{"id":1252,"date":"2026-05-09T12:17:41","date_gmt":"2026-05-09T12:17:41","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1252"},"modified":"2026-05-09T14:36:23","modified_gmt":"2026-05-09T14:36:23","slug":"nablus-und-ramallah","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/nablus-und-ramallah\/","title":{"rendered":"Nablus und Ramallah"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Zwischen M\u00e4rkten, M\u00fcdigkeit und politischer Realit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die skurrile Seifenfabrik von Nablus<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach unserer Ankunft in Nablus liefen wir zun\u00e4chst eine kleine Runde durch die pal\u00e4stinensische Stadt und waren beinahe verwundert dar\u00fcber, wie viel Leben hier herrschte &#8211; gerade im Vergleich zu Jericho, obwohl auch hier Ramadan war. Die Stra\u00dfen wirkten voller, lauter, gesch\u00e4ftiger. Wir verschafften uns einen ersten \u00dcberblick, bekamen von einem jungen arabischen Kosmetikverk\u00e4ufer eine Telefonnummer zugesteckt und machten schlie\u00dflich ein recht sauberes, edel wirkendes Hotel mitten in der Innenstadt ausfindig, das allerdings v\u00f6llig unbesucht schien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Personal im Jasmin-3-Sterne-Hotel, so nannte es sich, wirkte freundlich, hilfsbereit und seri\u00f6s, sodass wir beschlossen, unser schweres Gep\u00e4ck f\u00fcr die Zeit unseres Stadtbesuches dort an der Rezeption abzugeben. Unsere Wertsachen nahmen wir gemeinsam in einem kleinen Rucksack mit, den Lea trug. Mir als Reiseleitung fiel es allerdings merklich schwer, die Verantwortung \u00fcber all unsere essenziellen Dinge aus der Hand zu geben. Entsprechend konnte ich nicht aufh\u00f6ren zu fragen: \u201eLea! Hast du den kleinen Rucksack?\u201c &#8211; bis sie mir den ins Fleisch schneidenden Rucksack schlie\u00dflich mit verdrehten Augen gegen meinen Willen in die Hand dr\u00fcckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Schatten auf den Stufen vor dem Hotel entnahmen wir unserem Reisef\u00fchrer, unserem treuen Freund und Helfer, dass Nablus ber\u00fchmt sei f\u00fcr seine S\u00fc\u00dfigkeiten, seine gesch\u00e4ftigen M\u00e4rkte und vor allem f\u00fcr die traditionelle Oliven\u00f6lseife. Seit mehr als tausend Jahren solle hier Seife hergestellt werden, und bis heute gelte sie als eines der wichtigsten Exportg\u00fcter der Stadt. Dem Reisef\u00fchrer zufolge sei eine Besichtigung der Nabluser Seifenfabrik absolut lohnenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Voller Neugierde machten wir uns auf den Weg. Wir schl\u00e4ngelten uns durch gut duftende Lebensmittell\u00e4den und abartig stinkende Tierm\u00e4rkte, bis wir irgendwann in einer kleinen Gasse mit hohen Steinmauern standen. Vor uns befand sich eine winzige, dunkel gestrichene T\u00fcr mit einem kleinen, angenagelten Schild, das best\u00e4tigte, dass wir tats\u00e4chlich vor der traditionellen Seifenfabrik der Stadt standen.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas z\u00f6gerlich traten wir ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen fanden wir uns in einem dunklen, stark riechenden Raum wieder. Ein paar Arbeiter sa\u00dfen in v\u00f6lliger Lethargie auf abgewetzten Sesseln um ein kleines Fenster herum und schienen bei unserer Ankunft keinerlei Notiz von uns zu nehmen, was in der arabischen Welt beinahe an das Unm\u00f6gliche grenzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem abgebl\u00e4tterten Schild lasen wir, dass die ber\u00fchmte Nabluser Seife aus Oliven\u00f6l erster