Bethlehem, Hebron und Begegnungen in Palästina
In Herrgottsfrühe zu Fuß nach Bethlehem
Der Samstag kommt in Jerusalem einem hohen Feiertag gleich. Am Schabbat sind die Läden geschlossen, Busse und Straßenbahnen stehen still und die ganze Stadt scheint für einen Moment lahmgelegt zu sein. Um den Tag trotzdem zu nutzen, entschieden Lea und ich, zu Fuß nach Bethlehem zu laufen. Knapp zehn Kilometer trennten uns von der arabischen Stadt, und weil es in Jerusalem bereits brüllend heiß war, bedeutete dieser Plan zwangsläufig: sehr frühes Aufstehen.
Noch vor Sonnenaufgang riss mich mein Handyalarm um 4.45 Uhr aus dem Tiefschlaf. Nachdem ich mich fertig gemacht und die nötigsten Sachen für unsere Tagestour zusammengesucht hatte, weckte ich Lea um 5.15 Uhr, was nach ihrem deutschen Zeitgefühl eher 4.15 Uhr entsprach. Aber das gehörte nun einmal dazu, wenn man etwas erleben wollte. Nach kurzem Gewurschtel machten wir uns auf den Weg und erreichten dank unseres treuen Begleiters Google Maps ohne größere Umwege den Checkpoint von Bethlehem.
Nach ein paar Drehtüren, einer kurzen Passkontrolle und dem Durchqueren des gefängnisähnlichen Gebäudes standen wir plötzlich auf der anderen Seite und wurden sofort von einer Horde aufdringlicher Taxifahrer umringt. Wir wollten zum etwas außerhalb gelegenen Herodium, doch einen bezahlbaren Preis auszuhandeln, war leichter gesagt als getan. Das erste Angebot lag bei 230 Schekeln. Als der Fahrer dazu noch beschwichtigend „Good price, good price!“ sagte, mussten Lea und ich uns sehr zusammenreißen, um nicht laut loszulachen.
Schließlich landeten wir bei einem jungen Fahrer mit gegelten Haaren, Sonnenbrille und gelbem Taxi, der uns zunächst für 40 Schekel fahren wollte, dann aber plötzlich behauptete, er habe gedacht, wir wollten nur ins Stadtzentrum. Natürlich war das eine Masche. Ich öffnete die Autotür und signalisierte ihm, dass wir sofort aussteigen würden, wenn jetzt kein ernsthaftes Angebot käme. Lea raunte ich zu, sie solle sich lieber gar nicht erst anschnallen und jederzeit aussteigebereit bleiben.
Nach längeren Diskussionen, Telefonaten und Verhandlungen, die gefühlt länger dauerten als die Fahrt selbst, stand am Ende ein Deal: 60 Schekel für Hin- und Rückfahrt zum Herodium mit einer Stunde Aufenthalt. Der Fahrer, der sich später als Deneb vorstellte, wirkte nicht begeistert, aber der Handel war abgeschlossen.
Herodium unter treuer Begleitung
Unweit von Bethlehem ragt das Herodium aus dem hügeligen Umland, ein künstlich geformter Berg, den Herodes der Große einst als Fluchtburg errichten ließ. Schon von Weitem fiel seine unnatürliche, markante Form auf. Als wir kurz nach acht Uhr am noch verschlafen wirkenden Besucherzentrum ankamen, folgte uns Deneb ungefragt bis zum Eingang.
Lea und ich zahlten brav unseren Eintritt, Deneb ging einfach durch. Während wir den holprigen Steinpfad schnurstracks bergauf liefen, hechelte er mit hochrotem Kopf hinter uns her. Obwohl es noch früh war, machte die Sonne schon jede Bewegung zur Anstrengung. Oben angekommen blickten wir über das Judäische Bergland, erkannten in der Ferne den Ölberg und ahnten Richtung Osten die Dunstschwaden über dem Toten Meer.
Deneb schleppte sich irgendwann ebenfalls auf die Plateauebene, den Schweiß in Strömen auf der Stirn, und wischte sich alle paar Schritte mit einem gestreiften Badehandtuch übers Gesicht. Dann wollte er uns auch noch ungebeten eine Führung auf stockendem Englisch geben. Ihm freundlich zu erklären, dass wir daran keinerlei Interesse hatten, war gar nicht so einfach. Erst in den unterirdischen Schächten der Anlage schafften wir es, unserer klebrigen Begleitung für einen Moment zu entkommen.
Auf der Rückfahrt nach Bethlehem schwiegen wir nachdenklich vor uns hin, bis Deneb abrupt vor der Mauer hielt. Ich zahlte den verhandelten Preis durchs Fenster, wie es als am sichersten galt. Er hielt die Scheine lange und ungläubig in der Hand, bis er nach einer tiefen Atempause wortlos davonkurvte.
