Hitze, Gastfreundschaft und schlaflose Nächte
Hitzekollaps in der ältesten Stadt der Welt
Es war erstaunlich einfach, nach Jericho hinein zu trampen. Vor Ort steuerten wir erst einmal die zentral gelegene Touristeninformation an, um uns über die älteste Stadt der Welt zu informieren. Ich hätte vorher niemals gedacht, dass es in palästinensischen Städten überhaupt Touristenbüros gab, wurde aber eines Besseren belehrt.
In einem kleinen, schmuddeligen Büro mit großen Fenstern saß ein einsamer Angestellter des palästinensischen Touristenministeriums auf einem großen Drehstuhl. Die Wände waren vergilbt und staubig, die Luft zum Schneiden stickig. Wir hatten fast schon Mitleid mit ihm, wie er dort so allein in diesem dunklen Raum saß. Umso erfreuter schien er über unser Kommen zu sein, fuhr sofort die Klimaanlage hoch und forderte uns auf, Platz zu nehmen.
Der Mann sprach erstaunlich gutes Englisch und bemühte sich mit aller Kraft, möglichst professionell und kompetent zu wirken. Genau dadurch wirkte er auf uns allerdings eher schleimig bis aalglatt, sodass Lea und ich einiges an Selbstbeherrschung brauchten, um die Situation mit Fassung zu tragen. Nach ausgiebigem Nachfragen erhielten wir immerhin einen etwas veralteten Stadtplan, eine Liste mit den Highlights der Umgebung und eine nicht ganz überzeugende Empfehlung für eine mögliche Busverbindung zurück nach Jerusalem.
Als wir wieder ins Freie traten, traf uns die Mittagshitze wie ein Schlag. Wegen Ramadan waren kaum Menschen auf den Straßen, viele Läden waren geschlossen, und die Stadt wirkte wie leer gefegt. Auf der Suche nach Schatten zog eine große, gekachelte Moschee meine Aufmerksamkeit auf sich. Schnell lief ich in ihre Richtung, Lea hinter mir.
Als ich mich kurz darauf umdrehte, stand sie plötzlich weit hinter mir an eine Mauer gelehnt. Die Hitze machte ihr sichtbar schwer zu schaffen. Mit schwacher, zitternder Stimme äußerte sie nur noch den Wunsch nach einem kühlen Ort.
Aber wohin?
Ich packte sie kurzerhand am Handgelenk und zog sie zurück in die Straße, aus der wir gekommen waren. Mit letzter Kraft schaffte ich es, sie in einen dunklen Kleider- und Ramschwarenladen zu bugsieren. Als wir hineinstolperten, schlug der Ladenbesitzer fassungslos die Hände über dem Kopf zusammen, so besorgt war er um uns. Ohne viele Worte brachte er einen Stuhl, setzte Lea darauf und holte ihr einen eiskalten Orangensaft aus dem hinteren Teil des Geschäfts — obwohl Ramadan war und er selbst davon nichts trinken durfte.
Während Lea halb unansprechbar auf dem Stuhl hing, versuchte ich dem verdatterten Ladenbesitzer unsere Situation zu erklären, bemüht darum, dass alles nicht ganz so absurd klang. Der Mann stellte sich als Sam vor. Er hatte Familie in den USA, weshalb die Verständigung auf Englisch problemlos funktionierte.
Als Lea wegen des flackernden Lichts im Laden, das durch den Ventilator an der Decke ständig unterbrochen wurde, wieder ganz schwarz vor Augen wurde, schlug Sam vor, wir könnten zu ihm nach Hause gehen. Seine Frau und seine Kinder seien dort, wir könnten duschen, schlafen und uns erholen.
Ich entschied, dass dies wohl die einzige und zugleich ziemlich brillante Lösung war.
Bei Sam und Mayari
Sam brachte uns zu seiner nicht weit entfernten Wohnung. Seine Frau hatte bereits damit begonnen, Matratzen auf dem Fußboden des Schlafzimmers auszubreiten. Nachdem Lea sich in der Waagerechten etwas regeneriert hatte, nahm sie dankbar das Angebot einer Dusche an.
Die Wohnung war klein, sauber und für arabische Verhältnisse recht sparsam eingerichtet. Sams Frau hieß Mayari, war sehr jung und hatte schöne, lange schwarze Haare. Die beiden sprachen miteinander Englisch, weil Mayari von den Philippinen kam und kaum Arabisch sprach. Vor unserer Ankunft hatte sie sich mit den beiden kleinen Kindern, ein und drei Jahre alt, im abgedunkelten Zimmer ausgeruht.
