{"id":1775,"date":"2026-05-09T18:19:41","date_gmt":"2026-05-09T18:19:41","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1775"},"modified":"2026-05-09T18:19:41","modified_gmt":"2026-05-09T18:19:41","slug":"austausch-statt-isolation","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/austausch-statt-isolation\/","title":{"rendered":"Austausch statt Isolation"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Schwarztee, Smog und politischen Widerspr\u00fcchen<\/h2>\n\n\n\n<p>Im Oktober 2016 nahm ich gemeinsam mit f\u00fcnf weiteren Sch\u00fclerinnen an einem zweiw\u00f6chigen Sch\u00fcleraustausch mit der Islamischen Republik Iran teil. Organisiert wurde das Projekt von Hartmut Niemann und gef\u00f6rdert vom P\u00e4dagogischen Austauschdienst. F\u00fcr mich war diese Reise weit mehr als ein gew\u00f6hnlicher Sch\u00fcleraustausch. Schon w\u00e4hrend der Vorbereitungszeit begann ich, mich intensiv mit der Geschichte und den politischen Entwicklungen des Landes auseinanderzusetzen, denn schnell wurde mir klar, dass man die heutige Situation des Iran kaum verstehen kann, ohne die Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte mitzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich reiste ich nicht unvoreingenommen in dieses Land. Ich kannte die Berichte \u00fcber Menschenrechtsverletzungen, politische Unterdr\u00fcckung und hohe Hinrichtungszahlen. Mir waren die \u00c4u\u00dferungen iranischer Politiker gegen\u00fcber Israel ebenso bewusst wie die schwierige Situation von Frauen, Oppositionellen oder Homosexuellen im Land. Gerade deshalb stellte sich immer wieder die Frage, ob ein Austausch mit einem solchen Staat \u00fcberhaupt moralisch vertretbar sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dennoch erschien mir genau dieser Austausch wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn politische Systeme und die Menschen, die innerhalb dieser Systeme leben, sind nicht dasselbe.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Eine zweite Familie in Teheran<\/h1>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend unseres Aufenthalts lebten jeweils zwei deutsche Sch\u00fclerinnen bei einer iranischen Gastfamilie. Die Familien geh\u00f6rten Lehrkr\u00e4ften der Gastschule, wodurch wir sehr eng in ihren Alltag eingebunden wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mich vom ersten Tag an beeindruckte, war die \u00fcberw\u00e4ltigende Gastfreundschaft. Sobald wir nach Hause kamen, standen schwarzer Tee, frisches Obst und riesige Mengen Essen bereit. Gegessen wurde oft gemeinsam auf Teppichen sitzend, meist begleitet von Gespr\u00e4chen, Musik und gro\u00dfem Interesse an unserem Leben in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt schien sich vieles im Privaten anders anzuf\u00fchlen als das offizielle Bild des Landes, das man aus Nachrichten kannte. Die strengen religi\u00f6sen Regeln pr\u00e4gten zwar das \u00f6ffentliche Leben sichtbar, innerhalb der Familien wurde damit jedoch oft erstaunlich unterschiedlich umgegangen. Manche legten gro\u00dfen Wert auf religi\u00f6se Vorschriften, andere wirkten deutlich liberaler. Selbst innerhalb einer Familie existierten v\u00f6llig verschiedene Vorstellungen davon, wie man leben wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade diese Widerspr\u00fcche machten den Aufenthalt so spannend.