Eine regnerische Pilgerwanderung von Jerusalem nach Bethlehem zwischen Erschöpfung, Spiritualität und völliger Durchnässung
Nach den unglaublich vielen Eindrücken und Geschichten der „Breaking the Silence“-Tour blieb mir kaum Zeit, das Gesehene wirklich zu verarbeiten, denn Weihnachten rückte näher. Während in Deutschland vermutlich Weihnachtsmärkte, Lichterketten und Familienbesuche den Alltag bestimmten, entschied ich mich dieses Jahr gemeinsam mit einigen anderen Freiwilligen an einer nächtlichen Pilgerwanderung von Jerusalem nach Bethlehem teilzunehmen.
Schon die Vorstellung hatte etwas Besonderes: In der Weihnachtsnacht zu Fuß nach Bethlehem zu gehen, durch die Hügel Judäas bis zu jenem Ort, der für Christen weltweit eine so zentrale Bedeutung besitzt.
Eine Mitternachtsmesse der besonderen Art
Die Veranstaltung begann mit einer katholischen Mitternachtsmesse in einem Benediktinerkloster nahe Jerusalems. Bereits beim Betreten der Kirche wurde klar, dass dies kein romantisch-verklärtes Weihnachtserlebnis werden würde. Die mächtigen Steinmauern hatten die nächtliche Kälte gespeichert und die langen Holzbänke fühlten sich ungefähr so gemütlich an wie Parkbänke im Winterregen.
Während der beinahe zweistündigen Zeremonie begannen die ersten Teilnehmer schon recht früh, ihre Entscheidung zu bereuen. Immer wieder standen Leute auf, verschwanden leise nach draußen oder versuchten wenigstens durch kleine Bewegungen wieder etwas Gefühl in ihre eingefrorenen Beine zu bekommen. Auch ich fragte mich zwischenzeitlich, ob die spirituelle Vorbereitung auf die Geburt Christi wirklich zwingend mit leichtem körperlichem Leid verbunden sein musste.
Besonders feierlich wirkte die Messe zunächst ehrlich gesagt nicht. Den klassischen Weihnachtsgesang, wie man ihn aus Deutschland kennt, gab es nur sehr sparsam. Stattdessen sang der Pfarrer die meiste Zeit alleine, manchmal begleitet von einer gewaltigen Orgel, deren tiefe Töne durch die kalte Kirche hallten. Danach wurde es wieder still. Immer wieder mussten wir aufstehen, uns hinknien oder erneut setzen, während draußen Wind und Regen gegen die alten Mauern peitschten.
Durch Regen und Dunkelheit nach Bethlehem
Um etwa zwei Uhr morgens war der Gottesdienst schließlich beendet. Im Nebenraum gab es noch einen kleinen Imbiss und warme Getränke, welche die halb erfrorenen Pilger langsam wieder ins Leben zurückholten. Doch lange ausruhen konnten wir uns nicht, denn kurz darauf setzte sich die Prozession tatsächlich in Bewegung.
Schon nach wenigen Gehminuten waren meine Schuhe vollkommen durchnässt. Der Regen fiel mittlerweile in solchen Mengen vom Himmel, dass selbst gute Kleidung irgendwann kapitulierte. Einige Teilnehmer hatten anfangs noch tapfer versucht, sich mit Regenschirmen zu verteidigen, doch angesichts der starken Windböen erwies sich dieses Unterfangen schnell als aussichtslos.
So blieb einem irgendwann nichts anderes übrig, als sich mit seinem Schicksal abzufinden, weiterzulaufen und gemeinsam mit den anderen zu singen oder zu beten.
Immer wieder hielt die Gruppe im strömenden Regen an. Dann wurde ein schweres Holzkreuz weitergereicht, ebenso wie eine lange Namensrolle mit Menschen, an die in dieser Nacht gedacht werden sollte. Abwechselnd trugen wir Kreuz und Liste durch die dunkle, kalte Nässe, während Nebel über die Hügel zog und der Wind durch unsere durchnässte Kleidung schnitt.
Irgendwann hatte das Ganze etwas völlig Surreales angenommen. Niemand sah mehr besonders würdevoll aus. Die meisten waren einfach nur nass, müde und erschöpft. Gleichzeitig entstand aber gerade dadurch ein merkwürdiges Gemeinschaftsgefühl.
Eine stille Geburtskirche
Als wir schließlich in den frühen Morgenstunden Bethlehem erreichten und völlig durchnässt die Geburtskirche betraten, war die Erschöpfung beinahe vergessen. Zum ersten Mal sah ich diesen berühmten Ort ohne die sonst üblichen Menschenmassen.
Normalerweise drängen sich dort Touristen aus aller Welt durch die engen Gänge und Treppen. Doch in jener Nacht war die Kirche erstaunlich leer. Dieses ungewöhnliche Privileg verdankten wir ausgerechnet der internationalen Politik. Nach Donald Trumps Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels war die Angst vor möglichen Anschlägen deutlich gestiegen, weshalb zahlreiche Reisegruppen ihre Besuche storniert hatten.
So standen wir nun tatsächlich fast alleine in diesem uralten Bauwerk und konnten die besondere Atmosphäre des Ortes in völliger Ruhe erleben.
Nach einer letzten gemeinsamen Zeremonie wurden wir schließlich mit Bussen zurück nach Jerusalem gebracht. Müde, völlig durchnässt und halb erfroren saß ich später wieder in unserer WG und fragte mich, ob diese Nacht nun besonders spirituell, völlig absurd oder einfach nur anstrengend gewesen war.
Wahrscheinlich war sie von allem etwas. Und gerade deshalb werde ich sie wohl nie vergessen.
