{"id":1318,"date":"2026-05-09T13:10:51","date_gmt":"2026-05-09T13:10:51","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1318"},"modified":"2026-05-09T15:23:19","modified_gmt":"2026-05-09T15:23:19","slug":"alltag-auf-station","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/alltag-auf-station\/","title":{"rendered":"Alltag auf Station"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Zeit stellte sich auf unserer Krankenhausstation langsam so etwas wie Alltag ein. Zumindest eine Form von Alltag, wie er an einem Ort m\u00f6glich ist, an dem Kinder Tag und Nacht auf medizinische Unterst\u00fctzung angewiesen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns neue Freiwillige bedeutete das vor allem, die Abl\u00e4ufe immer besser kennenzulernen und Schritt f\u00fcr Schritt Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Besonders in den Fr\u00fchschichten von sieben bis vierzehn Uhr wurden die Routinen schnell sehr vertraut: Kinder wecken, duschen, anziehen, lagern, Nahrung vorbereiten, Ger\u00e4te kontrollieren und \u00fcberall dort helfen, wo Hilfe gebraucht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele dieser T\u00e4tigkeiten wirken im eigenen Leben vollkommen nebens\u00e4chlich. Auf der Station wurde mir jedoch bewusst, wie viel Aufmerksamkeit und F\u00fcrsorge hinter den einfachsten Dingen steckt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Duschen, lagern, vorsichtig sein<\/h3>\n\n\n\n<p>Schon das Waschen der Kinder erforderte gro\u00dfe Sorgfalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche von ihnen konnten ihren K\u00f6rper \u00fcberhaupt nicht selbst bewegen. Ihre Arme und Beine wirkten schlaff und zerbrechlich, w\u00e4hrend man sie vorsichtig auf die schmale Liege hob, auf der sie gewaschen wurden. Viele konnten ihren Kopf nicht selbst halten. Gleichzeitig war es ihnen oft kaum m\u00f6glich mitzuteilen, ob das Wasser zu hei\u00df oder zu kalt war oder ob etwas unangenehm wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder wurden mit warmem Wasser und viel Seife gewaschen, oft lief der Schaum bis auf den Boden und durchn\u00e4sste unsere Schuhe. Gleichzeitig durfte man nie vergessen, wie verletzlich diese Situation eigentlich war.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders wichtig war die fortlaufende Beatmung vieler Kinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis auf zwei waren alle dauerhaft auf ihre Atemmaschinen angewiesen, weil die Muskelschw\u00e4che l\u00e4ngst nicht mehr nur Arme und Beine betraf, sondern auch die Atem- und Schluckmuskulatur. Selbst beim Duschen musste deshalb st\u00e4ndig darauf geachtet werden, dass kein Wasser in den k\u00fcnstlichen Zugang zur Luftr\u00f6hre gelangte.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr uns selbstverst\u00e4ndlich funktioniert \u2013 husten, schlucken oder sich r\u00e4uspern \u2013 war f\u00fcr viele der Kinder unm\u00f6glich geworden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kleine Zeichen ernst nehmen<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn sich Schleim in den Atemwegen sammelte oder ein Zugang verstopfte, musste schnell reagiert werden. Dann wurde mit einem speziellen Ger\u00e4t abgesaugt, um die Atemwege freizuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfer Teil unserer Aufgabe bestand deshalb zun\u00e4chst darin, aufmerksam zu beobachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lernten erste Warnzeichen f\u00fcr Sauerstoffmangel zu erkennen: eine schnellere Atmung, das Spreizen der Nasenfl\u00fcgel, ein sichtbares Einziehen des Brustkorbs oder im schlimmsten Fall bl\u00e4ulich verf\u00e4rbte Lippen und Fingern\u00e4gel.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade am Anfang machte mir diese Verantwortung Angst. Denn oft hing sehr viel davon ab, kleinste Ver\u00e4nderungen rechtzeitig wahrzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nahrung \u00fcber Magensonden<\/h3>\n\n\n\n<p>Mehrmals t\u00e4glich mussten die Kinder au\u00dferdem k\u00fcnstlich ern\u00e4hrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nahrung wurde \u00fcber sogenannte Magensonden direkt in den Magen geleitet. Auch daf\u00fcr waren wir Freiwilligen mit zust\u00e4ndig: Nahrung vorbereiten, die Sonden sp\u00fclen, hygienisch arbeiten und darauf achten, dass sich nichts entz\u00fcndete.