{"id":938,"date":"2026-04-29T11:56:22","date_gmt":"2026-04-29T11:56:22","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=938"},"modified":"2026-04-29T12:05:21","modified_gmt":"2026-04-29T12:05:21","slug":"warum-ich-mit-meinem-fahrrad-bis-nach-marokko-gefahren-bin","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/warum-ich-mit-meinem-fahrrad-bis-nach-marokko-gefahren-bin\/","title":{"rendered":"Warum ich mit meinem Fahrrad bis nach Marokko gefahren bin"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-image alignfull size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_1648.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-822\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Kompletter Reisebericht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schon solange ich zur\u00fcck denken kann interessiere ich mich f\u00fcrs Reisen und liebe es fremde L\u00e4nder und Kulturen kennenzulernen. Daher fuhr ich nach dem Abitur mit meinem Fahrrad nach Rom und verbrachte das folgende Jahr in Israel. Dort arbeitet ich in einem Kinderkrankenhaus und hatte die M\u00f6glichkeit neben der Arbeit Israel, Pal\u00e4stina, \u00c4gypten und Jordanien zu bereisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um meine Wartezeit auf einen Medizinstudienplatz sinnvoll zu nutzen machte ich im Anschluss ein Pflegepraktikum im Weender \u2013 Krankenhaus auf einer \u00dcberwachungsstation und arbeitete nebenbei noch in der h\u00e4uslichen Intensivpflege.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach war f\u00fcr mich klar, ich wollte noch einmal mit dem Fahrrad verreisen: ich entschied mich f\u00fcr die Zielstadt Lissabon. Ich wollte auf dieser Radreise jedoch nicht nur mich und mein liebes Fahrrad bewegen, sondern auch etwas f\u00fcr jene Menschen, die unsere Unterst\u00fctzung brauchen. Deshalb entschied ich die Reise mit einem Spendenprojekt f\u00fcr \u00c4rzte ohne Grenzen zu verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lissabon will erk\u00e4mpft werden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 5. Mai 2019 war es dann endlich soweit und ich startete meine Radreise in G\u00f6ttingen von zu Hause. Im str\u00f6menden Eisregen fuhr ich los, keine 50 km nach der Abfahrt musste ich im Regen den Hinterreifen meines neuen Fahrrades flicken und die N\u00e4chte im Zelt waren \u00e4u\u00dferst unerholsam aufgrund der feuchten K\u00e4lte. Mit einer Eisschicht auf meinem Zelt hatte ich vor meiner Abfahrt nicht gerechnet. Offenbar hatten die Menschen die mich unterwegs sahen etwas Mitleid mit mir, denn \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten, hei\u00dfer Tee, S\u00fc\u00dfigkeiten und weitere Nettigkeiten wurden mir angeboten. Hiermit m\u00f6chte mich ausdr\u00fccklich f\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung bedanken, denn klar ist, ohne ihre Hilfe h\u00e4tte ich die nass-kalten Tage nicht gesund \u00fcberstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Von G\u00f6ttingen ging es \u00fcber Koblenz nach Luxemburg und von dort aus weiter nach Frankreich. Nach 11 Tagen und etwa 1300km Strecke erreichte ich mein erstes gr\u00f6\u00dferes Zwischenziel der Reise: Limoges. Dort legte ich eine Fahrpause ein und besichtigte die Stadt mit ihrer bemerkenswerten Bauten und G\u00e4rten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sintflut und Hungergef\u00fchle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von Limoges aus stieg die Vorfreude auf die Pyren\u00e4en, doch die unerwarteten Regenf\u00e4lle lie\u00dfen mich noch einige Tage in Sauveterres