Verschleiert auf jüdischer Party

Purim zwischen Ausnahmezustand und Ausgelassenheit

Purim ist wohl einer der außergewöhnlichsten jüdischen Feiertage, die ich während meines Aufenthaltes in Israel miterleben durfte. Schon Wochen vorher sprachen viele Menschen begeistert davon, planten Partys, suchten Kostüme heraus und erzählten mir lachend, dass an Purim „praktisch alles erlaubt“ sei.

Das Purimfest erinnert an die Rettung des jüdischen Volkes vor der geplanten Vernichtung durch den persischen Politiker Haman, der laut biblischer Überlieferung vorhatte, „alle Juden vom Knaben bis zum Greis, Kinder und Frauen an einem einzigen Tag zu vertilgen, zu erschlagen, zu vernichten und ihre Habe als Beute zu plündern“. Bis heute wird dieses Fest deshalb mit großer Freude gefeiert — mit Festessen, Musik, Verkleidungen und nicht selten mit erstaunlich viel Alkohol.

Besonders amüsant erschien mir dabei eine religiöse Vorschrift aus dem Talmud, nach der man an Purim so viel trinken solle, bis man nicht mehr unterscheiden könne zwischen „Verflucht sei Haman“ und „Gesegnet sei Mordechai“. Gerade in einem Land, das im Alltag oft von Ernsthaftigkeit, Sicherheitsfragen und politischen Spannungen geprägt ist, wirkte diese ausgelassene Stimmung beinahe surreal.

Ein fragwürdiges Kostüm

Über einige israelische Freunde und Bekannte vom Klettern wurde auch ich zu einer Purimparty eingeladen. Natürlich brauchte ich dafür ein Kostüm.

Und wie so oft hielt ich meine Idee zunächst für ausgesprochen originell.

Nach kurzer Überlegung entschied ich mich dazu, als konservative, schwangere arabische Muslimin zu gehen. Ich wickelte mir ein Kopftuch, zog weite Kleidung an und stopfte mir zusätzlich ein Kissen unter das Oberteil. Vorher hatte ich mich noch mehrfach versichert, dass an Purim wirklich jede Art von Verkleidung üblich sei und mir niemand daraus einen Vorwurf machen würde.

Trotzdem löste mein Auftreten schon auf dem Weg einige irritierte Blicke aus.

„Bist du wirklich Muslimin?“

Kaum hatte ich die Feier betreten, kam bereits ein junger Mann auf mich zu. Von weitem wirkte er ausgesprochen selbstbewusst, doch plötzlich sprach er mich erstaunlich vorsichtig an und fragte beinahe verunsichert, ob mein Erscheinungsbild tatsächlich ein Kostüm sei — oder ob ich wirklich Muslimin wäre.

Offenbar wirkte meine Verkleidung überzeugender, als ich erwartet hatte.

Auch andere Gäste reagierten zunächst irritiert und fragten sich sichtbar, weshalb eine muslimische Frau auf einer jüdischen Purimparty auftauchen würde. Erst im Gespräch klärte sich die Situation langsam auf. Zu meiner Überraschung reagierten die meisten Menschen ausgesprochen entspannt und humorvoll darauf. Niemand empfand das Kostüm als Angriff oder Provokation, vielmehr schien man die Idee kreativ und irgendwie absurd zu finden.

Allerdings muss man auch sagen, dass die Feier insgesamt eher säkular geprägt war und viele der Gäste mit Religion allgemein recht locker umgingen.

Trotzdem wurde mir an diesem Abend erneut bewusst, wie stark Kleidung, Symbole und äußere Erscheinung in diesem Land sofort gelesen und eingeordnet werden. Ein Kopftuch war hier eben niemals einfach nur ein Stück Stoff.

Heimfahrt im Geländewagen

Irgendwann spät in der Nacht machte ich mich schließlich zu Fuß auf den Heimweg durch Jerusalem.

Es dauerte nicht lange, bis ein älterer arabischer Mann in einem großen, noblen Geländewagen neben mir anhielt und mir anbot, mich nach Hause zu fahren. Obwohl ich weder Arabisch sprach noch mich sonst besonders überzeugend als Muslimin hätte ausgeben können, schien er keinerlei Zweifel an meiner vermeintlichen Identität zu haben.

Das überraschte mich nach all den Gesprächen des Abends ehrlich gesagt ziemlich.

Etwas skeptisch stieg ich schließlich ein und ließ mich mitnehmen. Während der gesamten Fahrt hoffte ich allerdings inständig, dass er nicht plötzlich bemerken würde, dass ich in Wahrheit einfach nur eine deutsche Freiwillige auf dem Rückweg von einer Purimparty war.

Ich saß schweigend auf dem Beifahrersitz, nickte möglichst überzeugend und versuchte vor allem, nicht zu viel zu reden.

Er setzte mich schließlich freundlich direkt vor unserer Haustür ab, ohne jemals Verdacht zu schöpfen.

Zwischen Verkleidung und Wirklichkeit

Noch lange danach musste ich über diesen Abend nachdenken.

Einerseits war alles unglaublich komisch und absurd gewesen. Andererseits zeigte mir dieser Abend auch, wie schnell Menschen in Israel aufgrund von Kleidung, Sprache oder kleinen Symbolen bestimmten Gruppen zugeordnet werden — und wie stark Religion, Herkunft und Identität hier den Alltag prägen, selbst auf einer ausgelassenen Feier.

Gerade deshalb blieb mir dieser Abend wohl so deutlich im Gedächtnis: weil er gleichzeitig lustig, unangenehm, spannend und irgendwie nachdenklich war.