{"id":1243,"date":"2026-05-09T12:10:24","date_gmt":"2026-05-09T12:10:24","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1243"},"modified":"2026-05-09T12:10:24","modified_gmt":"2026-05-09T12:10:24","slug":"ramadan-in-jericho","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/ramadan-in-jericho\/","title":{"rendered":"Ramadan in Jericho"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Hitze, Gastfreundschaft und schlaflose N\u00e4chte<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hitzekollaps in der \u00e4ltesten Stadt der Welt<\/h3>\n\n\n\n<p>Es war erstaunlich einfach, nach Jericho hinein zu trampen. Vor Ort steuerten wir erst einmal die zentral gelegene Touristeninformation an, um uns \u00fcber die \u00e4lteste Stadt der Welt zu informieren. Ich h\u00e4tte vorher niemals gedacht, dass es in pal\u00e4stinensischen St\u00e4dten \u00fcberhaupt Touristenb\u00fcros gab, wurde aber eines Besseren belehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kleinen, schmuddeligen B\u00fcro mit gro\u00dfen Fenstern sa\u00df ein einsamer Angestellter des pal\u00e4stinensischen Touristenministeriums auf einem gro\u00dfen Drehstuhl. Die W\u00e4nde waren vergilbt und staubig, die Luft zum Schneiden stickig. Wir hatten fast schon Mitleid mit ihm, wie er dort so allein in diesem dunklen Raum sa\u00df. Umso erfreuter schien er \u00fcber unser Kommen zu sein, fuhr sofort die Klimaanlage hoch und forderte uns auf, Platz zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann sprach erstaunlich gutes Englisch und bem\u00fchte sich mit aller Kraft, m\u00f6glichst professionell und kompetent zu wirken. Genau dadurch wirkte er auf uns allerdings eher schleimig bis aalglatt, sodass Lea und ich einiges an Selbstbeherrschung brauchten, um die Situation mit Fassung zu tragen. Nach ausgiebigem Nachfragen erhielten wir immerhin einen etwas veralteten Stadtplan, eine Liste mit den Highlights der Umgebung und eine nicht ganz \u00fcberzeugende Empfehlung f\u00fcr eine m\u00f6gliche Busverbindung zur\u00fcck nach Jerusalem.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder ins Freie traten, traf uns die Mittagshitze wie ein Schlag. Wegen Ramadan waren kaum Menschen auf den Stra\u00dfen, viele L\u00e4den waren geschlossen, und die Stadt wirkte wie leer gefegt. Auf der Suche nach Schatten zog eine gro\u00dfe, gekachelte Moschee meine Aufmerksamkeit auf sich. Schnell lief ich in ihre Richtung, Lea hinter mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich kurz darauf umdrehte, stand sie pl\u00f6tzlich weit hinter mir an eine Mauer gelehnt. Die Hitze machte ihr sichtbar schwer zu schaffen. Mit schwacher, zitternder Stimme \u00e4u\u00dferte sie nur noch den Wunsch nach einem k\u00fchlen Ort.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wohin?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich packte sie kurzerhand am Handgelenk und zog sie zur\u00fcck in die Stra\u00dfe, aus der wir gekommen waren. Mit letzter Kraft schaffte ich es, sie in einen dunklen Kleider- und Ramschwarenladen zu bugsieren. Als wir hineinstolperten, schlug der Ladenbesitzer fassungslos die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen, so besorgt war er um uns. Ohne viele Worte brachte er einen Stuhl, setzte Lea darauf und holte ihr einen eiskalten Orangensaft aus dem hinteren Teil des Gesch\u00e4fts \u2014 obwohl Ramadan war und er selbst davon nichts trinken durfte.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Lea halb unansprechbar auf dem Stuhl hing, versuchte ich dem verdatterten Ladenbesitzer unsere Situation zu erkl\u00e4ren, bem\u00fcht darum, dass alles nicht ganz so absurd klang. Der Mann stellte sich als Sam vor. Er hatte Familie in den USA, weshalb die Verst\u00e4ndigung auf Englisch problemlos funktionierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Lea wegen des flackernden Lichts im Laden, das durch den Ventilator an der Decke st\u00e4ndig unterbrochen wurde, wieder ganz schwarz vor Augen wurde, schlug Sam vor, wir k\u00f6nnten zu ihm nach Hause gehen. Seine Frau und seine Kinder seien dort, wir k\u00f6nnten duschen, schlafen und uns erholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich entschied, dass dies wohl die einzige und zugleich ziemlich brillante L\u00f6sung war.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Bei Sam und Mayari<\/h3>\n\n\n\n<p>Sam brachte uns zu seiner nicht weit entfernten Wohnung. Seine Frau hatte bereits damit begonnen, Matratzen auf dem Fu\u00dfboden des Schlafzimmers auszubreiten. Nachdem Lea sich in der Waagerechten etwas regeneriert hatte, nahm sie dankbar das Angebot einer Dusche an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wohnung war klein, sauber und f\u00fcr arabische Verh\u00e4ltnisse recht sparsam eingerichtet. Sams Frau hie\u00df Mayari, war sehr jung und hatte sch\u00f6ne, lange schwarze Haare. Die beiden sprachen miteinander Englisch, weil Mayari von den Philippinen kam und kaum Arabisch sprach. Vor unserer Ankunft hatte sie sich mit den beiden kleinen Kindern, ein und drei Jahre alt, im abgedunkelten Zimmer ausgeruht.