Zwischen Wüste und Totem Meer

En Gedi, Wüstenhitze und Schwerelosigkeit

Wüstenwind am Toten Meer

Von Nazareth machten wir uns am späten Nachmittag auf in Richtung Totes Meer. Nachdem wir noch etwas durch die immer gleichen Ramschwarenmärkte geschlendert und ein paar unscheinbare Kirchen besichtigt hatten, trampten wir überraschend schnell quer durchs Land bis zum Nationalpark En Gedi.

Schon bei unserer Ankunft fühlte sich alles seltsam an. Normalerweise stand die Luft unten am Toten Meer schwer, heiß und feucht in der Senke. Doch diesmal fegte ein trockener Wüstensandsturm über die Landschaft hinweg. Der Himmel war dunkelgrau zugezogen und der Wind wirbelte ununterbrochen Staub und Sand durch die Luft. Uns war schnell klar, dass unser klappriges Billigzelt diese Nacht nicht überleben würde.

Von der Straße liefen wir einen steilen Weg zur En Gedi Field School hinauf. Von dort oben blickten wir über das Tote Meer bis hinüber nach Jordanien. Es fühlte sich absurd an, mitten in der Wüste zu stehen, kilometerweit keine richtige Infrastruktur um sich herum, nur Berge, Salz, Staub und diese unwirkliche Landschaft — und gleichzeitig überlegen zu müssen, wo man heute Nacht schlafen könnte.

Nicht weit entfernt balancierte ein Mann im grünen Nationalparkshirt auf einer Slackline im Sturm. Schon das Zuschauen wirkte bei diesem Wind vollkommen unmöglich. Während er mir half, ebenfalls auf Socken über die schwankende Leine zu balancieren, fragten wir ihn nebenbei nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Wenige Minuten später bot er uns ganz selbstverständlich an, bei ihm zu schlafen.

So stellte sich heraus, dass neben uns bereits ein Australier und ein österreichisches Ehepaar bei ihm gestrandet waren. Auch seine Mitbewohnerin schien sich längst daran gewöhnt zu haben, dass ständig fremde Reisende ihre Wohnung fluteten und ihr Essen mit aßen.

Eine Wohnung mitten im Nichts

Die Wohnung wirkte zunächst klein und spärlich eingerichtet, doch der erste Eindruck täuschte. Lea und ich bekamen tatsächlich ein eigenes Gästezimmer mit weichen Matratzen auf dem Boden. Nach Tagen voller Improvisation fühlte sich das beinahe luxuriös an.

Am Abend saßen wir mit den anderen Reisenden zusammen, während draußen der Wüstenwind gegen die Fenster drückte. Zu unserer großen Freude erklärte der Australier irgendwann, für alle kochen zu wollen. Wenig später standen Reis, Gemüsepfannen, Salat, Brot und Avocadocreme auf dem Tisch.

Während wir dort saßen und aßen, fragte ich mich irgendwann, wann ich zuletzt ein so gutes und üppiges Essen bekommen hatte. Es musste lange her gewesen sein — wahrscheinlich noch vor meiner Abreise nach Israel.

Später standen wir noch eine Weile auf dem Balkon. Die Luft war trüb von Salz, Dunst und Sand. Unten schlängelte sich die einsame Straße durch die Berge Richtung Eilat und auf der anderen Seite des Toten Meeres leuchteten vereinzelt die Lichter Jordaniens. Abgesehen davon war dort nichts. Nur Wüste und lebensfeindliche Leere.

Und trotzdem ging es uns selten irgendwo besser als in diesem kleinen Haus mitten im Nichts.

Wanderung durch schweißtreibende Hitze

Nachts fegte der heiße Wind weiter durch die Berge, doch wir lagen geschützt auf unseren Matratzen und schliefen erstaunlich gut. Am nächsten Morgen standen wir früh auf, um der schlimmsten Hitze auf unserer Wanderung durch den Nationalpark zu entgehen.

Der Sturm hatte sich gelegt. Kein einziges Wölkchen stand am Himmel. Die Luft war trocken und schon am frühen Morgen schwer warm.

Der Weg führte zunächst steil über ein Geröllfeld nach oben. Mit jedem Meter wurde die Aussicht grandioser. Unter uns lag das Tote Meer wie eine unwirkliche blau-graue Fläche zwischen den Bergen. Die Landschaft wirkte karg, trocken und gleichzeitig beeindruckend weit.

Nach dem ersten Anstieg folgten wir einem schmalen Pfad durch bizarre Felsformationen. Überall hatte die Erosion Spuren hinterlassen. Ab und zu blieb einer von uns stehen und betrachtete die eigenartigen Formen der Steine, während vom Toten Meer eine leichte Brise herüberwehte, die neben einer kurzen Erfrischung jedes Mal auch einen intensiven Schwefelgeruch mit sich brachte.