Während Lea duschte, unterhielt ich mich mit Mayari. Mit zwölf Jahren hatte sie die Philippinen verlassen, weil sie aus sehr armen Verhältnissen kam und dort keine Perspektive für sich sah. Sie war nach Jordanien gegangen, hatte in einer Kosmetikfabrik gearbeitet, später wieder einige Jahre bei ihrer Familie verbracht und sich um ihre Mutter gekümmert. Doch auch dort hatte sie keine Zukunft für sich gesehen. Schließlich war sie nach Israel gekommen und nun in Palästina verheiratet.
Sie wirkte zufrieden mit ihrer aktuellen Situation, aber aus ihren Worten sprachen gleichzeitig viele unerfüllte Wünsche. Sie wäre gerne näher bei ihrer Familie, hätte diese finanziell besser unterstützt und beschrieb, wie fremd ihr die arabische Kultur bis heute blieb. Es sei für sie fast unmöglich, ein richtiger Teil dieser engen Gemeinschaft zu werden oder wirkliche Freundschaften zu schließen.
Nachdem auch ich geduscht hatte, ruhten wir uns noch etwas auf den Matratzen aus. Mittlerweile war selbst Lea davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, hierzubleiben — nicht zuletzt, weil wir am Abend noch ein Ramadanessen mit der Großfamilie erleben sollten.
Die wiederauferstandene Stadt
Gegen Abend kam die Familie zusammen und begann, das Essen für das Fastenbrechen vorzubereiten. Als Gästen wurde es uns nicht gestattet mitzuhelfen. Stattdessen sollten wir uns auf den Balkon setzen und dort warten. Also taten wir, wie uns befohlen wurde, und nutzten die Zeit, ein wenig Tagebuch zu schreiben, auch wenn der Tag offensichtlich noch lange nicht zu Ende war.
Kurz nachdem der Gesang des Imams aus den Lautsprechern der umliegenden Moscheen ertönte, wurde das Essen serviert und das Fastenbrechen eingeleitet. Alle versammelten sich am Tisch, und in großen Portionen wurden die Köstlichkeiten aufgetan: Nudelsuppe, Reis, Salat, Bohnen, scharfe Soßen und Joghurt.
Es war wirklich ein besonderes Erlebnis, einfach mit dabei sein zu dürfen. Nicht als Zuschauerinnen, sondern als Gäste, die ganz selbstverständlich in diesen Abend hineingenommen wurden. Nach dem Essen bekamen wir sehr süßen Tee mit Salbei, den wir im Dunkeln auf dem Balkon tranken, während unter uns die Lichter der Stadt leuchteten.
Müde dachten wir, der Tag sei nun endlich vorbei. Stattdessen wurden wir aufgefordert, noch etwas durch die wieder zum Leben erwachte Stadt zu laufen. Ich entschied mich diesmal für lange Kleidung und Kopftuch und vergewisserte mich vor dem Aufbruch mehrfach, ob es richtig gewickelt war.
Wir gingen aus der Haustür, standen wenige Schritte später an einem kleinen Kreisel, und ich fotografierte ihn erst einmal ab, um sicherzugehen, dass wir das Haus unserer Gastgeber wiederfinden würden. Noch während ich das Foto machte, kam ein Ladenbesitzer auf uns zu, bat uns hinein und begann zu so später Stunde starken arabischen Kaffee zu kochen.
Seine Schwester war ebenfalls im Laden, sprach aber kein Englisch. Damit waren wir de facto keine fünfzig Meter weit gekommen und saßen schon wieder kaffeetrinkend in einem Geschäft. Das passierte einem wohl auch nur in der arabischen Welt, dachte ich mir. Hier schienen Gastfreundschaft, große Emotionalität und eine gewisse Aufdringlichkeit auf sehr eigene Weise miteinander verbunden zu sein.
Als wir nach unserem Alter gefragt wurden, stieg die Verwunderung der Schwester merklich ins Unendliche. Ich im Kopftuch, Lea im T-Shirt und in knielanger Hose — offenbar hatte sie ohne Zweifel angenommen, ich sei Leas Mutter und Lea meine Tochter. Im besten Fall hatte sie mich damit auf dreißig geschätzt, Lea auf zwölf und mir eine Schwangerschaft mit achtzehn zugetraut. Zum Glück konnten wir alle darüber lachen, und ich entschied, den restlichen Abend besser ohne Kopftuch zu verbringen.
Der misslungene Haarschnitt von Jericho
Abdel, der Mann aus dem Laden, bot an, uns noch etwas durch Jericho zu führen, und wir nahmen das Angebot an. Doch wie so oft kamen wir auch diesmal nicht weit. Noch in derselben Straße entdeckten wir einen leeren Friseursalon.
