Zwischen Jugendgipfeln, Politik und der Frage, wie viel Mitbestimmung wirklich gewollt ist
Mit 18 Jahren begann ich mich zunehmend intensiver für internationale Beziehungen, Geschichte und politische Verantwortung zu interessieren. Prägend dafür waren nicht nur der Schulunterricht oder Nachrichten, sondern vor allem Begegnungen und Reisen. Während meines Auslandsjahres in Irland, bei Aufenthalten in Frankreich und auf verschiedenen Jugendbegegnungen wurde mir immer deutlicher bewusst, wie wenig selbstverständlich Frieden, Demokratie und internationale Verständigung eigentlich sind.
Besonders eindrücklich erinnere ich mich an meine Fahrradreise in die Normandie. Vom ehemaligen Eisernen Vorhang aus führte mich die Strecke entlang von Soldatenfriedhöfen zweier Weltkriege bis an die Küste des D-Days. Dort wurde mir auf bedrückende Weise klar, dass die heutige Freundschaft zwischen ehemaligen Feinden keineswegs selbstverständlich ist, sondern etwas Fragiles und Wertvolles darstellt, das immer wieder neu gepflegt werden muss.
Auch ein Schüleraustausch nach Belarus, dem oft als „letzte Diktatur Europas“ bezeichneten Staat, hinterließ bleibenden Eindruck. Dort wurde mir erstmals unmittelbar bewusst, welchen Wert Demokratie, Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit eigentlich besitzen – Dinge, die in Mitteleuropa oft so selbstverständlich wirken, dass man sie kaum noch wahrnimmt.
All diese Erfahrungen führten letztlich dazu, dass ich mich verstärkt politisch engagieren wollte.
Von Göttingen nach Tokio
Durch meine ehrenamtliche Arbeit wurde ich auf Ausschreibungen des Deutschen Bundesjugendrings aufmerksam und bewarb mich schließlich sowohl für den G7-Jugendgipfel in Japan als auch für das European Youth Event im Europäischen Parlament in Straßburg.
Beide Bewerbungsverfahren bestanden aus umfangreichen schriftlichen Bewerbungen und Fragebögen. Umso größer war die Freude, als ich tatsächlich Zusagen für beide Veranstaltungen erhielt.
Besonders die Vorbereitung auf den G7-Jugendgipfel nahm viel Zeit in Anspruch. Gemeinsam mit den anderen Teilnehmern der deutschen Delegation arbeiteten wir uns in Themen wie Klimawandel, Bildung, Geschlechtergerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung ein. Stundenlange Telefonkonferenzen, Diskussionen und gegenseitige Vorträge gehörten plötzlich zum Alltag.
Das Ziel war eigentlich ambitioniert: Jugendliche aus den G7-Staaten sollten gemeinsam Forderungen und Empfehlungen an die Regierungschefs erarbeiten, die wenige Wochen später selbst in Japan zum eigentlichen G7-Gipfel zusammenkommen würden.
Perfekte Organisation, wenig Mitbestimmung
Japan präsentierte sich während des Gipfels als beeindruckender Gastgeber. Alles war hervorragend organisiert, höflich, strukturiert und bis ins Detail durchgeplant. Wir wurden durch Tempelanlagen geführt, probierten unzählige Gerichte der japanischen Küche und lebten zeitweise sogar bei Gastfamilien, was für mich zu den schönsten Erfahrungen der Reise gehörte.
Gleichzeitig entstand jedoch zunehmend das Gefühl, dass unsere eigentliche politische Beteiligung eher symbolischen Charakter hatte.
Die Arbeitsphasen in den Expertengruppen blieben oft überraschend oberflächlich und kurz. Besonders frustrierend war für viele von uns, dass das von den Delegationen gemeinsam erarbeitete Abschlussdokument nachträglich noch von Betreuern und Regierungsmitarbeitern überarbeitet wurde – ohne Rücksprache mit uns Jugendlichen.
Als wir das fertige Dokument schließlich symbolisch dem japanischen Premierminister Shinzo Abe überreichten, wurde endgültig deutlich, wie begrenzt unser tatsächlicher Einfluss war. Jede Delegation durfte eine kurze Rede halten, danach war die Begegnung praktisch beendet. Ein wirklicher Austausch fand nicht statt.
Spätestens dort entstand bei vielen von uns der Eindruck, dass Jugenddelegationen zwar gern gezeigt werden, echte Mitsprache aber deutlich komplizierter ist.
Begegnung statt Bühne
Trotz aller Kritik blieb die Reise für mich unglaublich wertvoll.
Denn die eigentlichen Gespräche fanden ohnehin oft abseits der offiziellen Programmpunkte statt: nachts mit anderen Delegationsteilnehmern, in Gastfamilien, auf Busfahrten oder beim gemeinsamen Essen. Dort wurde offen diskutiert, gestritten und gelacht – über Politik, Zukunftsängste, Klimawandel, kulturelle Unterschiede und darüber, wie unterschiedlich Demokratie weltweit verstanden wird.
Gerade dadurch wurde mir bewusst, wie wichtig direkter Austausch zwischen jungen Menschen ist. Nicht Regierungen schließen letztlich Frieden, sondern Menschen begegnen einander.
Oder wie ich damals begann zu denken:
Es gibt keine Freundschaften zwischen Staaten, sondern nur zwischen Menschen.
Straßburg: reingekommen – rausgeflogen
Nur wenige Wochen nach meiner Rückkehr aus Japan fuhr ich weiter nach Straßburg zum European Youth Event im Europäischen Parlament. Dort trafen sich tausende Jugendliche aus ganz Europa, um gemeinsam an Diskussionen und Workshops teilzunehmen.
Die Stimmung war deutlich offener, spontaner und politischer als in Japan.
Gemeinsam mit einem anderen Teilnehmer aus Deutschland entschied ich mich während der Abschlussveranstaltung zu einer spontanen Protestaktion gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP. Von einer Empore im Plenarsaal ließen wir ein selbstgebasteltes „Stop TTIP“-Banner herab.
Während einige der Anwesenden applaudierten, reagierten die Sicherheitskräfte deutlich weniger begeistert. Nach kurzer Diskussion wurden wir aus dem Saal geführt, befragt und schließlich aus dem Gebäude begleitet.
Konsequenzen gab es letztlich keine, trotzdem blieb die Situation irgendwie absurd: Gerade auf einer Veranstaltung über Jugendbeteiligung und politische Mitgestaltung endete politischer Protest ziemlich schnell vor der Tür.
Was geblieben ist
Heute wirken viele dieser Erlebnisse schon weit entfernt, und manches erscheint im Rückblick vielleicht etwas idealistisch oder ungeschliffen. Trotzdem gehören genau diese Erfahrungen zu den Dingen, die meinen Blick auf Politik, Reisen und internationale Begegnungen nachhaltig geprägt haben.
Nicht wegen großer diplomatischer Erfolge oder spektakulärer Gipfeltreffen, sondern wegen der vielen Gespräche mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, den Widersprüchen zwischen Anspruch und Realität und der Erkenntnis, wie wichtig es ist, sich trotz aller Frustrationen weiter einzumischen.
Denn Veränderungen entstehen selten plötzlich oder von oben herab. Oft beginnen sie mit Begegnungen, Diskussionen und der Bereitschaft, sich überhaupt füreinander zu interessieren.
