Nablus und Ramallah

Zwischen Märkten, Müdigkeit und politischer Realität

Die skurrile Seifenfabrik von Nablus

Nach unserer Ankunft in Nablus liefen wir zunächst eine kleine Runde durch die palästinensische Stadt und waren beinahe verwundert darüber, wie viel Leben hier herrschte – gerade im Vergleich zu Jericho, obwohl auch hier Ramadan war. Die Straßen wirkten voller, lauter, geschäftiger. Wir verschafften uns einen ersten Überblick, bekamen von einem jungen arabischen Kosmetikverkäufer eine Telefonnummer zugesteckt und machten schließlich ein recht sauberes, edel wirkendes Hotel mitten in der Innenstadt ausfindig, das allerdings völlig unbesucht schien.

Das Personal im Jasmin-3-Sterne-Hotel, so nannte es sich, wirkte freundlich, hilfsbereit und seriös, sodass wir beschlossen, unser schweres Gepäck für die Zeit unseres Stadtbesuches dort an der Rezeption abzugeben. Unsere Wertsachen nahmen wir gemeinsam in einem kleinen Rucksack mit, den Lea trug. Mir als Reiseleitung fiel es allerdings merklich schwer, die Verantwortung über all unsere essenziellen Dinge aus der Hand zu geben. Entsprechend konnte ich nicht aufhören zu fragen: „Lea! Hast du den kleinen Rucksack?“ – bis sie mir den ins Fleisch schneidenden Rucksack schließlich mit verdrehten Augen gegen meinen Willen in die Hand drückte.

Im Schatten auf den Stufen vor dem Hotel entnahmen wir unserem Reiseführer, unserem treuen Freund und Helfer, dass Nablus berühmt sei für seine Süßigkeiten, seine geschäftigen Märkte und vor allem für die traditionelle Olivenölseife. Seit mehr als tausend Jahren solle hier Seife hergestellt werden, und bis heute gelte sie als eines der wichtigsten Exportgüter der Stadt. Dem Reiseführer zufolge sei eine Besichtigung der Nabluser Seifenfabrik absolut lohnenswert.

Voller Neugierde machten wir uns auf den Weg. Wir schlängelten uns durch gut duftende Lebensmittelläden und abartig stinkende Tiermärkte, bis wir irgendwann in einer kleinen Gasse mit hohen Steinmauern standen. Vor uns befand sich eine winzige, dunkel gestrichene Tür mit einem kleinen, angenagelten Schild, das bestätigte, dass wir tatsächlich vor der traditionellen Seifenfabrik der Stadt standen.

Etwas zögerlich traten wir ein.

Drinnen fanden wir uns in einem dunklen, stark riechenden Raum wieder. Ein paar Arbeiter saßen in völliger Lethargie auf abgewetzten Sesseln um ein kleines Fenster herum und schienen bei unserer Ankunft keinerlei Notiz von uns zu nehmen, was in der arabischen Welt beinahe an das Unmögliche grenzte.

Auf einem abgeblätterten Schild lasen wir, dass die berühmte Nabluser Seife aus Olivenöl erster Pressung, Wasser und einer Natriumverbindung hergestellt werde. Die Seifen würden in kleine, würfelförmige Stücke geschnitten und mit dem Prägestempel der Fabrik versehen. Überall standen Töpfe, Formen und undefinierbare Ingredienzien herum. Die Unordnung und Dunkelheit erinnerten weniger an ein geöffnetes Museum als an einen alten Keller, den zufällig jemand vergessen hatte abzuschließen.

Am Ende des Raumes entdeckten wir eine kleine, lauschige Sitzecke. Rote Wollbezüge verpackten muffige alte Sofakissen, und der Staub lag in einer dicken Schicht wie frischer Schnee über der mühevoll eingerichteten Ecke. Dort saßen wir nun, ohne zu wissen, ob überhaupt irgendjemand von unserer Anwesenheit Kenntnis hatte. Nichts schien uns in diesem Moment naheliegender, als hier eine kleine Mittagspause einzulegen und die unerholsam kurze Nacht zu kompensieren.

Doch kaum hatten wir uns gesetzt, mussten wir all unsere Willenskraft mobilisieren, um wieder aufzustehen. Die Luft war betäubend und schwindelerregend. Es fühlte sich an, als könne man dort in einen narkoseähnlichen Schlaf fallen und nie wieder rechtzeitig erwachen.