de Bearn auf dem Campingplatz verweilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sch\u00fcttete ohne Unterlass, sodass sich vor meinem Zelt eine richtig tiefe Pf\u00fctze bildete und ein nahegelegenes B\u00e4chlein zu einem rei\u00dfenden Strom anschwoll. Unter diesen Bedingungen hielt ich es f\u00fcr angemessen, mit der Weiterfahrt noch etwas abzuwarten. Auf dem Campingplatz wurde ich mehrfach von Wohnwagenfahrern hineingebeten, wo ich mich aufw\u00e4rmen konnte, und meine durchn\u00e4ssten Sachen trocknen konnte. Abend hatte ich solchen Hunger, dass ich noch schnell in die ca. 20 km entfernte Stadt trempte und dort hastig eine Pizza verschlang<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einsamkeit und abgelegene Landschaften<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als der Regen etwas nachlie\u00df ging es weiter, \u00fcber eine Passstra\u00dfe und dann weiter durch Nordspanien. Obwohl ich die Pyren\u00e4en schon lange hinter mir gelassen hatte blieb das Terrain in Spanien bergig und mit teilweise heftig steilen Anstiegen versehen. Landschaftlich war es aber ein absoluter Traum und die komplette Gegend bis zur portugiesischen Grenze war unerwartet einsam und d\u00fcnn besiedelt. Nach knapp 3 Wochen und 2500km Strecke \u00fcberquerte ich diese abends im letzten Licht in v\u00f6lliger Einsamkeit auf einer kleinen Passh\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Innerer Frieden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben auf dem Rad ist schlichter. Unterwegs hatte ich nicht mehr meine allt\u00e4glichen Dinge im Kopf, sondern nur noch die drei wesentlichen Themen: Trinken, Essen und einen Schlafplatz finden. Unterwegs geht um die Grundbed\u00fcrfnisse des Lebens und dies macht aus einer solchen Reise auch das eigentliche Abenteuer. Nach kurzer Zeit schon merke ich, wie ich unterwegs ruhiger und konzentrierter werde. Gleichzeitig lebe ich unterwegs immer sehr minimal. Ich esse das, was ich dabei habe und trage die Dinge die ich mitgenommen habe und gerade sauber sind, da hat man meist nicht viel Auswahl.<\/p>\n\n\n\n<p>3 Tage nach der Grenz\u00fcberquerung stand ich pl\u00f6tzlich in der bezaubernden K\u00fcstenstadt Porto und das Ziel der Reise war auf einmal so unglaublich nah. Es f\u00fchlte sich an als sei die Zeit nur so wie im Flug vergangen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Brasilianische Gastfreundschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Porto verbrachte ich ein paar Tage und lernte dort Fernando und Miriam aus Brasilien kennen, die dort auf einem Psychoanalyseseminar teilnahmen. Miriam erkannte von weitem \u201edass ich mein komplettes Haus mit mir herum trug\u201c wie eine Schildkr\u00f6te. Das fand sie so beeindruckend, dass die beiden mich ansprachen und wir den folgenden Tag zu dritt verbrachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wahr, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, f\u00fchle ich mich manchmal ein bisschen wie eine Schildkr\u00f6te. Nicht aufgrund der&nbsp;langsamen&nbsp;Geschwindigkeit, sondern weil ich mein Haus dabei habe. Ich bin frei und flexibel, kann&nbsp;jederzeit pausieren, um zu essen oder&nbsp;in den Bergen&nbsp;die atemberaubende Aussicht zu genie\u00dfen. Ich bin nicht abh\u00e4ngig von Bus oder Bahn, kann&nbsp;selber entscheiden wann und wohin&nbsp;ich los fahre. Ich komme an Pl\u00e4tze, die ich sonst nie gesehen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Endlich am Ziel?