Fische, Fallschirmsprung und Nächte am Strand
Flughafen statt Fußgängerzone
Nach unserem unerwarteten Abendessen in der Pizzeria machten wir uns auf den Weg zum nicht weit entfernten Strand, um uns endlich eine kurze Abkühlung im Roten Meer zu gönnen. Schon auf dem Weg dorthin mussten wir feststellen, dass sich die unglaublichen Geschichten, die Israelis über den Flughafen in Eilat erzählten, tatsächlich bewahrheiteten. Der Flughafen lag genau dort, wo man in anderen Städten eher eine Fußgängerzone oder ein Einkaufsviertel erwartet hätte. Mitten im Stadtzentrum trennte er die Wohnstadt von der Hotelzone, als hätte jemand eine Start- und Landebahn versehentlich in die Mitte des Ortes gelegt.
Noch während wir unserem Erstaunen über diesen absurden Stadtaufbau Ausdruck verliehen, standen wir bereits am weißen Sandstrand, mitten in der Stadt. Hinter uns befanden sich nicht nur der Flughafen, sondern auch zahlreiche Hotels, Restaurants und Straßen. Vor uns lag das ausgesprochen klare Wasser des Roten Meeres, und in diesem Moment konnte uns wirklich nichts mehr von einer Erfrischung abhalten.
Eilat war ein unglaublicher Ort, das wurde Lea und mir spätestens bewusst, als wir im Wasser standen und auf das offene Meer blickten. Links von uns lag die jordanische Grenze, nur wenige Gehminuten von unserem Strandplatz entfernt. Rechts sah man zunächst ein markantes Militärgebäude der israelischen Marine, und einige Kilometer weiter dahinter war bereits der ägyptische Küstenort Taba zu erkennen. Es erschien uns fast unwirklich, hier so friedlich im Wasser zu treiben und dem Meeresrauschen zu lauschen, während um uns herum die Grenzen mehrerer Länder lagen, deren Geschichte alles andere als friedlich war.
Aus unseren Gedanken wurden wir schlagartig gerissen, als plötzlich eine große Passagiermaschine unmittelbar über unsere Köpfe hinwegflog, um keine fünfhundert Meter entfernt zu landen. Einen annähernd so skurrilen Ort hatte ich bis dahin noch nie gesehen.
Schlafen an der ägyptischen Grenze
Als die Sonne merklich tiefer stand, entschieden wir uns, in Richtung der ägyptischen Grenze zu fahren. Dort gab es Riffe direkt am Strand, und außerdem war es erlaubt, am Meer zu übernachten. Ohne Probleme wurden wir beim Trampen mitgenommen und standen kurze Zeit später direkt am israelisch-ägyptischen Grenzübergang.
Vor Sonnenuntergang sprangen wir noch einmal mit unseren Taucherbrillen vom Steg ins fischreiche Wasser. Es war ein spektakulärer Anblick, all diese Meerestiere in unterschiedlichsten Farben und Größen zu beobachten. Manche Fische kamen ganz nah an uns heran, vermieden es aber konsequent, uns zu berühren. Andere bewegten sich nur in großen Schwärmen, als wären sie alle unsichtbar miteinander verbunden.
Als wir wieder aus dem Wasser kamen, war es bereits fast dunkel. Der Steg gehörte beinahe uns allein, nur eine französisch sprechende Familie aus Israel war noch dort. Während wir überlegten, wo genau wir am Strand schlafen wollten, schenkte uns die Mutter der Familie eine Tüte voller klebriger Bonbons und Sonnenblumenkerne. Bevor sie ging, gab sie mir außerdem ihre Telefonnummer, damit wir sie im Notfall um Hilfe bitten könnten.
Das war wieder eine dieser Begegnungen, die ich an Israel so zu schätzen gelernt hatte. Gerade auf dieser Reise hatte ich immer wieder das Gefühl, dass viele Menschen hier mit offenen Augen durch die Welt gingen und bereit waren, anderen ganz selbstverständlich zu helfen. Vielleicht hatte dieses Land durch all seine Krisen ein besonders tief verwurzeltes Gefühl von Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung entwickelt.
Begeistert vom klaren Sternenhimmel entschieden Lea und ich, in dieser Nacht nicht einmal das Zelt aufzuschlagen, sondern unsere Isomatten einfach unter freiem Himmel auszurollen.