Glücklich schätzten wir uns, als wir wieder heil im Freien standen und tief durchatmen konnten.

Zwischen Märkten und Erinnerungstafeln

Unsere Freude über die frische Luft währte allerdings nicht lange. Wir setzten unsere Stadterkundung fort und liefen durch ein verlassen wirkendes Viertel mit leerstehenden Gebäuden und hohen Mauern. An den Wänden befanden sich zahlreiche Schilder und Infotafeln, die von der palästinensischen Geschichte dieses Ortes erzählten, geprägt von Unterdrückung, Folter, politischem Aktivismus und den Kämpfen der ersten und zweiten Intifada.

Die Tafeln berichteten davon, wie Nablus zu einem Brennpunkt der Auseinandersetzungen zwischen der israelischen Armee und den Palästinensern geworden war, von Ausgangssperren, zerstörten Häusern und langen Phasen der Gewalt. Bei all meinen Besuchen in palästinensischen Städten bekam ich immer wieder das Gefühl, dass die Menschen hier mit aller Kraft darum kämpften, gehört zu werden. Als wollten sie die Welt daran hindern, zu vergessen, dass sie noch immer in einem Zustand von Unfreiheit, Schmerz und Ungerechtigkeit lebten.

Gleichzeitig hinterließen diese Eindrücke in mir zunehmend ein Gefühl der Entmutigung. Denn Geschichten von Verlust, Angst, Hass und Schmerz schienen auf beiden Seiten im Überfluss vorhanden zu sein.

Ramallah und das Ende unserer Geduld

Am Nachmittag fuhren wir weiter nach Ramallah, dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum Palästinas. Doch nach etwas Herumlaufen durch die Stadt reichte es uns langsam. Die Märkte, Ramschwarenstände, schreienden Verkäufer, die Hektik, der ungeordnete Verkehr und das dichte Treiben begannen sich in unseren müden Köpfen zu wiederholen.

Voller Begeisterung zeigte ich Lea noch den stolzen Händler, bei dem ich einst unsere Goldfische gekauft hatte. Zu meiner Freude hatte er immer noch Fische im Angebot, doch diesmal ließ ich mich nicht verführen.

Als wir später wieder am Busbahnhof ankamen, war zu unserer großen Verwunderung alles wie leergefegt. Keine Busse mehr, nur noch ein paar Taxifahrer, die lässig an ihre gelben Autos gelehnt standen. Eigentlich wollten wir zurück nach Jerusalem, aber einmal mehr bestätigte sich, dass arabische Busfahrzeiten keinesfalls verlässlich planbar waren.

Ein Taxifahrer kam auf uns zu und behauptete, wegen Ramadan würden keine Busse mehr fahren. Sehr zuvorkommend bot er uns eine Fahrt zum Checkpoint an — natürlich zu einem horrenden Preis. Lea stand die Panik bei dieser Vorstellung ins Gesicht geschrieben. Die Adern an ihrem Hals traten hervor wie Gartenschläuche, und ihre weiße Haut färbte sich plötzlich ganz rot.

Ich hörte dem Fahrer kaum richtig zu. In diesem Moment sah ich keinen Sinn darin, zu verhandeln. Angesichts von Leas offensichtlicher Anspannung wäre jeder Handlungserfolg aussichtslos gewesen. Außerdem hatte ich irgendwoher die feste Gewissheit, dass wir schon wieder zurückkommen würden. Meine Aufgabe bestand nun vor allem darin, Lea zu beruhigen und zu verhindern, dass der nächste Kollaps folgte.

Als sie sich etwas gefangen hatte, bat ich einige Passanten um Hilfe. Diese lotsten uns schnell und eindeutig in die richtige Richtung. Keine fünf Minuten später saßen wir auf dem Boden eines klapprigen, überfüllten Minibusses, der uns für weniger als einen Euro zum Checkpoint brachte.

Der Fahrer wollte mit Sicherheit pünktlich zum Ramadanessen daheim sein und nicht im Verkehrschaos stecken bleiben. Entsprechend raste er ungefähr so schnell wie auf einer deutschen Autobahn durch die engen, kurvigen Straßen und fuhr dabei ungefähr so vorsichtig wie beim Autoscooter.

