Die gemeinsame Einsatzstelle aller Freiwilligen aus unserer WG war das ALYN-Hospital in Jerusalem – ein Kinder- und Jugendkrankenhaus, das auf Rehabilitation und die Begleitung schwer chronisch kranker Kinder spezialisiert ist. Schon der Name der Einrichtung blieb mir sofort im Kopf: ALYN – All the Love You Need.
Damals erschien mir dieser Satz fast ein wenig kitschig. Doch je länger ich dort arbeitete, desto mehr verstand ich, weshalb er so gut zu diesem Ort passt.
Im Krankenhaus wurden Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern betreut: nach schweren Unfällen, Verbrennungen oder Gehirnverletzungen, aber auch Kinder mit fortschreitenden Muskelerkrankungen und schweren Behinderungen. Manche kamen nur für einzelne Therapien oder Untersuchungen ins Krankenhaus. Andere lebten praktisch dauerhaft dort, weil eine Versorgung zu Hause unmöglich geworden war.
Viele der Kinder waren rund um die Uhr auf Maschinen angewiesen – zum Atmen, Essen oder für ihre medizinische Versorgung.
Ein besonderer Ort in Jerusalem
Was mich von Anfang an beeindruckte, war die Atmosphäre im Krankenhaus. In einem Land, das politisch und gesellschaftlich oft tief gespalten wirkt, begegneten sich hier Menschen unterschiedlichster Herkunft ganz selbstverständlich im Alltag.
Jüdische, muslimische und christliche Familien warteten nebeneinander auf den Fluren. Viele Pflegerinnen und Pfleger waren arabisch. Beschriftungen fanden sich auf Hebräisch, Arabisch und Englisch. Neben einer kleinen Synagoge gab es auch einen muslimischen Gebetsraum.
Natürlich verschwanden dadurch keine politischen Konflikte. Aber im Kleinen entstand hier ein Ort, an dem Herkunft, Sprache oder Religion zumindest für einen Moment in den Hintergrund rückten.
Vielleicht wirkte das Krankenhaus gerade deshalb so besonders auf mich.
Hinzu kam, dass ALYN ein gemeinnütziges Krankenhaus ist und in hohem Maße von Spenden und freiwilliger Unterstützung lebt. Viele Menschen arbeiteten dort mit einer spürbaren Hingabe, die weit über reine Pflichterfüllung hinausging.
Der erste Arbeitstag
An meinem ersten Arbeitstag wurde mir die Station gezeigt, auf der ich künftig unterstützen sollte.
Dort lebten insgesamt acht Kinder und Jugendliche zwischen vier und vierzehn Jahren mit unterschiedlichen Formen von Muskeldystrophien. Die meisten von ihnen konnten das Zimmer nicht eigenständig verlassen. Bis auf ein Kind waren alle dauerhaft auf ihren Rollstuhl angewiesen.
Viele konnten weder selbstständig essen noch atmen. Sie wurden künstlich ernährt und über einen Zugang an der Luftröhre beatmet. Die Geräte gehörten dort genauso selbstverständlich zum Alltag wie Spielsachen, Kuscheltiere oder Kinderbücher.
Schon nach wenigen Minuten auf der Station wurde mir bewusst, wie groß die Verantwortung war, die jede Pflegekraft, jede Therapeutin und auch wir Freiwilligen dort trugen.
Wenn Worte fehlen
Besonders beschäftigt hat mich die Art der Kommunikation.
Nur zwei Kinder konnten deutlich sprechen oder ihre Mimik kontrolliert einsetzen. Manche waren fast vollständig gelähmt und konnten nur noch ihre Augen oder einzelne Finger bewegen. Trotzdem war vielen von ihnen anzumerken, dass sie geistig vollkommen wach waren.
Während ich neben ihren Betten saß oder sie im Alltag unterstützte, fragte ich mich oft, was diese Kinder wohl erzählen würden, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten.
Was denken sie den ganzen Tag?
Wovor haben sie Angst?
Was macht sie glücklich?
Worüber würden sie lachen?
Ich versuchte mit der Zeit, kleine Zeichen zu lesen: eine Augenbewegung, ein kurzes Zucken, ein Blick, eine minimale Veränderung im Gesichtsausdruck. Oft war ich mir unsicher, ob ich die Signale richtig deutete.
Gerade diese Unsicherheit empfand ich als belastend. Denn wenn ein Mensch kaum Möglichkeiten hat, sich mitzuteilen, wird jede kleine Handlung plötzlich wichtig. Ein falsch verstandener Blick kann bedeuten, dass jemand Durst hat, Schmerzen empfindet oder sich einfach nur unwohl fühlt.
Dieser Gedanke hat mich am Anfang stark beschäftigt.
Hilflosigkeit und Nähe
Besonders schwer fiel mir die Vorstellung, wie es sein muss, geistig vollkommen klar zu sein und gleichzeitig so abhängig von anderen Menschen zu leben.
Viele der Kinder konnten nicht selbst entscheiden, wann sie trinken, essen oder sich bewegen wollten. Manche waren rund um die Uhr darauf angewiesen, dass jemand ihre Bedürfnisse erkennt, ohne dass sie sie richtig äußern können.
Gleichzeitig erlebte ich auf der Station aber auch erstaunlich viele kleine Momente von Nähe und Lebensfreude.
Ein Kind freute sich sichtbar darüber, wenn man Musik anmachte. Ein anderes liebte es, wenn man ihm Geschichten vorlas. Manche reagierten auf bestimmte Stimmen oder lachten über kleine Albernheiten. Oft waren es winzige Momente, die nach außen kaum spektakulär wirkten, für die Kinder aber offensichtlich eine große Bedeutung hatten.
Gerade dadurch lernte ich, wie viel Aufmerksamkeit und Geduld im Umgang mit anderen Menschen steckt.
Verantwortung lernen
Ich glaube, mein erster Arbeitstag im ALYN-Hospital hat mir mehr über Verantwortung beigebracht als vieles zuvor.
Nicht Verantwortung im Sinne von Organisation oder Leistung, sondern die Verantwortung, Menschen ernst zu nehmen, die völlig auf andere angewiesen sind.
Es geht dort nicht darum, große Dinge zu tun. Oft sind es kleine Handlungen: jemanden richtig lagern, aufmerksam zuhören, geduldig bleiben, Blickkontakt halten oder einfach da sein.
Natürlich gab es auch Momente von Überforderung und Hilflosigkeit. Gerade am Anfang hatte ich oft Angst, etwas falsch zu machen oder Bedürfnisse zu übersehen.
Und trotzdem war da gleichzeitig das Gefühl, an einem Ort zu sein, an dem selbst kleine Gesten einen Unterschied machen können.
Vielleicht beschreibt genau das den Alltag im ALYN-Hospital am besten.