Als wir aus allen Wolken fielen
Trotz des grandiosen Ortes war die Nacht kürzer und unerholsamer, als sie hätte sein sollen. Wegen der sonst drückenden Hitze hatten wir keine richtigen Schlafsäcke dabei, sondern nur dünne Laken. Sobald die Sonne verschwunden war, wurde die Luft schnell kühl, und ein leichter Wind kam auf. Doch allzu lange mussten wir ohnehin nicht frieren, denn kurz nach vier Uhr klingelte bereits der Wecker.
Müde und zitternd packten wir unsere Sachen zusammen. Ob wir vor Kälte oder vor Aufregung zitterten, konnte ich nicht mit letzter Gewissheit sagen. Von unserem Nachtplatz an der ägyptischen Grenze machten wir uns zu Fuß auf den Weg zum Flughafen, wo ich für Lea eine Überraschung organisiert hatte. Die Strecke hatten wir allerdings unterschätzt, und zu dieser frühen Stunde war kaum Verkehr unterwegs. Eine Aufstehzeit von 3.15 Uhr wäre vermutlich klüger gewesen.
Dann hatten wir doch noch Glück. Ein Taxifahrer hielt neben uns an und bot an, uns kostenlos ins Stadtzentrum mitzunehmen, da er gerade seine Schicht beendet hatte und ohnehin dorthin musste. Die kostenlose Fahrt in einem offiziellen Taxi kam uns wie ein Segen vor. Kurz darauf standen wir überpünktlich vor dem noch geschlossenen Flughafen.
In einem nahe gelegenen Kaufhaus hoben wir noch Geld ab und gingen ein letztes Mal auf die Toilette, während die Aufregung und Neugier langsam Besitz von uns ergriffen. Fallschirmspringen lautete das Projekt des Tages, und damit sollte ein weiterer Punkt auf meiner immer länger werdenden Liste abgehakt werden.
In der multimorbiden Maschine
Am Flughafen wurden wir von einem freundlichen, adrett lächelnden Amerikaner empfangen, der uns beim Hereinkommen sofort als seine Kunden erkannte und uns die schweren Rucksäcke abnahm. Nur mit unseren Reisepässen ausgestattet mussten wir uns noch der israelischen Sicherheitskontrolle unterziehen. Erst hieß es, die Kontrolle würde wegen meines Ägyptenvisums etwas länger dauern, doch als wir erklärten, dass wir zum Fallschirmspringen hier seien, war die Befragung quasi beendet.
Dann wurden wir auf das Rollfeld geführt, wo ein weiterer Amerikaner kam und uns die schweren Gurte anlegte, mit denen wir später an unseren Tandempartnern und am Fallschirm hängen würden. Etwas fraglich bis nervös standen wir herum und spekulierten darüber, aus welcher Maschine wir wohl springen würden. Nicht weit entfernt stand ein kleines Flugzeug, um das mehrere Leute diskutierend herumstanden und offenbar versuchten, irgendeine Reparatur vorzunehmen.
Kurz darauf erfuhren wir, dass unsere Maschine vom gleichen Typ sei und nur ein paar Meter weiter stand. Noch auf dem Weg dorthin fragte ich mich, ob es beruhigend war, dass Defekte immerhin erkannt und behoben wurden, oder ob es eher beunruhigend war, dass diese Flieger überhaupt so klapprig wirkten. Das Flugzeug, in das wir schließlich einstiegen, sah jedenfalls genauso multimorbide und marode aus wie das andere.
Vorne saß der Pilot in einem winzigen Cockpit. Wir zwängten uns mit unseren Tandempartnern in den kleinen Hinterraum, der mich von Größe und Aussehen an die Ladefläche eines alten VW erinnerte. Dann wurde der unglaublich laute Motor gestartet. Das Geräusch klang für mich wie ein Betonmischer, den jemand mit Kieselsteinen gefüllt hatte.
Lea saß am Fenster, ich an der Tür, die während des Anrollens noch offenstand. Kurz vor dem Abheben wurde sie dann doch noch zugezogen, der Lärm blieb derselbe. Eng aneinandergepfercht saßen wir in dem kleinen Flugzeugraum und sahen zu, wie Eilat unter uns immer kleiner wurde. Unter uns lag das tiefblaue Meer, kleine Boote waren deutlich zu erkennen, daneben die Hotels, die Wüste und die Grenzen nach Jordanien, Ägypten, zum Sinai und bis nach Saudi-Arabien. Das Land war klar und deutlich sichtbar, aber ein Gefühl für die Höhe hatten wir dort oben längst verloren.
Freier Fall über Eilat
Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten wir endlich die 3000-Meter-Marke erreicht. Mein Tandempartner zog meinen Gurt so fest, dass ich mich kaum noch bewegen konnte. Dann wurde die kleine lukenartige Tür geöffnet.
