{"id":1301,"date":"2026-05-09T13:04:32","date_gmt":"2026-05-09T13:04:32","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1301"},"modified":"2026-05-09T21:01:50","modified_gmt":"2026-05-09T21:01:50","slug":"ankommen-in-haifa","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/ankommen-in-haifa\/","title":{"rendered":"Ankommen in Haifa"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Landung auf dem Ben-Gurion-Airport in Tel Aviv f\u00fchlte sich alles gleichzeitig vollkommen neu und merkw\u00fcrdig vertraut an. Noch bevor ich richtig realisieren konnte, dass ich nun tats\u00e4chlich f\u00fcr ein ganzes Jahr in Israel leben w\u00fcrde, stand ich bereits in den ersten Sicherheitskontrollen. Immer wieder wurden mir Fragen gestellt: weshalb ich nach Israel komme, wen ich kenne, wo ich wohnen werde. Die Gespr\u00e4che wirkten routiniert, gleichzeitig aber erstaunlich aufmerksam. Am Ende hielt ich endlich mein Visum f\u00fcr das kommende Jahr in den H\u00e4nden \u2013 leicht zerknittert vom vielen Vorzeigen, aber f\u00fcr mich in diesem Moment wohl eines der wichtigsten Dokumente \u00fcberhaupt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Flughafen wartete bereits ein Taxifahrer, der mich nach Haifa bringen sollte, wo das Einf\u00fchrungsseminar f\u00fcr die Freiwilligen stattfand. W\u00e4hrend ich noch m\u00fcde aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Stra\u00dfen und H\u00e4user blickte, erkl\u00e4rte er mir mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit einen Satz, den ich w\u00e4hrend meines Aufenthalts noch oft h\u00f6ren sollte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eIn Jerusalem wird gebetet, in Tel Aviv gelebt und in Haifa gearbeitet.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Haifa sei die modernste und sauberste Stadt Israels, erkl\u00e4rte er weiter. Damals konnte ich noch nicht wirklich einsch\u00e4tzen, was genau damit gemeint war. Aber schon in diesen ersten Stunden hatte ich das Gef\u00fchl, dass jede Stadt hier ihre eigene Identit\u00e4t besitzt \u2013 fast wie kleine eigenst\u00e4ndige Welten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Vorfreude und Unsicherheit<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Seminarhaus traf ich schlie\u00dflich auf die anderen Freiwilligen. Einige waren wie ich mit dem Deutschen Roten Kreuz gekommen, andere mit unterschiedlichen Organisationen. Nach der langen Reise f\u00fchlte sich diese erste Begegnung merkw\u00fcrdig beruhigend an. Alle wirkten gleichzeitig aufgeregt, ersch\u00f6pft und neugierig auf das, was vor uns lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Seminar selbst war deutlich intensiver, als ich erwartet hatte. Im Mittelpunkt standen nicht Sehensw\u00fcrdigkeiten oder organisatorische Fragen, sondern der Umgang mit Menschen mit Behinderungen und besonderen Bed\u00fcrfnissen. Viele von uns w\u00fcrden in Krankenh\u00e4usern, Schulen oder sozialen Einrichtungen arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Vortrag einer Mutter, deren Sohn aufgrund von Komplikationen bei der Geburt schwer behindert ist. Mit ersch\u00fctternder Offenheit sprach sie \u00fcber ihr Leben. Einerseits \u00fcber ihre tiefe Liebe zu ihrem Kind, andererseits aber auch \u00fcber Schmerz, \u00dcberforderung und Entt\u00e4uschung. Sie sprach davon, wie hilflos und distanziert viele Menschen reagieren w\u00fcrden, wenn ein Kind nicht \u201enormal\u201c sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich beeindruckte vor allem, wie ehrlich sie \u00fcber Gef\u00fchle sprach, die gesellschaftlich oft kaum ausgesprochen werden d\u00fcrfen. Gerade diese Ehrlichkeit machte ihren Vortrag so bewegend. Zum ersten Mal begann ich wirklich zu begreifen, wie herausfordernd der Alltag vieler Familien sein muss und wie schnell Menschen mit Behinderungen im Alltag auf ihre Einschr\u00e4nkungen reduziert werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sicherheitslage und Weltpolitik<\/h3>\n\n\n\n<p>Einen v\u00f6llig anderen Eindruck hinterlie\u00df der Vortrag eines israelischen Diplomaten \u00fcber die Sicherheitslage im Nahen Osten. Der \u00e4ltere Herr im etwas zu engen Anzug sprach mit gro\u00dfer Ernsthaftigkeit \u00fcber den Iran, die Hamas und die Hisbollah. Mit Hilfe von Karten und Grafiken erkl\u00e4rte er, weshalb viele Israelis ihr Land dauerhaft bedroht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend seines Vortrags musste ich mehrfach daran denken, dass ich selbst erst wenige Monate zuvor in Teheran gewesen war und mein iranischer Austauschsch\u00fcler bald meine Familie in Deutschland besuchen w\u00fcrde. Diese beiden Wirklichkeiten gleichzeitig im Kopf zu haben, f\u00fchlte sich seltsam an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt begegnete mir in Israel von Anfang an ein viel st\u00e4rkeres Sicherheitsdenken, als ich es aus Deutschland kannte. Politik und Geschichte wirkten hier nicht wie abstrakte Themen aus Nachrichten oder Schulb\u00fcchern, sondern wie etwas, das unmittelbar mit dem Alltag verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">N\u00e4chtliche Begegnungen \u00fcber den D\u00e4chern Haifas<\/h3>\n\n\n\n<p>Neben den Workshops blieb uns auch etwas freie Zeit. Ein Nachmittag f\u00fchrte uns an den Strand von Haifa. Wei\u00dfer Sand, warme Luft und das Mittelmeer \u2013 nach den langen Seminartagen f\u00fchlte sich das fast unwirklich entspannt an.