Vor der Mauer von Bethlehem
Von dort gingen wir ein Stück an der acht Meter hohen Betonmauer entlang, die Bethlehem umgibt. Auf israelischer Seite ist sie schlicht grau, auf palästinensischer Seite wurde sie mit unzähligen Graffiti, Parolen und Bildern überzogen. Zwischen Müll, Schutt, Stacheldraht und Beton standen wir vor diesem einschüchternden Bauwerk und versuchten zu begreifen, was es bedeutet, in einer Stadt zu leben, die von einer solchen Mauer eingeschlossen ist.
Immer wieder lasen wir „Free Palestine“, sahen große Darstellungen von Trump, Netanjahu und einer palästinensischen Freiheitsstatue mit aufgerissenen Augen. Manche Bilder waren kunstvoll, andere roh, wütend und traurig. Trotz der bedrückenden Kulisse konnten wir nicht aufhören, die Aufschriften zu lesen. Sie vermittelten einen Eindruck davon, wie sehr sich das Lebensgefühl von Unfreiheit und Rechtslosigkeit in den Alltag der Menschen eingeschrieben haben musste.
Chaos in der Geburtskirche
Als wir die Altstadt von Bethlehem erreichten, stand die Sonne bereits hoch am Himmel und machte jedes weitere Herumlaufen zur Qual. Um der Mittagshitze zu entgehen, steuerten wir die Geburtskirche an. Nach Jerusalem fiel sofort auf, wie anders die Sicherheitslage hier wirkte. Am Eingang zu einem der wichtigsten christlichen Orte stand nur ein müde wirkender Polizist in viel zu enger Uniform, ohne Schusswaffe, nur mit Trillerpfeife und Schlagstock am Gürtel.
In der Kirche drängten sich Touristen, Pilgergruppen und Fotografierende durch das schummrige Licht. Prunkvolle Kronleuchter hingen tief von der Decke, Menschen schoben sich in Richtung Altar, und irgendwann erklärte uns ein adrett lächelnder Mann im Anzug, man könne die lange Schlange zur Geburtsgrotte für 50 Schekel pro Person umgehen. Nach den Verhandlungen mit dem Taxifahrer hatte ich darauf keinerlei Nerv mehr. Ich zog Lea am Ärmel weiter und murmelte nur: „Jetzt bitte keine Diskussion.“
Dann hatten wir Glück. Im Gewusel öffnete ein Mann plötzlich ein Absperrband und winkte eine Touristengruppe hindurch. Ohne recht zu begreifen, wohin wir geführt wurden, folgten wir entschlossen und standen wenige Augenblicke später am Eingang zur Grotte. Eine Gebühr zahlen? Daran dachte in diesem Moment niemand. Wir zwängten uns durch den kleinen Eingang hinunter in eine schwülwarme, dunkle Kammer mit verbrauchter Luft. Kerzen leuchteten auf goldenen Ständern, Menschen drängten nach, und lange ließ es sich dort unten nicht aushalten. Nach einem kurzen Erhaschen der stickig-muffigen Atmosphäre wurden wir bereits wieder hinausgeschoben.
Draußen suchten wir nach einem Ort, um den weiteren Tag zu planen. Wegen Ramadan waren viele Läden und Imbisse geschlossen, also landeten wir schließlich auf zwei provisorisch aufgestellten Gartenstühlen in einem gut klimatisierten Blumengeschäft. Der Verkäufer blickte etwas ungläubig, ließ uns aber ohne Kommentar gewähren.
Im arabischen Bus nach Hebron
Nach kurzer Beratung beschlossen wir, weiter nach Hebron zu fahren. Arabische Busse verkehrten auch am Schabbat, anders als die israelischen Verkehrsmittel. Auf dem Busbahnhof standen etliche gelbe, klapprige Minibusse dicht an dicht. Nach endlosem Herumfragen und zahlreichen Fehlinformationen saßen wir schließlich in einem abgewrackten Bus mit ungepolsterten Sitzen und abgewetzten gelben Gardinen vor schmuddeligen Fenstern.
Als der Bus sich langsam füllte, stieg der Fahrer ein, schob eine Kassette ins uralte Radio, drehte den Schlüssel herum und das ganze Fahrzeug begann im Takt des Motors zu zittern. Die Blicke der anderen Fahrgäste klebten auf uns. Offenbar war es auch für sie eine absurde Szenerie, zwei junge Touristinnen in ihren lokalen Verkehrsmitteln sitzen zu sehen.
Hebron – eine Stadt, zwei Welten
Nach einem kurzen, erstaunlich erholsamen Mittagsschlaf im stickigen Bus erreichten wir den muslimischen Teil Hebrons. Es war deutlich ruhiger, als ich erwartet hatte. Die Sonne stand hoch, Ramadan lähmte das öffentliche Leben, viele Restaurants waren geschlossen und die meisten Menschen hatten sich in den Schatten zurückgezogen.
