{"id":1371,"date":"2026-05-09T13:27:40","date_gmt":"2026-05-09T13:27:40","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1371"},"modified":"2026-05-09T15:33:30","modified_gmt":"2026-05-09T15:33:30","slug":"alltag-im-ausnahmezustand-besuch-einer-geisterstadt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/alltag-im-ausnahmezustand-besuch-einer-geisterstadt\/","title":{"rendered":"Alltag im Ausnahmezustand \u2013 Besuch einer Geisterstadt"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Heiligtum und Hochsicherheitszone<\/h3>\n\n\n\n<p>Hebron ist die gr\u00f6\u00dfte pal\u00e4stinensische Stadt im s\u00fcdlichen Teil des Westjordanlands und zugleich einer der religi\u00f6s bedeutendsten Orte f\u00fcr Juden, Christen und Muslime. Dort befindet sich das Grab Abrahams, des gemeinsamen Stammvaters von Juden und Arabern. Gemeinsam mit Linda machte ich mich auf den Weg in diese alte, geschichtstr\u00e4chtige Stadt, ohne zu ahnen, wie bedr\u00fcckend und verst\u00f6rend dieser Besuch f\u00fcr mich werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon im Vorfeld hatten wir einiges \u00fcber Hebron geh\u00f6rt. Die Stadt gilt als einer der konfliktreichsten Orte der gesamten Westbank. Seit dem Oslo-II-Abkommen ist Hebron in zwei Zonen geteilt. In H1 leben etwa 120.000 Pal\u00e4stinenser unter pal\u00e4stinensischer Verwaltung. In H2 hingegen leben etwa 30.000 Pal\u00e4stinenser und ungef\u00e4hr 800 radikale j\u00fcdische Siedler, die von einer enormen Pr\u00e4senz israelischer Soldaten gesch\u00fctzt werden. Dieser kleine Teil der Stadt steht vollst\u00e4ndig unter israelischer Kontrolle und genau dorthin f\u00fchrte uns unser Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer etwas rasanten Busfahrt \u00fcber staubige Stra\u00dfen stiegen Linda und ich als einzige Passagiere nahe des Heiligtums \u201eHaram el-Khalil\u201c aus. Kaum hatte der Bus die Haltestelle verlassen, breitete sich um uns eine bedr\u00fcckende Stille aus. Obwohl es mitten am Tag war, wirkte die gesamte Umgebung wie ausgestorben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die unheimliche Ruhe von H2<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen lagen leer und regungslos in der hei\u00dfen Morgensonne. Verrammelte L\u00e4den, verlassene Werkst\u00e4tten, zerfallene H\u00e4user und menschenleere H\u00f6fe reihten sich dicht aneinander. Die trockene Luft war staubig und schwer und selbst das Atmen fiel uns pl\u00f6tzlich unangenehm schwer. Jeder Schritt durch diese stille, beinahe tote Umgebung f\u00fchlte sich eigenartig unwirklich an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fragte mich die ganze Zeit, wo die Menschen hier eigentlich waren. Wo spielte sich das Leben dieser Stadt ab? Warum war niemand auf den Stra\u00dfen?<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den verlassen wirkenden Geb\u00e4uden bewegten sich nur vereinzelt orthodoxe Juden mit schwarzen Gew\u00e4ndern, Kippa und Schl\u00e4fenlocken, die Vorbereitungen f\u00fcr anstehende Feiertage trafen. Auch f\u00fcr sie ist der Zugang zur Grabst\u00e4tte streng geregelt. Juden und Muslime betreten das Heiligtum \u00fcber getrennte Eing\u00e4nge und bewegen sich in unterschiedlichen Bereichen des Geb\u00e4udes.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Eingang wurden auch wir kontrolliert. Einige junge israelische Soldaten musterten unsere P\u00e4sse kritisch, bevor wir passieren durften. Als ausl\u00e4ndische Besucher hatten wir es vergleichsweise einfach. F\u00fcr die Menschen, die hier leben, ist jeder Kontrollpunkt Teil ihres Alltags.