
Ich kam etwa gegen Mittag in Agadir an. Die Einfahrt ins Stadtzentrum war hektisch und ungewohnt, der Verkehr, die vielen Menschen, die Enge – nach der Weite der letzten Tage fühlte sich das alles etwas überwältigend an. Ich wollte eigentlich nur zum Strand, irgendwo einen ruhigen Abschnitt finden, kurz durchatmen.
Während ich noch suchend durch die Straßen fuhr, hielt plötzlich ein großer, weißer Geländewagen neben mir. Darin saßen ein Mann im Hemd und Anzug und seine Frau, gekleidet in Top und Hotpants. Sie fragten mich, wohin ich unterwegs sei, und ich erzählte ihnen von meiner Reise per Rad.
Nach einem sehr kurzen Gespräch forderten sie mich überraschend auf, ihnen zu folgen, und boten mir an, mich bei ihnen zu Hause etwas auszuruhen. Ich nahm das Angebot dankbar an und wenige Minuten später befand ich mich in einer der teuersten Wohngegenden der Stadt. Mein Fahrrad und ich standen völlig unerwartet in einer modern eingerichteten Designerwohnung mit Balkon und Blick über das Meer.
Ich duschte, stopfte meine Wäsche in die Waschmaschine, setzte mich kurz hin – und wenige Minuten später klingelte ein Lieferservice an der Tür, der unser Mittagessen brachte. Mit dieser Art der Verpflegung hatte ich in diesem Moment wohl am wenigsten gerechnet.



Nachdem ich etwas auf dem Klappsofa im Wohnzimmer geschlafen hatte, wurde ich von meinen Gastgebern Ibrahim und Nina nach meinen ursprünglichen Plänen gefragt. Ich erzählte, dass ich eigentlich zum Strand wollte, woraufhin sich die beiden nur ungläubig anschauten. Offensichtlich würden sie niemals zur Erholung an den Strand gehen. Stattdessen schlugen sie mir vor, mich in ein Hotel mit Wellness-, Spa- und Saunabereich zu bringen, was ich dankend ablehnte.
Wir unterhielten uns lange. Sie stellten viele Fragen und ich hatte das Gefühl, dass sie wirklich verstehen wollten, wie ich reiste und was mich dazu brachte, alleine unterwegs zu sein. Gleichzeitig wurde immer wieder deutlich, wie unvorstellbar diese Art zu reisen – besonders für eine Frau – für sie war.
Am späten Nachmittag verließen beide die Wohnung. Nina hatte noch einen Termin, Ibrahim ging zu seinem regelmäßigen Fußballtraining. „Fühl dich wie zu Hause“, sagten sie, bevor sie gingen.
Als mich kurze Zeit später der Hunger überkam, öffnete ich den Kühlschrank. Er war fast leer. Ganz hinten stand ein Glas Honig, ein paar Joghurts – mehr nicht. Damit hatte ich in diesem Moment überhaupt nicht gerechnet. Wie ich später erfuhr, wurde die Ernährung der Familie fast ausschließlich durch Lieferdienste und Restaurantbesuche gedeckt.
Am Abend nahmen sie mich mit in eine Bar. Ich bekam ein schwarzes Kleid geliehen und wurde geschminkt. Mein eigenes Reiseoutfit wurde eher belächelt und nicht als repräsentativ für ihr Land angesehen. Offenbar wollten sie sich bewusst von traditionellen und konservativen Werten distanzieren.
In der Bar war alles laut, teuer und inszeniert. Eine bekannte Band spielte, Wein und Champagner wurden mit weißen Handschuhen serviert. Freunde und Bekannte kamen vorbei, viele mit eigenen Unternehmen oder wichtigen Positionen. Ich wurde vorgestellt, meine Reise wurde bestaunt, und noch am selben Abend wurde mir ein Presseinterview für den nächsten Tag organisiert.
Trotz all der Offenheit, der Großzügigkeit und der vielen Einladungen fühlte ich mich nicht ganz wohl. Ich hatte immer wieder das Gefühl, mich anpassen zu müssen, eine Rolle einzunehmen, die nicht ganz meine war. Als ginge es mehr darum, sich zu zeigen und darzustellen, als wirklich zu sein.
Insgesamt blieb ich drei Nächte.
Alle Mahlzeiten nahmen wir außer Haus zu uns – bis auf den letzten Abend. An diesem Tag kamen mehrere Köchinnen, um für die Familie und einige Gäste zu kochen. Zuvor wurde gemeinsam eingekauft, in einem großen, noblen Kaufhaus mit europäischen Preisen. Es wurde alles gekauft, was man sich vorstellen konnte: Lebensmittel, Gewürze, Küchengeräte, sogar ein Grill und eine große Tonform.
Zurück in der Wohnung wurde nichts von uns getragen – dafür gab es einen Service.
Die Köchinnen bereiteten ein mehrgängiges Menü zu. Es wurde gegessen, geredet, gelacht. Als der Abend vorbei war, sah die Küche aus wie ein Schlachtfeld. Essensreste, Geschirr, Pfannen – überall. Niemand schien sich daran zu stören. Ibrahim erklärte mir beiläufig, dass sich am nächsten Tag die Putzfrau darum kümmern würde. Sie komme ohnehin jeden Tag.
Obwohl ich problemlos länger hätte bleiben können, entschied ich mich, die letzte Nacht auf einem Campingplatz zu verbringen, um am nächsten Morgen früh weiterzufahren.
Zurück auf die Straße. Zurück in das Einfache.


