
Reisen verbindet
Durch die Fahrt über das Timmelsjoch war ich endgültig auf den Geschmack gekommen. Die Begeisterung über die Berge, die langen Anstiege und dieses Gefühl, sich aus eigener Kraft durch eine gewaltige Landschaft zu bewegen, war so groß geworden, dass ich spontan entschied, noch einen weiteren Abstecher über das Stilfserjoch zu machen, das mit seinen 48 Kehren zu den höchsten und anspruchsvollsten Alpenpässen Europas zählt.

Von Meran aus fuhr ich bis zu einem kleinen Campingplatz am Fuße des Passes. Dort traf ich ein ausgesprochen freundliches Ehepaar aus Ungarn, das in der Gegend Urlaub machte. Eigentlich wollten wir uns nur kurz unterhalten, doch aus einigen Minuten wurden schnell mehrere Stunden. Bei einer Tasse Tee sprachen wir über Politik, Reisen, Europa und darüber, wie selbstverständlich Frieden für unsere Generation inzwischen geworden ist.
Gerade wenn man bedenkt, dass unsere Großväter noch gegeneinander Krieg führten und wir heute gemeinsam friedlich auf einem Campingplatz in den Alpen sitzen können, wird einem bewusst, in was für einem Luxus wir eigentlich leben. Ein Krieg innerhalb der Europäischen Union erscheint heute beinahe unvorstellbar und genau deshalb halte ich es für wichtig, diese Errungenschaften nicht als selbstverständlich hinzunehmen.
Während der Reise wurde mir immer deutlicher, wie verbindend Reisen eigentlich ist. Menschen, die einem wenige Stunden zuvor noch völlig fremd waren, werden einem plötzlich erstaunlich vertraut, einfach weil beide gerade unterwegs sind und dieselbe Offenheit füreinander mitbringen.
Morgens um halb fünf
Da mir bewusst war, wie beliebt das Stilfserjoch bei Motorrad- und Sportwagenfahrern ist, entschied ich mich, möglichst früh aufzubrechen, um den Pass noch vor dem großen Verkehr zu fahren.
Also klingelte mein Wecker morgens um halb fünf. Im ersten Licht des Tages machte ich mich auf den Weg nach oben. Die Luft war frisch und kühl, gleichzeitig aber deutlich dünner als unten im Tal. Anfangs war die Straße noch beinahe menschenleer und genau das machte die Auffahrt so besonders. Mit jeder weiteren Kehre gewann ich an Höhe und gleichzeitig wurde die Aussicht immer spektakulärer. Tief unter mir lagen die Straßen des Tales und vor mir ragten schneebedeckte Gipfel in den Himmel.
Obwohl die Auffahrt anstrengend war, fühlte sich das Ganze beinahe berauschend an. Wahrscheinlich lag es an der Mischung aus körperlicher Erschöpfung, Euphorie und der unglaublichen Landschaft. Um halb acht stand ich schließlich auf 2757 Metern Höhe an der Passhöhe des Stilfserjochs.
Ein heißer Kakao auf 2757 Metern
Kurz nach mir erreichten die ersten Rennradfahrer, Motorradfahrer und Sportwagen die Passhöhe. Während ich euphorisiert und in kurzer Fahrradhose durch ein kleines Schneefeld stapfte, sprach mich plötzlich ein österreichischer Rennradfahrer an und lud mich ganz unerwartet auf einen heißen Kakao ein. Wahrscheinlich sah ich nach den vielen Kilometern und der frühen Uhrzeit entsprechend erschöpft aus.
Noch vor Beginn meiner Reise hätte ich niemals erwartet, wie viele kleine, absurde und gleichzeitig unglaublich herzliche Begegnungen unterwegs entstehen würden. Genau diese kurzen Momente gaben der Reise ihren besonderen Charakter.
So wurde ich oben auf der Passhöhe beispielsweise gefragt, ob ich berühmt sei. Als ich lachend verneinte und scherzhaft meinte, ich arbeite momentan noch daran, bat mich der Mann allen Ernstes um eine Autogrammkarte, mit der Aussicht, sie könne eines Tages womöglich noch wertvoll werden.
Kleine Gesten unterwegs
Oft waren es aber gar nicht die skurrilen Situationen, sondern die kleinen Gesten der Menschen, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind.
Einmal machte ich im Schatten eines Baumes nahe eines Wohnhauses eine kurze Pause, als plötzlich ein älterer Mann aus seinem Garten auf mich zukam und mir wortlos einige Bananen in die Hand drückte. Dann verschwand er wieder. Ich habe unterwegs viele solcher kleinen Geschenke erhalten: Obst, Zuspruch, spontane Einladungen oder Schlafplätze. Wahrscheinlich gerade deshalb entstand in mir zunehmend das Bedürfnis, ähnliche Gesten irgendwann auch anderen Menschen weiterzugeben.
Elterliche Fürsorge in Tirol
Besonders auffällig war für mich, dass ich als allein reisende junge Frau offenbar bei vielen Menschen sofort eine Art Fürsorgegefühl auslöste. So wurde ich beispielsweise während eines herannahenden Gewitters in Tirol von einer Familie kurzerhand ins Haus gebeten.
Trotz sprachlicher Schwierigkeiten — vieles funktionierte eher mit Händen und Füßen als mit Worten — entstand erstaunlich schnell ein Gefühl von Vertrautheit. Während ich noch unter der Dusche stand, wurde bereits ein Bett vorbereitet und in der Küche ein riesiges Essen gekocht. Natürlich gab es Nudeln mit Tomatensoße, frisches Gemüse aus dem Garten und jede Menge besorgte Nachfragen, ob ich denn wirklich ganz alleine unterwegs sei.
Gerade solche Begegnungen machten die Reise für mich so besonders. Immer wieder wurde mir bewusst, dass man unterwegs nicht nur Eindrücke von anderen Menschen mitnimmt, sondern selbst ebenfalls einen Eindruck hinterlässt. Deshalb hatte ich oft das Gefühl, nicht nur für mich selbst zu reisen, sondern auch ein kleines Stück mein eigenes Land zu repräsentieren.
Der Süden ruft
Vom Stilfserjoch aus führte mich meine Route schließlich weiter über den Gaviapass Richtung Gardasee und später nach Venedig. Mit jedem Kilometer wurde die Luft wärmer, die Landschaft italienischer und das Gefühl stärker, tatsächlich immer weiter Richtung Süden vorzudringen.

Nach über 1500 Kilometern stand ich schließlich in Venedig — erschöpft, glücklich und mit dem Gefühl, dass die Reise eigentlich gerade erst begonnen hatte.