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Grab Abrahams<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Inneren des Heiligtums herrschte eine ganz andere Atmosph\u00e4re. Die R\u00e4ume waren dunkel, k\u00fchl und nur sp\u00e4rlich beleuchtet. Inmitten eines viereckigen Saales stand ein pr\u00e4chtig verzierter Sarkophag, der Abraham symbolisieren soll. Der eigentliche K\u00f6rper befinde sich jedoch in einer darunterliegenden Kammer, erkl\u00e4rte man uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders faszinierte mich die tiefe Fr\u00f6mmigkeit der orthodoxen Juden vor Ort. Mit \u00fcber den Kopf gelegtem Tallit standen sie betend vor den heiligen St\u00e4tten und bewegten dabei rhythmisch ihren Oberk\u00f6rper vor und zur\u00fcck. Diese v\u00f6llige Hingabe und Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Glaubens beeindruckte mich sehr, auch wenn ich vieles davon nur schwer greifen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch kaum verlie\u00dfen wir den religi\u00f6sen Bereich wieder, holte uns die Realit\u00e4t der Stadt unmittelbar ein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Geisterstadt<\/h3>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Nachmittag machten Linda und ich uns auf den Weg Richtung H1 und mussten daf\u00fcr die ehemalige Altstadt Hebrons durchqueren. Dieser Weg geh\u00f6rt bis heute zu den bedr\u00fcckendsten Dingen, die ich bisher erlebt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Beginn der zweiten Intifada wurden dort tausende Gesch\u00e4fte geschlossen. Viele H\u00e4user stehen leer oder sind bereits halb eingest\u00fcrzt. Ganze Stra\u00dfenz\u00fcge wirken wie Kulissen einer verlassenen Stadt. \u00dcberall h\u00e4ngen rostige Metallrolll\u00e4den vor ehemaligen Basaren, Kabel baumeln lose von den Hausw\u00e4nden und zwischen den Geb\u00e4uden ziehen Staub und Hitze durch die leeren Gassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders bedr\u00fcckend war jedoch die allgegenw\u00e4rtige Milit\u00e4rpr\u00e4senz. Alle paar Meter patrouillierten israelische Soldaten mit Maschinengewehren durch die Stra\u00dfen. Wir passierten Wacht\u00fcrme, Kontrollpunkte und Milit\u00e4rposten. Nahezu an jedem noch bewohnten Haus hingen Israelflaggen oder Girlanden. Die Botschaft war un\u00fcbersehbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wenigen pal\u00e4stinensischen Familien, die noch in diesem Teil der Stadt leben, wirken wie eingeschlossen. Viele Fenster und Balkone sind mit Gittern und Drahtkonstruktionen gesichert, um sich vor Steinw\u00fcrfen extremistischer Siedler zu sch\u00fctzen. Einige Haust\u00fcren zur Hauptstra\u00dfe wurden komplett versiegelt. Manche Bewohner erreichen ihre Wohnungen nur noch \u00fcber Leitern und D\u00e4cher auf der R\u00fcckseite der H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Alltag unter Kontrolle<\/h3>\n\n\n\n<p>Etwas sp\u00e4ter kamen wir mit Mohammed ins Gespr\u00e4ch, einem etwa drei\u00dfigj\u00e4hrigen Pal\u00e4stinenser, der uns in gebrochenem Englisch erkl\u00e4rte, wie sich das Leben in H2 ver\u00e4ndert habe. Die israelische Armee sei ausschlie\u00dflich f\u00fcr die Sicherheit der Siedler zust\u00e4ndig, sagte er. Die pal\u00e4stinensische Polizei d\u00fcrfe in diesem Gebiet nicht eingreifen und die Bewohner h\u00e4tten kaum M\u00f6glichkeiten, sich gegen \u00dcbergriffe zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend er sprach, blickte er immer wieder vorsichtig die Stra\u00dfe hinunter, als m\u00fcsse er st\u00e4ndig darauf achten, wer ihn beobachtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir wurde zunehmend bewusst, wie sehr der Ausnahmezustand hier zum Alltag geworden ist. Kinder wachsen zwischen Kontrollpunkten, Waffen und Mauern auf. Menschen planen ihren Tagesablauf danach, welche Stra\u00dfen sie benutzen d\u00fcrfen und welche nicht. Freiheit wirkt hier nicht wie etwas Selbstverst\u00e4ndliches, sondern wie ein kaum erreichbarer Zustand.<\/p>\n\n\n\n<p>Und gleichzeitig hatte ich das Gef\u00fchl, dass nahezu jeder Mensch in dieser Stadt seine eigene Geschichte von Angst, Verlust oder Gewalt erz\u00e4hlen k\u00f6nnte \u2013 egal auf welcher Seite.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hinter dem Checkpoint<\/h3>\n\n\n\n<p>Nachdem wir schlie\u00dflich den streng bewachten \u00dcbergang von H2 nach H1 passiert hatten, ver\u00e4nderte sich das Stadtbild schlagartig.