Pressung, Wasser und einer Natriumverbindung hergestellt werde. Die Seifen w\u00fcrden in kleine, w\u00fcrfelf\u00f6rmige St\u00fccke geschnitten und mit dem Pr\u00e4gestempel der Fabrik versehen. \u00dcberall standen T\u00f6pfe, Formen und undefinierbare Ingredienzien herum. Die Unordnung und Dunkelheit erinnerten weniger an ein ge\u00f6ffnetes Museum als an einen alten Keller, den zuf\u00e4llig jemand vergessen hatte abzuschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Raumes entdeckten wir eine kleine, lauschige Sitzecke. Rote Wollbez\u00fcge verpackten muffige alte Sofakissen, und der Staub lag in einer dicken Schicht wie frischer Schnee \u00fcber der m\u00fchevoll eingerichteten Ecke. Dort sa\u00dfen wir nun, ohne zu wissen, ob \u00fcberhaupt irgendjemand von unserer Anwesenheit Kenntnis hatte. Nichts schien uns in diesem Moment naheliegender, als hier eine kleine Mittagspause einzulegen und die unerholsam kurze Nacht zu kompensieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch kaum hatten wir uns gesetzt, mussten wir all unsere Willenskraft mobilisieren, um wieder aufzustehen. Die Luft war bet\u00e4ubend und schwindelerregend. Es f\u00fchlte sich an, als k\u00f6nne man dort in einen narkose\u00e4hnlichen Schlaf fallen und nie wieder rechtzeitig erwachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklich sch\u00e4tzten wir uns, als wir wieder heil im Freien standen und tief durchatmen konnten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischen M\u00e4rkten und Erinnerungstafeln<\/h3>\n\n\n\n<p>Unsere Freude \u00fcber die frische Luft w\u00e4hrte allerdings nicht lange. Wir setzten unsere Stadterkundung fort und liefen durch ein verlassen wirkendes Viertel mit leerstehenden Geb\u00e4uden und hohen Mauern. An den W\u00e4nden befanden sich zahlreiche Schilder und Infotafeln, die von der pal\u00e4stinensischen Geschichte dieses Ortes erz\u00e4hlten, gepr\u00e4gt von Unterdr\u00fcckung, Folter, politischem Aktivismus und den K\u00e4mpfen der ersten und zweiten Intifada.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tafeln berichteten davon, wie Nablus zu einem Brennpunkt der Auseinandersetzungen zwischen der israelischen Armee und den Pal\u00e4stinensern geworden war, von Ausgangssperren, zerst\u00f6rten H\u00e4usern und langen Phasen der Gewalt. Bei all meinen Besuchen in pal\u00e4stinensischen St\u00e4dten bekam ich immer wieder das Gef\u00fchl, dass die Menschen hier mit aller Kraft darum k\u00e4mpften, geh\u00f6rt zu werden. Als wollten sie die Welt daran hindern, zu vergessen, dass sie noch immer in einem Zustand von Unfreiheit, Schmerz und Ungerechtigkeit lebten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig hinterlie\u00dfen diese Eindr\u00fccke in mir zunehmend ein Gef\u00fchl der Entmutigung. Denn Geschichten von Verlust, Angst, Hass und Schmerz schienen auf beiden Seiten im \u00dcberfluss vorhanden zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ramallah und das Ende unserer Geduld<\/h3>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag fuhren wir weiter nach Ramallah, dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum Pal\u00e4stinas. Doch nach etwas Herumlaufen durch die Stadt reichte es uns langsam. Die M\u00e4rkte, Ramschwarenst\u00e4nde, schreienden Verk\u00e4ufer, die Hektik, der ungeordnete Verkehr und das dichte Treiben begannen sich in unseren m\u00fcden K\u00f6pfen zu wiederholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Voller Begeisterung zeigte ich Lea noch den stolzen H\u00e4ndler, bei dem ich einst unsere Goldfische gekauft hatte. Zu meiner Freude hatte er