Ausreise durch den Hochsicherheitscheckpoint

Am Checkpoint herrschte reger Betrieb. Wir mussten über eine Stunde in dem einschüchternden Gebäudekomplex warten. Für uns war es bereits eine anstrengende und aufregende Prozedur. Dabei musste ich die ganze Zeit an die Menschen denken, die hier täglich Stunden ihres Lebens verwarteten, um zur Arbeit zu gelangen oder ihre Familie zu besuchen — ohne die letzte Gewissheit, jedes Mal wirklich ausreisen zu dürfen.

Als hätte er meine Gedanken gelesen, begann ein erstaunlich gut gekleideter Mann mit Aktentasche mit uns zu sprechen. Er war Arzt und musste den Checkpoint täglich passieren, um zu seiner Arbeit zu gelangen. Aus seinen Worten sprachen Frust, Zorn, Verzweiflung und das Gefühl, menschenunwürdig behandelt zu werden.

Es brachte mich jedes Mal wieder aus der Fassung, zu sehen, wie viel Hass, Spaltung und Erschöpfung sich in diesem kleinen Land angestaut hatten.

Nach langem Anstehen passierten wir zwei schwere Drehkreuze, in denen wir mit unseren großen Rucksäcken fast stecken geblieben wären. Danach mussten wir unser gesamtes Gepäck durch ein riesiges Scangerät fahren lassen, während wir unsere Ausweise zwei jungen Soldaten hinter einer Glasscheibe zuschoben.

Lea erhielt ihren Pass sofort zurück und durfte ohne jede Befragung weitergehen. Ich wartete ungeduldig auf meinen Pass und sah, wie sich die beiden Soldaten auf Hebräisch austauschten, mit ernstem Blick in mein Dokument.

„Das Ägyptenvisum“, schoss es mir durch den Kopf. Eigentlich durfte das kein Problem sein, aber ich stellte mich innerlich bereits auf eine extra Sicherheitsbefragung ein.

Kaum hatte ich diesen Gedanken beendet, wurde ich in kaltem Tonfall zur Seite zitiert. Die Frau in Uniform erklärte mir nüchtern und ohne jede Regung, dass ich nicht ausreisen dürfe, da mein Visum abgelaufen sei.

Daraufhin erklärte ich ihr in strengem Tonfall, dass mein Reentry-Visum zwar abgelaufen sei, mein Volontärsvisum jedoch keineswegs, und deutete auf die entsprechende Stelle in meinem vom vielen Vorzeigen schon leicht zerfledderten Ausweis.

Ohne eine Miene zu verziehen sagte sie nur: „So you can exit!“ und drückte mir den Pass in die Hand.

Völlig verwirrt über diese Inkompetenz nahm ich mein Gepäck vom Band und folgte dem Tunnel nach draußen. Ich fragte mich ernsthaft, ob die arme junge Frau einfach schrecklich übermüdet war oder ob sie so selten die Visa von Touristen sah, dass sie mit dieser Herausforderung überfordert war. Für einen kurzen Moment stellte ich mir bildlich vor, wie ich mit gültigem Visum nicht aus der Westbank hätte ausreisen dürfen.

Auf der anderen Seite des Checkpoints warteten wir noch eine Weile und zwängten uns dann in einen völlig überfüllten Bus zurück nach Jerusalem.

Zu Hause duschten wir übermüdet und glücklich die ganzen verrückten Erlebnisse unserer kleinen Rundreise ab. Fast schon wehmütig sprachen wir über all die Begegnungen, die wild in unseren Gedanken herumschwirrten. Die Reise war wie im Flug an uns vorbeigerauscht und hinterließ vor allem ein eigenartiges Gefühl von Chaos, Absurdität und Dankbarkeit.

Das heile St. Georgskloster

Ganz vorbei waren die Abenteuer jedoch noch nicht. Die Besichtigung des heiligen St. Georgsklosters stand weiterhin auf dem Programm. Nach einer erholsamen Nacht zu Hause auf der Terrasse machten Lea und ich uns am nächsten Morgen erneut auf den Weg in Richtung Wüste.

Wir mussten zunächst bis nach Mitzpe Jericho trampen. Als Erstes nahm uns ein jüdischer Mülllasterfahrer mit. Zu dritt saßen wir auf der breiten Vorderbank und genossen den Blick durch die große Scheibe des LKWs nach draußen. Das Erste, was uns der Fahrer mitgab, war eine deutliche Warnung davor, bei arabischen Fahrern einzusteigen. In ernsthafter Sorge um uns gab er mir zusätzlich seine Telefonnummer, damit wir ihn im Notfall kontaktieren konnten.

