Aufbruch Richtung Süden

Radreisen liegt im Blut

Schon solange ich zurückdenken kann, bin ich mit dem Fahrrad verreist. Gemeinsam mit meiner Familie ging es früher nach Paris, Prag, Amsterdam oder Berlin und wahrscheinlich entstand genau dort irgendwann der Wunsch, nach dem Abitur einmal eine längere Reise ganz alleine zu unternehmen. Mein Papa war vor etwa dreißig Jahren mit dem Fahrrad nach Venedig gefahren und irgendwie gefiel mir der Gedanke, ebenfalls Richtung Italien aufzubrechen. Venedig erschien mir weit weg genug, um nach einem echten Abenteuer zu klingen, gleichzeitig aber erreichbar genug, um den Mut aufzubringen, einfach loszufahren.

Einfach losfahren

Am Morgen des 5. Juli 2017 stand ich schließlich mit meinem voll beladenen Fahrrad vor der Haustür und machte mich auf den Weg Richtung Süden. Natürlich hatte ich Respekt vor der Strecke und vor allem davor, so lange alleine unterwegs zu sein, aber wirkliche Angst hatte ich nicht. Wahrscheinlich war die Vorfreude dafür viel zu groß. Trotzdem fühlte es sich merkwürdig an, einfach loszufahren, ohne genau zu wissen, was mich erwarten würde, wo ich schlafen werde, wem ich begegnen würde und ob ich das alles überhaupt schaffen kann.

Die ersten Tage durch Deutschland waren anstrengender als gedacht. Die Luft war drückend schwül, beinahe täglich türmten sich irgendwo dunkle Gewitterwolken auf und oft musste ich unterwegs überlegen, ob ich weiterfahren oder lieber Schutz suchen sollte. Besonders auf langen Landstraßen, wenn der Himmel plötzlich beinahe schwarz wurde und der Wind immer stärker auffrischte, fragte ich mich manchmal schon, ob diese Idee wirklich so gut gewesen war. Gleichzeitig stellte sich aber auch sehr schnell dieses besondere Gefühl ein, das ich bis heute mit langen Reisen verbinde: morgens aufzuwachen und nicht genau zu wissen, wo man abends landen wird.

Begegnungen am Straßenrand

Schon unterwegs durch Deutschland kam ich immer wieder mit Menschen ins Gespräch. Viele reagierten zunächst überrascht oder etwas belustigt, wenn ich erzählte, dass ich alleine bis nach Italien fahren wolle. Manche erklärten die Tour direkt für unmöglich, andere wollten wissen, ob ich denn gar keine Angst hätte. Oft hatte ich das Gefühl, dass sich viele Menschen gar nicht mehr vorstellen können, einfach loszufahren, ohne alles bis ins Kleinste geplant zu haben. Für mich war aber gerade das Ungewisse ein großer Teil der Reise.

Je weiter ich Richtung Süden kam, desto stärker wuchs das Gefühl, wirklich unterwegs zu sein. Die Landschaft veränderte sich langsam, die Temperaturen stiegen und irgendwann tauchten am Horizont erstmals die Alpen auf. Alleine ihr Anblick löste gleichzeitig Begeisterung und Respekt in mir aus, denn mir war natürlich bewusst, dass die eigentliche Herausforderung der Reise erst noch bevorstand.

Die Alpen rücken näher

Am siebten Tag erreichte ich schließlich das Ötztal und damit den Beginn der Alpenüberquerung. Ich hatte mich entschieden, über das Timmelsjoch zu fahren. Anfangs führte die Strecke noch vergleichsweise angenehm durch das Tal, doch je weiter ich hinauffuhr, desto steiler wurde die Straße und desto gewaltiger erschien die umliegende Bergwelt. Während ich mich Kehre für Kehre weiter nach oben arbeitete, zogen am Nachmittag dichte Wolken über die Passstraße und ein eisiger Wind kam auf. Trotzdem war die Aussicht auf die umliegenden, teils noch schneebedeckten Gipfel so beeindruckend, dass alle Anstrengung zwischendurch beinahe nebensächlich wurde.

Die letzten Kilometer bis zur Passhöhe waren brutal steil und zogen sich endlos hin. Immer wieder musste ich mich selber motivieren weiterzufahren, obwohl meine Beine längst brannten. Doch genau in solchen Momenten merkte ich plötzlich, dass körperliche Grenzen oft viel weiter entfernt liegen, als man zunächst denkt. Als ich schließlich auf 2509 Metern Höhe das Schild der Passhöhe erreichte, war ich vollkommen erschöpft und gleichzeitig unglaublich glücklich.

Oben angekommen

Noch während ich dort oben stand und einfach nur versuchte zu begreifen, dass ich es wirklich geschafft hatte, hielten zwei italienische Rennradfahrer neben mir an und fragten lachend, weshalb ich mit meinem „gesamten Hausstand“ auf dem Timmelsjoch unterwegs sei. Als ich ihnen von meiner Reise erzählte, schüttelten sie nur ungläubig den Kopf, machten begeistert ein gemeinsames Foto mit mir und wünschten mir viel Glück für die Weiterfahrt.

In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass diese Reise vermutlich größer werden würde, als ich ursprünglich gedacht hatte.