immer noch Fische im Angebot, doch diesmal lie\u00df ich mich nicht verf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir sp\u00e4ter wieder am Busbahnhof ankamen, war zu unserer gro\u00dfen Verwunderung alles wie leergefegt. Keine Busse mehr, nur noch ein paar Taxifahrer, die l\u00e4ssig an ihre gelben Autos gelehnt standen. Eigentlich wollten wir zur\u00fcck nach Jerusalem, aber einmal mehr best\u00e4tigte sich, dass arabische Busfahrzeiten keinesfalls verl\u00e4sslich planbar waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Taxifahrer kam auf uns zu und behauptete, wegen Ramadan w\u00fcrden keine Busse mehr fahren. Sehr zuvorkommend bot er uns eine Fahrt zum Checkpoint an \u2014 nat\u00fcrlich zu einem horrenden Preis. Lea stand die Panik bei dieser Vorstellung ins Gesicht geschrieben. Die Adern an ihrem Hals traten hervor wie Gartenschl\u00e4uche, und ihre wei\u00dfe Haut f\u00e4rbte sich pl\u00f6tzlich ganz rot.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6rte dem Fahrer kaum richtig zu. In diesem Moment sah ich keinen Sinn darin, zu verhandeln. Angesichts von Leas offensichtlicher Anspannung w\u00e4re jeder Handlungserfolg aussichtslos gewesen. Au\u00dferdem hatte ich irgendwoher die feste Gewissheit, dass wir schon wieder zur\u00fcckkommen w\u00fcrden. Meine Aufgabe bestand nun vor allem darin, Lea zu beruhigen und zu verhindern, dass der n\u00e4chste Kollaps folgte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie sich etwas gefangen hatte, bat ich einige Passanten um Hilfe. Diese lotsten uns schnell und eindeutig in die richtige Richtung. Keine f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter sa\u00dfen wir auf dem Boden eines klapprigen, \u00fcberf\u00fcllten Minibusses, der uns f\u00fcr weniger als einen Euro zum Checkpoint brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer wollte mit Sicherheit p\u00fcnktlich zum Ramadanessen daheim sein und nicht im Verkehrschaos stecken bleiben. Entsprechend raste er ungef\u00e4hr so schnell wie auf einer deutschen Autobahn durch die engen, kurvigen Stra\u00dfen und fuhr dabei ungef\u00e4hr so vorsichtig wie beim Autoscooter.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ausreise durch den Hochsicherheitscheckpoint<\/h3>\n\n\n\n<p>Am Checkpoint herrschte reger Betrieb. Wir mussten \u00fcber eine Stunde in dem einsch\u00fcchternden Geb\u00e4udekomplex warten. F\u00fcr uns war es bereits eine anstrengende und aufregende Prozedur. Dabei musste ich die ganze Zeit an die Menschen denken, die hier t\u00e4glich Stunden ihres Lebens verwarteten, um zur Arbeit zu gelangen oder ihre Familie zu besuchen \u2014 ohne die letzte Gewissheit, jedes Mal wirklich ausreisen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als h\u00e4tte er meine Gedanken gelesen, begann ein erstaunlich gut gekleideter Mann mit Aktentasche mit uns zu sprechen. Er war Arzt und musste den Checkpoint t\u00e4glich passieren, um zu seiner Arbeit zu gelangen. Aus seinen Worten sprachen Frust, Zorn, Verzweiflung und das Gef\u00fchl, menschenunw\u00fcrdig behandelt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es brachte mich jedes Mal wieder aus der Fassung, zu sehen, wie viel Hass, Spaltung und Ersch\u00f6pfung sich in diesem kleinen Land angestaut hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach langem Anstehen passierten wir zwei schwere Drehkreuze, in denen wir mit unseren gro\u00dfen Rucks\u00e4cken fast stecken geblieben w\u00e4ren. Danach mussten wir unser gesamtes Gep\u00e4ck durch ein riesiges Scanger\u00e4t fahren lassen, w\u00e4hrend wir unsere Ausweise zwei jungen Soldaten hinter einer Glasscheibe zuschoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Lea erhielt ihren Pass sofort zur\u00fcck und durfte ohne jede Befragung weitergehen. Ich wartete ungeduldig auf meinen Pass und sah, wie sich die beiden Soldaten auf Hebr\u00e4isch austauschten, mit ernstem Blick in mein Dokument.