{"id":1325,"date":"2026-05-09T13:13:32","date_gmt":"2026-05-09T13:13:32","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1325"},"modified":"2026-05-09T15:23:52","modified_gmt":"2026-05-09T15:23:52","slug":"alltag-in-unserer-wg-zwischen-improvisiertem-essen-und-bundestagswahl","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/alltag-in-unserer-wg-zwischen-improvisiertem-essen-und-bundestagswahl\/","title":{"rendered":"Alltag in unserer WG. \u2013 zwischen improvisiertem Essen und Bundestagswahl"},"content":{"rendered":"<p>Nach der Arbeit im Krankenhaus brauchte ich meist nur wenige Minuten zu Fu\u00df bis zu unserer WG. in Westjerusalem. Das Haus lag in einer ruhigen Gegend nahe des Yad Vashem und des Herzlbergs und wurde f\u00fcr die kommenden Monate unser gemeinsames Zuhause.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt lebten dort acht deutsche Freiwillige \u2013 vier Frauen und vier M\u00e4nner. Nicht weit entfernt gab es au\u00dferdem noch eine internationale WG. mit Freiwilligen aus Norwegen, Brasilien und Frankreich. Dadurch entstand schnell das Gef\u00fchl, Teil eines gr\u00f6\u00dferen, bunt zusammengew\u00fcrfelten Netzwerkes zu sein, das irgendwo zwischen Alltag, Abenteuer und \u00dcberforderung versuchte, in Israel anzukommen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischen M\u00fcdigkeit, Gespr\u00e4chen und Restek\u00fcche<\/h3>\n\n\n\n<p>Mein Zimmer teilte ich mit Judith. Schon nach kurzer Zeit wurde sie f\u00fcr mich zu einer der wichtigsten Personen hier vor Ort. Judith hatte fr\u00fcher professionell Basketball gespielt, sprach bereits erstaunlich gut Hebr\u00e4isch und kannte durch ihr Judaistikstudium und viele Kontakte in Deutschland israelische Kultur und Gesellschaft deutlich besser als ich. Mit ihr konnte ich stundenlang reden.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft sa\u00dfen wir noch nachts wach, obwohl wir am n\u00e4chsten Morgen fr\u00fch zur Arbeit mussten, und tauschten uns \u00fcber Begegnungen, Erlebnisse und Beobachtungen aus. Gerade in einem Land wie Israel hatte man st\u00e4ndig das Gef\u00fchl, dass hinter jeder Begegnung noch eine weitere Geschichte verborgen lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem verband uns eine gewisse Kreativit\u00e4t beim Thema Essen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da unser K\u00fchlschrank oft eher sp\u00e4rlich gef\u00fcllt war und wir alle mit einem begrenzten Budget lebten, entwickelten wir schnell eine gewisse Kunst darin, aus Resten noch improvisierte Mahlzeiten zusammenzustellen. Irgendwo fanden sich meistens noch Tomaten, ein halbes Fladenbrot, etwas Humus oder irgendwelche undefinierbaren Gem\u00fcsereste, aus denen dann sp\u00e4tabends doch noch \u00fcberraschend gute Gerichte entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>An Judith sch\u00e4tzte ich besonders ihre ruhige, vertrauensvolle Art und ihren starken Wunsch nach Aufrichtigkeit gegen\u00fcber anderen Menschen und gegen\u00fcber Gott. Gerade in schwierigen Situationen hatte sie eine bemerkenswerte Klarheit, die mir oft imponierte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sabbat, Tee und Lichtschalter<\/h3>\n\n\n\n<p>Auch mit Lara verstand ich mich sehr gut. Sie hatte nach der Schule zun\u00e4chst eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin gemacht, nachdem sie festgestellt hatte, dass der Friseurberuf doch nicht das Richtige f\u00fcr sie war. Ihre Familie stammte urspr\u00fcnglich aus Russland und sie selbst war J\u00fcdin, wodurch sie sich Israel auf eine ganz andere Weise verbunden f\u00fchlte. Viele j\u00fcdische Traditionen wurden durch sie pl\u00f6tzlich Teil unseres WG-Alltags.