Mehr als genug

Zwei Tage später erreichte ich am Nachmittag ein kleines Dorf, etwa zwanzig Kilometer östlich von Marrakesch. Mhido, 24 Jahre alt, hatte mich schon bei meinem ersten Aufenthalt in der Stadt eingeladen, seine Familie dort zu besuchen.

Choiter war eine einfache, ärmliche Wohngegend. Das Haus, in dem er mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Raschid lebte, war klein und aus Beton selbst gebaut. Im Wohnzimmer hing eine einzelne Lampe, in der Küche gab es einen Gasherd und einen Wasserhahn. Die Toilette befand sich draußen hinter dem Haus, ebenso ein Wasseranschluss zum Waschen. Ein kleiner Stall mit Schafen und Hühnern gehörte ebenfalls dazu.

Als ich ankam, wurde ich bereits erwartet.

Ich hatte unterwegs noch etwas frisches Obst und getrocknete Datteln gekauft, eine kleine Geste, nichts Besonderes. Und doch habe ich selten erlebt, dass sich Menschen darüber so ehrlich und so sehr gefreut haben. Es war fast überwältigend zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit und Wertschätzung hier auch die kleinsten Dinge angenommen wurden.

Noch bevor ich richtig angekommen war, begannen sie, alles für mich vorzubereiten. Es war mir fast unangenehm zu sehen, welche Mühe sie sich machten, um mir ein eigenes Zimmer bereitzustellen. Alles, was sie hatten, wurde geteilt, ohne Zögern, ohne Abwägen.

Der Alltag der Familie war einfach und klar strukturiert. Die Mutter, Maisha, stand früh nach Sonnenaufgang auf, betete und bereitete das Essen aus dem zu, was gerade da war. Morgens gab es Haferbrei und schwarzen Kaffee, abends saßen wir zusammen und aßen selbstgebackenes Fladenbrot, das wir in Olivenöl tauchten.

Der Vater, Hassan, arbeitete den ganzen Tag auf dem Feld außerhalb des Dorfes und kam erst spät zurück. Raschid hatte sein Studium in Betriebswirtschaft abgeschlossen, sprach offen über die Schwierigkeiten, in Marokko ohne Beziehungen Arbeit zu finden, und darüber, wie wenig Aussicht er trotz vieler Bewerbungen hatte.

Was mich aber am meisten berührte, war nicht die Einfachheit ihrer Lebensumstände, sondern die Art, wie sie damit umgingen.

Sie sprachen offen über ihre Situation, ohne sich zu beklagen. Sie hielten zusammen, waren ehrlich miteinander, und ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen oder etwas zurückgeben zu müssen, um dazugehören zu dürfen.

Ich wurde einfach angenommen.

Vielleicht war es genau das, was den Unterschied machte.

Nach den Tagen in Agadir, zwischen Luxus, Perfektion und einer Welt, in der scheinbar alles möglich war, fühlte sich dieser Ort für mich echter an. Unmittelbarer. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Einfachheit.

Hier gab es keinen Überfluss im klassischen Sinne.

Und doch fehlte nichts.