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas \u00c4gyptenvisum\u201c, schoss es mir durch den Kopf. Eigentlich durfte das kein Problem sein, aber ich stellte mich innerlich bereits auf eine extra Sicherheitsbefragung ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte ich diesen Gedanken beendet, wurde ich in kaltem Tonfall zur Seite zitiert. Die Frau in Uniform erkl\u00e4rte mir n\u00fcchtern und ohne jede Regung, dass ich nicht ausreisen d\u00fcrfe, da mein Visum abgelaufen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraufhin erkl\u00e4rte ich ihr in strengem Tonfall, dass mein Reentry-Visum zwar abgelaufen sei, mein Volont\u00e4rsvisum jedoch keineswegs, und deutete auf die entsprechende Stelle in meinem vom vielen Vorzeigen schon leicht zerfledderten Ausweis.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne eine Miene zu verziehen sagte sie nur: \u201eSo you can exit!\u201c und dr\u00fcckte mir den Pass in die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig verwirrt \u00fcber diese Inkompetenz nahm ich mein Gep\u00e4ck vom Band und folgte dem Tunnel nach drau\u00dfen. Ich fragte mich ernsthaft, ob die arme junge Frau einfach schrecklich \u00fcberm\u00fcdet war oder ob sie so selten die Visa von Touristen sah, dass sie mit dieser Herausforderung \u00fcberfordert war. F\u00fcr einen kurzen Moment stellte ich mir bildlich vor, wie ich mit g\u00fcltigem Visum nicht aus der Westbank h\u00e4tte ausreisen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite des Checkpoints warteten wir noch eine Weile und zw\u00e4ngten uns dann in einen v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllten Bus zur\u00fcck nach Jerusalem.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause duschten wir \u00fcberm\u00fcdet und gl\u00fccklich die ganzen verr\u00fcckten Erlebnisse unserer kleinen Rundreise ab. Fast schon wehm\u00fctig sprachen wir \u00fcber all die Begegnungen, die wild in unseren Gedanken herumschwirrten. Die Reise war wie im Flug an uns vorbeigerauscht und hinterlie\u00df vor allem ein eigenartiges Gef\u00fchl von Chaos, Absurdit\u00e4t und Dankbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das heile St. Georgskloster<\/h3>\n\n\n\n<p>Ganz vorbei waren die Abenteuer jedoch noch nicht. Die Besichtigung des heiligen St. Georgsklosters stand weiterhin auf dem Programm. Nach einer erholsamen Nacht zu Hause auf der Terrasse machten Lea und ich uns am n\u00e4chsten Morgen erneut auf den Weg in Richtung W\u00fcste.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir mussten zun\u00e4chst bis nach Mitzpe Jericho trampen. Als Erstes nahm uns ein j\u00fcdischer M\u00fclllasterfahrer mit. Zu dritt sa\u00dfen wir auf der breiten Vorderbank und genossen den Blick durch die gro\u00dfe Scheibe des LKWs nach drau\u00dfen. Das Erste, was uns der Fahrer mitgab, war eine deutliche Warnung davor, bei arabischen Fahrern einzusteigen. In ernsthafter Sorge um uns gab er mir zus\u00e4tzlich seine Telefonnummer, damit wir ihn im Notfall kontaktieren konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Art von F\u00fcrsorge hatte ich in Israel wirklich sch\u00e4tzen gelernt: die gro\u00dfe Bereitschaft, bei Schwierigkeiten eng zusammenzustehen, selbst wenn man sich kaum kannte.