Mitzpe Ramon – Wanderung durch eine Mondlandschaft

Unterwegs in die Wüste

Aktuell ist in Israel die wohl beste Jahreszeit, um draußen unterwegs zu sein, bevor die Sommerhitze wirklich unerträglich wird. Deshalb machte ich mich gemeinsam mit einer Freundin und einem italienischen Bekannten von ihr auf eine dreitägige Wanderung durch die Negev-Wüste. Ausgangspunkt unserer Tour war die kleine Ortschaft Mitzpe Ramon, die zwischen Be’er Scheva und Eilat mitten in der Wüste liegt.

Schon beim Packen wurde uns bewusst, was die eigentliche Herausforderung dieser Wanderung sein würde: Wasser.

Der größte Teil des Gewichtes in unseren ohnehin schon vollgestopften Rucksäcken bestand aus Wasservorräten. Dazu kamen Schlafsäcke, Isomatten, etwas Essen und ein paar wenige Kleidungsstücke. Alles musste getragen werden, alles musste reichen.

Abstieg in den Makhtesh Ramon

Von Mitzpe Ramon aus stiegen wir hinab in den Makhtesh Ramon, den größten Erosionskrater der Negev-Wüste, der sich über mehr als 40 Kilometer erstreckt. Bereits der erste Blick auf diese Landschaft war überwältigend.

Es fühlte sich beinahe an, als würde man über einen fremden Planeten laufen.

Die Umgebung war nahezu vegetationslos. Stattdessen bestimmten bizarre Felsformationen, Geröllfelder, Staub und Sand das Landschaftsbild. Manche Steine schimmerten rötlich, andere grau oder fast schwarz. Alles wirkte trocken, uralt und gleichzeitig vollkommen still.

Je tiefer wir in die Wüste hineinwanderten, desto kleiner fühlte man sich.

Über gut markierte Pfade und Abschnitte des israelischen Nationalwanderweges liefen wir stundenlang durch diese karge Landschaft. Teilweise begegneten wir über Stunden keinem einzigen Menschen. Nur der Wind war zu hören und manchmal das Knirschen des Sandes unter den Schuhen.

Salzig wie das Tote Meer

Schon jetzt war es im Süden Israels tagsüber ausgesprochen warm. Nach längeren Aufstiegen waren unsere Gesichter und Arme weiß vom getrockneten Salzschweiß und wir scherzten irgendwann darüber, mittlerweile wahrscheinlich selbst salziger zu sein als das Tote Meer. Jeder kleine Schattenplatz wurde kostbar.

Wenn wir unterwegs irgendwo einen einzelnen Felsen fanden, der ein kleines bisschen Schutz vor der Sonne bot, setzten wir uns sofort erschöpft daneben und tranken möglichst vorsichtig von unserem Wasservorrat. In solchen Momenten merkte ich erst, wie selbstverständlich Wasser, Schatten und Kühle für uns normalerweise sind.

Nächte unter Sternen

Die Nächte verbrachten wir einfach unter freiem Himmel.

Ohne Zelt, ohne Licht, mitten in der Wüste. Und genau dort zeigte sich die Negev von ihrer vielleicht schönsten Seite. Der Sternenhimmel war überwältigend klar, ungestört von Straßenlaternen oder Städten. Über uns zog ein einziges riesiges Band aus Sternen und immer wieder konnte man Sternschnuppen beobachten.

Besonders faszinierend fand ich den extremen Temperaturwechsel zwischen Tag und Nacht.

Wenn man nachts im Wüstenstaub liegt, eingepackt in dicke Fleecekleidung und einen fest zugezogenen Schlafsack, sodass nur noch ein kleiner Spalt zum Atmen und Beobachten übrig bleibt, erscheint es vollkommen absurd, dass man wenige Stunden später wieder verzweifelt nach Schatten suchen wird.

Gerade diese Gegensätze machten die Wüste für mich so beeindruckend.