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einmal herrschte wieder Leben. Die engen Gassen der Altstadt waren voller Menschen, Marktst\u00e4nde quollen \u00fcber vor Gew\u00fcrzen, Kleidung und Obst, Kinder rannten lachend durch die Stra\u00dfen und \u00fcberall h\u00f6rte man Stimmen, Motorenger\u00e4usche und Musik. Es roch nach orientalischen Gew\u00fcrzen, Benzin, Staub und Essen zugleich.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder wurden wir freundlich angesprochen. \u201eWelcome to Hebron\u201c, \u201eNice that you visit Palestine\u201c, h\u00f6rten wir aus allen Richtungen. Viele Menschen schienen sich ehrlich dar\u00fcber zu freuen, dass sich \u00fcberhaupt jemand f\u00fcr ihre Stadt interessierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders irritierend und gleichzeitig ber\u00fchrend war eine Begegnung mit einigen kleinen Kindern. Zwei Mal kamen Gruppen von vielleicht sechsj\u00e4hrigen Jungen auf uns zugelaufen, umarmten uns einfach und griffen nach unseren H\u00e4nden. Ich konnte dieses Verhalten zun\u00e4chst \u00fcberhaupt nicht einordnen. Einerseits wirkte es unglaublich herzlich, andererseits auch fremd und beinahe verst\u00f6rend, weil ich so etwas nie zuvor erlebt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben all der Offenheit blieb jedoch auch die sichtbare Armut nicht verborgen. Vielerorts quoll M\u00fcll aus den Containern, Geb\u00e4ude verfielen und meterhohe Z\u00e4une sowie Stacheldraht durchschnitten ganze Stra\u00dfenz\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Hoffnung und Beklemmung<\/h3>\n\n\n\n<p>Am meisten besch\u00e4ftigt mich bis heute der Kontrast zwischen den Lebensumst\u00e4nden der Menschen und ihrer gleichzeitigen Lebensfreude. Trotz all der Einschr\u00e4nkungen, der Perspektivlosigkeit und der t\u00e4glichen Spannungen begegneten uns viele Menschen mit einer W\u00e4rme und Offenheit, die mich tief beeindruckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig lie\u00df mich die Frage nicht los, wie ein normales Leben unter solchen Bedingungen \u00fcberhaupt m\u00f6glich sein soll. Warum bleiben Mauern und Soldaten bestehen, w\u00e4hrend die Menschen verschwinden? Warum wird ein historisches Stadtzentrum zur Geisterstadt?<\/p>\n\n\n\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag verlie\u00dfen Linda und ich Hebron schlie\u00dflich wieder mit einem Minibus Richtung Bethlehem. M\u00fcde, ersch\u00f6pft und v\u00f6llig \u00fcberladen mit Eindr\u00fccken sa\u00dfen wir nebeneinander und schwiegen lange.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir war dabei sehr bewusst, dass all dies nur erste und zwangsl\u00e4ufig begrenzte Eindr\u00fccke eines hochkomplexen Konfliktes waren. Dennoch wurde mir an diesem Tag deutlicher denn je, wie wichtig die Arbeit von Einrichtungen wie dem Alyn-Hospital ist, in denen Menschen unabh\u00e4ngig von Religion oder Herkunft miteinander arbeiten und leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und trotz aller Beklemmung m\u00f6chte ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass Orte wie Hebron eines Tages wieder normale St\u00e4dte werden k\u00f6nnen \u2013 St\u00e4dte voller Leben statt voller Kontrollpunkte, Mauern und Angst.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"post-navigation\">\n\n  <a class=\"prev-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/seltsames-merkwuerdiges-gruseliges\/\">\n    <small>Vorheriger Bericht<\/small><br>\n    \u2190 Mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem\n  <\/a>\n\n  <a class=\"next-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/goldschmuggel-ueber-die-hochsicherheitsgrenze\/\">\n    <small>N\u00e4chster Bericht<\/small><br>\n   Goldschmuggel \u00fcber die Hochsicherheitsgrenze \u2192\n  <\/a>\n\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Heiligtum und Hochsicherheitszone Hebron ist die gr\u00f6\u00dfte pal\u00e4stinensische Stadt im s\u00fcdlichen Teil des Westjordanlands und zugleich einer der religi\u00f6s bedeutendsten Orte f\u00fcr Juden, Christen und Muslime. 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