Nach der Landung auf dem Ben-Gurion-Airport in Tel Aviv fühlte sich alles gleichzeitig vollkommen neu und merkwürdig vertraut an. Noch bevor ich richtig realisieren konnte, dass ich nun tatsächlich für ein ganzes Jahr in Israel leben würde, stand ich bereits in den ersten Sicherheitskontrollen. Immer wieder wurden mir Fragen gestellt: weshalb ich nach Israel komme, wen ich kenne, wo ich wohnen werde. Die Gespräche wirkten routiniert, gleichzeitig aber erstaunlich aufmerksam. Am Ende hielt ich endlich mein Visum für das kommende Jahr in den Händen – leicht zerknittert vom vielen Vorzeigen, aber für mich in diesem Moment wohl eines der wichtigsten Dokumente überhaupt.
Vor dem Flughafen wartete bereits ein Taxifahrer, der mich nach Haifa bringen sollte, wo das Einführungsseminar für die Freiwilligen stattfand. Während ich noch müde aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Straßen und Häuser blickte, erklärte er mir mit großer Selbstverständlichkeit einen Satz, den ich während meines Aufenthalts noch oft hören sollte:
„In Jerusalem wird gebetet, in Tel Aviv gelebt und in Haifa gearbeitet.“
Haifa sei die modernste und sauberste Stadt Israels, erklärte er weiter. Damals konnte ich noch nicht wirklich einschätzen, was genau damit gemeint war. Aber schon in diesen ersten Stunden hatte ich das Gefühl, dass jede Stadt hier ihre eigene Identität besitzt – fast wie kleine eigenständige Welten.
Zwischen Vorfreude und Unsicherheit
Im Seminarhaus traf ich schließlich auf die anderen Freiwilligen. Einige waren wie ich mit dem Deutschen Roten Kreuz gekommen, andere mit unterschiedlichen Organisationen. Nach der langen Reise fühlte sich diese erste Begegnung merkwürdig beruhigend an. Alle wirkten gleichzeitig aufgeregt, erschöpft und neugierig auf das, was vor uns lag.
Das Seminar selbst war deutlich intensiver, als ich erwartet hatte. Im Mittelpunkt standen nicht Sehenswürdigkeiten oder organisatorische Fragen, sondern der Umgang mit Menschen mit Behinderungen und besonderen Bedürfnissen. Viele von uns würden in Krankenhäusern, Schulen oder sozialen Einrichtungen arbeiten.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Vortrag einer Mutter, deren Sohn aufgrund von Komplikationen bei der Geburt schwer behindert ist. Mit erschütternder Offenheit sprach sie über ihr Leben. Einerseits über ihre tiefe Liebe zu ihrem Kind, andererseits aber auch über Schmerz, Überforderung und Enttäuschung. Sie sprach davon, wie hilflos und distanziert viele Menschen reagieren würden, wenn ein Kind nicht „normal“ sei.
Mich beeindruckte vor allem, wie ehrlich sie über Gefühle sprach, die gesellschaftlich oft kaum ausgesprochen werden dürfen. Gerade diese Ehrlichkeit machte ihren Vortrag so bewegend. Zum ersten Mal begann ich wirklich zu begreifen, wie herausfordernd der Alltag vieler Familien sein muss und wie schnell Menschen mit Behinderungen im Alltag auf ihre Einschränkungen reduziert werden.
Sicherheitslage und Weltpolitik
Einen völlig anderen Eindruck hinterließ der Vortrag eines israelischen Diplomaten über die Sicherheitslage im Nahen Osten. Der ältere Herr im etwas zu engen Anzug sprach mit großer Ernsthaftigkeit über den Iran, die Hamas und die Hisbollah. Mit Hilfe von Karten und Grafiken erklärte er, weshalb viele Israelis ihr Land dauerhaft bedroht sehen.
Während seines Vortrags musste ich mehrfach daran denken, dass ich selbst erst wenige Monate zuvor in Teheran gewesen war und mein iranischer Austauschschüler bald meine Familie in Deutschland besuchen würde. Diese beiden Wirklichkeiten gleichzeitig im Kopf zu haben, fühlte sich seltsam an.
