{"id":1363,"date":"2026-05-09T13:24:59","date_gmt":"2026-05-09T13:24:59","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1363"},"modified":"2026-05-09T15:28:02","modified_gmt":"2026-05-09T15:28:02","slug":"mit-stephen-hawking-unterwegs-in-bethlehem","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/mit-stephen-hawking-unterwegs-in-bethlehem\/","title":{"rendered":"Mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Krankenhausalltag und Ausflug<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Alyn-Hospital gibt es neben den Kinderstationen auch eine weitere Abteilung mit dem Namen <em>Independent Living Neighbourhood<\/em>, in der erwachsene Menschen mit schweren k\u00f6rperlichen Behinderungen dauerhaft leben k\u00f6nnen und entsprechend ihrer Bed\u00fcrfnisse medizinisch und pflegerisch versorgt werden. Dort leben unter anderem die beiden Br\u00fcder Fares und Maram, die beide an Muskeldystrophie vom Typ Duchenne leiden und deshalb in nahezu allen Bereichen ihres Alltags auf Unterst\u00fctzung angewiesen sind. Trotz ihrer schweren Erkrankung begegneten die beiden ihrer Umwelt mit einer beeindruckenden Offenheit und Herzlichkeit und luden uns Freiwillige eines Tages zu einem gemeinsamen Ausflug nach Bethlehem ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Bethlehem ist f\u00fcr die beiden Br\u00fcder ein ganz besonderer Ort, da sie arabische Christen sind und sich dort die Geburtskirche befindet, die der \u00dcberlieferung nach \u00fcber der Geburtsst\u00e4tte Jesu errichtet wurde. Schon die Fahrt dorthin f\u00fchlte sich eigenartig und widerspr\u00fcchlich an, denn um von Jerusalem nach Bethlehem zu gelangen, mussten wir zun\u00e4chst den stark gesicherten israelischen Checkpoint am Nordrand der Stadt passieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Durch Mauern und Kontrollpunkte<\/h3>\n\n\n\n<p>Hohe Betonmauern, Stacheldraht, Wacht\u00fcrme und schwer bewaffnete Soldaten bestimmten dort das Bild. Die massive Sperranlage soll verhindern, dass pal\u00e4stinensische Attent\u00e4ter aus der Westbank nach Israel gelangen k\u00f6nnen und gleichzeitig wirkt dieser Ort wie ein sichtbares Symbol daf\u00fcr, wie tief Misstrauen, Angst und Trennung dieses kleine Land pr\u00e4gen. An einigen Stellen t\u00fcrmten sich Berge aus M\u00fcll und Schutt direkt an der Mauer auf, an anderen waren die Betonfl\u00e4chen vollst\u00e4ndig mit politischen Graffiti und Botschaften \u00fcbers\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem wir den Checkpoint ohne gr\u00f6\u00dfere Probleme passiert hatten, war die Altstadt Bethlehems nicht mehr weit entfernt. Schon von au\u00dfen wirkte die Geburtskirche unglaublich imposant, gleichzeitig aber auch alt, schwer und von Jahrhunderten gepr\u00e4gt. Menschen aus allen Teilen der Welt dr\u00e4ngten sich durch die engen Eing\u00e4nge und \u00fcber den Vorplatz. F\u00fcr Fares und Maram begann der Besuch jedoch bereits am Eingang mit Schwierigkeiten, denn die Kirche war alles andere als behindertengerecht. Mit vereinten Kr\u00e4ften und einer improvisierten Rampe gelang es uns schlie\u00dflich, die beiden Br\u00fcder samt ihrer schweren Rollst\u00fchle \u00fcberhaupt ins Geb\u00e4ude zu man\u00f6vrieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Geburtskirche und die Blicke der Menschen<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Inneren wurde einem noch deutlicher bewusst, wie wenig Menschen mit k\u00f6rperlichen Einschr\u00e4nkungen an vielen Orten wirklich mitgedacht werden. W\u00e4hrend sich Touristengruppen relativ m\u00fchelos durch das historische Bauwerk bewegten, blieb Fares und Maram nur ein kleiner Bereich der Kirche zug\u00e4nglich. Besonders bedr\u00fcckend empfand ich dabei weniger die Treppen oder engen G\u00e4nge, sondern vielmehr die Blicke der Menschen. Viele starrten die beiden Br\u00fcder v\u00f6llig hemmungslos an, manche beobachteten sie minutenlang oder tuschelten laut miteinander. Es war dieses unverstellte, beinahe schon sensationsgierige Mustern, das mich zunehmend irritierte und traurig machte.