Ich plante schon seit längerem, meine Haare etwas stutzen zu lassen, war aber unschlüssig gewesen, wo, da die Preise in Israel recht hoch waren und ich schließlich arm wie „eine pakistanische Frau“ reiste. Also ergriff ich die Gelegenheit. Dass es schon weit nach Mitternacht war, spielte weder für mich noch für den Friseur eine nennenswerte Rolle.
Ich setzte mich auf einen quietschenden, instabilen Drehstuhl vor einen leicht rostigen Spiegel. Überall standen Sprayflaschen, Geldosen und Rasierer herum. Lea und Abdel setzten sich hinter mich. Ich öffnete meine Haare, die strohig in alle Richtungen abstanden. Das Tote Meer, die Sonne und der Strand hatten ihnen sichtbar zugesetzt.
Nur wie erklärt man einem arabischen Friseur, der kein Englisch spricht, dass man die Spitzen geschnitten haben möchte, eine leicht fallende Stufe und vorne etwas kürzer als hinten? Ich zeigte mit wilden Gesten, wie das Ganze aussehen sollte, Abdel versuchte zu übersetzen, doch es half alles nichts. Schließlich wurde mir das WLAN-Passwort genannt und ich suchte nach Bildern auf meinem Telefon, die der Friseur nur ungläubig anstarrte.
Dann griff er zu einer Schere, die aussah wie eine uralte, rostige Kinderbastelschere. Genauso fühlte sich auch der erste Schnitt an. Ungeschickt und ruckartig raspelte er ein paar Spitzen ab, während er immer wieder versicherte, wie schön meine Haare doch seien und dass es überhaupt nicht nötig wäre, daran etwas zu verändern.
Hätte ich mal besser auf ihn gehört.
Mit einem viel zu eng gezinkten Kamm versuchte er sich durch meine filzigen Haare zu fräsen. Als ich laut „AUA“ schrie, fiel ihm vor Schreck der Kamm aus der Hand. Immerhin hatte er nun verstanden, dass es so nicht weiterging. Alternativen schien es aber keine zu geben. Also schnippelte er weiter, völlig unbeholfen und ohne erkennbaren Sinn für das, was er tat. In seiner Verwirrung vergaß er sogar, einen Scheitel zu ziehen, bis ich ihn darauf aufmerksam machte. Da war im Grunde schon alles verloren.
Während ich im Spiegel die Katastrophe näher rücken sah, knipste Lea munter Fotos von dem Spektakel, was den Friseur noch zusätzlich irritierte. Schließlich kapitulierte er und gab zu erkennen, dass er sonst eigentlich nur Männern die Haare schneide.
Bei einem strengen Blick in den Spiegel entschied ich, den vereinbarten Preis nicht zu zahlen. Der Friseur zeigte dafür überraschend viel Verständnis. Zum Abschied kramte er unter dem Tresen noch ein paar alte Haarklammern hervor und schenkte sie mir. Den gewünschten Stufenschnitt konnten sie leider auch nicht retten.
Rettung um zwei Uhr morgens
Als wir später wieder bei unseren Gastgebern ankamen, wollte ich meinen katastrophalen Haarschnitt in Ruhe betrachten. Eigentlich gab es dazu nicht viel zu sagen. Ich bat um eine Schere und begann, den Schaden auf eigene Verantwortung zu begrenzen, denn was der Friseur angerichtet hatte, hätte ich selbst vermutlich besser hinbekommen.
Als Mayari das sah, geriet sie völlig aus der Fassung. Es war mittlerweile etwa zwei Uhr morgens, aber das änderte nichts an ihrer unglaublichen Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Sie rief eine nahe Verwandte an, die professionelle Friseurin für Frauen war. Die Arme hatte offenbar keine andere Wahl, als mir nun unverzüglich die Haare zu retten.
Wir gingen zu ihr. Als wir ankamen, legte sie hastig und energisch die Shisha beiseite, lief ins Bad und holte Kamm und Schere. Zurück auf dem Balkon begann sie mit schnellen, selbstbewussten Bewegungen und ohne viel Nachfragen über meine immer kürzer werdenden Haare zu fräsen. Anschließend föhnte sie alles über eine Rundbürste und schlug auch noch vor, meine Augenbrauen zu zupfen.
Ich nahm das Angebot an. Zu meinem Erstaunen war das Ergebnis eine deutliche Verbesserung. Was ein deutscher Friseur dazu gesagt hätte, konnte ich nur erahnen. Aber jetzt waren wir ja auch in Palästina.
