Alltag auf Station

Mit der Zeit stellte sich auf unserer Krankenhausstation langsam so etwas wie Alltag ein. Zumindest eine Form von Alltag, wie er an einem Ort möglich ist, an dem Kinder Tag und Nacht auf medizinische Unterstützung angewiesen sind.

Für uns neue Freiwillige bedeutete das vor allem, die Abläufe immer besser kennenzulernen und Schritt für Schritt Verantwortung zu übernehmen. Besonders in den Frühschichten von sieben bis vierzehn Uhr wurden die Routinen schnell sehr vertraut: Kinder wecken, duschen, anziehen, lagern, Nahrung vorbereiten, Geräte kontrollieren und überall dort helfen, wo Hilfe gebraucht wurde.

Viele dieser Tätigkeiten wirken im eigenen Leben vollkommen nebensächlich. Auf der Station wurde mir jedoch bewusst, wie viel Aufmerksamkeit und Fürsorge hinter den einfachsten Dingen steckt.

Duschen, lagern, vorsichtig sein

Schon das Waschen der Kinder erforderte große Sorgfalt.

Manche von ihnen konnten ihren Körper überhaupt nicht selbst bewegen. Ihre Arme und Beine wirkten schlaff und zerbrechlich, während man sie vorsichtig auf die schmale Liege hob, auf der sie gewaschen wurden. Viele konnten ihren Kopf nicht selbst halten. Gleichzeitig war es ihnen oft kaum möglich mitzuteilen, ob das Wasser zu heiß oder zu kalt war oder ob etwas unangenehm wurde.

Die Kinder wurden mit warmem Wasser und viel Seife gewaschen, oft lief der Schaum bis auf den Boden und durchnässte unsere Schuhe. Gleichzeitig durfte man nie vergessen, wie verletzlich diese Situation eigentlich war.

Besonders wichtig war die fortlaufende Beatmung vieler Kinder.

Bis auf zwei waren alle dauerhaft auf ihre Atemmaschinen angewiesen, weil die Muskelschwäche längst nicht mehr nur Arme und Beine betraf, sondern auch die Atem- und Schluckmuskulatur. Selbst beim Duschen musste deshalb ständig darauf geachtet werden, dass kein Wasser in den künstlichen Zugang zur Luftröhre gelangte.

Was für uns selbstverständlich funktioniert – husten, schlucken oder sich räuspern – war für viele der Kinder unmöglich geworden.

Kleine Zeichen ernst nehmen

Wenn sich Schleim in den Atemwegen sammelte oder ein Zugang verstopfte, musste schnell reagiert werden. Dann wurde mit einem speziellen Gerät abgesaugt, um die Atemwege freizuhalten.

Ein großer Teil unserer Aufgabe bestand deshalb zunächst darin, aufmerksam zu beobachten.

Wir lernten erste Warnzeichen für Sauerstoffmangel zu erkennen: eine schnellere Atmung, das Spreizen der Nasenflügel, ein sichtbares Einziehen des Brustkorbs oder im schlimmsten Fall bläulich verfärbte Lippen und Fingernägel.

Gerade am Anfang machte mir diese Verantwortung Angst. Denn oft hing sehr viel davon ab, kleinste Veränderungen rechtzeitig wahrzunehmen.

Nahrung über Magensonden

Mehrmals täglich mussten die Kinder außerdem künstlich ernährt werden.

Die Nahrung wurde über sogenannte Magensonden direkt in den Magen geleitet. Auch dafür waren wir Freiwilligen mit zuständig: Nahrung vorbereiten, die Sonden spülen, hygienisch arbeiten und darauf achten, dass sich nichts entzündete.

Gerade diese Routinearbeiten wirkten zunächst technisch und nüchtern. Gleichzeitig merkte ich aber schnell, wie eng Medizin und Menschlichkeit dort miteinander verbunden waren.

Denn während man Nahrung vorbereitete oder Geräte kontrollierte, entstanden oft die wenigen ruhigen Momente, in denen man wirklich Kontakt zu den Kindern aufnehmen konnte.

Kommunikation ohne Worte

Am meisten faszinierte mich mit der Zeit die Art, wie Kommunikation auf der Station funktionierte.

Viele Kinder konnten nicht sprechen. Manche konnten kaum noch ihre Gesichtsmuskeln bewegen. Trotzdem entwickelte sich mit der Zeit eine eigene Form der Verständigung.

Ein Blick nach oben.
Ein langes Ansehen.
Ein Augenrollen.
Ein Wegdrehen des Kopfes.
Ein plötzlich strahlender Blick.

Oft sagten diese kleinen Reaktionen mehr als Worte.

Besonders schön war der Moment, wenn man nach längerem Probieren endlich verstand, was ein Kind wollte. Dann entstand manchmal plötzlich dieses kurze Gefühl von Verbindung – obwohl kaum gesprochen werden konnte.

Das Mädchen mit dem Pinsel

Besonders beschäftigt hat mich ein zehnjähriges Mädchen auf der Station.

Ihre Krankheit war bereits sehr weit fortgeschritten. Während einer meiner Schichten verlor sie wegen Herz- und Lungenproblemen sogar zweimal das Bewusstsein. Trotzdem war sie die meiste Zeit geistig vollkommen wach.

Bewegen konnte sie fast nur noch ihre Augen, einige Gesichtsmuskeln und minimal ihre Zunge.

Wenn es der Stationsalltag zuließ, malte sie unglaublich gerne. Dafür wurde ihr ein spezieller Pinsel in den Mund gelegt, den sie mit der Zunge bewegte. So verteilte sie grüne und gelbe Farbe auf Papier.

Es war ein stilles, langsames Malen. Und trotzdem lag darin so viel Ausdruck.

Einerseits machte mich ihre Situation traurig, weil man spürte, wie ernst ihr Zustand war. Andererseits beeindruckte es mich sehr, dass dieses Kind trotz allem noch Freude an solchen Momenten fand.

Vielleicht zeigte sich gerade darin, wie viel Arbeit und Menschlichkeit in diesem Krankenhaus steckte.

Glitzerspangen und zu kleine Kleidung

Was mich ebenfalls beschäftigte, war die Tatsache, dass manche Kinder nur selten Besuch bekamen.

Bei einem zwölfjährigen Mädchen konnte sich kaum jemand erinnern, wann zuletzt Angehörige da gewesen waren. Viele ihrer Kleidungsstücke passten längst nicht mehr richtig. Die Hosen waren zu kurz geworden, die Shirts spannten über dem Bauch.

Das wirkte zunächst wie eine Kleinigkeit. Aber irgendwann wurde mir klar, dass es eben keine Kleinigkeit ist.

Denn trotz aller Krankheit bleiben diese Kinder Kinder. Mädchen, die sich über hübsche Kleidung freuen. Über Glitzerspangen. Über schöne Farben. Über kleine Dinge, die Normalität vermitteln.

Vielleicht habe ich gerade dort gelernt, dass Würde oft in sehr unscheinbaren Dingen beginnt.