{"id":1479,"date":"2026-05-09T14:20:56","date_gmt":"2026-05-09T14:20:56","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1479"},"modified":"2026-05-09T15:57:37","modified_gmt":"2026-05-09T15:57:37","slug":"stadtfuehrung-im-krisengebiet","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/stadtfuehrung-im-krisengebiet\/","title":{"rendered":"Stadtf\u00fchrung im Krisengebiet"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Mit ehemaligen Soldaten durch Hebron \u2013 zwischen Besatzung, Schuldfragen und dem Versuch, das Schweigen zu brechen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber meine ersten Eindr\u00fccke aus der besetzten Stadt Hebron berichtete ich bereits in dem Artikel <em>\u201eAlltag im Ausnahmezustand \u2013 Besuch einer Geisterstadt\u201c<\/em>. Doch bei meinem zweiten Besuch am 21. Dezember bekam ich noch einmal eine ganz andere Perspektive auf diesen Ort, der mich seitdem nicht mehr losl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gemeinsam mit anderen Teilnehmern nahm ich an einer besonderen Stadtf\u00fchrung teil, organisiert von ehemaligen israelischen Soldaten der Nichtregierungsorganisation <em>Breaking the Silence<\/em> (\u201eDas Schweigen brechen\u201c). Die Organisation besteht aus Veteranen der israelischen Armee, die w\u00e4hrend ihres Milit\u00e4rdienstes in den besetzten Gebieten stationiert waren und heute \u00f6ffentlich \u00fcber ihre Erlebnisse sprechen. Ziel der Organisation ist es, die israelische \u00d6ffentlichkeit und internationale Besucher mit der Realit\u00e4t des Alltags unter Besatzung zu konfrontieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Dean und die Frage nach der eigenen Verantwortung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser Tourguide hie\u00df Dean. Er war gro\u00df, sportlich gebaut, mit krausen Locken, Dreitagebart und auffallend freundlichen dunklen Augen. W\u00e4hrend der zweiten Intifada hatte er selbst als Soldat in Hebron gedient. Einige Jahre sp\u00e4ter entschloss er sich, \u00f6ffentlich \u00fcber seine Erfahrungen zu sprechen \u2013 nicht zuletzt, weil ihn die Frage nach der eigenen Schuld und Verantwortung nicht mehr loslie\u00df, besonders nachdem er sp\u00e4ter mit pal\u00e4stinensischen Kindern gearbeitet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon auf der Busfahrt nach Hebron erhielten wir Hintergrundinformationen zur politischen Situation der Stadt. Hebron gilt bis heute als eine der konfliktreichsten St\u00e4dte des Westjordanlands. Anders als in Ramallah, Bethlehem oder Nablus befinden sich hier j\u00fcdische Siedlungen mitten im pal\u00e4stinensischen Stadtgebiet. Deshalb wurde die Stadt in zwei Zonen geteilt: H1 unter pal\u00e4stinensischer Verwaltung und H2 unter israelischer Kontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zone H2, durch die unsere Tour f\u00fchrte, wird von israelischen Soldaten kontrolliert und umfasst gro\u00dfe Teile der Altstadt sowie mehrere j\u00fcdische Siedlungen. Dort leben zehntausende Pal\u00e4stinenser und einige hundert j\u00fcdische Siedler \u2013 gesch\u00fctzt von einem massiven Milit\u00e4r- und Sicherheitsapparat.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine Stadt voller Stille<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon bei meinem ersten Besuch hatte mich die Atmosph\u00e4re Hebrons tief bedr\u00fcckt, doch diesmal nahm ich vieles noch bewusster wahr. Die Stra\u00dfen wirkten auch mitten am Tag nahezu ausgestorben. Nur gelegentlich huschten Kinder zwischen den H\u00e4usern hindurch oder Soldaten patrouillierten mit Maschinengewehren durch die verlassenen Gassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dean erkl\u00e4rte uns, dass die israelische Armee versuche, j\u00fcdische Siedler und pal\u00e4stinensische Bewohner m\u00f6glichst vollst\u00e4ndig voneinander zu trennen. Besonders sichtbar wurde dies in der ehemaligen Haupteinkaufsstra\u00dfe, der <em>a-Shuhada Street<\/em>. Einst