Am Jordan

Ein stiller Moment zwischen Wasser, Wüste und der schmerzhaften Erinnerung an die Kinder im Krankenhaus

Nach unserem Ausflug ans Tote Meer reisten Mae und ich am folgenden Tag weiter in den Norden Israels, an den wunderschön gelegenen See Genezareth. Schon die Fahrt dorthin fühlte sich an wie ein Szenenwechsel. Während rund um das Tote Meer trockene Felsen, Staub und flirrende Hitze das Landschaftsbild bestimmten, wirkte die Gegend rund um den See beinahe unwirklich grün.

Besonders entlang des Jordans erschien mir die Landschaft wie eine kleine Oase mitten in der sonst oft so kargen Umgebung. Zwischen Palmen, Schilf und dichtem Grün floss das Wasser ruhig durch die Landschaft und an vielen Stellen saßen Familien oder Reisegruppen am Ufer. Es war warm, aber deutlich angenehmer als unten am Toten Meer, und nach den staubigen Tagen zuvor fühlte sich allein die Nähe zum Wasser schon wie Erholung an.

Eine besondere Erfrischung

Natürlich dauerte es nicht lange, bis wir selbst im Wasser standen. Nach all den trockenen Wüstenlandschaften der letzten Wochen wirkte das Baden im Jordan beinahe surreal. Das Wasser war kühl und angenehm und ich genoss es unglaublich, einfach treiben zu lassen, zu schwimmen und für einen Moment nicht ständig an Arbeit, Krankenhaus oder politische Spannungen zu denken.

Während Mae lachend durchs Wasser lief und wir gemeinsam die friedliche Atmosphäre genossen, stellte sich plötzlich ein ganz anderes Gefühl bei mir ein.

Mitten in dieser wunderschönen Umgebung musste ich auf einmal an die Kinder auf meiner Station denken.

An die kleinen Patienten, die niemals eigenständig an einem Flussufer stehen werden. Niemals einfach in einen See springen oder unbekümmert schwimmen gehen können. Viele von ihnen würden wahrscheinlich nie einen solchen Ort erleben.

Dieser Gedanke traf mich unerwartet hart.

Zwischen Dankbarkeit und Traurigkeit

Vielleicht war es gerade der starke Kontrast zwischen dieser Freiheit und dem Alltag im Krankenhaus, der mich so traurig machte. Noch am Tag zuvor hatte ich Kinder gewaschen, beatmet oder vorsichtig durch die Gänge geschoben, deren gesamter Alltag sich zwischen Krankenzimmer, Therapieraum und medizinischen Geräten abspielte.

Und nun stand ich hier im Wasser des Jordans, umgeben von Licht, Natur und Weite.

Es fühlte sich plötzlich falsch an, diese Momente einfach nur unbeschwert zu genießen, obwohl ich gleichzeitig wusste, dass genau diese kleinen Auszeiten notwendig waren, um den Alltag im Krankenhaus überhaupt langfristig auszuhalten.

Vielleicht war es genau diese Mischung aus Dankbarkeit und schlechtem Gewissen, die mich an diesem Nachmittag begleitete.

Tel Aviv bei Nacht

Am folgenden Nachmittag fuhr ich gemeinsam mit Linda, einer norwegischen Freiwilligen, weiter nach Tel Aviv. Dort verbrachten wir zunächst einige Stunden am Strand, badeten im Mittelmeer und schauten später dem Sonnenuntergang zu, während die Stadt langsam zum Leben erwachte.

Tel Aviv fühlte sich dabei fast wie eine andere Welt an.

Weit entfernt schienen hier plötzlich die politischen Spannungen, die religiöse Schwere und die allgegenwärtigen Gegensätze Jerusalems. Männer mit schwarzen Hüten, Kippas und Schläfenlocken sah man hier nur vereinzelt. Stattdessen prägten junge Menschen, Bars, Musik, Cafés und volle Strandpromenaden das Stadtbild.

Die Stadt wirkte laut, modern und beinahe europäisch.

Während in Jerusalem Religion und Geschichte scheinbar an jeder Straßenecke spürbar sind, hatte Tel Aviv etwas Leichtes und Rastloses. Menschen saßen bis spät in die Nacht draußen, Musik drang aus Bars auf die Straßen und überall herrschte Bewegung.

Nach den stillen Gedanken am Jordan fühlte sich dieser Abend beinahe unwirklich unbeschwert an.

Als ich später müde zurück nach Jerusalem fuhr, blieb vor allem das Gefühl zurück, wie unglaublich unterschiedlich dieses kleine Land sein kann. Zwischen Wüste und Großstadt, Krankenhaus und Strand, religiöser Schwere und ausgelassener Leichtigkeit lagen oft nur wenige Stunden Busfahrt.