Nach der Arbeit im Krankenhaus brauchte ich meist nur wenige Minuten zu Fuß bis zu unserer WG. in Westjerusalem. Das Haus lag in einer ruhigen Gegend nahe des Yad Vashem und des Herzlbergs und wurde für die kommenden Monate unser gemeinsames Zuhause.
Insgesamt lebten dort acht deutsche Freiwillige – vier Frauen und vier Männer. Nicht weit entfernt gab es außerdem noch eine internationale WG. mit Freiwilligen aus Norwegen, Brasilien und Frankreich. Dadurch entstand schnell das Gefühl, Teil eines größeren, bunt zusammengewürfelten Netzwerkes zu sein, das irgendwo zwischen Alltag, Abenteuer und Überforderung versuchte, in Israel anzukommen.
Zwischen Müdigkeit, Gesprächen und Resteküche
Mein Zimmer teilte ich mit Judith. Schon nach kurzer Zeit wurde sie für mich zu einer der wichtigsten Personen hier vor Ort. Judith hatte früher professionell Basketball gespielt, sprach bereits erstaunlich gut Hebräisch und kannte durch ihr Judaistikstudium und viele Kontakte in Deutschland israelische Kultur und Gesellschaft deutlich besser als ich. Mit ihr konnte ich stundenlang reden.
Oft saßen wir noch nachts wach, obwohl wir am nächsten Morgen früh zur Arbeit mussten, und tauschten uns über Begegnungen, Erlebnisse und Beobachtungen aus. Gerade in einem Land wie Israel hatte man ständig das Gefühl, dass hinter jeder Begegnung noch eine weitere Geschichte verborgen lag.
Außerdem verband uns eine gewisse Kreativität beim Thema Essen.
Da unser Kühlschrank oft eher spärlich gefüllt war und wir alle mit einem begrenzten Budget lebten, entwickelten wir schnell eine gewisse Kunst darin, aus Resten noch improvisierte Mahlzeiten zusammenzustellen. Irgendwo fanden sich meistens noch Tomaten, ein halbes Fladenbrot, etwas Humus oder irgendwelche undefinierbaren Gemüsereste, aus denen dann spätabends doch noch überraschend gute Gerichte entstanden.
An Judith schätzte ich besonders ihre ruhige, vertrauensvolle Art und ihren starken Wunsch nach Aufrichtigkeit gegenüber anderen Menschen und gegenüber Gott. Gerade in schwierigen Situationen hatte sie eine bemerkenswerte Klarheit, die mir oft imponierte.
Sabbat, Tee und Lichtschalter
Auch mit Lara verstand ich mich sehr gut. Sie hatte nach der Schule zunächst eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin gemacht, nachdem sie festgestellt hatte, dass der Friseurberuf doch nicht das Richtige für sie war. Ihre Familie stammte ursprünglich aus Russland und sie selbst war Jüdin, wodurch sie sich Israel auf eine ganz andere Weise verbunden fühlte. Viele jüdische Traditionen wurden durch sie plötzlich Teil unseres WG-Alltags.
Besonders am Sabbat merkten wir das immer wieder. Dann durfte sie beispielsweise kein Licht einschalten oder Wasser kochen, weshalb sie regelmäßig jemanden von uns bat, „mal kurz“ den Wasserkocher anzumachen oder einen Lichtschalter zu betätigen. Diese kleinen Situationen wirkten auf mich anfangs ungewohnt, wurden aber mit der Zeit ganz selbstverständlich.
Lara beschrieb sich selbst einmal scherzhaft damit, dass sie „Essen und Shoppen“ möge. Das traf zwar irgendwie zu, wurde ihr aber eigentlich nicht gerecht. Denn hinter dieser lockeren Art steckte eine große Neugier auf das Land und ein sehr eigener Zugang zur israelischen Kultur.
Bundestagswahl aus der Ferne
Während sich unser Alltag in Jerusalem langsam einspielte, lief in Deutschland der Bundestagswahlkampf seinem Ende entgegen.
Am 24. September verfolgten wir schließlich aus Israel die Wahlergebnisse – mit wachsender Sprachlosigkeit. Besonders das Abschneiden der AfD traf mich unerwartet hart.
Natürlich wusste ich, dass es viel Frust in Deutschland gab. Viel Enttäuschung über Politik, Stillstand und fehlende Alternativen. Und vermutlich wollten viele Menschen mit ihrer Stimme vor allem Protest ausdrücken. Trotzdem blieb bei mir ein bedrückendes Gefühl zurück.
Denn mit einem Kreuz bei der AfD wurden eben auch Aussagen mitgetragen, die ich nur schwer ertragen konnte. Aussagen eines Alexander Gauland über den angeblichen Stolz auf deutsche Soldaten in zwei Weltkriegen. Aussagen eines Björn Höcke, dessen Sprache und Auftreten mich immer wieder erschreckend an dunkle Kapitel deutscher Geschichte erinnerten.
Gerade in Israel bekamen solche Entwicklungen für mich noch einmal eine andere Dimension. Hier begegnete man beinahe täglich Menschen, deren Familiengeschichte direkt mit Verfolgung, Flucht, Vertreibung oder dem Holocaust verbunden war. Viele Gespräche machten deutlich, wie präsent der Zweite Weltkrieg und die Shoa im israelischen Alltag bis heute geblieben sind – oft viel stärker, als es vielen jungen Menschen in Deutschland bewusst ist.
Deshalb empfand ich das Wahlergebnis nicht nur politisch problematisch, sondern auch menschlich beschämend. Ich hoffte damals sehr, nicht irgendwann erklären zu müssen, warum ausgerechnet in Deutschland wieder eine Partei mit solchen Tönen so großen Zuspruch erhielt. Vielleicht wurde mir gerade in der Distanz zu Deutschland noch deutlicher, wie verletzlich Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt eigentlich sind.