Gemeinsam krabbelten wir zum Ausgang. Ich erhaschte einen kurzen Blick nach unten in die Tiefe, und im nächsten Moment befanden wir uns schon im freien Fall.
Die kühle Luft schlug mir entgegen und ließ mich erst begreifen, wie hoch wir waren. Ich hatte mir den Absprung immer wie eine Achterbahnfahrt vorgestellt, als würde man wild hin und her geschleudert, ohne Kontrolle. Aber es war ganz anders. Es fühlte sich an, als würde man auf einem Luftkissen liegen. Sicher, faszinierend und vollkommen unwirklich.
Es war unvorstellbar, dass man mit 200 Kilometern pro Stunde einfach dahinsegeln konnte. Die dreißig Sekunden im freien Fall vergingen wie im Flug. Dann ruckte es plötzlich, und ich wurde von der kopfabwärts gerichteten Position in die Senkrechte gerissen. Mit immer noch beachtlicher Geschwindigkeit kreisten wir über dem Meer. Ich konnte kaum realisieren, was gerade geschah.
Noch bevor ich langsam den Boden näherkommen sah, war ich überzeugt, dass dies nicht mein letzter Sprung aus einem Flugzeug bleiben würde.
Wir landeten sanft sitzend auf dem sandigen Boden und wurden von einem bereitstehenden Jeep zurück zum Flughafen gebracht. Dort holten wir unser Gepäck ab und bedankten uns noch einmal herzlich für dieses unvergessliche Erlebnis.
Wodka statt Frühstück
Völlig perplex über den Sprung liefen wir anschließend zum Stadtstrand, um uns kurz zu erfrischen und über den weiteren Tagesverlauf zu entscheiden. Es war noch nicht einmal acht Uhr, trotzdem waren erstaunlich viele Menschen am Strand. Ich sprang mit meiner Kleidung geradeaus ins Wasser, während Lea noch nach ihrem Bikini kramte.
Wir blieben lange im erfrischenden, aber keineswegs kalten Wasser und tauschten unsere Eindrücke aus. Lea erzählte, sie sei vor der Landung mit geöffnetem Schirm noch ein Stück in den jordanischen Luftraum getrudelt. Mich überraschte sehr, dass das offenbar einfach so möglich war, ohne abgeschossen zu werden.
Als wir wieder aus dem Wasser kamen, stand ich in meiner nassen Kleidung am Strand, was bei diesen Temperaturen für mich kein Problem war. Der Mann auf der Liege neben uns sah das anders und bot mir ein weißes Handtuch an, das ziemlich eindeutig aus einem Hotel stammte. Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte uns, dass er Trompete in der Band von Omer Adam spielte und an diesem Abend in Eilat auftreten würde.
Dann fragte er, ob wir etwas trinken wollten. Dankbar nickten wir, denn wir hatten noch nicht gefrühstückt und erinnerten uns an den Rat unseres Tandemguides, nach all der Aufregung etwas Zuckerhaltiges zu uns zu nehmen. Der Trompetenspieler meinte allerdings etwas anderes. Zu unserem Entsetzen zog er eine volle Wodkaflasche aus seiner Tasche und schenkte uns jeweils einen Plastikbecher ein, bevor wir es verhindern konnten.
Vorsichtig nippte ich daran. Es brannte auf den Lippen. Offenbar sah man mir meinen Widerwillen an, denn er reichte uns noch einen Energydrink zum Mischen. Um die Sache möglichst schnell zu beenden, ohne das Gesicht zu verlieren, kippte ich das Gemisch zügig herunter. Lea drückte mir mit sehr eindringlichem Blick ihren Becher in die Hand, mit der eindeutigen Botschaft, dass ich ihn bitte für sie trinken sollte.
Ich nahm noch einen Schluck, bereute es aber sofort, denn der Musiker deutete das als Zeichen, uns noch mehr einzuschenken. Für Lea und mich war es unbegreiflich, für ihn offenbar völlig normal, um diese Uhrzeit Wodka am Strand zu trinken.
Damit die Begegnung nicht in einer Katastrophe endete, erklärten wir unsere Lage. Als er hörte, dass wir noch nichts gegessen hatten, bestellte er uns eine große israelische Humusplatte an den Strand und zahlte sogar den Aufpreis, damit wir eine der Liegen benutzen durften. Hastig und dankbar aßen wir frisches Brot, Falafel, Soßen und Salate. Nachdem wir fertig waren, bot er an, noch mehr Essen zu beschaffen, und kommentierte meine Essweise als sehr israelisch. Ich nahm das als Kompliment.