Diese Art von Fürsorge hatte ich in Israel wirklich schätzen gelernt: die große Bereitschaft, bei Schwierigkeiten eng zusammenzustehen, selbst wenn man sich kaum kannte.

An einer Kreuzung nahe einer Tankstelle ließ er uns heraus. Keine fünf Minuten später hielt ein schon am Kennzeichen erkennbar arabisches Auto. Der Fahrer sprach nur wenige Fetzen Englisch, wirkte aber freundlich, also stiegen wir ein. Was der Müllwagenfahrer wohl gedacht hätte, wenn er gesehen hätte, dass wir unmittelbar nach seiner Warnung bei einem Palästinenser im Auto saßen? Vermutlich hätte er voller Furcht die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und für uns gebetet.

Das St. Georgskloster liegt mitten in der Wüste, direkt in die Felsen gebaut. Eine kleine, holprige und kaum befahrene Straße schlängelt sich dorthin. Wir überschlagen gerade im Kopf, wie lange man wohl zu Fuß bräuchte, als ein Wasserwerksauto auf Dienstfahrt anhielt. Der Fahrer musste erst noch Sitzbänke umbauen, um Platz für uns zu schaffen. Als wir ihm unser Ziel nannten, erklärte er uns für verrückt, wenn wir wirklich bis dorthin laufen wollten, und fuhr kurzerhand einen extra Umweg, um uns direkt vor den Eingangstoren des Klosters abzusetzen.

Von dort führte ein schmaler, steiniger Pfad hinab zum Kloster. Die Anreise war mehr Glück als Verstand gewesen, aber dafür waren außer uns keine weiteren Besucher dort. In schwarzen Kutten beteten griechisch-orthodoxe Mönche an diesem idyllischen Ort. Mit langer Kleidung durften wir eintreten und für einen Moment die Friedlichkeit dieses abgelegenen Ortes erleben. Das Kloster wirkte wie eine Oase in völliger Abgeschiedenheit, Stille und lebensfeindlicher Umgebung.

Wanderung nach Jericho

Nach der Besichtigung machten wir im Schatten eines einsamen Olivenbaumes ein kleines Picknick und begaben uns dann auf eine gut sechs Kilometer lange Wanderung nach Jericho.

Der erste Teil führte durch spektakuläre Wüstenlandschaft, immer am äußeren Rand einer tief abfallenden Schlucht entlang. Der zweite Teil war weniger idyllisch. Wir liefen vorbei an heruntergekommenen Siedlungen, Tierhöfen und bemerkenswert übelriechenden Müllkippen, aus denen der eindeutige Gestank von in der Sonne verwesendem Fleisch aufstieg. Wir hielten uns Mund und Nase zu und gingen schnellen Schrittes weiter, bis wir endlich eine größere Straße erreichten.

In der prallen Mittagshitze kam plötzlich ein Auto auf uns zu und hielt neben uns. Der Fahrer erkannte uns wieder — es war einer der Händler, die vor den Toren des Klosters ihre Waren verkaufen wollten. Er bot uns eine kostenlose Fahrt zur Altstadt Jerichos an. Dankbar, wenn auch etwas skeptisch, nahmen wir an.

Im Schatten vor dem Touristenzentrum machten wir Rast und beobachteten fett gefütterte Pfauen, die durch die Hitze torkelten, während Touristen für astronomische Preise ein paar Meter auf einem Kamel über den Parkplatz geführt wurden.

Komatöser Tiefschlaf

Im Besucherzentrum gab es einige kleine Läden, und oben war eine Dachterrasse ausgeschildert. Wir stiegen bis in die Etage direkt darunter, weil wir uns dort eine ähnliche Aussicht und etwas Schatten erhofften. Unsere Erwartungen bestätigten sich, und so entschieden wir unmittelbar, ein kleines Nickerchen einzulegen.

Aus dem geplanten Mittagsschlaf wurde allerdings ein unkontrollierter, komatöser Tiefschlaf.

Plötzlich trat eine muslimische Frau aus ihrer Wohnung und riss uns aus unserer Ruhe. Doch anstatt uns zu vertreiben, wie man es in Deutschland vermutlich getan hätte, wenn wildfremde Menschen auf der eigenen Terrasse schliefen, bat sie uns zu sich herein. Sie zeigte uns das nagelneue Badezimmer, schaltete Klimaanlage und Fernseher ein und deutete auf ein frisch gemachtes Ehebett mitten im Raum.

