Rückweg im Regen

Aufbruch Richtung Norden

So überwältigend Rom auch gewesen war, irgendwann musste ich mich wieder auf den Rückweg machen. Vor mir lagen noch einmal ungefähr 2000 Kilometer bis nach Hause und allein der Gedanke daran wirkte zunächst beinahe absurd. Gleichzeitig hatte ich aber längst gemerkt, dass sich mein Verhältnis zum Unterwegssein verändert hatte. Die vielen Stunden auf dem Fahrrad, die ständigen kleinen Herausforderungen und das Leben mit sehr wenig hatten irgendwann etwas Selbstverständliches bekommen.

Bevor ich Rom wieder verlassen konnte, musste ich allerdings erst meinen mittlerweile völlig außer Kontrolle geratenen Hunger stillen. Da mir einige Verwandte freundlicherweise noch etwas Geld geschickt hatten, gönnte ich mir in einem kleinen Restaurant erst eine Pizza und bestellte danach noch eine Portion Nudeln hinterher. Selbst danach war ich eigentlich noch nicht richtig satt, wollte den zunehmend irritiert wirkenden Kellner aber nicht endgültig überfordern.

Durch die glühende Toskana

Die Weiterfahrt durch die Toskana war landschaftlich wunderschön, gleichzeitig aber weiterhin unglaublich anstrengend. Die Hitze stand noch immer schwer über den Straßen und manchmal schien die Luft über dem Asphalt regelrecht zu flimmern. Trotzdem genoss ich viele dieser Etappen gerade wegen ihrer Einfachheit: morgens losfahren, treten, essen, schwitzen, weiterfahren und abends irgendwo erschöpft ankommen.

Unterwegs wurde ich weiterhin immer wieder gefragt, ob ich denn gar keine Angst hätte, so alleine zu reisen. Für viele Menschen schien eine solche Fahrradreise beinahe unvorstellbar zu sein. Natürlich war mir bewusst, dass ich gewisse Risiken einging, aber gleichzeitig hatte ich unterwegs gelernt, wie viel Sicherheit auch aus Vertrauen entstehen kann — Vertrauen in andere Menschen, aber auch in die eigenen Fähigkeiten.

Gerade das Alleinreisen machte die Erfahrungen für mich so intensiv. Entscheidungen mussten alleine getroffen werden, schwierige Situationen ebenso. Gleichzeitig lernte ich, wie wenig man eigentlich braucht, um zufrieden zu sein. Oft waren es die einfachsten Dinge, die unterwegs plötzlich große Bedeutung bekamen: trockene Kleidung, Schatten, ein freundliches Gespräch oder ein sicherer Platz zum Schlafen.

Über den Großglockner

Der Rückweg führte mich schließlich wieder Richtung Österreich und über den Großglockner. Auch dort kam es erneut zu diesen merkwürdig schönen Begegnungen, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Reise zogen.

Innerhalb weniger Stunden passierte es gleich zwei Mal, dass mir Menschen, mit denen ich mich nur kurz unterhalten hatte, beim Abschied einfach Geld in die Hand drückten, um meine Reise zu unterstützen. Diese Selbstverständlichkeit, mit der manche Menschen helfen, ohne irgendetwas zurückzuerwarten, hat mich unterwegs immer wieder tief berührt.

Ich entschied später, dieses Geld an das Deutsche Rote Kreuz zu spenden, für das ich kurze Zeit später meinen Freiwilligendienst in Jerusalem beginnen sollte. Irgendwie fühlte sich das richtig an, weil so vieles, was ich unterwegs erlebt hatte, ebenfalls mit Hilfsbereitschaft und Vertrauen zu tun hatte.

Sintflut statt Sommer

Ab Salzburg änderte sich die Reise dann schlagartig. Aus glühender Hitze wurde tagelanger Regen. Die letzten hunderte Kilometer fuhr ich beinahe dauerhaft durchnässt durch Deutschland. Mein Zelt war nass, der Schlafsack feucht und meine gesamte Ausrüstung roch irgendwann nach einer Mischung aus Regen, Schweiß und Abenteuer.

Trotzdem gehören gerade diese letzten Tage heute zu den Erinnerungen, die mir besonders warm geblieben sind. Vielleicht gerade deshalb, weil vieles nicht perfekt lief.

Immer wieder wurde ich irgendwo spontan aufgenommen: bei einem Friseur, einem ehemaligen Rennradprofi oder in einer etwas chaotischen Studenten-WG. Wieder waren es fremde Menschen, die dafür sorgten, dass die Reise nicht nur aus Kilometern bestand.

Was unterwegs bleibt

Als ich nach etwas über 4000 Kilometern schließlich wieder zuhause ankam, war ich erschöpft, sonnenverbrannt, aufgeweicht vom Regen und gleichzeitig erfüllt wie selten zuvor. Natürlich war ich froh, wieder anzukommen, aber gleichzeitig wusste ich schon damals sehr genau, dass diese Reise etwas in mir verändert hatte.

Unterwegs hatte ich gelernt, mich nicht ständig danach zu richten, was andere Menschen für möglich oder vernünftig halten. Ich hatte erfahren, dass körperliche und mentale Grenzen oft viel weiter entfernt liegen, als man zunächst glaubt und dass man mit Geduld, Beharrlichkeit und Vertrauen oft mehr schaffen kann, als man sich selbst zugetraut hätte.

Vor allem aber blieb mir etwas anderes in Erinnerung: die Menschen.

Die Familie in Tirol.
Der Mann mit den Bananen.
Der Rennradfahrer mit dem heißen Kakao.
Der Archäologe mitten in der Nacht in Rom.
All die kurzen Begegnungen, die eigentlich klein wirkten und trotzdem bis heute geblieben sind.

Rückblickend denke ich manchmal, dass es auf solchen Reisen irgendwann gar nicht mehr nur um das Ziel geht. Nicht um Rom, nicht um Kilometer oder Alpenpässe. Sondern darum, was unterwegs langsam aus einem selbst wird.

Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb mich das Reisen bis heute nicht mehr losgelassen hat.