Beim Bummel durch die Innenstadt sahen wir einen Mann, der crepeartig dünne Fladenbrote an einem Holzofen buk. Als er unsere interessierten Blicke bemerkte, winkte er uns zu sich herüber und drückte uns ungefragt jedem ein frisches Brot in die Hand. Mit schlechtem Gewissen, weil er selbst vermutlich seit vier Uhr morgens nichts gegessen oder getrunken hatte, probierten wir vorsichtig. Lea stand noch mit offenem Mund da, völlig ungläubig über diese spontane Nettigkeit.
Keine fünfzig Meter weiter wurden wir von einem älteren Herrn mit grauem Bart, Turban und traditionellem Gewand in den hinteren Teil seines Ateliers gelotst, wo er uns eine Führung durch sein privates Humus-Museum gab. Dort zeigte er uns einen alten Mahlstein und ein Foto von einem Kamel mit verbundenen Augen, das im Kreis laufen musste, damit ihm beim Antreiben des Mahlwerks nicht schwindelig wurde.
Kurz darauf trafen wir Ghassan, der uns anbot, uns durch die Stadt zu führen. Er sprach überraschend gutes Englisch und erzählte uns bald von seinem Leben. An einem Checkpoint konnten Lea und ich einfach durchgehen, während Ghassan kontrolliert wurde und seine Ausweise zeigen musste. Später saßen wir vor seinem kleinen Porzellanladen auf Plastikstühlen im Schatten, und er begann zu erzählen, wie schwer es für ihn sei, sich in seiner eigenen Stadt zu bewegen.
Er hatte zwei Jahre in Dänemark gelebt, wäre aber lieber nach Deutschland gegangen. Mit seinen Papieren und seinem Status habe er keine wirkliche Wahl gehabt. Er erzählte mit einem Grinsen, aber die Worte waren ernst. Jedes Mal, wenn er von der arabischen Innenstadt zu seinem Laden wollte, musste er Kontrollen, Befragungen und Unsicherheiten über sich ergehen lassen. Wie gerne wäre er so frei wie wir.
Die Geisterstadt
Ghassan begleitete uns bis in die jüdisch kontrollierte Zone der geteilten Stadt. Dort begann Hebron sich vollständig zu verändern. Wo früher das Zentrum gewesen war, standen nun geschlossene Läden, leere Gebäude und verlassene Straßen. Arabische Bewohner durften sich nur eingeschränkt bewegen, manche Straßen waren für sie gesperrt, an anderen gab es schmale abgeteilte Gehbereiche.
Lea wirkte zunehmend fassungslos. Bei meinem ersten Besuch war es mir genauso gegangen. Man konnte sich kaum vorstellen, dass hier einmal reges Leben gewesen sein sollte. Ghassan erklärte, dass aus Angst, Hass und Repression Tausende Geschäfte geschlossen worden seien. Wir liefen an verlassenen Häusern vorbei, an blau-weißen Fahnen, an Wachtürmen, aus denen eiskalte Augen auf eine Straße blickten, auf der fast nichts mehr geschah.
Dann bat mich Ghassan unauffällig, ihm eine kleine Wasserflasche zu kaufen. Während Ramadan war es für ihn tagsüber ein absolutes No-Go, im arabischen Stadtteil Wasser zu kaufen oder öffentlich zu trinken, auch wenn er selbst es mit den religiösen Regeln nicht so streng nahm.
Als wir uns für einen Moment unbeobachtet fühlten, reichte ich ihm die Flasche. Er trank hastig ein paar Schlucke. Im selben Moment brauste ein allradbetriebenes Polizeiauto um die Ecke und bremste abrupt vor uns. Der Polizist am Fenster begann Ghassan lautstark auf Arabisch anzumahnen, dass Ramadan sei und er als Muslim tagsüber nicht trinken dürfe.
Ich konnte es kaum fassen. Bei dieser Hitze sollte man ihm nicht einmal einen Schluck Wasser gönnen? Mit strenger Stimme fragte ich den Polizisten, ob er denn immer koscher esse. Für einen kurzen Augenblick klappte ihm die Kinnlade herunter. Dann forderte er kalt: „Passport please.“
Ich gab ihm meinen Pass, beantwortete seine Fragen und wartete, als er ihn mir zurückgeben wollte. Freundlich, aber bestimmt erklärte ich ihm, dass ich nun ebenfalls gerne eine Antwort hätte. Schließlich sagte er ernst, er esse nie koscher und sogar Schwein. Ich bedankte mich, zog meinen Pass aus seinem Griff und kurz darauf verschwanden die Polizisten in einer Staubwolke.
