Austausch statt Isolation

Zwischen Schwarztee, Smog und politischen Widersprüchen

Im Oktober 2016 nahm ich gemeinsam mit fünf weiteren Schülerinnen an einem zweiwöchigen Schüleraustausch mit der Islamischen Republik Iran teil. Organisiert wurde das Projekt von Hartmut Niemann und gefördert vom Pädagogischen Austauschdienst. Für mich war diese Reise weit mehr als ein gewöhnlicher Schüleraustausch. Schon während der Vorbereitungszeit begann ich, mich intensiv mit der Geschichte und den politischen Entwicklungen des Landes auseinanderzusetzen, denn schnell wurde mir klar, dass man die heutige Situation des Iran kaum verstehen kann, ohne die Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte mitzudenken.

Natürlich reiste ich nicht unvoreingenommen in dieses Land. Ich kannte die Berichte über Menschenrechtsverletzungen, politische Unterdrückung und hohe Hinrichtungszahlen. Mir waren die Äußerungen iranischer Politiker gegenüber Israel ebenso bewusst wie die schwierige Situation von Frauen, Oppositionellen oder Homosexuellen im Land. Gerade deshalb stellte sich immer wieder die Frage, ob ein Austausch mit einem solchen Staat überhaupt moralisch vertretbar sei.

Und dennoch erschien mir genau dieser Austausch wichtig.

Denn politische Systeme und die Menschen, die innerhalb dieser Systeme leben, sind nicht dasselbe.


Eine zweite Familie in Teheran

Während unseres Aufenthalts lebten jeweils zwei deutsche Schülerinnen bei einer iranischen Gastfamilie. Die Familien gehörten Lehrkräften der Gastschule, wodurch wir sehr eng in ihren Alltag eingebunden wurden.

Was mich vom ersten Tag an beeindruckte, war die überwältigende Gastfreundschaft. Sobald wir nach Hause kamen, standen schwarzer Tee, frisches Obst und riesige Mengen Essen bereit. Gegessen wurde oft gemeinsam auf Teppichen sitzend, meist begleitet von Gesprächen, Musik und großem Interesse an unserem Leben in Deutschland.

Überhaupt schien sich vieles im Privaten anders anzufühlen als das offizielle Bild des Landes, das man aus Nachrichten kannte. Die strengen religiösen Regeln prägten zwar das öffentliche Leben sichtbar, innerhalb der Familien wurde damit jedoch oft erstaunlich unterschiedlich umgegangen. Manche legten großen Wert auf religiöse Vorschriften, andere wirkten deutlich liberaler. Selbst innerhalb einer Familie existierten völlig verschiedene Vorstellungen davon, wie man leben wollte.

Gerade diese Widersprüche machten den Aufenthalt so spannend.


Zwischen Bildungsministerium und Basar

Ein besonderer Programmpunkt war ein offizieller Empfang im iranischen Bildungsministerium. Dort wurden wir gebeten, über die Bedeutung des Austauschprojektes zu sprechen. Wir erklärten, wie wichtig Begegnungen zwischen jungen Menschen seien, um Vorurteile abzubauen und gegenseitiges Verständnis zu fördern.

Während wir darüber redeten, blickten die iranischen Revolutionsführer streng von ihren Portraits an den Wänden auf uns herab. Diese Szenerie wirkte gleichzeitig absurd, einschüchternd und irgendwie symbolisch für den gesamten Aufenthalt: Offenheit und Kontrolle existierten ständig nebeneinander.

Neben offiziellen Terminen besuchten wir Moscheen, Paläste und traditionelle Basare. Besonders eindrücklich erinnere ich mich an die Gerüche auf den Märkten: Safran, Curry, Zimt, Granatäpfel, Datteln und unzählige Gewürze, deren Namen ich teilweise nicht einmal kannte. Dazu kamen kunstvoll gefertigte Stoffe, Teppiche und Keramiken, die überall verkauft wurden.

Teheran selbst wirkte auf mich riesig, laut und widersprüchlich. Vom Milad-Tower aus blickten wir über die Millionenstadt, die oft unter einer gelb-grauen Smogschicht verschwand, aus der nur einzelne Hochhäuser und Berge herausragten.


Hochgebirge und Wüste

Zu den eindrücklichsten Erlebnissen gehörte ein gemeinsamer Ausflug mit den Gastfamilien ins Tochal-Gebirge. Mit einer langen Gondelbahn fuhren wir bis in große Höhen hinauf, wo plötzlich Schnee, dünne Luft und eisige Temperaturen herrschten – nur kurze Zeit nachdem wir noch im heißen Teheran unterwegs gewesen waren.

Von dort oben blickten wir auf die Stadt hinunter, die unter einer dichten Smogdecke lag. Besonders der Sonnenuntergang über den Bergen blieb mir lange im Gedächtnis.

Ein völliger Kontrast dazu war später der Ausflug in die Wüste. Schon die Autofahrt dorthin fühlte sich wie ein Abenteuer an. Der iranische Straßenverkehr wirkte auf uns vollkommen chaotisch. Geschwindigkeitsbegrenzungen schienen eher Vorschläge zu sein und das dauerhafte Fahren mit Warnblinkern gehörte offenbar zum normalen Straßenbild.

Dafür war die Nacht in der Wüste beinahe surreal ruhig. Fernab von Smog und Großstadt sahen wir erstmals den klaren Sternenhimmel über Iran.


Reisen verändert den Blick

Rückblickend bleibt für mich vor allem die Erkenntnis, wie wichtig persönliche Begegnungen sind – gerade mit Ländern, die politisch isoliert erscheinen oder fast ausschließlich über Konflikte wahrgenommen werden.

Der Austausch hat meine politischen Fragen nicht gelöst. Im Gegenteil: Viele Widersprüche blieben bestehen oder wurden sogar deutlicher. Doch genau deshalb war die Reise so wertvoll.

Denn zwischen offizieller Politik, religiösen Vorschriften, Gastfreundschaft, Kontrolle, Offenheit und gesellschaftlichen Spannungen entstand ein viel komplexeres Bild des Landes, als es Nachrichten jemals hätten vermitteln können.

Vor allem aber wurde mir bewusst, dass gegenseitiges Verständnis fast immer mit persönlicher Begegnung beginnt.

Oder wie ich damals begann zu denken:

Es gibt keine Freundschaften zwischen Staaten, sondern nur zwischen Menschen.