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade diese Routinearbeiten wirkten zun\u00e4chst technisch und n\u00fcchtern. Gleichzeitig merkte ich aber schnell, wie eng Medizin und Menschlichkeit dort miteinander verbunden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn w\u00e4hrend man Nahrung vorbereitete oder Ger\u00e4te kontrollierte, entstanden oft die wenigen ruhigen Momente, in denen man wirklich Kontakt zu den Kindern aufnehmen konnte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kommunikation ohne Worte<\/h3>\n\n\n\n<p>Am meisten faszinierte mich mit der Zeit die Art, wie Kommunikation auf der Station funktionierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Kinder konnten nicht sprechen. Manche konnten kaum noch ihre Gesichtsmuskeln bewegen. Trotzdem entwickelte sich mit der Zeit eine eigene Form der Verst\u00e4ndigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Blick nach oben.<br>Ein langes Ansehen.<br>Ein Augenrollen.<br>Ein Wegdrehen des Kopfes.<br>Ein pl\u00f6tzlich strahlender Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft sagten diese kleinen Reaktionen mehr als Worte.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders sch\u00f6n war der Moment, wenn man nach l\u00e4ngerem Probieren endlich verstand, was ein Kind wollte. Dann entstand manchmal pl\u00f6tzlich dieses kurze Gef\u00fchl von Verbindung \u2013 obwohl kaum gesprochen werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das M\u00e4dchen mit dem Pinsel<\/h3>\n\n\n\n<p>Besonders besch\u00e4ftigt hat mich ein zehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen auf der Station.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Krankheit war bereits sehr weit fortgeschritten. W\u00e4hrend einer meiner Schichten verlor sie wegen Herz- und Lungenproblemen sogar zweimal das Bewusstsein. Trotzdem war sie die meiste Zeit geistig vollkommen wach.<\/p>\n\n\n\n<p>Bewegen konnte sie fast nur noch ihre Augen, einige Gesichtsmuskeln und minimal ihre Zunge.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es der Stationsalltag zulie\u00df, malte sie unglaublich gerne. Daf\u00fcr wurde ihr ein spezieller Pinsel in den Mund gelegt, den sie mit der Zunge bewegte. So verteilte sie gr\u00fcne und gelbe Farbe auf Papier.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein stilles, langsames Malen. Und trotzdem lag darin so viel Ausdruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits machte mich ihre Situation traurig, weil man sp\u00fcrte, wie ernst ihr Zustand war. Andererseits beeindruckte es mich sehr, dass dieses Kind trotz allem noch Freude an solchen Momenten fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht zeigte sich gerade darin, wie viel Arbeit und Menschlichkeit in diesem Krankenhaus steckte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Glitzerspangen und zu kleine Kleidung<\/h3>\n\n\n\n<p>Was mich ebenfalls besch\u00e4ftigte, war die Tatsache, dass manche Kinder nur selten Besuch bekamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem zw\u00f6lfj\u00e4hrigen M\u00e4dchen konnte sich kaum jemand erinnern, wann zuletzt Angeh\u00f6rige da gewesen waren. Viele ihrer Kleidungsst\u00fccke passten l\u00e4ngst nicht mehr richtig. Die Hosen waren zu kurz geworden, die Shirts spannten \u00fcber dem Bauch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wirkte zun\u00e4chst wie eine Kleinigkeit. Aber irgendwann wurde mir klar, dass es eben keine Kleinigkeit ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn trotz aller Krankheit bleiben diese Kinder Kinder. M\u00e4dchen, die sich \u00fcber h\u00fcbsche Kleidung freuen. \u00dcber Glitzerspangen. \u00dcber sch\u00f6ne Farben. \u00dcber kleine Dinge, die Normalit\u00e4t vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht habe ich gerade dort gelernt, dass W\u00fcrde oft in sehr unscheinbaren Dingen beginnt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"post-navigation\">\n\n  <a class=\"prev-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/alyn-all-the-love-you-need\/\">\n    <small>Vorheriger Bericht<\/small><br>\n    \u2190 ALYN &#8211; All the Love You Need\n  <\/a>\n\n  <a class=\"next-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/alltag-in-unserer-wg-zwischen-improvisiertem-essen-und-bundestagswahl\/\">\n    <small>N\u00e4chster Bericht<\/small><br>\n    Unsere WG in Jerusalem \u2192\n  <\/a>\n\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Zeit stellte sich auf unserer Krankenhausstation langsam so etwas wie Alltag ein. 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