse waren oft überfüllt, das ständige Warten und Umsteigen nervte mich und außerdem merkte ich, wie sehr mir das Gefühl von Freiheit fehlte, das für mich immer mit dem Fahrrad verbunden war. Also begann ich irgendwann doch wieder damit, mich nach einem gebrauchten Fahrrad umzusehen.
Da die Auswahl in Tel Aviv deutlich größer war als in Jerusalem, fuhr ich schließlich eines Tages dorthin und wurde tatsächlich fündig. Nach einigem Überlegen kaufte ich das Fahrrad schließlich — nicht gerade billig, aber stabil genug für israelische Straßenverhältnisse und vor allem deutlich besser als alles, was ich bisher gefunden hatte.
Eine spontane Entscheidung
Eigentlich hätte es nun vermutlich die vernünftige Lösung gewesen, das Fahrrad irgendwie in einen Bus zu verladen und bequem zurück nach Jerusalem zu fahren. Doch während ich mit dem frisch gekauften Rad durch die Straßen Tel Avivs schob, entstand langsam eine andere Idee.
Warum nicht einfach direkt zurückfahren?
Dass Jerusalem auf einem Berg liegt und die Strecke entsprechend nicht ganz harmlos werden würde, wusste ich natürlich schon vorher. Aber in diesem Moment erschien mir das alles plötzlich erstaunlich nebensächlich. Also befestigte ich mein Gepäck am Fahrrad, füllte meine Wasserflaschen auf und machte mich am frühen Nachmittag einfach auf den Weg.
Zwischen Mittelmeer und Bergen
Der erste Teil der Strecke verlief überraschend angenehm. Die Straßen waren relativ eben und ich kam gut voran, musste mich allerdings erst einmal durch den teilweise chaotischen Verkehr Tel Avivs kämpfen. Zwischen hupenden Autos, Kreisverkehren und hektischen Kreuzungen war ich anfangs mehr damit beschäftigt, überhaupt den richtigen Weg zu finden, als die Fahrt zu genießen.
Doch je weiter ich mich von der Küste entfernte, desto ruhiger wurde die Umgebung. Die Landschaft begann sich langsam zu verändern und die flachen Straßen gingen allmählich in hügeliges Terrain über. Irgendwann wurden aus den Hügeln dann ernstzunehmende Anstiege.
Erst auf dieser Fahrt wurde mir wirklich bewusst, was es bedeutet, dass Jerusalem „auf einem Berg“ liegt.
Mit jedem Kilometer wurde der Weg steiler und anstrengender. Die Sonne stand noch hoch und obwohl es nicht mehr Hochsommer war, hing die trockene Hitze schwer über der Landschaft. Immer wieder lief mir der Schweiß in die Augen und ich begann zu verstehen, warum die Leute mich vorher etwas irritiert angeschaut hatten, als ich erzählte, dass ich die Strecke mit dem Fahrrad fahren wollte.
Kontrollpunkte und Heimatgefühl
Je näher ich Jerusalem kam, desto vertrauter wurde mir die Umgebung. Gleichzeitig fühlte es sich seltsam an, mit dem Fahrrad durch Gegenden zu fahren, die ich bisher nur aus Bussen oder von Ausflügen kannte. Immer wieder passierte ich kleinere Kontrollpunkte und Straßensperren, an denen Soldaten standen und die Umgebung beobachteten. Ein leicht mulmiges Gefühl blieb dabei nicht aus, auch wenn mich letztlich niemand weiter beachtete.
Trotz aller Anstrengung merkte ich unterwegs aber vor allem eines: wie sehr mir dieses Gefühl von Bewegung und Selbstständigkeit gefehlt hatte. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft hatte ich das Gefühl, nicht einfach nur Besucher oder Beobachter zu sein, sondern mich wirklich selbstständig durch dieses Land zu bewegen.
Die letzten Kilometer nach Jerusalem zogen sich endlos. Meine Beine waren schwer, ich war vollkommen verschwitzt und innerlich längst bereit aufzugeben. Doch genau in diesem Moment geschah etwas Merkwürdiges: Statt genervt oder erschöpft zu sein, fühlte ich mich plötzlich unglaublich glücklich.
Als ich schließlich am Nachmittag völlig fertig, aber euphorisiert unsere WG erreichte, hatte ich das Gefühl, Israel ein kleines Stück näher gekommen zu sein.
Vielleicht war es genau diese Fahrt, die zum ersten Mal so etwas wie ein vorsichtiges Heimatgefühl in mir ausgelöst hat.
