{"id":1449,"date":"2026-05-09T14:06:42","date_gmt":"2026-05-09T14:06:42","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1449"},"modified":"2026-05-09T15:48:51","modified_gmt":"2026-05-09T15:48:51","slug":"mit-dem-fahrrad-nach-jerusalem","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/mit-dem-fahrrad-nach-jerusalem\/","title":{"rendered":"Mit dem Fahrrad nach Jerusalem"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">70 Kilometer, steile Anstiege und das \u00fcberraschende Gef\u00fchl, in einem fremden Land langsam anzukommen<\/h3>\n\n\n\n<p>Als ich nach meiner Radreise nach Rom schlie\u00dflich in Israel angekommen war, hatte ich mir eigentlich fest vorgenommen, f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit kein Fahrrad mehr anzufassen. Nach tausenden gefahrenen Kilometern erschien mir allein der Gedanke daran schon anstrengend genug. Ich war ehrlich davon \u00fcberzeugt, erst einmal genug von langen Strecken, verschwitzten Trikots und schmerzenden Beinen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dieses Vorhaben hielt nicht besonders lange.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Zeit begann mir das Fahrradfahren hier zunehmend zu fehlen. Die Busse waren oft \u00fcberf\u00fcllt, das st\u00e4ndige Warten und Umsteigen nervte mich und au\u00dferdem merkte ich, wie sehr mir das Gef\u00fchl von Freiheit fehlte, das f\u00fcr mich immer mit dem Fahrrad verbunden war. Also begann ich irgendwann doch wieder damit, mich nach einem gebrauchten Fahrrad umzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die Auswahl in Tel Aviv deutlich gr\u00f6\u00dfer war als in Jerusalem, fuhr ich schlie\u00dflich eines Tages dorthin und wurde tats\u00e4chlich f\u00fcndig. Nach einigem \u00dcberlegen kaufte ich das Fahrrad schlie\u00dflich \u2014 nicht gerade billig, aber stabil genug f\u00fcr israelische Stra\u00dfenverh\u00e4ltnisse und vor allem deutlich besser als alles, was ich bisher gefunden hatte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine spontane Entscheidung<\/h3>\n\n\n\n<p>Eigentlich h\u00e4tte es nun vermutlich die vern\u00fcnftige L\u00f6sung gewesen, das Fahrrad irgendwie in einen Bus zu verladen und bequem zur\u00fcck nach Jerusalem zu fahren. Doch w\u00e4hrend ich mit dem frisch gekauften Rad durch die Stra\u00dfen Tel Avivs schob, entstand langsam eine andere Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum nicht einfach direkt zur\u00fcckfahren?<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Jerusalem auf einem Berg liegt und die Strecke entsprechend nicht ganz harmlos werden w\u00fcrde, wusste ich nat\u00fcrlich schon vorher. Aber in diesem Moment erschien mir das alles pl\u00f6tzlich erstaunlich nebens\u00e4chlich. Also befestigte ich mein Gep\u00e4ck am Fahrrad, f\u00fcllte meine Wasserflaschen auf und machte mich am fr\u00fchen Nachmittag einfach auf den Weg.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Mittelmeer und Bergen<\/h3>\n\n\n\n<p>Der erste Teil der Strecke verlief \u00fcberraschend angenehm. Die Stra\u00dfen waren relativ eben und ich kam gut voran, musste mich allerdings erst einmal durch den teilweise chaotischen Verkehr Tel Avivs k\u00e4mpfen. Zwischen hupenden Autos, Kreisverkehren und hektischen Kreuzungen war ich anfangs mehr damit besch\u00e4ftigt, \u00fcberhaupt den richtigen Weg zu finden, als die Fahrt zu genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch je weiter ich mich von der K\u00fcste entfernte, desto ruhiger wurde die Umgebung. Die Landschaft begann sich langsam zu ver\u00e4ndern und die flachen Stra\u00dfen gingen allm\u00e4hlich in h\u00fcgeliges Terrain \u00fcber. Irgendwann wurden aus den H\u00fcgeln dann ernstzunehmende Anstiege.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst auf dieser Fahrt wurde mir wirklich bewusst, was es bedeutet, dass Jerusalem \u201eauf einem Berg\u201c liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit jedem Kilometer wurde der Weg steiler und anstrengender. Die Sonne stand noch hoch und obwohl es nicht mehr Hochsommer war, hing die trockene Hitze schwer \u00fcber der Landschaft. Immer wieder lief mir der Schwei\u00df in die Augen und ich begann zu verstehen, warum die Leute mich vorher etwas irritiert angeschaut hatten, als ich erz\u00e4hlte, dass ich die Strecke mit dem Fahrrad fahren wollte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kontrollpunkte und Heimatgef\u00fchl<\/h3>\n\n\n\n<p>Je n\u00e4her ich Jerusalem kam, desto vertrauter wurde mir die Umgebung. Gleichzeitig f\u00fchlte es sich seltsam an, mit dem Fahrrad durch Gegenden zu fahren, die ich bisher nur aus Bussen oder von Ausfl\u00fcgen kannte. Immer wieder passierte ich kleinere Kontrollpunkte und Stra\u00dfensperren, an denen Soldaten standen und die Umgebung beobachteten. Ein leicht mulmiges Gef\u00fchl blieb dabei nicht aus, auch wenn mich letztlich niemand weiter beachtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz aller Anstrengung merkte ich unterwegs aber vor allem eines: wie sehr mir dieses Gef\u00fchl von Bewegung und Selbstst\u00e4ndigkeit gefehlt hatte. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft hatte ich das Gef\u00fchl, nicht einfach nur Besucher oder Beobachter zu sein, sondern mich wirklich selbstst\u00e4ndig durch dieses Land zu bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten Kilometer nach Jerusalem zogen sich endlos. Meine Beine waren schwer, ich war vollkommen verschwitzt und innerlich l\u00e4ngst bereit aufzugeben. Doch genau in diesem Moment geschah etwas Merkw\u00fcrdiges: Statt genervt oder ersch\u00f6pft zu sein, f\u00fchlte ich mich pl\u00f6tzlich unglaublich gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich schlie\u00dflich am Nachmittag v\u00f6llig fertig, aber euphorisiert unsere WG erreichte, hatte ich das Gef\u00fchl, Israel ein kleines St\u00fcck n\u00e4her gekommen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht war es genau diese Fahrt, die zum ersten Mal so etwas wie ein vorsichtiges Heimatgef\u00fchl in mir ausgel\u00f6st hat.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"post-navigation\">\n\n  <a class=\"prev-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/moses-jesus-und-mohammed\/\">\n    <small>Vorheriger Bericht<\/small><br>\n    \u2190 Moses, Jesus und Mohammed\n  <\/a>\n\n  <a class=\"next-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/in-heiliger-nacht-und-nebel\/\">\n    <small>N\u00e4chster Bericht<\/small><br>\n   In Heiliger Nacht und Nebel \u2192\n  <\/a>\n\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>70 Kilometer, steile Anstiege und das \u00fcberraschende Gef\u00fchl, in einem fremden Land langsam anzukommen Als ich nach meiner Radreise nach Rom schlie\u00dflich in Israel angekommen war, hatte ich mir eigentlich fest vorgenommen, f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit kein Fahrrad mehr anzufassen. 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