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Bildungsministerium und Basar<\/h1>\n\n\n\n<p>Ein besonderer Programmpunkt war ein offizieller Empfang im iranischen Bildungsministerium. Dort wurden wir gebeten, \u00fcber die Bedeutung des Austauschprojektes zu sprechen. Wir erkl\u00e4rten, wie wichtig Begegnungen zwischen jungen Menschen seien, um Vorurteile abzubauen und gegenseitiges Verst\u00e4ndnis zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir dar\u00fcber redeten, blickten die iranischen Revolutionsf\u00fchrer streng von ihren Portraits an den W\u00e4nden auf uns herab. Diese Szenerie wirkte gleichzeitig absurd, einsch\u00fcchternd und irgendwie symbolisch f\u00fcr den gesamten Aufenthalt: Offenheit und Kontrolle existierten st\u00e4ndig nebeneinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben offiziellen Terminen besuchten wir Moscheen, Pal\u00e4ste und traditionelle Basare. Besonders eindr\u00fccklich erinnere ich mich an die Ger\u00fcche auf den M\u00e4rkten: Safran, Curry, Zimt, Granat\u00e4pfel, Datteln und unz\u00e4hlige Gew\u00fcrze, deren Namen ich teilweise nicht einmal kannte. Dazu kamen kunstvoll gefertigte Stoffe, Teppiche und Keramiken, die \u00fcberall verkauft wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Teheran selbst wirkte auf mich riesig, laut und widerspr\u00fcchlich. Vom Milad-Tower aus blickten wir \u00fcber die Millionenstadt, die oft unter einer gelb-grauen Smogschicht verschwand, aus der nur einzelne Hochh\u00e4user und Berge herausragten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Hochgebirge und W\u00fcste<\/h1>\n\n\n\n<p>Zu den eindr\u00fccklichsten Erlebnissen geh\u00f6rte ein gemeinsamer Ausflug mit den Gastfamilien ins Tochal-Gebirge. Mit einer langen Gondelbahn fuhren wir bis in gro\u00dfe H\u00f6hen hinauf, wo pl\u00f6tzlich Schnee, d\u00fcnne Luft und eisige Temperaturen herrschten \u2013 nur kurze Zeit nachdem wir noch im hei\u00dfen Teheran unterwegs gewesen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dort oben blickten wir auf die Stadt hinunter, die unter einer dichten Smogdecke lag. Besonders der Sonnenuntergang \u00fcber den Bergen blieb mir lange im Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein v\u00f6lliger Kontrast dazu war sp\u00e4ter der Ausflug in die W\u00fcste. Schon die Autofahrt dorthin f\u00fchlte sich wie ein Abenteuer an. Der iranische Stra\u00dfenverkehr wirkte auf uns vollkommen chaotisch. Geschwindigkeitsbegrenzungen schienen eher Vorschl\u00e4ge zu sein und das dauerhafte Fahren mit Warnblinkern geh\u00f6rte offenbar zum normalen Stra\u00dfenbild.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr war die Nacht in der W\u00fcste beinahe surreal ruhig. Fernab von Smog und Gro\u00dfstadt sahen wir erstmals den klaren Sternenhimmel \u00fcber Iran.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Reisen ver\u00e4ndert den Blick<\/h1>\n\n\n\n<p>R\u00fcckblickend bleibt f\u00fcr mich vor allem die Erkenntnis, wie wichtig pers\u00f6nliche Begegnungen sind \u2013 gerade mit L\u00e4ndern, die politisch isoliert erscheinen oder fast ausschlie\u00dflich \u00fcber Konflikte wahrgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Austausch hat meine politischen Fragen nicht gel\u00f6st. Im Gegenteil: Viele Widerspr\u00fcche blieben bestehen oder wurden sogar deutlicher. Doch genau deshalb war die Reise so wertvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn zwischen offizieller Politik, religi\u00f6sen Vorschriften, Gastfreundschaft, Kontrolle, Offenheit und gesellschaftlichen Spannungen entstand ein viel komplexeres Bild des Landes, als es Nachrichten jemals h\u00e4tten vermitteln k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem aber wurde mir bewusst, dass gegenseitiges Verst\u00e4ndnis fast immer mit pers\u00f6nlicher Begegnung beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder wie ich damals begann zu denken:<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt keine Freundschaften zwischen Staaten, sondern nur zwischen Menschen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Schwarztee, Smog und politischen Widerspr\u00fcchen Im Oktober 2016 nahm ich gemeinsam mit f\u00fcnf weiteren Sch\u00fclerinnen an einem zweiw\u00f6chigen Sch\u00fcleraustausch mit der Islamischen Republik Iran teil. 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