{"id":1341,"date":"2026-05-09T13:20:43","date_gmt":"2026-05-09T13:20:43","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1341"},"modified":"2026-05-09T15:25:24","modified_gmt":"2026-05-09T15:25:24","slug":"seltsames-merkwuerdiges-gruseliges","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/seltsames-merkwuerdiges-gruseliges\/","title":{"rendered":"Seltsames \u2013 Merkw\u00fcrdiges \u2013 Gruseliges"},"content":{"rendered":"<p>Nicht jeder Tag in Jerusalem bestand aus gro\u00dfen Reisen, tiefgr\u00fcndigen Gespr\u00e4chen oder bewegenden Momenten im Krankenhaus. Manche Tage waren einfach nur\u2026 seltsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Je l\u00e4nger ich hier lebte, desto h\u00e4ufiger hatte ich das Gef\u00fchl, dass die Grenzen zwischen Alltag, Absurdit\u00e4t und v\u00f6lliger Fassungslosigkeit zunehmend verschwammen. Und wahrscheinlich sind gerade diese Momente diejenigen, die mir am st\u00e4rksten im Ged\u00e4chtnis bleiben werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der skurrilste Hebr\u00e4ischkurs meines Lebens<\/h3>\n\n\n\n<p>An meinem freien Mittwoch blieb ich ausnahmsweise einmal in Jerusalem, anstatt durchs Land zu reisen. Mittlerweile hatte sich bei uns Freiwilligen eine gewisse Routine eingestellt und ich nahm mir vor, endlich ernsthafter Hebr\u00e4isch zu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die offiziellen Sprachkurse waren allerdings teuer. Deshalb war ich begeistert, als ich online die Anzeige einer \u00e4lteren Dame fand, die g\u00fcnstigen Privatunterricht anbot. Voller Motivation meldete ich mich sofort an. R\u00fcckblickend h\u00e4tte ich vielleicht skeptisch werden sollen, als die Frau am Telefon erst ihre Haushaltshilfe nach ihrer eigenen Adresse fragen musste. Aber meine Vorfreude war gr\u00f6\u00dfer als mein Misstrauen. P\u00fcnktlich um zehn Uhr morgens stand ich schlie\u00dflich vor einem winzigen Apartment nahe der Altstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr \u00f6ffnete eine junge asiatisch aussehende Frau namens Kim. Im Wohnzimmer sa\u00df bereits die eigentliche Lehrerin \u2013 eine uralte, in Decken eingewickelte Frau \u2013 regungslos auf einem Sofa und starrte auf einen riesigen Fernseher.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Raum war dunkel, stickig und roch muffig nach Staub und abgestandener Luft. Die vergilbten Gardinen lie\u00dfen kaum Licht hinein. Als ich tief Luft holte, bekam ich sofort einen Hustenanfall. Die alte Dame nahm zun\u00e4chst keinerlei Notiz von mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre H\u00e4nde wirkten papierd\u00fcnn, die Haut spannte sich grau und faltig \u00fcber ihre Knochen. Ihre Augen lagen tief in den Falten ihres Gesichts verborgen und blickten starr ins Leere. In diesem Moment war ich fest \u00fcberzeugt, dass sie mir gleich aus einer Kristallkugel die Zukunft vorhersagen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch stattdessen begann der Hebr\u00e4ischunterricht. Das Erste, was wir lernen sollten, war der Satz: \u201eDer Vater ist gro\u00df.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz darauf folgte bereits: \u201eDu sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Alles wurde ausschlie\u00dflich nachgesprochen, ohne System, ohne Erkl\u00e4rung und in einer Geschwindigkeit, bei der ich kaum verstand, was ich da \u00fcberhaupt sagte. Als ich vorsichtig anmerkte, dass ich nicht einmal richtig das hebr\u00e4ische Alphabet beherrsche, schaute mich Irene \u2013 so hie\u00df die Dame \u2013 irritiert an und fragte schlie\u00dflich:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKannst du \u00fcberhaupt schreiben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann nahm sie mir den Stift aus der Hand und erkl\u00e4rte, sie habe ihre Brille verloren und k\u00f6nne nichts mehr sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit zitternden Bewegungen schrieb sie riesige, kaum erkennbare hebr\u00e4ische Schriftzeichen quer \u00fcber mein Blatt. Kim sa\u00df daneben, schaute alle paar Minuten aufs Handy und schien dieses Szenario v\u00f6llig normal zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch begann Irene pl\u00f6tzlich hebr\u00e4ische Kirchenlieder anzustimmen. Ob sie bemerkte, dass wir beide nicht mitsangen, wei\u00df ich bis heute nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Stunde endlich vorbei war, fragte ich Kim drau\u00dfen vorsichtig, wie lange sie bereits dort Hebr\u00e4isch lerne. \u201eEin Jahr\u201c, antwortete sie ruhig.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie konnte allerdings keinen einzigen alltagstauglichen Satz sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erleichtert trat ich hinaus auf die sonnigen Stra\u00dfen Jerusalems und atmete tief durch. Aus einem Caf\u00e9 drang Musik, Kinder spielten auf der Stra\u00dfe und ich war mir sicher:<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Vormittag werde ich niemals vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Vater ist gro\u00df\u201c \u00fcbrigens auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ameisenbek\u00e4mpfung am Feiertag<\/h2>\n\n\n\n<p>Am selben Abend ging ich mit meinem Mitbewohner Karim noch in einen \u00f6ffentlichen Park, um etwas Sport zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war Simchat Torah, also das Ende des j\u00fcdischen Neujahrsfestes und gleichzeitig ein wichtiger Feiertag. Sp\u00e4tabends sprach uns pl\u00f6tzlich ein junger orthodoxer Jude an und fragte mit starkem franz\u00f6sischem Akzent, ob wir j\u00fcdisch seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach kurzen Verst\u00e4ndigungsproblemen stellte sich heraus, dass er aus Paris kam. Zu meiner gro\u00dfen Freude wechselten wir daraufhin ins Franz\u00f6sische.