war sie das wirtschaftliche Herz der Stadt \u2013 voller Gesch\u00e4fte, Marktst\u00e4nde und Leben. Heute d\u00fcrfen Pal\u00e4stinenser diese Stra\u00dfe nicht einmal mehr zu Fu\u00df betreten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele H\u00e4user entlang der Stra\u00dfe sind verriegelt oder zugeschwei\u00dft. Familien, die dort noch leben, erreichen ihre Wohnungen oft nur \u00fcber D\u00e4cher, Hintereing\u00e4nge oder Leitern. Dean zeigte uns alte Fotografien aus den Jahren vor der zweiten Intifada. Es war kaum zu glauben, dass es sich um denselben Ort handelte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er erkl\u00e4rte uns, dass w\u00e4hrend der Intifada rund 77 Prozent der pal\u00e4stinensischen Gesch\u00e4fte in der Altstadt geschlossen wurden \u2013 ein Gro\u00dfteil davon auf direkte Anweisung des Milit\u00e4rs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst Rettungswagen d\u00fcrften manche Stra\u00dfen nur mit Sondergenehmigungen passieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">H\u00e4user wie K\u00e4fige<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders eindr\u00fccklich blieb mir die Begegnung mit Mahmoud in Erinnerung, einem jungen Pal\u00e4stinenser, der uns sp\u00e4ter durch einen Teil der Altstadt begleitete. Ruhig und beinahe sachlich erz\u00e4hlte er, dass seine Mutter starb, als er f\u00fcnf Jahre alt war, weil der Krankenwagen den Checkpoint nicht rechtzeitig passieren durfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche Geschichten schienen in Hebron keine Ausnahme zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend wir weiterliefen, sahen wir H\u00e4user, deren Fenster und Balkone vollst\u00e4ndig mit Gittern und Draht eingez\u00e4unt waren. Stimmen drangen aus den Geb\u00e4uden nach au\u00dfen, Kinder schauten vorsichtig zwischen Metallgittern hindurch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf die Frage, warum Menschen ihre H\u00e4user derart verbarrikadierten, zitierte Dean die junge Pal\u00e4stinenserin Raja\u2019a Abu\u2018Ayesha:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnser Haus ist wie ein K\u00e4fig. Es ist komplett eingez\u00e4unt, inklusive Fenster und Eingang. Mein Gro\u00dfvater hat es so gebaut, um uns vor den Siedlern zu sch\u00fctzen.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je l\u00e4nger wir durch die Stra\u00dfen liefen, desto deutlicher wurde mir, dass diese Stadt nicht nur geteilt ist, sondern dass sich hier Misstrauen, Angst und Feindseligkeit tief in den Alltag eingeschrieben haben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schutz f\u00fcr die einen, Stillstand f\u00fcr die anderen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dean kritisierte offen die israelische Besatzungspolitik und bezeichnete viele Ma\u00dfnahmen nicht nur als Sicherheitsstrategie, sondern auch als Mittel, um pal\u00e4stinensisches Leben aus bestimmten Gebieten zu verdr\u00e4ngen und j\u00fcdische Siedlungen auszuweiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig machte er aber auch deutlich, dass die Sicherheitsfrage real sei. Viele j\u00fcdische Familien in Hebron lebten tats\u00e4chlich in Angst vor Anschl\u00e4gen und Gewalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade diese Gleichzeitigkeit widerspr\u00fcchlicher Realit\u00e4ten machte das Erlebte f\u00fcr mich so schwer greifbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders irritierend erschien mir die Beschreibung der Rolle der Soldaten. Dean erkl\u00e4rte, man habe ihnen w\u00e4hrend ihres Dienstes immer wieder eingesch\u00e4rft, dass ihre Aufgabe ausschlie\u00dflich darin bestehe, j\u00fcdische Siedler zu sch\u00fctzen \u2013 nicht jedoch, Konflikte neutral zu schlichten oder pal\u00e4stinensische Zivilisten zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf die Frage, warum Soldaten bei \u00dcbergriffen extremistischer Siedler h\u00e4ufig nicht eingreifen w\u00fcrden, antwortete Dean n\u00fcchtern:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Menschen, bei denen man am Abend zum Essen eingeladen ist, verhaftet man am n\u00e4chsten Morgen nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Satz blieb mir lange im Kopf.