Noch während wir uns bedanken wollten, verschwand sie spurlos hinter einer massiven Tür im hinteren Teil der Wohnung.

Wir ruhten uns noch einen Moment im Bett aus und schafften es in letzter Sekunde, uns wieder aufzuraffen, um noch den Berg der Versuchung zu besuchen. Eigentlich hätten wir uns gerne verabschiedet, doch wir konnten niemanden mehr finden.

Nettigkeit statt Geschäft

Unten im Touristenzentrum fragten wir einen Saftverkäufer nach einer Möglichkeit, zum Kloster am Berg der Versuchung zu gelangen. Zunächst bot er an, eine Taxifahrt für 100 Schekel zu vermitteln. Nach kurzer Verhandlung fiel der Preis auf 50, dann auf 25 Schekel. Wir blieben jedoch hartnäckig und erklärten ehrlich, dass wir bankrott und zahlungsunfähig seien.

Darauf reagierte der Saftverkäufer nicht genervt, sondern mit echtem Mitleid. Nach einer kurzen Unterhaltung zog er seinen Autoschlüssel aus der Tasche und erklärte sich bereit, uns kostenlos auf den Berg zu fahren.

Perplex über dieses Angebot stiegen wir ein. Das Kloster stand kurz vor der Schließung, sodass wir alles in großer Eile besichtigten. Zurück in die Innenstadt fuhren wir schließlich bei einigen Händlern in einem Jeep mit, die nach Klosterschließung ebenfalls ihr Geschäft beendeten. Die Fahrer entschieden, mit dem Geländewagen eine Abkürzung durch ein ausgetrocknetes Flussbett zu nehmen. Es war so holprig, dass die Geländetauglichkeit der Maschine auf eine harte Bewährungsprobe gestellt wurde.

Alleine in der Touristeninformation

Auf dem zentralen Platz von Jericho sahen wir den einsamen Mann aus der Touristeninformation wieder. Er erkannte uns schon von Weitem, offenbar etwas verdutzt darüber, aus was für einem großen, staubigen Fahrzeug wir diesmal ausstiegen. Umso mehr freute er sich, dass wir wieder da waren, und winkte uns in sein Büro.

Ich fragte mich ernsthaft, ob seit unserem letzten Besuch überhaupt andere Touristen hier gewesen waren.

Im Büro fragte er interessiert, was wir gesehen hätten und wie uns die Stadt, die Menschen, die Infrastruktur und die Sehenswürdigkeiten gefallen hätten. Amüsiert berichteten wir ihm vom Hitzekollaps nach dem ersten Besuch seines Büros, vom Ramadanessen, vom neuen Haarschnitt, von unserer Wanderung zum St. Georgskloster und davon, weshalb wir nun schon wieder bei ihm standen.

Mit großer Skepsis und Zweifeln im Gesicht meinte er schließlich, er sei noch nie so seltsamen Touristen wie uns begegnet und etwas überfordert mit uns.

Das Gespräch war noch nicht zu Ende, da erklärte er, dass er für etwa eine Viertelstunde zum Ramadangebet müsse und wir einfach im Büro warten sollten. Im unwahrscheinlichen Fall, dass doch noch Touristen kämen, sollten wir ihnen sagen, die Auskunft sei bereits geschlossen.

Als die Tür hinter dem offensichtlich sehr gläubigen Mann zufiel, begann ich, mich ausgiebig in dem unordentlichen, zugemüllten Büro umzusehen. In einigen Schubladen fand ich alte Plakate mit schönen Fotos von Jericho und Palästina. Dann suchte ich vergeblich nach einem dickeren Stift, doch alle Filzstifte und Eddings, die ich fand, waren unbrauchbar und reif für die Mülltonne.

Als der Mann zurückkam, brauchte es etwas Überzeugungsarbeit, denn wir wollten unbedingt ein Autogramm von ihm auf einem der Plakate. Nach langem Verhandeln signierte er schließlich auf Arabisch und in sehr kleiner Schrift. Danach machten wir noch ein gemeinsames Erinnerungsfoto.

Anschließend fuhren wir mit einem kleinen Bus zurück nach Jerusalem und kochten wieder Arme-Leute-Essen.

