Vom klimatisierten Flieger in die backofenähnliche Hitze
Als Lea nach ihrer Einreise aus dem klimatisierten Flughafengebäude von Tel Aviv ins Freie trat, trafen sie die Temperaturen wie ein Schlag. Bei gerade einmal zwölf Grad war sie in Deutschland in den Flieger gestiegen, hier vor Ort war es mehr als dreimal so warm. Lea beschrieb das Gefühl beim Verlassen des Flughafens später wie das Hereinspazieren in einen Backofen.
Umso größer war die Erleichterung, als wir kurze Zeit später am Stadtstrand von Tel Aviv saßen und uns die langersehnte Abkühlung im Mittelmeer gönnten. Hinter uns ragten die modernen Hochhäuser der Stadt bis in den Himmel, während vor uns die hellblaue Wasseroberfläche in der leichten Brise schimmerte. Das Rauschen der Wellen vermischte sich mit dem Verkehrslärm der Schnellstraße hinter dem Strand, doch davon nahmen wir in diesem Moment kaum Notiz. Nach Monaten des Wartens lagen wir uns endlich wieder in den Armen und beschlossen, die ersten gemeinsamen Stunden einfach am Meer zu verbringen.
Später schlenderten wir langsam entlang der Uferpromenade Richtung Old Jaffa. Zwischen engen Gassen, alten Steinmauern und kleinen Restaurants bekam Lea ihren ersten Eindruck von Israel. Noch bevor wir Jerusalem erreichten, lernte sie bereits das israelische Nationalgericht kennen: Pita mit Falafel, Humus und Sesamsoße. Während wir am Strand saßen und die Sonne langsam im Meer versank, begann unsere gemeinsame Reise durch das Land.
Durch die verwinkelten Gassen Jerusalems
Schon am nächsten Morgen machten wir uns früh auf den Weg durch Jerusalem. Nach einer ruhigen Straßenbahnfahrt liefen wir durch die noch vergleichsweise leere Altstadt. Die Stimmung änderte sich jedoch schnell.
Die von einer zwölf Meter hohen und vier Kilometer langen Stadtmauer umgebene Altstadt war mittlerweile voller Menschen: Händler, Touristen, Gläubige und Einheimische drängten sich durch die engen Gassen. Nach der vorherigen Stille wirkte alles beinahe wie eine Reizüberflutung. Immer wieder andere Gerüche, Stimmen in den unterschiedlichsten Sprachen und das laute Rufen der Verkäufer, die ihre Waren anpriesen. Das Sonnenlicht fiel nur selten zwischen die hohen Hauswände der verwinkelten Straßen. Trotzdem hatte man ständig das Gefühl, dass hier nahezu jeder Stein mehr Geschichten erzählen könnte, als man selbst je erleben wird.
Zwischen all dem Gedränge bahnten wir uns unseren Weg zur Klagemauer. Männer in schwarzen Mänteln, mit Hüten, Bärten und langen Schläfenlocken standen dort dicht an dicht vor den alten Steinen und beteten. Frauen in langen Röcken und mit bedecktem Kopf beteten auf der anderen Seite der Absperrung. Auf den ersten Blick schien alles gleich auszusehen, doch schnell lernten wir, dass selbst die Kombination aus Hut, Strümpfen, Bart und Schläfenlocken erkennen ließ, welcher religiösen Strömung jemand angehörte.
Soldaten, Sirenen und angespannte Normalität
Während wir weiter durch die Altstadt liefen, begegneten uns überall bewaffnete Soldaten und Polizisten. Viele standen in Gruppen an Straßenecken oder Kontrollpunkten, mit Maschinengewehren, schusssicheren Westen und jederzeit einsatzbereit.
Für mich war dieser Anblick nach den vergangenen Monaten längst Teil des Alltags geworden. Für Lea hingegen wirkte diese permanente Präsenz schwer bewaffneter Sicherheitskräfte befremdlich. Sie vermittelten nicht unbedingt Sicherheit, sondern erinnerten vielmehr ständig daran, wie angespannt die Lage hinter der scheinbar friedlichen Atmosphäre der Stadt tatsächlich war.
Gerade diese Gegensätze prägten Jerusalem überall gleichzeitig: religiöse Ruhe neben politischer Spannung, jahrtausendealte Geschichte neben schwer bewaffneten Soldaten, heilige Orte neben hektischem Großstadtalltag.
Ein berauschendes Fest für die Sinne
Von der Altstadt aus liefen wir später weiter Richtung Neustadt und tauchten in das hektische Treiben des Souks ein.
Der orientalische Basar wirkte wie eine völlig eigene Welt. Zwischen Gewürzständen, Bergen aus Obst und Gemüse, arabischer Damenmode und goldglänzenden Schmuckläden reihten sich kleine Geschäfte dicht an dicht. In Metzgereien hingen halbe Ziegenkörper oder Rinderköpfe hinter Glasscheiben, daneben duftete es aus kleinen Bäckereien nach frischem Gebäck und süßen Teigwaren. Verkäufer drückten uns ungefragt Kostproben in die Hand oder versuchten uns lautstark in ihre Läden zu locken.
Wir ließen uns einfach treiben, ohne wirklich zu wissen wohin. Mal roch es nach Gewürzen und frischem Brot, wenige Schritte weiter nach Staub, Fleisch und heißem Asphalt. Überall bewegten sich Menschenmengen durch die engen Gassen. Dieser Souk-Bummel war kein gewöhnlicher Stadtspaziergang, sondern vielmehr ein beinahe überwältigendes Fest für die Sinne.
Später musste ich zurück ins Krankenhaus zur Arbeit, während Lea noch weiter durch das bunte Treiben der Stadt zog und begann, Jerusalem Stück für Stück selbst zu entdecken.