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Kreuzung nahe einer Tankstelle lie\u00df er uns heraus. Keine f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter hielt ein schon am Kennzeichen erkennbar arabisches Auto. Der Fahrer sprach nur wenige Fetzen Englisch, wirkte aber freundlich, also stiegen wir ein. Was der M\u00fcllwagenfahrer wohl gedacht h\u00e4tte, wenn er gesehen h\u00e4tte, dass wir unmittelbar nach seiner Warnung bei einem Pal\u00e4stinenser im Auto sa\u00dfen? Vermutlich h\u00e4tte er voller Furcht die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammengeschlagen und f\u00fcr uns gebetet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das St. Georgskloster liegt mitten in der W\u00fcste, direkt in die Felsen gebaut. Eine kleine, holprige und kaum befahrene Stra\u00dfe schl\u00e4ngelt sich dorthin. Wir \u00fcberschlagen gerade im Kopf, wie lange man wohl zu Fu\u00df br\u00e4uchte, als ein Wasserwerksauto auf Dienstfahrt anhielt. Der Fahrer musste erst noch Sitzb\u00e4nke umbauen, um Platz f\u00fcr uns zu schaffen. Als wir ihm unser Ziel nannten, erkl\u00e4rte er uns f\u00fcr verr\u00fcckt, wenn wir wirklich bis dorthin laufen wollten, und fuhr kurzerhand einen extra Umweg, um uns direkt vor den Eingangstoren des Klosters abzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dort f\u00fchrte ein schmaler, steiniger Pfad hinab zum Kloster. Die Anreise war mehr Gl\u00fcck als Verstand gewesen, aber daf\u00fcr waren au\u00dfer uns keine weiteren Besucher dort. In schwarzen Kutten beteten griechisch-orthodoxe M\u00f6nche an diesem idyllischen Ort. Mit langer Kleidung durften wir eintreten und f\u00fcr einen Moment die Friedlichkeit dieses abgelegenen Ortes erleben. Das Kloster wirkte wie eine Oase in v\u00f6lliger Abgeschiedenheit, Stille und lebensfeindlicher Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wanderung nach Jericho<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung machten wir im Schatten eines einsamen Olivenbaumes ein kleines Picknick und begaben uns dann auf eine gut sechs Kilometer lange Wanderung nach Jericho.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Teil f\u00fchrte durch spektakul\u00e4re W\u00fcstenlandschaft, immer am \u00e4u\u00dferen Rand einer tief abfallenden Schlucht entlang. Der zweite Teil war weniger idyllisch. Wir liefen vorbei an heruntergekommenen Siedlungen, Tierh\u00f6fen und bemerkenswert \u00fcbelriechenden M\u00fcllkippen, aus denen der eindeutige Gestank von in der Sonne verwesendem Fleisch aufstieg. Wir hielten uns Mund und Nase zu und gingen schnellen Schrittes weiter, bis wir endlich eine gr\u00f6\u00dfere Stra\u00dfe erreichten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der prallen Mittagshitze kam pl\u00f6tzlich ein Auto auf uns zu und hielt neben uns. Der Fahrer erkannte uns wieder \u2014 es war einer der H\u00e4ndler, die vor den Toren des Klosters ihre Waren verkaufen wollten. Er bot uns eine kostenlose Fahrt zur Altstadt Jerichos an. Dankbar, wenn auch etwas skeptisch, nahmen wir an.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Schatten vor dem Touristenzentrum machten wir Rast und beobachteten fett gef\u00fctterte Pfauen, die durch die Hitze torkelten, w\u00e4hrend Touristen f\u00fcr astronomische Preise ein paar Meter auf einem Kamel \u00fcber den Parkplatz gef\u00fchrt wurden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Komat\u00f6ser Tiefschlaf<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Besucherzentrum gab es einige kleine L\u00e4den, und oben war eine Dachterrasse ausgeschildert. Wir stiegen bis in die Etage direkt darunter, weil wir uns dort eine \u00e4hnliche Aussicht und etwas Schatten erhofften. Unsere Erwartungen best\u00e4tigten sich, und so entschieden wir unmittelbar, ein kleines Nickerchen einzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem geplanten Mittagsschlaf wurde allerdings ein unkontrollierter, komat\u00f6ser Tiefschlaf.