Drei Goldfische, eine Kletterhalle und ein unerwartet schönes Symbol für das Zusammenleben von Religionen in Israel
Da in Israel bald Chanukka gefeiert wurde, also das jüdische Fest der Lichter, und sich gleichzeitig in Deutschland schon alles langsam auf Weihnachten vorbereitete, kam mir irgendwann der Gedanke, einigen Leuten hier eine kleine Freude zu machen. In den letzten Monaten hatte ich beim Klettern viele nette Menschen kennengelernt und war dort immer wieder mit großer Offenheit und Herzlichkeit aufgenommen worden. Besonders zu einer russischstämmigen Familie hatte sich mit der Zeit ein engerer Kontakt entwickelt. Gemeinsam waren wir regelmäßig draußen am Fels klettern, tranken literweise schwarzen Tee und unterhielten uns über Gott und die Welt, über Israel, Russland, Deutschland, Militärdienst, Religion und das Leben überhaupt.
Irgendwann erinnerte ich mich dann wieder an unsere etwas absurde Aktion in Ramallah, bei der wir mehrere Goldfische über den Hochsicherheitscheckpoint nach Israel „geschmuggelt“ hatten. Die Fische lebten inzwischen friedlich in kleinen Behältern bei uns in der WG und erfreuten sich erstaunlich guter Gesundheit, obwohl wir beim Transport ehrlich gesagt zeitweise davon ausgegangen waren, dass keiner von ihnen die Reise überleben würde.
Da ich unmöglich dauerhaft eine ganze Fischzucht in unserem Zimmer unterhalten konnte, entstand langsam die Idee, einige der Fische zu verschenken. Und weil mir die Leute aus der Kletterhalle wirklich ans Herz gewachsen waren, beschloss ich letztlich, drei der kleinen Wasserbewohner an die beiden Leiter der Klettergruppe und an das Team der Halle weiterzugeben.
Eine erstaunlich große Freude über ein sehr kleines Geschenk
Mit den kleinen Plastiktüten voller Wasser und Fische erschien ich also eines Abends etwas unbeholfen in der Kletterhalle. Ehrlich gesagt hatte ich keine besonders großen Erwartungen an die Reaktion. Schließlich handelte es sich objektiv betrachtet einfach nur um ein paar Goldfische aus einem Laden in Ramallah. Doch die Begeisterung, die dieses Geschenk auslöste, überraschte mich völlig.
Die Leute versammelten sich um das kleine Aquarium auf dem Tresen, lachten, diskutierten und begannen sofort damit, Namen für die Fische zu suchen. Als ich dann die Geschichte erzählte, wie wir die Tiere erst auf einem palästinensischen Markt gekauft, anschließend heimlich im Bus zurückgelassen und schließlich erfolgreich durch den Checkpoint transportiert hatten, wurde die Stimmung nur noch besser.
Relativ schnell fiel dann jemandem auf, dass es doch eigentlich passend wäre, die drei Fische nach den großen Figuren der abrahamitischen Religionen zu benennen. Und so dauerte es nicht lange, bis feststand, dass die neuen Bewohner des Aquariums fortan Moses, Jesus und Mohammed heißen würden.
Friedlich im selben Aquarium
Je länger ich darüber nachdachte, desto schöner fand ich dieses völlig spontane und leicht absurde Bild. Drei kleine Goldfische mit den Namen von Figuren, auf die sich Milliarden Menschen weltweit in irgendeiner Form beziehen, zogen nun friedlich gemeinsam ihre Kreise in einem Aquarium mitten in Jerusalem.
Gerade in einem Land wie Israel, wo Religion, Identität und Politik an so vielen Stellen aufeinanderprallen, wirkte diese Szene fast schon symbolisch. Während draußen über Grenzen, Zugehörigkeiten und Konflikte diskutiert wurde, schwammen Moses, Jesus und Mohammed völlig unbeeindruckt nebeneinander durchs Wasser und starrten die Besucher der Kletterhalle neugierig mit ihren großen Glupschaugen an.
Vielleicht war genau das das Schöne an diesem Moment: Dass etwas völlig Unspektakuläres plötzlich eine Bedeutung bekam, die niemand geplant hatte. Drei kleine Fische wurden für mich zu einer Erinnerung daran, wie unkompliziert Zusammenleben manchmal sein könnte, wenn Menschen einander einfach mit etwas mehr Humor, Offenheit und Herzlichkeit begegnen würden.