Picknick auf dem Observatory Tower
Nachdem wir uns von Ghassan verabschiedet hatten, liefen wir weiter durch die leere Stadt, bis wir auf einen kleinen Trampelpfad abbogen. Ein Schild mit abblätternder Farbe wies zur „Abraham’s Spring“. Schon von Weitem hörten wir Menschen schreien und sahen sie in der Sonne stehen. Die erhoffte Abkühlung erwies sich jedoch als tiefbraunes Wasserloch, das nach Kanalisation und Abfalltonne roch. Obwohl einige darin badeten, war mir schnell klar, dass ich nicht einmal meine Füße hineinhalten wollte.
Dort trafen wir David, einen jüdischen Mann mit Kippa, der unser Entsetzen über die Quelle offenbar teilte. Er beantwortete geduldig unsere Fragen über Hebron und erklärte, dass er sich dank der Soldaten sicher fühle. Gleichzeitig bedauerte er, dass so viele Läden schließen mussten, hielt es aber für die einzige Möglichkeit, Stabilität herzustellen.
Auf unsere Frage, was wir noch sehen sollten, rief er seinen Freund aus dem Wasser und führte uns über steinige Wege und durch Unterholz zu einem militärischen Wachturm. Am Fuß des Turms verabschiedeten sich die beiden und versicherten uns, es sei kein Problem, hinaufzusteigen. Also schlängelten wir uns zwischen etwas verwundert dreinschauenden Soldaten hindurch und stiegen nach oben.
Auf der schattigen Dachterrasse hatten wir plötzlich einen weiten Blick über diesen skurrilen Ort. Hungrig packten wir die Fladenbrote aus, die uns am Vormittag geschenkt worden waren. Wenn der Brotverkäufer gewusst hätte, dass wir sein Brot später auf einem militärischen Wachturm in Hebron essen würden, hätte er uns vermutlich anders angesehen.
Nach dem Essen überkam uns eine lähmende Müdigkeit. Wir legten uns auf unsere Rucksäcke und schliefen kurz ein. Als wir später benommen vom Turm taumelten, wirkten die Soldaten um unsere Orientierung so besorgt, dass sie sogar ihre Kollegen weiter unten informierten, damit wir sicher zurückfanden.
Wenig später saßen wir vor einem einsamen Wohnhaus auf einer schmalen Steintreppe bei einem palästinensischen Vater und seinen drei Kindern. Seine Frau brachte uns schwarzen Tee mit Minze und sehr viel Zucker. Reden konnten wir kaum, die Sprachbarriere war zu groß, aber die Gesten reichten aus. Gerne wären wir länger geblieben, doch die arabischen Busse fuhren unregelmäßig und niemand konnte sagen, wann der letzte Bus zurück nach Bethlehem gehen würde.
Zurück nach Bethlehem
Mit mehr Glück als Verstand erwischten wir im arabischen Stadtteil noch einen kleinen Bus zurück nach Bethlehem. Die Fahrt verging wie im Flug. Der alte Motor heulte in den Kurven auf, Lea und mir fielen im Sitzen die Augen zu, bis uns die genervte Stimme des Fahrers weckte und deutlich machte, dass die Fahrt nun für uns vorbei war.
Erschöpft stiegen wir aus und machten uns zu Fuß Richtung Checkpoint auf. Auf dem Weg kamen wir wieder an der Graffiti-Mauer vorbei und trafen völlig unerwartet Hamoud, den ich Monate zuvor bei einem anderen Besuch in Bethlehem kennengelernt hatte. Damals hatte er mich eingeladen, dabei zu sein, als er und seine Kollegen die Sperrmauer bemalten. Ich war erstaunt, dass er sich noch so gut an mich erinnerte.
Nach etwas Smalltalk half ich ihm, Stühle und Schilder in seinen Laden zu räumen. Dann fuhr er uns mit seinem Wagen bis zum Checkpoint. Gerne hätte er uns auch die restlichen Kilometer nach Hause gebracht, doch mit seinen palästinensischen Papieren war das nicht ohne Weiteres möglich.
Von dort liefen Lea und ich mit schweren, müden Schritten zurück nach Jerusalem. Es war inzwischen dunkel und zum Glück nicht mehr so heiß. Hinter dem Checkpoint durchquerten wir eine arabische Wohngegend und fantasierten hungrig darüber, wie schön es wäre, irgendwann einmal zu einem üppigen Ramadanessen eingeladen zu werden.
Spät am Abend kamen wir völlig erschöpft, todmüde, ausgehungert und mit kaputten Füßen wieder in unserer WG in Jerusalem an. Während Lea regungslos auf dem Sofa lag, begann ich aus den immer gleichen Zutaten und labbrigen Gemüseresten aus dem Krankenhaus ein scharf gewürztes Arme-Leute-Resteessen zu fabrizieren. Nach diesem unglaublich langen Tag trieb der Hunger sowieso alles hinein.