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders am Sabbat merkten wir das immer wieder. Dann durfte sie beispielsweise kein Licht einschalten oder Wasser kochen, weshalb sie regelm\u00e4\u00dfig jemanden von uns bat, \u201emal kurz\u201c den Wasserkocher anzumachen oder einen Lichtschalter zu bet\u00e4tigen. Diese kleinen Situationen wirkten auf mich anfangs ungewohnt, wurden aber mit der Zeit ganz selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Lara beschrieb sich selbst einmal scherzhaft damit, dass sie \u201eEssen und Shoppen\u201c m\u00f6ge. Das traf zwar irgendwie zu, wurde ihr aber eigentlich nicht gerecht. Denn hinter dieser lockeren Art steckte eine gro\u00dfe Neugier auf das Land und ein sehr eigener Zugang zur israelischen Kultur.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bundestagswahl aus der Ferne<\/h2>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sich unser Alltag in Jerusalem langsam einspielte, lief in Deutschland der Bundestagswahlkampf seinem Ende entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 24. September verfolgten wir schlie\u00dflich aus Israel die Wahlergebnisse \u2013 mit wachsender Sprachlosigkeit. Besonders das Abschneiden der AfD traf mich unerwartet hart.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wusste ich, dass es viel Frust in Deutschland gab. Viel Entt\u00e4uschung \u00fcber Politik, Stillstand und fehlende Alternativen. Und vermutlich wollten viele Menschen mit ihrer Stimme vor allem Protest ausdr\u00fccken. Trotzdem blieb bei mir ein bedr\u00fcckendes Gef\u00fchl zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn mit einem Kreuz bei der AfD wurden eben auch Aussagen mitgetragen, die ich nur schwer ertragen konnte. Aussagen eines Alexander Gauland \u00fcber den angeblichen Stolz auf deutsche Soldaten in zwei Weltkriegen. Aussagen eines Bj\u00f6rn H\u00f6cke, dessen Sprache und Auftreten mich immer wieder erschreckend an dunkle Kapitel deutscher Geschichte erinnerten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade in Israel bekamen solche Entwicklungen f\u00fcr mich noch einmal eine andere Dimension. Hier begegnete man beinahe t\u00e4glich Menschen, deren Familiengeschichte direkt mit Verfolgung, Flucht, Vertreibung oder dem Holocaust verbunden war. Viele Gespr\u00e4che machten deutlich, wie pr\u00e4sent der Zweite Weltkrieg und die Shoa im israelischen Alltag bis heute geblieben sind \u2013 oft viel st\u00e4rker, als es vielen jungen Menschen in Deutschland bewusst ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb empfand ich das Wahlergebnis nicht nur politisch problematisch, sondern auch menschlich besch\u00e4mend. Ich hoffte damals sehr, nicht irgendwann erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, warum ausgerechnet in Deutschland wieder eine Partei mit solchen T\u00f6nen so gro\u00dfen Zuspruch erhielt. Vielleicht wurde mir gerade in der Distanz zu Deutschland noch deutlicher, wie verletzlich Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt eigentlich sind.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"post-navigation\">\n\n  <a class=\"prev-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/alltag-auf-station\/\">\n    <small>Vorheriger Bericht<\/small><br>\n    \u2190 Alltag auf Station\n  <\/a>\n\n  <a class=\"next-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/sabbat-in-jerusalem\/\">\n    <small>N\u00e4chster Bericht<\/small><br>\n    Sabbat in Jerusalem \u2192\n  <\/a>\n\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Arbeit im Krankenhaus brauchte ich meist nur wenige Minuten zu Fu\u00df bis zu unserer WG. in Westjerusalem. 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