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich trat eine muslimische Frau aus ihrer Wohnung und riss uns aus unserer Ruhe. Doch anstatt uns zu vertreiben, wie man es in Deutschland vermutlich getan h\u00e4tte, wenn wildfremde Menschen auf der eigenen Terrasse schliefen, bat sie uns zu sich herein. Sie zeigte uns das nagelneue Badezimmer, schaltete Klimaanlage und Fernseher ein und deutete auf ein frisch gemachtes Ehebett mitten im Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch w\u00e4hrend wir uns bedanken wollten, verschwand sie spurlos hinter einer massiven T\u00fcr im hinteren Teil der Wohnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir ruhten uns noch einen Moment im Bett aus und schafften es in letzter Sekunde, uns wieder aufzuraffen, um noch den Berg der Versuchung zu besuchen. Eigentlich h\u00e4tten wir uns gerne verabschiedet, doch wir konnten niemanden mehr finden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nettigkeit statt Gesch\u00e4ft<\/h3>\n\n\n\n<p>Unten im Touristenzentrum fragten wir einen Saftverk\u00e4ufer nach einer M\u00f6glichkeit, zum Kloster am Berg der Versuchung zu gelangen. Zun\u00e4chst bot er an, eine Taxifahrt f\u00fcr 100 Schekel zu vermitteln. Nach kurzer Verhandlung fiel der Preis auf 50, dann auf 25 Schekel. Wir blieben jedoch hartn\u00e4ckig und erkl\u00e4rten ehrlich, dass wir bankrott und zahlungsunf\u00e4hig seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf reagierte der Saftverk\u00e4ufer nicht genervt, sondern mit echtem Mitleid. Nach einer kurzen Unterhaltung zog er seinen Autoschl\u00fcssel aus der Tasche und erkl\u00e4rte sich bereit, uns kostenlos auf den Berg zu fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Perplex \u00fcber dieses Angebot stiegen wir ein. Das Kloster stand kurz vor der Schlie\u00dfung, sodass wir alles in gro\u00dfer Eile besichtigten. Zur\u00fcck in die Innenstadt fuhren wir schlie\u00dflich bei einigen H\u00e4ndlern in einem Jeep mit, die nach Klosterschlie\u00dfung ebenfalls ihr Gesch\u00e4ft beendeten. Die Fahrer entschieden, mit dem Gel\u00e4ndewagen eine Abk\u00fcrzung durch ein ausgetrocknetes Flussbett zu nehmen. Es war so holprig, dass die Gel\u00e4ndetauglichkeit der Maschine auf eine harte Bew\u00e4hrungsprobe gestellt wurde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Alleine in der Touristeninformation<\/h3>\n\n\n\n<p>Auf dem zentralen Platz von Jericho sahen wir den einsamen Mann aus der Touristeninformation wieder. Er erkannte uns schon von Weitem, offenbar etwas verdutzt dar\u00fcber, aus was f\u00fcr einem gro\u00dfen, staubigen Fahrzeug wir diesmal ausstiegen. Umso mehr freute er sich, dass wir wieder da waren, und winkte uns in sein B\u00fcro.