Delfine am Schnorchelstrand
Später trampten wir weiter zu einem Schnorchelstrand, schließlich war das der eigentliche Grund, weshalb wir nach Eilat gekommen waren. Nach einer kurzen Schnorcheltour lagen wir nur noch schläfrig am Strand. Ob das frühe Aufstehen, der Fallschirmsprung oder der Wodka vor dem Frühstück dafür verantwortlich waren, ließ sich nicht eindeutig feststellen.
Plötzlich wurden wir aus unserem Halbschlaf gerissen, als eine kleine Gruppe freilebender Delfine in der Bucht auftauchte. Damit hatten wir beide nicht gerechnet. Für einen Moment lagen sie ganz ruhig im Wasser, bewegten sich durch die Schnorchelbucht und wirkten dabei beinahe unwirklich friedlich.
Einige Badegäste schwammen sofort zu ihnen hinaus, wodurch die Tiere schnell vertrieben wurden. Ich hätte sie gerne noch viel länger beobachtet.
Nächte am Roten Meer
Auch die zweite Nacht in Eilat verbrachten wir am Strand, diesmal allerdings im Zelt. Wieder beschlossen wir, früh aufzustehen, um den Sonnenaufgang zu sehen und im ersten Licht schnorcheln zu gehen. Einer Mitfahrbekanntschaft zufolge sei dies die beste Uhrzeit, um die vielen Meerestiere zu beobachten. Dieser Tipp erwies sich als richtig.
Am Morgen sahen wir winzige Fischschwärme und einzelne Tiere, die über einen Meter lang und recht breit gebaut waren. Wir konnten beobachten, wie Fische auf Nahrungssuche waren, und hörten sogar das Abbeißen mancher Tiere von den Korallen. Ein kleiner türkis-grüner Fisch wurde direkt vor meinen Augen von einem nur geringfügig größeren Fisch in einem einzigen Bissen verschlungen.
Leider waren auch hier viele Korallen am Absterben und mehr grau-braun als farbenfroh. Trotzdem war das frühe Schnorcheln im klaren Wasser des Roten Meeres einer dieser Momente, die sich tief in die Erinnerung einbrennen.
Rückfahrt mit Bob Marley
Nach unserem morgendlichen Tauchausflug entschieden wir uns, zurück Richtung Jerusalem zu trampen. Es war Schabbat, daher rechneten wir mit weniger Verkehr, doch zu unserer Freude wurden wir recht schnell mitgenommen.
In einem Auto lief laut Bob Marley, während ich mich durchgehend mit dem Fahrer unterhielt. Er hieß Noam, war jüdisch, aber nicht besonders religiös, und erzählte von seinen Söhnen, die gerade ihren dreijährigen Militärdienst leisteten. Er befürwortete diese Zeit, einerseits für die persönliche Entwicklung junger Menschen, andererseits für die Existenz des jüdischen Staates.
Gleichzeitig wirkte es auf mich paradox, wie abwertend er zwischendurch über die arabische Bevölkerung sprach, während er selbst gerade aus einem ägyptischen Casino zurückkam, wo er seine freien Tage verbracht hatte.
Lea schlief währenddessen tief und fest auf der Rückbank. Noam bemerkte amüsiert, wie viel Vertrauen sie offenbar in die Situation und den Fahrer habe, wenn sie sofort in einem fremden Auto einschlafen könne. Ich erklärte ihm, dass dies weder an Vertrauen noch an besonderer Entspanntheit liege. Erstens sei ich die Reiseleitung und damit für das Aufpassen zuständig, und zweitens sei Lea einfach so müde, dass Einschlafen oder Wachbleiben längst nicht mehr in ihrer Kontrolle lag.
Das amüsierte ihn, und er bot uns zwei Dosen Energydrink an, die bei ihm überall im Fußraum herumflogen. Ich konnte schon damals nicht nachvollziehen, weshalb so viele Menschen dieses ekelhafte Gesöff aus Aromen, Koffein, Zucker und Farbstoffen literweise in sich hineinkippen konnten.
Nach zwei Stunden mussten wir wieder aussteigen. Während ich noch quietschfidel war, war Lea nur noch ein Häuflein Elend. Ich hoffte innigst, dass bald wieder ein Auto für uns halten würde, um einen Hitzekollaps zu vermeiden. Wir hatten Glück und waren gegen Mittag wieder auf Höhe von Jerusalem. Da wir offenbar noch nicht genug erlebt hatten, beschlossen wir, den Tag direkt weiter zu nutzen und noch einen Abstecher nach Jericho zu machen.
