Schwarzer Tee am Fels

Zwischen Kletterseilen, Wüstenlandschaft und russisch-israelischer Gastfreundschaft entstehen besondere Begegnungen

Neben meiner Arbeit im Krankenhaus gehe ich hier mittlerweile regelmäßig klettern. Anfangs war das für mich vor allem ein Ausgleich zum oft emotional belastenden Alltag auf Station, doch inzwischen sind die Menschen dort fast genauso wichtig geworden wie der Sport selbst. Gerade beim Klettern habe ich viele interessante Leute kennengelernt und einige Begegnungen entwickelten sich mit der Zeit weit über ein loses Hobby hinaus.

Besonders herzlich aufgenommen wurde ich von einer russischstämmigen Familie, die mich schon nach kurzer Zeit immer wieder dazu einlud, gemeinsam mit ihnen am Sabbat draußen am Fels klettern zu gehen. Der Vater der Familie heißt Dimitri und kam vor ungefähr zwanzig Jahren aus einem Vorort von Moskau nach Israel, in der Hoffnung auf ein besseres und sichereres Leben. Heute arbeitet er als Stationsleitung und Krankenpfleger in einem Krankenhaus nahe Jerusalem. Seine ruhige, humorvolle Art und seine große Herzlichkeit machten es einem ausgesprochen leicht, sich in seiner Nähe wohlzufühlen.

Zwischen Wehrdienst, Wettkämpfen und Wüstenfelsen

Auch seine Kinder lernte ich schnell kennen. Seine Tochter Nicole geht noch zur Schule und klettert schon seit ihrer frühen Kindheit mit großer Leidenschaft. Mittlerweile nimmt sie regelmäßig erfolgreich an Wettkämpfen teil und bewegt sich am Fels mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, während ich an manchen Stellen noch vorsichtig nach dem nächsten Griff suchte.

Ihr Bruder Michail leistet momentan seinen Wehrdienst bei der Marine in Haifa ab und kommt meist nur am Wochenende nach Jerusalem zurück. Gerade durch ihn bekam ich immer wieder einen kleinen Einblick darin, wie selbstverständlich Militärdienst hier zum Leben vieler junger Menschen dazugehört. Während dieses Thema in Deutschland oft weit entfernt wirkt, ist es hier alltägliche Realität.

Unsere gemeinsamen Kletterausflüge führten uns regelmäßig hinaus aus Jerusalem in die trockene, felsige Landschaft rund um die Stadt. Schon die Fahrten dorthin waren oft besonders. Zwischen staubigen Straßen, hellen Kalksteinfelsen und kahlen Hügeln eröffnete sich eine Landschaft, die auf mich immer wieder gleichzeitig rau und wunderschön wirkte.

Schwarzer Tee und zuckrige Kekse

Das Klettern draußen am Fels unterscheidet sich vollkommen vom Klettern in der Halle. Alles ist unberechenbarer: der Wind, die Hitze, die Beschaffenheit des Gesteins und manchmal auch der eigene Mut. Gleichzeitig fühlt sich aber gerade das unglaublich lebendig an.

Mindestens genauso wichtig wie das eigentliche Klettern waren allerdings oft die Pausen zwischendurch. Kaum irgendwo wurde so viel schwarzer Tee getrunken wie bei diesen Ausflügen. Fast selbstverständlich tauchten irgendwann Thermoskannen, Plastikbecher und große Mengen extrem süßer Kekse auf, die herumgereicht wurden, während man gemeinsam im Schatten saß und auf die Wüstenlandschaft blickte.

Gerade diese Momente blieben mir besonders im Gedächtnis. Vielleicht weil sie so schlicht waren. Niemand hatte es eilig, niemand schien ständig auf die Uhr zu schauen. Man saß einfach zusammen, redete über das Leben, über Israel, Russland, Deutschland oder über völlig belanglose Dinge und trank Tee in der Sonne.

Begegnungen, die bleiben

Was mich an diesen Tagen immer wieder beeindruckte, war die große Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen. Obwohl ich ursprünglich nur irgendein deutscher Freiwilliger aus der Kletterhalle war, wurde ich mit einer Selbstverständlichkeit aufgenommen, die mich oft fast beschämte.

Gerade in einem Land, das nach außen hin so stark von Konflikten, Politik und Spannungen geprägt erscheint, sind es oft genau diese kleinen menschlichen Begegnungen, die mir am meisten in Erinnerung bleiben. Vielleicht auch deshalb, weil sie im Alltag leicht übersehen werden.

Wenn ich heute an diese Ausflüge zurückdenke, sehe ich weniger die schwierigen Kletterrouten oder die spektakulären Felsen vor mir, sondern vielmehr staubige Schuhe, warme Abendsonne, schwarzen Tee aus Plastikbechern und Menschen, die mir das Gefühl gegeben haben, willkommen zu sein.