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 31. Mai und nach 3276 km erreichte ich sp\u00e4t abends Lissabon, ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Gef\u00fchl. In Lissabon traf ich Verwandte von uns, die dort lebten und lustigerweise ergab sich ein weiteres unerwartetes Wiedersehen mit Ali\u00e9nor, der j\u00fcngeren Schwester meiner franz\u00f6sischen Freundin Blanche. Blanche lebt zurzeit bei meinen Eltern in G\u00f6ttingen um ein Praktikum auf dem Bauernhof zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die vergangenen Wochen war ich so in meinem eigenen Rhythmus und innerlich so zufrieden, dass ich eigentlich schon vor meiner Ankunft in Lissabon beschlossen hatte die Tour etwas fortzusetzen. Nach einer ordentlichen Pause fuhr ich nach Tarifa, den s\u00fcdlichsten Punkt Europas. Am folgenden Morgen nach meiner Ankunft \u00fcberquerte ich \u00e4u\u00dferst euphorisch die Stra\u00dfe von Gibraltar auf einem kleinen Schiff.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit dem Fahrrad in Afrika<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Keine Stunde nach dem Ablegen im Hafen befand ich mich mit meinem lieben Fahrrad in der Hafenstadt Tanger in Marokko.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Tanger f\u00fchrte mich meine Route erst in die Hauptstadt Rabat und von dort nach Casablanca und weiter bis nach Marrakesch&nbsp;und schlie\u00dflich bis nach&nbsp;Agadir. Afrika&nbsp;war&nbsp;eine&nbsp;ganz&nbsp;neue spannende Herausforderung f\u00fcr mich. Auf so einer langen Reise&nbsp;hatte&nbsp;ich&nbsp;die innere Ruhe und Zeit&nbsp;nachzudenken und zu&nbsp;reflektieren;&nbsp;Reisen&nbsp;ver\u00e4ndert.&nbsp;Man hat&nbsp;die Chance&nbsp;sich&nbsp;intensiver und besser&nbsp;kennenzulernen.&nbsp;Dar\u00fcber hinaus sammle ich&nbsp;Menschenkenntnis, gewinne Geduld und Charakterst\u00e4rke&nbsp;insbesondere durch die vielen Gespr\u00e4che und Begegnungen mit den verschiedensten Menschen&nbsp;aber auch durch die stetige k\u00f6rperliche Anstrengung, Eigenverantwortung und das Alleinsein.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das gem\u00e4chliche Reisetempo komme ich zwar stetig vorw\u00e4rts, habe aber ebenfalls die Zeit mir&nbsp;unterwegs&nbsp;alles ganz genau anzusehen. Ich radelte durch kleine D\u00f6rfer, die der normale Busreisende nur mit einem fl\u00fcchtigem Blick durch die Scheibe wahr nimmt. Ich w\u00e4hlte&nbsp;mehrfach&nbsp;wenig befahrene Stra\u00dfen, wo es keine anderen Touristen mehr gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Menschen, welche&nbsp;ich&nbsp;unterwegs&nbsp;traf waren ausgesprochen freundlich und interessiert.&nbsp;Auf dem Fahrrad lernt man meiner Erfahrung nach&nbsp;Land&nbsp;viel&nbsp;authentischer&nbsp;kennen.&nbsp;Viele&nbsp;Marokkaner hatten gro\u00dfes Interesse mir ihr Land zu&nbsp;zeigen,&nbsp;luden mich ein, veranschaulichten mir ihre Lebensweisen und kochten landestypisches Essen f\u00fcr mich. Im Anschluss tauschten wir uns \u00fcber alle erdenklichen Themenbereiche aus.&nbsp;Ich hakte keine Sehensw\u00fcrdigkeiten auf einer Liste ab, sondern&nbsp;lernte&nbsp;auf&nbsp;dieser&nbsp;Reise&nbsp;ein&nbsp;v\u00f6llig neues&nbsp;Land, seine Menschen und Kulturen&nbsp;kennen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Intensit\u00e4t des Radreisens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich stellte es mich&nbsp;auch vor besondere Herausforderungen,&nbsp;denn&nbsp;mit dem Fahrrad ist man jeder erdenklichen&nbsp;Situation&nbsp;komplett&nbsp;ausgesetzt, man kann nicht einfach wie beim Auto die T\u00fcr zu machen und das&nbsp;Drumherum vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies&nbsp;stellte&nbsp;eine ganz besondere N\u00e4he&nbsp;zwischen mir und dem&nbsp;Land her.