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fragte mich ernsthaft, ob seit unserem letzten Besuch \u00fcberhaupt andere Touristen hier gewesen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im B\u00fcro fragte er interessiert, was wir gesehen h\u00e4tten und wie uns die Stadt, die Menschen, die Infrastruktur und die Sehensw\u00fcrdigkeiten gefallen h\u00e4tten. Am\u00fcsiert berichteten wir ihm vom Hitzekollaps nach dem ersten Besuch seines B\u00fcros, vom Ramadanessen, vom neuen Haarschnitt, von unserer Wanderung zum St. Georgskloster und davon, weshalb wir nun schon wieder bei ihm standen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit gro\u00dfer Skepsis und Zweifeln im Gesicht meinte er schlie\u00dflich, er sei noch nie so seltsamen Touristen wie uns begegnet und etwas \u00fcberfordert mit uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gespr\u00e4ch war noch nicht zu Ende, da erkl\u00e4rte er, dass er f\u00fcr etwa eine Viertelstunde zum Ramadangebet m\u00fcsse und wir einfach im B\u00fcro warten sollten. Im unwahrscheinlichen Fall, dass doch noch Touristen k\u00e4men, sollten wir ihnen sagen, die Auskunft sei bereits geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die T\u00fcr hinter dem offensichtlich sehr gl\u00e4ubigen Mann zufiel, begann ich, mich ausgiebig in dem unordentlichen, zugem\u00fcllten B\u00fcro umzusehen. In einigen Schubladen fand ich alte Plakate mit sch\u00f6nen Fotos von Jericho und Pal\u00e4stina. Dann suchte ich vergeblich nach einem dickeren Stift, doch alle Filzstifte und Eddings, die ich fand, waren unbrauchbar und reif f\u00fcr die M\u00fclltonne.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Mann zur\u00fcckkam, brauchte es etwas \u00dcberzeugungsarbeit, denn wir wollten unbedingt ein Autogramm von ihm auf einem der Plakate. Nach langem Verhandeln signierte er schlie\u00dflich auf Arabisch und in sehr kleiner Schrift. Danach machten wir noch ein gemeinsames Erinnerungsfoto.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend fuhren wir mit einem kleinen Bus zur\u00fcck nach Jerusalem und kochten wieder Arme-Leute-Essen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nachklang in Jerusalem<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach all den Tagen zwischen Westbank, Hitze, Busbahnh\u00f6fen, Checkpoints, spontanen Einladungen und v\u00f6lliger \u00dcberm\u00fcdung wurde Jerusalem pl\u00f6tzlich wieder zu unserem Ausgangspunkt. Am n\u00e4chsten Tag war ich mit den anderen Freiwilligen des Alyn-Krankenhauses bei einem Gruppenausflug in Tel Aviv, w\u00e4hrend Lea das Holocaustmuseum Yad Vashem besuchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend tauschten wir uns lange \u00fcber unsere Eindr\u00fccke aus. Besonders nah gegangen waren ihr die pers\u00f6nlichen Bilder, Gegenst\u00e4nde und Geschichten der ermordeten Menschen, die den Holocaust nicht als abstrakte historische Zahl, sondern als unz\u00e4hlige einzelne Leben begreifbar machten. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte traf uns in Israel noch einmal auf eine andere Weise. Gerade hier wurde deutlich, dass Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Menschenw\u00fcrde keinesfalls selbstverst\u00e4ndlich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Gedanken begleiteten auch die letzten gemeinsamen Tage.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Letzter Abend in Jerusalem<\/h3>\n\n\n\n<p>Leas Zeit in Israel verging wie im Flug. An unserem letzten gemeinsamen Nachmittag trafen wir uns in der Stadt und liefen zu einem ruhigen Park mit einer Windm\u00fchle, um die vergangenen Tage Revue passieren zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg dorthin war Lea pl\u00f6tzlich verschwunden, w\u00e4hrend ich unbeirrt weiterlief und schlie\u00dflich in einem kleinen, edel anmutenden Weingesch\u00e4ft landete. Als Lea mich wiederfand, war ich bereits dabei, diverse Weinsorten zu verkosten. Dem Verk\u00e4ufer hatte ich zwar gleich gesagt, dass ich arm wie eine pakistanische Frau sei und nichts kaufen k\u00f6nne, doch das schien ihn nicht zu st\u00f6ren. Im Gegenteil: Er sch\u00e4tzte offenbar meine Ehrlichkeit und schenkte mir mehr Kostproben ein, als mir lieb war.