{"id":1309,"date":"2026-05-09T13:07:35","date_gmt":"2026-05-09T13:07:35","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1309"},"modified":"2026-05-09T15:05:44","modified_gmt":"2026-05-09T15:05:44","slug":"alyn-all-the-love-you-need","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/alyn-all-the-love-you-need\/","title":{"rendered":"ALYN \u2013 All the Love You Need"},"content":{"rendered":"<p>Die gemeinsame Einsatzstelle aller Freiwilligen aus unserer WG war das ALYN-Hospital in Jerusalem \u2013 ein Kinder- und Jugendkrankenhaus, das auf Rehabilitation und die Begleitung schwer chronisch kranker Kinder spezialisiert ist. Schon der Name der Einrichtung blieb mir sofort im Kopf: <strong>ALYN \u2013 All the Love You Need.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damals erschien mir dieser Satz fast ein wenig kitschig. Doch je l\u00e4nger ich dort arbeitete, desto mehr verstand ich, weshalb er so gut zu diesem Ort passt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Krankenhaus wurden Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern betreut: nach schweren Unf\u00e4llen, Verbrennungen oder Gehirnverletzungen, aber auch Kinder mit fortschreitenden Muskelerkrankungen und schweren Behinderungen. Manche kamen nur f\u00fcr einzelne Therapien oder Untersuchungen ins Krankenhaus. Andere lebten praktisch dauerhaft dort, weil eine Versorgung zu Hause unm\u00f6glich geworden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der Kinder waren rund um die Uhr auf Maschinen angewiesen \u2013 zum Atmen, Essen oder f\u00fcr ihre medizinische Versorgung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein besonderer Ort in Jerusalem<\/h3>\n\n\n\n<p>Was mich von Anfang an beeindruckte, war die Atmosph\u00e4re im Krankenhaus. In einem Land, das politisch und gesellschaftlich oft tief gespalten wirkt, begegneten sich hier Menschen unterschiedlichster Herkunft ganz selbstverst\u00e4ndlich im Alltag.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcdische, muslimische und christliche Familien warteten nebeneinander auf den Fluren. Viele Pflegerinnen und Pfleger waren arabisch. Beschriftungen fanden sich auf Hebr\u00e4isch, Arabisch und Englisch. Neben einer kleinen Synagoge gab es auch einen muslimischen Gebetsraum.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich verschwanden dadurch keine politischen Konflikte. Aber im Kleinen entstand hier ein Ort, an dem Herkunft, Sprache oder Religion zumindest f\u00fcr einen Moment in den Hintergrund r\u00fcckten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht wirkte das Krankenhaus gerade deshalb so besonders auf mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kam, dass ALYN ein gemeinn\u00fctziges Krankenhaus ist und in hohem Ma\u00dfe von Spenden und freiwilliger Unterst\u00fctzung lebt. Viele Menschen arbeiteten dort mit einer sp\u00fcrbaren Hingabe, die weit \u00fcber reine Pflichterf\u00fcllung hinausging.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der erste Arbeitstag<\/h3>\n\n\n\n<p>An meinem ersten Arbeitstag wurde mir die Station gezeigt, auf der ich k\u00fcnftig unterst\u00fctzen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort lebten insgesamt acht Kinder und Jugendliche zwischen vier und vierzehn Jahren mit unterschiedlichen Formen von Muskeldystrophien. Die meisten von ihnen konnten das Zimmer nicht eigenst\u00e4ndig verlassen. Bis auf ein Kind waren alle dauerhaft auf ihren Rollstuhl angewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele konnten weder selbstst\u00e4ndig essen noch atmen. Sie wurden k\u00fcnstlich ern\u00e4hrt und \u00fcber einen Zugang an der Luftr\u00f6hre beatmet. Die Ger\u00e4te geh\u00f6rten dort genauso selbstverst\u00e4ndlich zum Alltag wie Spielsachen, Kuscheltiere oder Kinderb\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon nach wenigen Minuten auf der Station wurde mir bewusst, wie gro\u00df die Verantwortung war, die jede Pflegekraft, jede Therapeutin und auch wir Freiwilligen dort trugen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wenn Worte fehlen<\/h3>\n\n\n\n<p>Besonders besch\u00e4ftigt hat mich die Art der Kommunikation.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur zwei Kinder konnten deutlich sprechen oder ihre Mimik kontrolliert einsetzen. Manche waren fast vollst\u00e4ndig gel\u00e4hmt und konnten nur noch ihre Augen oder einzelne Finger bewegen. Trotzdem war vielen von ihnen anzumerken, dass sie geistig vollkommen wach waren.