Rom will erobert werden

Ankunft in Venedig

Nach über 1500 Kilometern erreichte ich schließlich Venedig. Schon die letzten Kilometer in Richtung Lagune fühlten sich unwirklich an. Plötzlich war da diese berühmte Stadt, die ich bisher nur von Bildern kannte, und ich schob nun mein voll bepacktes Fahrrad durch enge Gassen, über kleine Brücken und vorbei an endlosen Touristenströmen.

Um zu meinem Hostel zu gelangen, musste ich das Fahrrad mitsamt Gepäck immer wieder über Treppen tragen und durch dichtes Gedränge manövrieren. Als ich endlich ankam und zum ersten Mal richtig durchatmen konnte, machte sich eine unglaubliche Erleichterung breit. Gleichzeitig war da aber auch Euphorie. Ich hatte es tatsächlich bis nach Italien geschafft.

In meinem Hostel mit Blick aufs Wasser traf ich Jugendliche aus den unterschiedlichsten Ländern und verbrachte die folgenden Tage damit, durch die Stadt zu laufen, kleine Gassen zu erkunden und einfach die besondere Atmosphäre Venedigs auf mich wirken zu lassen. Besonders fasziniert hat mich der Kontrast zwischen den prunkvollen Gebäuden und Plätzen auf der einen Seite und den teilweise verfallenen, morschen Häusern direkt am Wasser auf der anderen. Überall roch es nach Meer, warmem Stein und manchmal auch leicht modrigem Wasser. Trotzdem hatte die Stadt etwas vollkommen Einzigartiges.

Die Reise wird länger

Eigentlich hätte die Reise dort enden sollen. Genau so hatte ich es ursprünglich geplant. Doch je länger ich in Venedig blieb, desto stärker wurde das Gefühl, noch weiterfahren zu wollen. Ich fühlte mich unterwegs inzwischen vollkommen zuhause und der Gedanke, jetzt schon umzukehren, erschien mir plötzlich beinahe falsch.

Also traf ich irgendwann spontan die Entscheidung, weiter bis nach Rom zu fahren.

Im Nachhinein war das vermutlich einer der verrücktesten, aber auch schönsten Entschlüsse der gesamten Reise. Aus einigen hundert zusätzlichen Kilometern wurden plötzlich noch einmal über tausend.

45 Grad Richtung Süden

Die folgenden Etappen Richtung Rom gehörten zu den anstrengendsten Erfahrungen, die ich bis dahin jemals gemacht hatte. Teilweise fuhr ich über 200 Kilometer pro Tag bei Temperaturen von weit über 40 Grad. Die Hitze lag wie eine Wand über den Straßen und selbst der Fahrtwind brachte kaum Abkühlung.

Mein täglicher Wasserverbrauch lag irgendwann bei deutlich über zehn Litern und trotzdem hatte ich permanent Durst. Meine Kleidung war vom Schweiß ausgeblichen, die Silberkette um meinen Hals verfärbte sich schwarz und selbst kleine Bewegungen kosteten irgendwann Kraft. Trotzdem entwickelte diese völlige körperliche Erschöpfung irgendwann auch etwas fast Meditatives. Man denkt unterwegs kaum noch an irgendetwas anderes außer an die nächste Wasserquelle, den nächsten Schatten oder die nächsten zehn Kilometer.

Die Landschaft der Toskana war dabei gleichzeitig wunderschön und gnadenlos. Endlose Hügel, staubige Straßen, flirrende Luft und kleine Dörfer auf Anhöhen, die niemals näherzukommen schienen.

Ankunft im nächtlichen Rom

Als ich schließlich spät abends Rom erreichte, war ich vollkommen erschöpft, aber gleichzeitig völlig überwältigt. Die Stadt war heiß, laut, staubig und voller Menschen. Trotzdem fuhr ich zunächst direkt zum Kolosseum, einfach weil ich diesen Moment unbedingt erleben wollte.

Mitten in der Nacht stand ich plötzlich dort, nach all den Kilometern, und konnte kaum glauben, dass ich wirklich angekommen war. Wahrscheinlich war genau das einer der intensivsten Momente der gesamten Reise.

Der euphorische Ankunftsrausch hielt allerdings nur so lange an, bis ich wenig später vor meinem Hostel stand und feststellen musste, dass dort alles dunkel und verschlossen war. Von der angekündigten 24-Stunden-Rezeption war weit und breit nichts zu sehen.

Nach einigen Minuten zwischen Müdigkeit, Frust und Ratlosigkeit beschloss ich schließlich, die verbleibende Nacht einfach in einem durchgehend geöffneten Imbiss zu verbringen.

Hilfe in der Nacht

Während ich dort etwas erschöpft an einer Pizza Margarita saß, kam ich mit einem jungen Mann und seiner Schwester ins Gespräch. Die beiden konnten Französisch sprechen und fragten neugierig nach meiner Reise. Als ich ihnen erklärte, dass ich gerade mit dem Fahrrad aus Deutschland angekommen war und nun keine Unterkunft hatte, bot mir der Mann völlig selbstverständlich an, bei ihm zu übernachten.

Noch bevor ich richtig darüber nachdenken konnte, saß ich wenig später mit den beiden auf dem Weg zu seiner winzigen Wohnung mitten in Rom. Wahrscheinlich war ich inzwischen viel zu müde, um die Situation überhaupt noch richtig einordnen zu können. Ich erinnere mich nur noch daran, wie schnell ich meine Pizza aufgegessen habe, weil die Aussicht auf etwas Schlaf plötzlich wichtiger war als alles andere.

Die Wohnung war klein, chaotisch und vollkommen überhitzt, aber in dieser Nacht erschien sie mir wie ein Luxus-Hotel. Ich rollte meine Isomatte aus und schlief praktisch sofort ein.

Rom bei glühender Hitze

Die darauffolgenden Tage verbrachte ich damit, Rom zu erkunden und mich etwas zu erholen. Die Stadt fühlte sich an wie ein einziges riesiges Freilichtmuseum. Überall stieß man auf antike Bauwerke, riesige Plätze, Kirchen oder Ruinen. Gleichzeitig herrschte ein unglaubliches Chaos aus Hitze, Verkehr und Menschenmassen.

Besonders dankbar war ich irgendwann für ganz banale Dinge: eine funktionierende Waschmaschine, Schatten oder kaltes Wasser.

Trotz aller Erschöpfung hatte ich in Rom erstmals das Gefühl, dass diese Reise wirklich etwas in mir verändert hatte. Viele Dinge, die mir vorher unmöglich erschienen waren, hatten plötzlich ihre Bedrohlichkeit verloren. Die langen Tage allein auf dem Fahrrad, die körperlichen Grenzen und die vielen Begegnungen unterwegs hatten mir gezeigt, wie viel mehr möglich ist, als man sich vorher selbst zutraut.

Und trotzdem wusste ich natürlich: Der Rückweg lag noch vor mir.