<\/p>\n\n\n\n<p>Da er nicht nur uns, sondern auch sich selbst immer wieder nachschenkte, lag die Frage nahe, ob man als Weinverk\u00e4ufer oft betrunken sei. Diesen Gedanken wollte er nicht best\u00e4tigen und zeigte uns stattdessen mit gro\u00dfem Ernst, wie man Wein professionell verkostet: schwenken, riechen, im Mund bewegen, gurgeln, ausspucken. Lea und ich mussten uns mit aller Kraft zusammenrei\u00dfen, um nicht in einen Lachanfall auszubrechen, der das ganze Spektakel beinahe in einer ma\u00dflosen Sauerei h\u00e4tte enden lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter sa\u00dfen wir auf der Aussichtsterrasse und waren fast sprachlos \u00fcber all die Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die uns unterwegs begegnet war. F\u00fcr mich sind viele dieser Menschen bis heute ein Vorbild darin, mit wie viel Offenheit man Fremden begegnen kann.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zettelchen f\u00fcr die Klagemauer<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach einem sch\u00f6nen Sonnenuntergang liefen wir ein letztes Mal gemeinsam zur Klagemauer. Dort steckten wir kleine, vorher geschriebene Zettel mit W\u00fcnschen, Hoffnungen, Dank und pers\u00f6nlichen Gedanken in die Ritzen zwischen den massiven Steinen \u2014 zwischen unz\u00e4hlige weitere Papierchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war unser Abschied von Jerusalem und das Ende von Leas Reise.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg folgten wir der j\u00fcdischen Tradition und entfernten uns r\u00fcckw\u00e4rts laufend von der Mauer, damit wir ihr und den dort hinterlassenen Gedanken, Zielen und Hoffnungen nicht den R\u00fccken zuwandten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am sp\u00e4ten Abend standen wir noch vor der gro\u00dfen Herausforderung, all unsere Sachen wieder voneinander zu trennen und Leas aus allen N\u00e4hten platzenden Rucksack zu bef\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Abschied am Ben-Gurion-Airport<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach einer vergleichsweise l\u00e4ppischen Gep\u00e4ckkontrolle verabschiedeten Lea und ich uns am Ben-Gurion-Airport recht hektisch voneinander. Eigentlich gab es daf\u00fcr keinen Grund, doch Lea war aus irgendeinem Grund sehr aufgeregt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war ebenfalls erleichtert, dass die Sicherheitsleute nicht genauer nachgefragt hatten, ob und wo wir in der Westbank gewesen waren oder ob wir dort Kontakte zu Menschen gehabt hatten. Berichten anderer Freiwilliger zufolge waren das klassische Fragen bei der Ausreise, und eine genauere Inspektion h\u00e4tte sich vermutlich sehr lange hingezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem Lea in den nur f\u00fcr sie zug\u00e4nglichen Bereich verschwunden war, machte sich ein deutscher, scheinbar gelangweilter Passagier noch \u00fcber ihre Aufregung lustig.<\/p>\n\n\n\n<p>So eine Unversch\u00e4mtheit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen M\u00e4rkten, M\u00fcdigkeit und politischer Realit\u00e4t Die skurrile Seifenfabrik von Nablus Nach unserer Ankunft in Nablus liefen wir zun\u00e4chst eine kleine Runde durch die pal\u00e4stinensische Stadt und waren beinahe verwundert dar\u00fcber, wie viel Leben hier herrschte &#8211; gerade im Vergleich zu Jericho, obwohl auch hier Ramadan war. Die Stra\u00dfen wirkten voller, lauter, gesch\u00e4ftiger. 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