Dank der frühen Uhrzeit waren wir lange fast alleine unterwegs. Nach all den chaotischen Tagen voller Menschen, Mitfahrgelegenheiten und Begegnungen tat diese Ruhe unglaublich gut. Zum ersten Mal seit längerer Zeit liefen wir einfach schweigend nebeneinander her und ließen die Gedanken treiben.

Irgendwann führte der Weg hinunter in ein ausgetrocknetes Flussbett. Hohe Steinwände ragten links und rechts empor und spendeten kurz etwas kostbaren Schatten. Es wirkte kaum vorstellbar, dass hier jemals Wasser geflossen sein sollte.

Nach weiteren Auf- und Abstiegen erreichten wir schließlich völlig durchgeschwitzt das Highlight der Wanderung: Mitten in der trockenen Steinlandschaft entsprang plötzlich Wasser aus einer kleinen Quelle und sammelte sich in mehreren natürlichen Becken. Zwischen Palmen, Pflanzen und Felsen wirkte dieser Ort beinahe unwirklich. Während ringsum alles trocken, staubig und lebensfeindlich erschien, entstand hier eine kleine grüne Oase.

Wir gönnten uns eine lange Pause und genossen das kalte Wasser, bevor wir schließlich den Rückweg antraten. Beim letzten Abstieg kamen uns inzwischen große Touristenmengen entgegen. Da waren wir beide froh, schon so früh gestartet zu sein.

Schwerelosigkeit im Toten Meer

Nach der Wanderung trampten wir mit zwei deutschen Touristen weiter zu einem Badestrand im Süden des Toten Meeres.

Obwohl das Baden dort für mich längst nichts Neues mehr war, fühlte es sich trotzdem wieder vollkommen absurd an, als uns beim Hineinlaufen plötzlich die Beine weggezogen wurden. Träge ließen wir uns vom warmen Wasser tragen, unfähig unterzugehen.

Das Wasser hinterließ dieses eigenartige ölig-schleimige Gefühl auf der Haut, das gleichzeitig unangenehm und faszinierend war. Wir sammelten große Salzkristalle am Steg, ließen uns im Wasser treiben und machten schließlich die obligatorischen Fotos mit Zeitung in der Hand, während hinter uns die Berge Jordaniens im Dunst verschwammen.

Es war still. Fast unwirklich still.

Durch die Wüste nach Eilat

Von En Bokek wurden wir rasch von einem arabischen Busfahrer mitgenommen, der uns in seinem Minibus zwei Stunden durch die nahezu unbesiedelte Wüste fuhr. Die Kommunikation war etwas schwierig und Lea verdrehte nur noch müde die Augen, als ich mir schon wieder von jemandem eine Telefonnummer geben ließ, bevor sie auf der Rückbank einschlief.

Später hielten wir in einem kleinen, etwas heruntergekommenen Wüstendorf namens Safir und stiegen dort in einen edlen Sportwagen ein. Am Steuer saß ein etwa sechzigjähriger Mann mit Bundfaltenhose, protziger Uhr und Polohemd. Neben ihm eine deutlich jüngere Frau im Abendkleid und mit hohen Schuhen.

Die meiste Zeit lief schnulzige Musik, zu der unser Fahrer lautstark mitsang. Irgendwann bog er plötzlich auf eine Seitenstraße ab und hielt an einem Aussichtspunkt mitten in der Wüste. Während sich das ungleiche Paar fotografierte, machten Lea und ich dasselbe.

Wenig später erklärte uns der Mann beiläufig, dass die Frau ihn gerne heiraten wolle, er sie dafür aber als zu jung empfinde. Wir wussten beide nicht so recht, wie wir darauf reagieren sollten.

Unglaubliche Gastfreundschaft

Kurz vor Eilat fragte uns der Fahrer schließlich, wo genau wir herausgelassen werden wollten. Wir erklärten ihm, dass er einfach irgendwo im Zentrum halten könne, damit er keinen Umweg fahren müsse. Diese Antwort schien ihm jedoch überhaupt nicht zu gefallen.

Stattdessen fragte er plötzlich, ob wir Hunger hätten.

Etwas vorsichtig nickten wir.

Daraufhin fuhr er uns zu einer zentral gelegenen Pizzeria und bestellte für uns zwei große Pizzen, Salat und Cola. Nachdem er alles bezahlt hatte, verabschiedete er sich erstaunlich kurz, machte fast fluchtartig kehrt und verschwand wieder aus dem Laden.

Lea und ich saßen völlig verwirrt mit unseren Colaflaschen am Tisch und blickten ihm hinterher.

Je länger wir unterwegs waren, desto weniger überraschte uns eigentlich noch, wie hilfsbereit Menschen zu uns waren — und trotzdem schafften es solche Begegnungen jedes Mal wieder, uns sprachlos zu machen.