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Fares und Maram im zug\u00e4nglichen Teil der Kirche warteten, wurden wir dazu aufgefordert, noch den unteren Bereich der Geburtskirche zu besichtigen. Daf\u00fcr mussten wir uns an dichten Menschengruppen vorbeischieben, eine steile Treppe hinabsteigen und schlie\u00dflich durch die extrem niedrige Demutspforte das eigentliche Heiligtum betreten. Im Inneren sah man dem Bauwerk sein hohes Alter deutlich an. Die Steine waren glatt und abgewetzt von den unz\u00e4hligen Menschen, die seit Jahrhunderten hierher pilgerten. Dunkle W\u00e4nde, schwere Lampen und die besondere Atmosph\u00e4re des Ortes machten den Besuch beeindruckend, gleichzeitig blieben wir dort unten jedoch nur kurz, da wir unsere Gastgeber nicht l\u00e4nger als n\u00f6tig drau\u00dfen warten lassen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir sp\u00e4ter wieder gemeinsam auf dem Vorplatz standen, passierte eine Situation, die mich bis heute besch\u00e4ftigt. Ein Pal\u00e4stinenser kam eilig auf uns zugelaufen, sah sofort, dass wir Touristen waren und fragte dann auf Maram deutend, wo wir denn herk\u00e4men und warum wir mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem seien.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einen kurzen Moment wusste ich nicht, ob ich lachen, schweigen oder w\u00fctend werden sollte. Vielleicht h\u00e4tte die Bemerkung sogar etwas Komisches gehabt, wenn der Mann Maram direkt angesprochen h\u00e4tte. Stattdessen sprach er jedoch mit uns \u00fcber ihn, als w\u00e4re er \u00fcberhaupt nicht anwesend. Gerade das machte die Situation so unangenehm. Es zeigte auf eine sehr direkte und bedr\u00fcckende Weise, wie h\u00e4ufig Menschen mit schweren Behinderungen nicht als eigenst\u00e4ndige Pers\u00f6nlichkeiten wahrgenommen werden, sondern eher als au\u00dfergew\u00f6hnliche Erscheinung oder Kuriosit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gastfreundschaft auf dem Marktplatz<\/h3>\n\n\n\n<p>Noch etwas nachdenklich von dieser absurden Begegnung machten wir uns weiter auf den Weg Richtung Marktplatz, wo wir schlie\u00dflich in einem kleinen Restaurant ein typisch arabisch-pal\u00e4stinensisches Gericht serviert bekamen. Besonders ber\u00fchrt hat mich dabei die Tatsache, dass Fares und Maram uns eingeladen hatten, obwohl sie aufgrund ihrer Erkrankung selbst kaum oder gar nicht normal essen konnten. Trotzdem war es ihnen wichtig, Gastgeber zu sein und uns diesen Tag zu erm\u00f6glichen. Gerade diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit von Gastfreundschaft und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit habe ich w\u00e4hrend meiner Zeit dort immer wieder erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag fuhren die meisten von uns wieder zur\u00fcck nach Jerusalem, doch Lukas und ich beschlossen spontan, noch etwas l\u00e4nger in Bethlehem zu bleiben. Wir liefen entlang der hohen Sperrmauer, die auf pal\u00e4stinensischer Seite vollst\u00e4ndig mit politischen Botschaften und Graffiti bedeckt war. Dort lernten wir Hamoud kennen, der einen kleinen Souvenirladen direkt an der Mauer betrieb. Nach wenigen Minuten Smalltalk erkl\u00e4rte er pl\u00f6tzlich, er m\u00fcsse kurz etwas erledigen und wir sollten solange einfach auf seinen Laden aufpassen. Noch bevor wir richtig begriffen hatten, was gerade passierte, war er mit seinem Auto verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">N\u00e4chtliche