Überhaupt begegnete mir in Israel von Anfang an ein viel stärkeres Sicherheitsdenken, als ich es aus Deutschland kannte. Politik und Geschichte wirkten hier nicht wie abstrakte Themen aus Nachrichten oder Schulbüchern, sondern wie etwas, das unmittelbar mit dem Alltag verbunden ist.
Nächtliche Begegnungen über den Dächern Haifas
Neben den Workshops blieb uns auch etwas freie Zeit. Ein Nachmittag führte uns an den Strand von Haifa. Weißer Sand, warme Luft und das Mittelmeer – nach den langen Seminartagen fühlte sich das fast unwirklich entspannt an.
Eines Abends machten Hannah, eine andere Freiwillige, und ich uns noch auf den Weg durch die Stadt. Eigentlich wollten wir nur ein wenig Haifa bei Nacht sehen. Auf dem Rückweg mussten wir an einer steilen Straße kurz pausieren, weil die feucht-heiße Luft selbst nachts noch erstaunlich anstrengend war.
Genau in diesem Moment wurden wir von zwei älteren israelischen Männern angesprochen, die offenbar gerade Feierabend machten. Sie fragten neugierig, woher wir kämen und was wir in Israel machen würden. Wenige Minuten später saßen wir plötzlich auf der Dachterrasse eines kleinen Hauses über den Lichtern Haifas – jede mit einer kalten Limonade in der Hand.
Die Terrasse war voller Pflanzen, Teppiche und alter Möbel. Einer der beiden Männer arbeitete als Sportlehrer und Bademeister, der andere besaß ein Restaurant in Haifa. Ohne große Umstände wurden wir mit Hummus, frischen Mangos, Feigen und Datteln versorgt.
Diese Selbstverständlichkeit von Gastfreundschaft hat mich in Israel immer wieder überrascht.
Geschichten, die nie ganz vergangen sind
Im Laufe des Abends kamen wir auch auf Deutschland und den Zweiten Weltkrieg zu sprechen. Sehr schnell merkte ich, wie präsent diese Geschichte für viele jüdische Familien bis heute geblieben ist.
Einer der Männer zeigte uns Bücher seiner Mutter, darunter auch deutsche Literatur und sogar ein Exemplar von „Mein Kampf“. Es war ein eigenartiger Moment. Einerseits diese große Offenheit und Herzlichkeit uns gegenüber, andererseits die Geschichten von Verfolgung, Verlust und Angst, die in vielen Familien bis heute weitergetragen werden.
Mich beschäftigte in diesem Moment vor allem die Frage, wie unterschiedlich Erinnerung in Deutschland und Israel wahrgenommen wird. Während der Nationalsozialismus für viele junge Menschen in Deutschland oft weit entfernt wirkt, begegnete mir hier eine sehr persönliche Form von Erinnerung.
Gleichzeitig erzählte uns der Restaurantbesitzer begeistert von seinen Reisen nach Berlin. Er schwärmte von Deutschland, vom Klima und davon, dass er sich vorstellen könne, eines Tages dort ein Restaurant zu eröffnen.
Diese Mischung aus Offenheit, Gastfreundschaft und gleichzeitiger historischer Schwere hat mich an diesem Abend tief beeindruckt.
Ein neues Zuhause in Jerusalem
Erst tief in der Nacht wurden wir zurück zum Seminarhaus gefahren. Wenige Tage später ging es weiter nach Jerusalem, wo unsere eigentliche Einsatzstelle lag.
Unsere WG befand sich in Westjerusalem, nicht weit vom Herzlberg und Yad Vashem entfernt. Insgesamt lebten dort acht Freiwillige aus Deutschland. Ich teilte mein Zimmer mit Judith, die bereits eine Ausbildung als Arzthelferin abgeschlossen hatte und durch ihr Judaistikstudium erstaunlich gut Hebräisch sprach.
Schon nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein – zumindest ein kleines bisschen.
Noch wusste ich kaum, was in den kommenden Monaten alles auf mich warten würde. Aber bereits diese ersten Tage hatten mir gezeigt, dass Israel ein Land voller Gegensätze ist: offen und angespannt zugleich, herzlich und kompliziert, laut und erschöpfend, faszinierend und manchmal auch überfordernd.