Nachklang in Jerusalem

Nach all den Tagen zwischen Westbank, Hitze, Busbahnhöfen, Checkpoints, spontanen Einladungen und völliger Übermüdung wurde Jerusalem plötzlich wieder zu unserem Ausgangspunkt. Am nächsten Tag war ich mit den anderen Freiwilligen des Alyn-Krankenhauses bei einem Gruppenausflug in Tel Aviv, während Lea das Holocaustmuseum Yad Vashem besuchte.

Am Abend tauschten wir uns lange über unsere Eindrücke aus. Besonders nah gegangen waren ihr die persönlichen Bilder, Gegenstände und Geschichten der ermordeten Menschen, die den Holocaust nicht als abstrakte historische Zahl, sondern als unzählige einzelne Leben begreifbar machten. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte traf uns in Israel noch einmal auf eine andere Weise. Gerade hier wurde deutlich, dass Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Menschenwürde keinesfalls selbstverständlich sind.

Diese Gedanken begleiteten auch die letzten gemeinsamen Tage.

Letzter Abend in Jerusalem

Leas Zeit in Israel verging wie im Flug. An unserem letzten gemeinsamen Nachmittag trafen wir uns in der Stadt und liefen zu einem ruhigen Park mit einer Windmühle, um die vergangenen Tage Revue passieren zu lassen.

Auf dem Weg dorthin war Lea plötzlich verschwunden, während ich unbeirrt weiterlief und schließlich in einem kleinen, edel anmutenden Weingeschäft landete. Als Lea mich wiederfand, war ich bereits dabei, diverse Weinsorten zu verkosten. Dem Verkäufer hatte ich zwar gleich gesagt, dass ich arm wie eine pakistanische Frau sei und nichts kaufen könne, doch das schien ihn nicht zu stören. Im Gegenteil: Er schätzte offenbar meine Ehrlichkeit und schenkte mir mehr Kostproben ein, als mir lieb war.

Da er nicht nur uns, sondern auch sich selbst immer wieder nachschenkte, lag die Frage nahe, ob man als Weinverkäufer oft betrunken sei. Diesen Gedanken wollte er nicht bestätigen und zeigte uns stattdessen mit großem Ernst, wie man Wein professionell verkostet: schwenken, riechen, im Mund bewegen, gurgeln, ausspucken. Lea und ich mussten uns mit aller Kraft zusammenreißen, um nicht in einen Lachanfall auszubrechen, der das ganze Spektakel beinahe in einer maßlosen Sauerei hätte enden lassen.

Später saßen wir auf der Aussichtsterrasse und waren fast sprachlos über all die Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die uns unterwegs begegnet war. Für mich sind viele dieser Menschen bis heute ein Vorbild darin, mit wie viel Offenheit man Fremden begegnen kann.

Zettelchen für die Klagemauer

Nach einem schönen Sonnenuntergang liefen wir ein letztes Mal gemeinsam zur Klagemauer. Dort steckten wir kleine, vorher geschriebene Zettel mit Wünschen, Hoffnungen, Dank und persönlichen Gedanken in die Ritzen zwischen den massiven Steinen — zwischen unzählige weitere Papierchen.

Es war unser Abschied von Jerusalem und das Ende von Leas Reise.

Auf dem Rückweg folgten wir der jüdischen Tradition und entfernten uns rückwärts laufend von der Mauer, damit wir ihr und den dort hinterlassenen Gedanken, Zielen und Hoffnungen nicht den Rücken zuwandten.

Am späten Abend standen wir noch vor der großen Herausforderung, all unsere Sachen wieder voneinander zu trennen und Leas aus allen Nähten platzenden Rucksack zu befüllen.

Abschied am Ben-Gurion-Airport

Nach einer vergleichsweise läppischen Gepäckkontrolle verabschiedeten Lea und ich uns am Ben-Gurion-Airport recht hektisch voneinander. Eigentlich gab es dafür keinen Grund, doch Lea war aus irgendeinem Grund sehr aufgeregt.

Ich war ebenfalls erleichtert, dass die Sicherheitsleute nicht genauer nachgefragt hatten, ob und wo wir in der Westbank gewesen waren oder ob wir dort Kontakte zu Menschen gehabt hatten. Berichten anderer Freiwilliger zufolge waren das klassische Fragen bei der Ausreise, und eine genauere Inspektion hätte sich vermutlich sehr lange hingezogen.

Nachdem Lea in den nur für sie zugänglichen Bereich verschwunden war, machte sich ein deutscher, scheinbar gelangweilter Passagier noch über ihre Aufregung lustig.

So eine Unverschämtheit.