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Streit um \u201eBreaking the Silence\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend der F\u00fchrung wurde deutlich, wie umstritten <em>Breaking the Silence<\/em> in Israel ist. Mehrfach tauchten j\u00fcdische Siedler auf, fotografierten Dean demonstrativ oder versuchten lautstark, die Tour zu st\u00f6ren. Die anwesenden Soldaten beobachteten die Situation meist schweigend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch politisch steht die Organisation massiv unter Druck. Die israelische Regierung wirft ihr vor, Israel international zu diffamieren und gezielt Einfluss auf ausl\u00e4ndische Medien und Regierungen zu nehmen. Besonders bekannt wurde der Konflikt, als Premierminister Netanjahu 2017 ein Treffen mit Sigmar Gabriel absagte, weil dieser Vertreter von <em>Breaking the Silence<\/em> treffen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kritik gibt es au\u00dferdem daran, dass viele Aussagen ehemaliger Soldaten anonym ver\u00f6ffentlicht werden, was laut Kritikern ihre \u00dcberpr\u00fcfbarkeit erschwere.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gespr\u00e4che unterwegs<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige Tage sp\u00e4ter, nach einer Wanderung nahe des Toten Meeres, wurde ich beim Trampen von Michael mitgenommen \u2013 einem wohlhabenden Israeli mit deutschem Pass, gro\u00dfem SUV und bunt gemustertem Hawaiihemd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er bezeichnete sich selbst politisch als links und sah die Arbeit von <em>Breaking the Silence<\/em> grunds\u00e4tzlich als wichtig an, meinte aber gleichzeitig, manche Berichte der Organisation seien ihm zu einseitig oder \u00fcbertrieben formuliert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade diese Begegnung war f\u00fcr mich interessant, weil ich sonst fast ausschlie\u00dflich sehr harsche Kritik an der Organisation geh\u00f6rt hatte \u2013 auch von Mitfreiwilligen oder anderen Israelis.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Eindr\u00fccken und offenen Fragen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Tour durch Hebron hat mir keine einfachen Antworten gegeben. Eher das Gegenteil. Sie hat mir gezeigt, wie kompliziert, emotional und widerspr\u00fcchlich dieser Konflikt ist und wie unterschiedlich Menschen dieselben Ereignisse wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich merke immer st\u00e4rker, dass ich w\u00e4hrend meines Aufenthalts versuche, m\u00f6glichst viele Perspektiven kennenzulernen \u2013 selbst dann, wenn sie sich gegenseitig widersprechen oder mich innerlich verunsichern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht besteht genau darin ein Teil dessen, was dieses Land f\u00fcr mich so schwer begreifbar und gleichzeitig so faszinierend macht.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"post-navigation\">\n\n  <a class=\"prev-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/totem-meer-schlamm\/\">\n    <small>Vorheriger Bericht<\/small><br>\n    \u2190 Totem-Meer-Schlamm\n  <\/a>\n\n  <a class=\"next-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/was-von-diesem-jahr-bleibt\/\">\n    <small>N\u00e4chster Bericht<\/small><br>\n   Was von diesem Jahr bleibt \u2192\n  <\/a>\n\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit ehemaligen Soldaten durch Hebron \u2013 zwischen Besatzung, Schuldfragen und dem Versuch, das Schweigen zu brechen \u00dcber meine ersten Eindr\u00fccke aus der besetzten Stadt Hebron berichtete ich bereits in dem Artikel \u201eAlltag im Ausnahmezustand \u2013 Besuch einer Geisterstadt\u201c. 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