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Abends machten Hannah, eine andere Freiwillige, und ich uns noch auf den Weg durch die Stadt. Eigentlich wollten wir nur ein wenig Haifa bei Nacht sehen. Auf dem R\u00fcckweg mussten wir an einer steilen Stra\u00dfe kurz pausieren, weil die feucht-hei\u00dfe Luft selbst nachts noch erstaunlich anstrengend war.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau in diesem Moment wurden wir von zwei \u00e4lteren israelischen M\u00e4nnern angesprochen, die offenbar gerade Feierabend machten. Sie fragten neugierig, woher wir k\u00e4men und was wir in Israel machen w\u00fcrden. Wenige Minuten sp\u00e4ter sa\u00dfen wir pl\u00f6tzlich auf der Dachterrasse eines kleinen Hauses \u00fcber den Lichtern Haifas \u2013 jede mit einer kalten Limonade in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Terrasse war voller Pflanzen, Teppiche und alter M\u00f6bel. Einer der beiden M\u00e4nner arbeitete als Sportlehrer und Bademeister, der andere besa\u00df ein Restaurant in Haifa. Ohne gro\u00dfe Umst\u00e4nde wurden wir mit Hummus, frischen Mangos, Feigen und Datteln versorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit von Gastfreundschaft hat mich in Israel immer wieder \u00fcberrascht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Geschichten, die nie ganz vergangen sind<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Abends kamen wir auch auf Deutschland und den Zweiten Weltkrieg zu sprechen. Sehr schnell merkte ich, wie pr\u00e4sent diese Geschichte f\u00fcr viele j\u00fcdische Familien bis heute geblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der M\u00e4nner zeigte uns B\u00fccher seiner Mutter, darunter auch deutsche Literatur und sogar ein Exemplar von \u201eMein Kampf\u201c. Es war ein eigenartiger Moment. Einerseits diese gro\u00dfe Offenheit und Herzlichkeit uns gegen\u00fcber, andererseits die Geschichten von Verfolgung, Verlust und Angst, die in vielen Familien bis heute weitergetragen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich besch\u00e4ftigte in diesem Moment vor allem die Frage, wie unterschiedlich Erinnerung in Deutschland und Israel wahrgenommen wird. W\u00e4hrend der Nationalsozialismus f\u00fcr viele junge Menschen in Deutschland oft weit entfernt wirkt, begegnete mir hier eine sehr pers\u00f6nliche Form von Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig erz\u00e4hlte uns der Restaurantbesitzer begeistert von seinen Reisen nach Berlin. Er schw\u00e4rmte von Deutschland, vom Klima und davon, dass er sich vorstellen k\u00f6nne, eines Tages dort ein Restaurant zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Mischung aus Offenheit, Gastfreundschaft und gleichzeitiger historischer Schwere hat mich an diesem Abend tief beeindruckt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein neues Zuhause in Jerusalem<\/h3>\n\n\n\n<p>Erst tief in der Nacht wurden wir zur\u00fcck zum Seminarhaus gefahren. Wenige Tage sp\u00e4ter ging es weiter nach Jerusalem, wo unsere eigentliche Einsatzstelle lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere WG befand sich in Westjerusalem, nicht weit vom Herzlberg und Yad Vashem entfernt. Insgesamt lebten dort acht Freiwillige aus Deutschland. Ich teilte mein Zimmer mit Judith, die bereits eine Ausbildung als Arzthelferin abgeschlossen hatte und durch ihr Judaistikstudium erstaunlich gut Hebr\u00e4isch sprach.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon nach kurzer Zeit hatte ich das Gef\u00fchl, angekommen zu sein \u2013 zumindest ein kleines bisschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch wusste ich kaum, was in den kommenden Monaten alles auf mich warten w\u00fcrde. Aber bereits diese ersten Tage hatten mir gezeigt, dass Israel ein Land voller Gegens\u00e4tze ist: offen und angespannt zugleich, herzlich und kompliziert, laut und ersch\u00f6pfend, faszinierend und manchmal auch \u00fcberfordernd.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"post-navigation\">\n\n  <a class=\"prev-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/zwischen-alltag-und-ausnahmenzustand\/\">\n    <small>Vorheriger Bericht<\/small><br>\n    \u2190 Zur\u00fcck zur \u00dcbersicht\n  <\/a>\n\n  <a class=\"next-post\" href=\"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/alyn-all-the-love-you-need\/\">\n    <small>N\u00e4chster Bericht<\/small><br>\n   ALYN \u2013 All the Love You Need \u2192\n  <\/a>\n\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Landung auf dem Ben-Gurion-Airport in Tel Aviv f\u00fchlte sich alles gleichzeitig vollkommen neu und merkw\u00fcrdig vertraut an. Noch bevor ich richtig realisieren konnte, dass ich nun tats\u00e4chlich f\u00fcr ein ganzes Jahr in Israel leben w\u00fcrde, stand ich bereits in den ersten Sicherheitskontrollen. Immer wieder wurden mir Fragen gestellt: weshalb ich nach Israel komme, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"page-with-title","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-1301","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1301","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1301"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1301\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1947,"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1301\/revisions\/1947"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}