
Schon solange ich zurückdenken kann, hat mich das Reisen fasziniert. Fremde Länder, andere Kulturen, neue Begegnungen – all das hatte für mich immer eine besondere Anziehung. Nach dem Abitur fuhr ich mit dem Fahrrad nach Rom, später verbrachte ich ein Jahr in Israel, arbeitete dort in einem Kinderkrankenhaus und nutzte jede freie Gelegenheit, die Region zu bereisen.


Als ich danach wieder zurück in Deutschland war, merkte ich schnell, dass ich noch nicht angekommen war. Ich überbrückte die Zeit bis zum Medizinstudium mit einem Pflegepraktikum und Arbeit in der Intensivpflege – sinnvoll, ja, aber innerlich war da weiterhin der Wunsch, noch einmal aufzubrechen.
So entstand die Idee, erneut mit dem Fahrrad loszufahren.


Ursprünglich war Lissabon mein Ziel. Gleichzeitig wollte ich die Reise mit etwas verbinden, das über mich selbst hinausging, und entschied mich, Spenden für Ärzte ohne Grenzen zu sammeln. Es war ein Versuch, Bewegung nach außen mit einer Wirkung nach innen und außen zu verbinden.
Am 5. Mai 2019 startete ich schließlich in Göttingen.
Der Beginn war alles andere als leicht. Eisregen, kalte Nächte im Zelt, feuchte Kleidung, wenig Schlaf. Bereits nach wenigen Kilometern musste ich den Hinterreifen flicken, und morgens war mein Zelt von einer dünnen Eisschicht überzogen. Es war nicht das Bild, das ich von einem Aufbruch im Kopf gehabt hatte. Und doch waren es genau diese ersten Tage, in denen mir immer wieder Menschen halfen – mit einem warmen Tee, einem Schlafplatz oder einfach einer freundlichen Geste.



Diese Hilfe zog sich durch die gesamte Reise.
Mit jedem Kilometer wurde ich ruhiger. Der Alltag reduzierte sich auf das Wesentliche: trinken, essen, weiterfahren, einen Platz zum Schlafen finden. Viel mehr brauchte es nicht. Und gerade in dieser Reduktion lag eine besondere Form von Klarheit.
Nach einigen Wochen erreichte ich Lissabon. Ein Ziel, auf das ich lange hingearbeitet hatte – und doch fühlte es sich nicht wie ein Ende an. Ich hatte mich so sehr an das Unterwegssein gewöhnt, dass der Gedanke, einfach aufzuhören, nicht stimmig war. Also fuhr ich weiter, bis nach Tarifa, und setzte schließlich nach Marokko über.
Dort begann ein neuer Abschnitt der Reise. Die Eindrücke wurden intensiver, unmittelbarer. Ich bewegte mich langsamer durch das Land, hatte Zeit, genauer hinzusehen, Menschen kennenzulernen, nicht nur Orte zu durchqueren. Ich wurde eingeladen, aufgenommen, begleitet – oft ohne, dass ich etwas zurückgeben konnte außer meiner Zeit und meiner Aufmerksamkeit.


Gleichzeitig wurde mir in Marokko auch deutlicher als zuvor bewusst, wie groß die Unterschiede zwischen Lebensrealitäten sein können. Die Nähe zu Armut und einfachen Lebensverhältnissen ließ sich nicht ausblenden. Ich sah Kinder am Straßenrand, Menschen, die mit sehr wenig auskommen mussten, und immer wieder stellte sich die Frage, wie man damit umgeht, wenn man selbst einfach weiterfahren kann.
Diese Momente waren nicht einfach. Ich versuchte, kleine Dinge zu geben, wo es möglich war, und doch blieb oft das Gefühl, dass es nicht ausreicht. Dass ich Teil einer Situation war, die ich zwar sehen, aber nicht verändern konnte.
Und trotzdem überwog etwas anderes. Mit jedem Tag wuchs ein Gefühl von Dankbarkeit. Für die Begegnungen, für die Hilfsbereitschaft, für die Offenheit der Menschen. Während meine Geldbörse unterwegs immer leerer wurde, hatte ich gleichzeitig das Gefühl, innerlich reicher zu werden – an Erfahrungen, an Erinnerungen, an Momenten, die bleiben.
Ich erinnere mich an viele kleine Szenen, die sich eingebrannt haben. Menschen, die mich einfach so ansprachen, mir etwas zu essen gaben oder mir den Weg zeigten. Gesten, die oft nur wenige Sekunden dauerten, aber viel länger nachwirkten.

Das Reisen mit dem Fahrrad hat diese Erfahrungen intensiver gemacht. Man ist nicht abgeschirmt, kann sich nicht entziehen, ist Teil der Umgebung. Alles passiert unmittelbarer, direkter, manchmal auch ungefiltert.
Das ist nicht immer angenehm, aber genau darin liegt auch die Tiefe.
Als ich schließlich den Rückweg antrat, wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, was diese Reise bedeutete. Dass die Strecke, die ich gefahren war, nicht nur hinter mir lag, sondern zum großen Teil noch einmal vor mir. Mit Hitze, Anstrengung und der Herausforderung, die Energie über so lange Zeit aufrechtzuerhalten.
Die anfängliche Euphorie bekam dadurch eine neue Perspektive.
Und doch blieb der Wille weiterzufahren.
Am Ende standen fast 10.000 Kilometer. Viele Erlebnisse, viele Begegnungen, viele Gedanken – und keine einfache Antwort darauf, was diese Reise letztlich „bedeutet“. Vielleicht geht es darum auch gar nicht.
Vielleicht liegt der Wert nicht darin, alles zu verstehen oder ein klares Fazit zu ziehen, sondern darin, sich auf den Weg gemacht zu haben und sich darauf einzulassen, was unterwegs passiert.
Und vieles davon wirkt noch nach.