&nbsp;In sehr armen Regionen&nbsp;war es jedoch&nbsp;zeitweise recht schwer&nbsp;f\u00fcr mich, das Elend der Leute \u00fcber lange Zeit hinweg zu sehen, in dem Wissen, ihnen nicht wirklich helfen zu k\u00f6nnen.&nbsp;Es stimmte mich streckenweise sehr traurig immer wieder in die gro\u00dfen Kinderaugen zu blicken, die am Stra\u00dfenrand bettelten oder auf ein paar Tiere aufpassten, die zwischen M\u00fcll und Staub nach etwas zu fressen suchten. Ab und zu schenkte ich ihnen Bonbons, Obst, einen Trinkjoghurt oder andere Lebensmittel, die ich dabei hatte, doch es \u00e4nderte nichts daran, dass ich mich in diesen Momenten unglaublich reich f\u00fchlte und mich gleichzeitig daf\u00fcr sch\u00e4mte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Gute im Menschen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meine Geldb\u00f6rse auf dem Weg immer kleiner zusammenschmolz f\u00fchlte ich mich innerlich von Tag zu Tag reicher. Reich an Erinnerungen, an die ich mich mein Leben lang entsinnen werde und keiner kann mir diese je wieder nehmen. Sie haben einen unsagbaren Wert f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich noch genau, wie am ersten Tag in Marokko ein Auto neben mir hielt, das Fenster \u00f6ffnete und mir eine Flasche Orangensaft entgegenstreckte. Ich nahm das Getr\u00e4nk und wollte mich bedanken, doch in diesem Moment&nbsp;schlie\u00dft das Fenster wieder und der Fahrer f\u00e4hrt weiter.&nbsp;Ohne dass&nbsp;ich auch nur&nbsp;die Chance hatte zu begreifen was eigentlich geschah oder&nbsp;mich gar zu bedanken.&nbsp;Da unsere allt\u00e4glichen Nachrichten&nbsp;haupts\u00e4chlich aus schrecklichen Meldungen bestehen, verliert man manchmal den Blick f\u00fcr&nbsp;Positives.&nbsp;Unterwegs lernte ich immer&nbsp;wieder&nbsp;das Gute im Menschen&nbsp;zu sehen.&nbsp;Ich traf so viele tolle und herzensgute Leute, wurde zu so vielen Dingen eingeladen und mir wurde so oft geholfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das macht mich gl\u00fccklich und dankbar. Die Erfahrungen&nbsp;und Begegnungen&nbsp;werden&nbsp;bleiben&nbsp;und auch die&nbsp;Landschaften haben sich eingepr\u00e4gt, da sie nicht nur&nbsp;an mir vorbeizogen,&nbsp;sondern&nbsp;weil&nbsp;ich sie selbst erk\u00e4mpft habe, Meter f\u00fcr Meter.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00fcstenstra\u00dfe<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das gro\u00dfe Wiedersehen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Weiterreise nach Marokko stellte f\u00fcr mich ein absolutes Highlight der Tour und eine riesige Bereicherung dar. Der R\u00fcckweg verlief unter teils enormer Hitze und etwas Zeitdruck \u00fcber Madrid, Paris, Br\u00fcssel und Amsterdam.<\/p>\n\n\n\n<p>In Amsterdam traf ich meinen Bruder Milan und meinen Vater wieder, welche die Sommerferien mit dem Fahrrad in Schottland verbracht hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam bestritten wir die knapp letzten 500 km gemeinsam bis nach Hause, wo f\u00fcr mich&nbsp;nach einer 9498km langen, abenteuerlichen Reise&nbsp;nun ein v\u00f6llig neues Leben beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kompletter Reisebericht Schon solange ich zur\u00fcck denken kann interessiere ich mich f\u00fcrs Reisen und liebe es fremde L\u00e4nder und Kulturen kennenzulernen. Daher fuhr ich nach dem Abitur mit meinem Fahrrad nach Rom und verbrachte das folgende Jahr in Israel. 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