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas verlegen erkl\u00e4rte er uns schlie\u00dflich sein Problem: Er habe eine Ameisenplage in seiner Ferienwohnung \u2013 d\u00fcrfe am Feiertag aber selbst keine Arbeit verrichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob wir helfen k\u00f6nnten? Neugierig folgten wir ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits beim Betreten der Wohnung wurde klar, dass er nicht \u00fcbertrieben hatte. Tausende Ameisen krochen \u00fcber Schr\u00e4nke, W\u00e4nde und Lampen. Teilweise war der Untergrund kaum noch zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Uns wurden Putzmittel, Wasser und T\u00fccher in die Hand gedr\u00fcckt und wir begannen mitten in der Nacht damit, Ameisen zu beseitigen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber eine halbe Stunde schrubbten wir W\u00e4nde, Schr\u00e4nke und M\u00f6bel.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrenddessen erkl\u00e4rte uns Ismael immer wieder, wie dankbar er sei, dass wir ihm halfen. Danach stellte er uns Schokolade und Limonade hin und wollte uns sogar bezahlen, was wir jedoch ablehnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am meisten blieb mir an diesem Abend der Gedanke h\u00e4ngen, dass ausgerechnet ein uraltes religi\u00f6ses Arbeitsverbot dazu gef\u00fchrt hatte, dass v\u00f6llig fremde Menschen aus verschiedenen L\u00e4ndern mitten in Jerusalem zusammenstanden und gemeinsam Ameisen beseitigten.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie war das auf absurde Weise sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Panik auf Station<\/h2>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste Morgen begann dagegen deutlich weniger friedlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon beim Betreten der Krankenhausstation erkl\u00e4rte mir die Stationsleiterin aufgeregt, dass M\u00e4use in der K\u00fcche seien. Das beunruhigte mich zun\u00e4chst wenig.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis Schwester Natalia pl\u00f6tzlich einen markersch\u00fctternden Schrei ausstie\u00df. Mitten in der K\u00fcche sa\u00df eine gigantische Ratte. Das Tier hatte ungef\u00e4hr die Ausstrahlung eines aggressiven Bibers und musterte uns mit erstaunlicher Gelassenheit aus kleinen schwarzen Augen. Innerhalb k\u00fcrzester Zeit r\u00fcckte das Reinigungsteam des Krankenhauses in voller St\u00e4rke an. Bettlaken wurden gespannt, K\u00fchlschr\u00e4nke verr\u00fcckt, Besen organisiert und Fluchtwege abgeschnitten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Szene erinnerte mehr an einen Polizeieinsatz als an Sch\u00e4dlingsbek\u00e4mpfung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder auf Station rollten \u2013 soweit m\u00f6glich \u2013 neugierig mit ihren Rollst\u00fchlen Richtung K\u00fcche, um das Spektakel aus n\u00e4chster N\u00e4he zu beobachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich wurde die Ratte unter dem K\u00fchlschrank hervorgejagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein dumpfer Schlag.<br>Ein kurzes Quieken.<br>Dann war alles vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Applaus brandete auf. Der \u201eEinsatzleiter\u201c des Reinigungskommandos warf den leblosen Nager wortlos in den von mir bereitgestellten Eimer und verschwand, als w\u00e4re nichts gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur eine Reinigungskraft blieb fassungslos zur\u00fcck und betrachtete das Schlachtfeld, das sie nun putzen musste. Ich half ihr schlie\u00dflich dabei, den Eimer nach drau\u00dfen zu bringen, w\u00e4hrend mich die kleinen Knopfaugen der Ratte vorwurfsvoll anzustarren schienen. Danach war mein Appetit f\u00fcrs Mittagessen endg\u00fcltig verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein kleiner Nachtrag<\/h3>\n\n\n\n<p>Nachtr\u00e4glich m\u00f6chte ich anmerken, dass dieser Bericht \u00fcber die Ratte vielleicht einen falschen Eindruck hinterl\u00e4sst. Ich mag Tiere wirklich sehr gerne und war trotz allem erstaunlich mitf\u00fchlend mit dem ungl\u00fccklichen Nagetier. Schlie\u00dflich verbringe ich an vielen Wochenenden Zeit im kleinen Streichelzoo des Krankenhauses und k\u00fcmmere mich dort liebevoll um Meerschweinchen, Kaninchen und andere\u2026 nun ja\u2026 Nagetiere.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"post-navigation\">\n\n  <a class=\"prev-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/sabbat-in-jerusalem\/\">\n    <small>Vorheriger Bericht<\/small><br>\n    \u2190 Sabbat in Jerusalem\n  <\/a>\n\n  <a class=\"next-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/mit-stephen-hawking-unterwegs-in-bethlehem\/\">\n    <small>N\u00e4chster Bericht<\/small><br>\n    Mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem \u2192\n  <\/a>\n\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht jeder Tag in Jerusalem bestand aus gro\u00dfen Reisen, tiefgr\u00fcndigen Gespr\u00e4chen oder bewegenden Momenten im Krankenhaus. Manche Tage waren einfach nur\u2026 seltsam. 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