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich neben ihren Betten sa\u00df oder sie im Alltag unterst\u00fctzte, fragte ich mich oft, was diese Kinder wohl erz\u00e4hlen w\u00fcrden, wenn sie die M\u00f6glichkeit dazu h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was denken sie den ganzen Tag?<br>Wovor haben sie Angst?<br>Was macht sie gl\u00fccklich?<br>Wor\u00fcber w\u00fcrden sie lachen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuchte mit der Zeit, kleine Zeichen zu lesen: eine Augenbewegung, ein kurzes Zucken, ein Blick, eine minimale Ver\u00e4nderung im Gesichtsausdruck. Oft war ich mir unsicher, ob ich die Signale richtig deutete.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade diese Unsicherheit empfand ich als belastend. Denn wenn ein Mensch kaum M\u00f6glichkeiten hat, sich mitzuteilen, wird jede kleine Handlung pl\u00f6tzlich wichtig. Ein falsch verstandener Blick kann bedeuten, dass jemand Durst hat, Schmerzen empfindet oder sich einfach nur unwohl f\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Gedanke hat mich am Anfang stark besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hilflosigkeit und N\u00e4he<\/h3>\n\n\n\n<p>Besonders schwer fiel mir die Vorstellung, wie es sein muss, geistig vollkommen klar zu sein und gleichzeitig so abh\u00e4ngig von anderen Menschen zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der Kinder konnten nicht selbst entscheiden, wann sie trinken, essen oder sich bewegen wollten. Manche waren rund um die Uhr darauf angewiesen, dass jemand ihre Bed\u00fcrfnisse erkennt, ohne dass sie sie richtig \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig erlebte ich auf der Station aber auch erstaunlich viele kleine Momente von N\u00e4he und Lebensfreude.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Kind freute sich sichtbar dar\u00fcber, wenn man Musik anmachte. Ein anderes liebte es, wenn man ihm Geschichten vorlas. Manche reagierten auf bestimmte Stimmen oder lachten \u00fcber kleine Albernheiten. Oft waren es winzige Momente, die nach au\u00dfen kaum spektakul\u00e4r wirkten, f\u00fcr die Kinder aber offensichtlich eine gro\u00dfe Bedeutung hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade dadurch lernte ich, wie viel Aufmerksamkeit und Geduld im Umgang mit anderen Menschen steckt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Verantwortung lernen<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich glaube, mein erster Arbeitstag im ALYN-Hospital hat mir mehr \u00fcber Verantwortung beigebracht als vieles zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht Verantwortung im Sinne von Organisation oder Leistung, sondern die Verantwortung, Menschen ernst zu nehmen, die v\u00f6llig auf andere angewiesen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht dort nicht darum, gro\u00dfe Dinge zu tun. Oft sind es kleine Handlungen: jemanden richtig lagern, aufmerksam zuh\u00f6ren, geduldig bleiben, Blickkontakt halten oder einfach da sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gab es auch Momente von \u00dcberforderung und Hilflosigkeit. Gerade am Anfang hatte ich oft Angst, etwas falsch zu machen oder Bed\u00fcrfnisse zu \u00fcbersehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und trotzdem war da gleichzeitig das Gef\u00fchl, an einem Ort zu sein, an dem selbst kleine Gesten einen Unterschied machen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht beschreibt genau das den Alltag im ALYN-Hospital am besten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"post-navigation\">\n\n  <a class=\"prev-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/ankommen-in-haifa\/\">\n    <small>Vorheriger Bericht<\/small><br>\n    \u2190 Ankommen in Haifa\n  <\/a>\n\n  <a class=\"next-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/alltag-auf-station\/\">\n    <small>N\u00e4chster Bericht<\/small><br>\n    Alltag auf Station \u2192\n  <\/a>\n\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gemeinsame Einsatzstelle aller Freiwilligen aus unserer WG war das ALYN-Hospital in Jerusalem \u2013 ein Kinder- und Jugendkrankenhaus, das auf Rehabilitation und die Begleitung schwer chronisch kranker Kinder spezialisiert ist. 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