Graffiti an der Mauer<\/h3>\n\n\n\n<p>Erst deutlich sp\u00e4ter kam Hamoud zur\u00fcck, schloss seinen Laden hastig und erkl\u00e4rte uns dann, dass wir nun mitkommen w\u00fcrden. Kurz darauf sa\u00dfen wir in einem winzigen, v\u00f6llig verrauchten Restaurant zusammen mit zwei K\u00fcnstlern aus \u00d6sterreich und Australien, die in dieser Nacht ein gro\u00dfes Graffiti an die Mauer bringen wollten. Nat\u00fcrlich sagten wir sofort zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es dunkel wurde, begann die Arbeit. Zun\u00e4chst musste die Betonwand mehrfach wei\u00df grundiert werden, danach wurde mithilfe eines Projektors das geplante Motiv auf die Mauer \u00fcbertragen. Ein Dieselgenerator brummte laut im Hintergrund, \u00fcberall roch es nach Farbe und Staub und die beiden K\u00fcnstler arbeiteten mit einer beeindruckenden Routine und Ruhe. Es hatte etwas Surreales, mitten in der Nacht zwischen Betonmauern und politischen Botschaften zu stehen und dabei zuzusehen, wie dort Kunst entstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider konnten wir nicht bis zur Fertigstellung bleiben. Hamoud selbst durfte Bethlehem ohne spezielle Genehmigung israelischer Beh\u00f6rden nicht verlassen. Trotzdem schaffte er es irgendwie noch, eine junge Frau aufzutreiben, die bereit war, uns sp\u00e4tabends mit ihrem Auto nach Jerusalem mitzunehmen. Bevor wir losfuhren, kontrollierte sie unsere P\u00e4sse mehrfach sehr genau und vergewisserte sich immer wieder, dass wir tats\u00e4chlich problemlos den Checkpoint passieren d\u00fcrften.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zur\u00fcck nach Jerusalem<\/h3>\n\n\n\n<p>Erst weit nach Mitternacht kamen wir schlie\u00dflich wieder in unserer WG in Jerusalem an. Doch selbst dort lie\u00dfen mich die Eindr\u00fccke dieses Tages noch lange nicht los. Die Mauer, die Kirche, die Blicke der Menschen, die Gespr\u00e4che und die n\u00e4chtliche Atmosph\u00e4re an der Sperranlage vermischten sich in meinem Kopf zu einem eigenartigen Gef\u00fchl zwischen Faszination, Beklemmung und \u00dcberforderung.<\/p>\n\n\n\n<p>Um nach all diesen intensiven Eindr\u00fccken wieder etwas Ruhe zu finden, fuhr ich einige Tage sp\u00e4ter an meinem freien Tag in den En-Gedi-Nationalpark am Toten Meer. Dort wanderte ich stundenlang alleine durch die W\u00fcste, blickte \u00fcber das tiefblaue Wasser bis nach Jordanien und sa\u00df schlie\u00dflich lange an einer kleinen Wasserquelle mitten zwischen den Felsen. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Israel hatte ich das Gef\u00fchl, wirklich still zu werden und f\u00fcr einen Moment Abstand von all den Bildern, Gespr\u00e4chen und Widerspr\u00fcchen zu bekommen, die dieses Land so schwer greifbar und gleichzeitig so faszinierend machen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"post-navigation\">\n\n  <a class=\"prev-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/seltsames-merkwuerdiges-gruseliges\/\">\n    <small>Vorheriger Bericht<\/small><br>\n    \u2190 Seltsames, Merkw\u00fcrdiges, Gruseliges\n  <\/a>\n\n  <a class=\"next-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/alltag-im-ausnahmezustand-besuch-einer-geisterstadt\/\">\n    <small>N\u00e4chster Bericht<\/small><br>\n   Alltag im Ausnahmenzustand &#8211; Hebron \u2192\n  <\/a>\n\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Krankenhausalltag und Ausflug Im Alyn-Hospital gibt es neben den Kinderstationen auch eine weitere Abteilung mit dem Namen Independent Living Neighbourhood, in der erwachsene Menschen mit schweren k\u00f6rperlichen Behinderungen dauerhaft leben k\u00f6nnen und entsprechend ihrer Bed\u00fcrfnisse medizinisch und pflegerisch versorgt werden. 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