Der Wunsch nach mehr

Je länger wir unterwegs waren, desto stärker wurde in mir der Wunsch, eines Tages den gesamten israelischen Nationalwanderweg zu laufen, von Eilat ganz im Süden bis hoch in den Norden des Landes.

Die Mischung aus Einsamkeit, körperlicher Erschöpfung und dieser unglaublichen Landschaft faszinierte mich sehr.

Leider endete unsere Wanderung schon nach drei Tagen im kleinen Dorf Saphir.

Staubig im Luxusauto

Von dort aus beschlossen meine Freundin und ich spontan, wieder zurück nach Jerusalem zu trampen, anstatt stundenlang in der Hitze auf einen überteuerten Bus zu warten. Erstaunlicherweise hatten wir schnell Glück.

Ein Mann hielt an, der ohnehin einen großen Teil der Strecke in unsere Richtung fuhr. Dreckig, verschwitzt und voller Wüstenstaub stiegen wir in das geräumige, makellos saubere Auto eines offensichtlich sehr wohlhabenden israelischen Geschäftsmannes ein. Wir fühlten uns augenblicklich fehl am Platz.

Während wir versuchten, möglichst vorsichtig auf den weißen Ledersitzen zu sitzen, um bloß nichts schmutzig zu machen, fuhr er vollkommen entspannt los.

Cola, Eis und eine Grenzmauer

In En Bokek, einem kleinen Touristenort am Toten Meer, musste unser Fahrer kurz anhalten, um etwas zu erledigen. Während er ausstieg, überlegten wir noch, ob wir vielleicht schnell irgendwo etwas trinken oder einen kleinen Snack kaufen könnten.

Als wir das vorsichtig ansprachen, deutete er allerdings recht bestimmt darauf hin, dass wir besser im Auto bleiben sollten. Fast wirkte es, als wolle er keinesfalls gemeinsam mit zwei staubigen Wüstenwanderern gesehen werden.

Umso überraschter waren wir, als er wenige Minuten später zurückkam und uns Cola und Eis mitbrachte. Für uns war das in diesem Moment purer Luxus.

Während der Weiterfahrt erzählte er uns schließlich, womit er sein Geld verdiente. Er besaß ein großes Bauunternehmen im Norden Israels und arbeitete aktuell am Bau der Grenzanlagen zu Jordanien.

Wenn man sich im Land etwas umschaute, konnte man sich leicht vorstellen, dass dieses Geschäft ausgesprochen lukrativ war.

Totes-Meer-Shampoo für geschädigtes Haar

Nach vielen gemeinsamen Kilometern setzte er uns schließlich an einer Kreuzung Richtung Jerusalem ab. Doch bevor wir ausstiegen, griff er noch einmal hinter seinen Sitz und drückte jedem von uns eine Flasche „Totes-Meer-Shampoo für geschädigtes Haar“ in die Hand.

Verdattert standen wir kurz darauf mit unseren staubigen Rucksäcken und den Shampoo-Flaschen am Straßenrand und mussten laut lachen.

Diese Mischung aus Hilfsbereitschaft, Absurdität und völlig unerwarteten Begegnungen ist wahrscheinlich genau das, was meine Zeit in Israel bisher am meisten geprägt hat.

Zwischen Wüste und Medizinertest

Neben all diesen Reisen und Erlebnissen verbringe ich momentan allerdings auch viel Zeit mit Lernen.

Im Mai steht der Medizinertest an, über den man einen der begehrten Studienplätze erhalten kann. Auch wenn das ständige Wiederholen von Formeln, Fakten und physikalischen Einheiten manchmal ziemlich trocken ist, wächst gleichzeitig die Vorfreude auf das Studium.

Vielleicht genieße ich gerade deshalb diese Auszeiten in der Wüste umso mehr — weil dort für ein paar Tage nur Staub, Sterne und der nächste Schritt zählen.