Das zweite Ramadanessen
Nach der deutlichen Korrektur des ersten Haarschnitts wurde bei unserer Gastfamilie bereits das zweite Ramadanessen vorbereitet, die nächtliche Mahlzeit vor Beginn des nächsten Fastentages. Obwohl Kinder grundsätzlich auch während Ramadan essen und trinken dürfen, nahmen selbst die ganz kleinen Kinder daran teil.
Es war für uns eigenartig zu erleben, wie sich in diesem Kulturkreis der gesamte Tag-Nacht-Rhythmus verschoben hatte. Das Leben spielte sich scheinbar vollständig in der Nacht ab. Da wir uns diesem Rhythmus jedoch nicht angepasst hatten, mussten wir nach einem kleinen Snack dringend schlafen. Es war für uns kaum mit anzusehen, wie man um diese Uhrzeit noch frittierte Pommes, Gemüse, Brot und Kartoffeln essen konnte.
Gegen drei Uhr nachts machten wir uns völlig erschöpft auf den Weg ins Bett. Dieses bestand aus einem großen Matratzenlager auf dem Fußboden im Schlafzimmer der Familie. In bunte Decken gehüllt schlief ich sofort tief und fest ein und fragte mich beim Einschlafen noch, wie wir dieser Familie jemals ausreichend für ihre Herzlichkeit danken könnten.
Arabische Soaps und schlaflose Nächte
Am nächsten Morgen wollten wir eigentlich früh aufstehen und zügig nach Nablus weiterfahren. Dieser Plan scheiterte hoffnungslos an einer Häufung unglücklicher Umstände.
Während ich tief und fest schlief, lag Lea die ganze Nacht wach und drehte sich von einer Seite auf die andere. Das frühe Aufstehen scheiterte vor allem daran, dass sie es nicht schaffte, mich aus meinem komatösen Schlaf wachzurütteln. Nach dieser Erfahrung wusste sie immerhin, wie es mir während der gesamten Reise mit ihr ging.
Als ich deutlich später als geplant wach wurde, überhäufte sie mich sofort mit einem Wasserfall an Informationen darüber, was sie alles am Schlafen gehindert hatte. Besonders verstört hatte sie offenbar, dass die ganze Nacht der Fernseher im Schlafzimmer gelaufen war, mit arabischen Soaps, Frauen ohne Kopftuch und unglaublich schlechten Schauspielern. Außerdem habe ein Kind die ganze Nacht gehustet, sodass sie fast Angst bekommen habe, es könne ersticken. Irgendwann habe auch noch ein schriller Wecker geklingelt, ohne dass irgendjemand bereit oder in der Verfassung gewesen sei, ihn auszuschalten.
Da lobte ich mir doch meinen festen Schlaf.
Als wir schließlich aufstanden, schlief die Familie noch. Mucksmäuschenstill packten wir unsere Sachen, ohne die Kinder zu wecken, verabschiedeten uns leise und bedankten uns so gut es in diesem Moment möglich war.
Warten auf den Bus nach Nablus
Nach einigem Durchfragen fanden wir in Jericho endlich die Haltestelle für den Shuttlebus nach Nablus. Eine Besonderheit arabischer Busse ist jedoch, dass sie oft erst dann losfahren, wenn sie voll sind.
Als wir ankamen, waren wir die einzigen potenziellen Passagiere.
Man forderte uns auf, uns auf einen kleinen, staubigen Bordstein zu setzen und zu warten. Also warteten wir. Eine gefühlte Ewigkeit saßen wir in der Wärme und schmolzen vor uns hin. Irgendwann kam noch ein Mann dazu, der ebenfalls nach Nablus wollte. Es brauchte keinen Matheleistungskurs, um auszurechnen, dass wir bei dieser Frequenz der eintreffenden Passagiere mit großer Wahrscheinlichkeit heute nicht mehr in Nablus ankommen würden, sollte der Bus tatsächlich nur voll losfahren.
Geduldig warteten wir weiter, mit der inzwischen tief verankerten Gewissheit, dass bisher immer irgendwie alles geklappt hatte und es irgendwann weitergehen würde, ob man daran glaubte oder nicht.
Auch diesmal bestätigte sich diese Weisheit. Nach endlosem Warten kam endlich ein gelber und ausnahmsweise sogar gekühlter Bus. Ein paar wenige Gäste stiegen ein, vermutlich schlief der Rest der Stadt noch, ebenso wie unsere Gastfamilie. Vermutlich erkannte auch der Fahrer irgendwann, dass ein voller Bus reine Utopie war, und beschloss, sehr leer loszufahren.
