Jerusalem – Alltag zwischen Religion und Ausnahmezustand

Zwischen Straßenbahn, Krankenhaus und Altstadtgassen

Nach den ersten Tagen voller neuer Eindrücke begann sich langsam so etwas wie Alltag einzuschleichen. Während für Lea noch nahezu alles ungewohnt wirkte, bewegte ich mich inzwischen längst mit einer gewissen Selbstverständlichkeit durch die Stadt. Morgens standen wir verschlafen an der Straßenbahnhaltestelle, zwischen Soldaten mit Maschinengewehren, orthodoxen Familien und Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Die Bahn war meist voll, stickig und laut, trotzdem schien jeder in seiner eigenen Welt zu sein.

Schon während der Fahrt ließ sich Jerusalem beobachten wie unter einem Brennglas. Orthodoxe Juden in schwarzen Mänteln und mit langen Schläfenlocken saßen schweigend nebeneinander, junge Soldatinnen mit Sturmgewehren scrollten auf ihren Handys, dazwischen Touristen mit Stadtplänen und arabische Familien mit Einkaufstüten. Vieles wirkte gleichzeitig völlig alltäglich und vollkommen surreal.

Für Lea war diese Mischung aus Religion, Militärpräsenz und Großstadtleben zunächst schwer greifbar. Für mich begann sie sich langsam zu normalisieren.


Durch die unbeleuchteten Tunnel der Davidstadt

An einem freien Vormittag machten wir uns früh auf den Weg zur Davidstadt. Noch bevor die große Hitze des Tages einsetzte, liefen wir durch die alten Ausgrabungsstätten hinunter zum Hiskija-Tunnel, einem mehr als 2700 Jahre alten Wasserkanal unter Jerusalem.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Warnhinweise über Taschenlampen und wasserfeste Schuhe eher belächelt. Spätestens nach den ersten Metern im Tunnel bereuten wir das. Das Wasser reichte uns stellenweise bis zu den Oberschenkeln, die Wände waren feucht und eng und schon nach wenigen Metern verschluckte uns völlige Dunkelheit.

Kein Licht. Kein Zeitgefühl. Nur das kalte Wasser, das monotone Plätschern und die rauen Steinwände, an denen wir uns langsam entlang tasteten. An manchen Stellen wurde der Tunnel so schmal, dass wir gleichzeitig mit beiden Armen die Wände berühren konnten. Immer wieder mussten wir uns ducken, um nicht mit dem Kopf gegen die niedrige Decke zu stoßen.

Als wir irgendwann wieder aus dem Tunnel ins grelle Sonnenlicht hinaustraten, blendete uns die Hitze Jerusalems beinahe genauso sehr wie zuvor die Dunkelheit.


Schabbat in der Stadt

Je länger wir in Jerusalem unterwegs waren, desto stärker bestimmten religiöse Regeln auch unseren Alltag. Besonders am Schabbat veränderte sich die ganze Stadt spürbar.

Plötzlich fuhren keine Straßenbahnen mehr, viele Geschäfte blieben geschlossen und ganze Viertel wirkten wie ausgestorben. Gleichzeitig strömten schwarz gekleidete orthodoxe Familien zu Fuß durch die Straßen. Männer mit Hüten und langen Mänteln, Frauen mit langen Röcken und bedecktem Haar, Kinder in festlicher Kleidung. Während in manchen Vierteln nahezu völlige Ruhe herrschte, blieben andere Teile Jerusalems laut, chaotisch und voller Leben.

Gerade diese Gegensätze begegneten uns überall. Wenige Straßen voneinander entfernt schienen völlig unterschiedliche Welten nebeneinander zu existieren.


Sicherheitskontrollen als Normalität

Auch die permanente Präsenz von Soldaten und Polizei wurde mit der Zeit Teil des Alltags. Vor Einkaufszentren standen Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren, an Bahnhöfen wurden Taschen kontrolliert und immer wieder liefen uns Gruppen junger Soldaten durch die Straßen entgegen.

Was anfangs noch befremdlich wirkte, verlor nach und nach seinen Ausnahmecharakter. Genau das war vielleicht das Merkwürdigste an Jerusalem: Dass man sich an Dinge gewöhnte, die sich eigentlich nie normal anfühlen sollten.

Für Lea blieb vieles davon irritierend. Für mich war es inzwischen beinahe selbstverständlich geworden, neben schwer bewaffneten Jugendlichen in der Straßenbahn zu sitzen oder beim Betreten öffentlicher Gebäude kontrolliert zu werden.

Und trotzdem genügte oft schon ein Martinshorn, ein Hubschrauber oder eine größere Polizeigruppe, um die unterschwellige Spannung der Stadt wieder spürbar werden zu lassen.


Zwischen Ausnahmezustand und Gewöhnung

Nach der Arbeit liefen wir oft noch durch die Altstadt oder ließen uns ohne Ziel durch den Souk treiben. Zwischen Gewürzständen, flackernden Neonröhren, alten Steinmauern und dem Stimmengewirr der Händler wirkte Jerusalem manchmal gleichzeitig wunderschön und vollkommen erschöpfend.

Es gab Abende, an denen wir einfach nur müde durch die warmen Straßen trotteten, Falafel aßen und dem Treiben zusahen. Und obwohl ich inzwischen schon seit Monaten dort lebte, blieb die Stadt schwer greifbar. Hinter jeder Ecke schien eine andere Wirklichkeit zu beginnen.

Jerusalem fühlte sich nie wirklich ruhig an. Aber genau diese Mischung aus Alltag, Spannung, Religion, Chaos und Geschichte machte die Stadt so faszinierend.