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Lea duschte, unterhielt ich mich mit Mayari. Mit zw\u00f6lf Jahren hatte sie die Philippinen verlassen, weil sie aus sehr armen Verh\u00e4ltnissen kam und dort keine Perspektive f\u00fcr sich sah. Sie war nach Jordanien gegangen, hatte in einer Kosmetikfabrik gearbeitet, sp\u00e4ter wieder einige Jahre bei ihrer Familie verbracht und sich um ihre Mutter gek\u00fcmmert. Doch auch dort hatte sie keine Zukunft f\u00fcr sich gesehen. Schlie\u00dflich war sie nach Israel gekommen und nun in Pal\u00e4stina verheiratet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wirkte zufrieden mit ihrer aktuellen Situation, aber aus ihren Worten sprachen gleichzeitig viele unerf\u00fcllte W\u00fcnsche. Sie w\u00e4re gerne n\u00e4her bei ihrer Familie, h\u00e4tte diese finanziell besser unterst\u00fctzt und beschrieb, wie fremd ihr die arabische Kultur bis heute blieb. Es sei f\u00fcr sie fast unm\u00f6glich, ein richtiger Teil dieser engen Gemeinschaft zu werden oder wirkliche Freundschaften zu schlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem auch ich geduscht hatte, ruhten wir uns noch etwas auf den Matratzen aus. Mittlerweile war selbst Lea davon \u00fcberzeugt, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, hierzubleiben \u2014 nicht zuletzt, weil wir am Abend noch ein Ramadanessen mit der Gro\u00dffamilie erleben sollten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die wiederauferstandene Stadt<\/h3>\n\n\n\n<p>Gegen Abend kam die Familie zusammen und begann, das Essen f\u00fcr das Fastenbrechen vorzubereiten. Als G\u00e4sten wurde es uns nicht gestattet mitzuhelfen. Stattdessen sollten wir uns auf den Balkon setzen und dort warten. Also taten wir, wie uns befohlen wurde, und nutzten die Zeit, ein wenig Tagebuch zu schreiben, auch wenn der Tag offensichtlich noch lange nicht zu Ende war.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz nachdem der Gesang des Imams aus den Lautsprechern der umliegenden Moscheen ert\u00f6nte, wurde das Essen serviert und das Fastenbrechen eingeleitet. Alle versammelten sich am Tisch, und in gro\u00dfen Portionen wurden die K\u00f6stlichkeiten aufgetan: Nudelsuppe, Reis, Salat, Bohnen, scharfe So\u00dfen und Joghurt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war wirklich ein besonderes Erlebnis, einfach mit dabei sein zu d\u00fcrfen. Nicht als Zuschauerinnen, sondern als G\u00e4ste, die ganz selbstverst\u00e4ndlich in diesen Abend hineingenommen wurden. Nach dem Essen bekamen wir sehr s\u00fc\u00dfen Tee mit Salbei, den wir im Dunkeln auf dem Balkon tranken, w\u00e4hrend unter uns die Lichter der Stadt leuchteten.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcde dachten wir, der Tag sei nun endlich vorbei. Stattdessen wurden wir aufgefordert, noch etwas durch die wieder zum Leben erwachte Stadt zu laufen. Ich entschied mich diesmal f\u00fcr lange Kleidung und Kopftuch und vergewisserte mich vor dem Aufbruch mehrfach, ob es richtig gewickelt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gingen aus der Haust\u00fcr, standen wenige Schritte sp\u00e4ter an einem kleinen Kreisel, und ich fotografierte ihn erst einmal ab, um sicherzugehen, dass wir das Haus unserer Gastgeber wiederfinden w\u00fcrden. Noch w\u00e4hrend ich das Foto machte, kam ein Ladenbesitzer auf uns zu, bat uns hinein und begann zu so sp\u00e4ter Stunde starken arabischen Kaffee zu kochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Schwester war ebenfalls im Laden, sprach aber kein Englisch. Damit waren wir de facto keine f\u00fcnfzig Meter weit gekommen und sa\u00dfen schon wieder kaffeetrinkend in einem Gesch\u00e4ft. Das passierte einem wohl auch nur in der arabischen Welt, dachte ich mir. Hier schienen Gastfreundschaft, gro\u00dfe Emotionalit\u00e4t und eine gewisse Aufdringlichkeit auf sehr eigene Weise miteinander verbunden zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir nach unserem Alter gefragt wurden, stieg die Verwunderung der Schwester merklich ins Unendliche. Ich im Kopftuch, Lea im T-Shirt und in knielanger Hose \u2014 offenbar hatte sie ohne Zweifel angenommen, ich sei Leas Mutter und Lea meine Tochter. Im besten Fall hatte sie mich damit auf drei\u00dfig gesch\u00e4tzt, Lea auf zw\u00f6lf und mir eine Schwangerschaft mit achtzehn zugetraut. Zum Gl\u00fcck konnten wir alle dar\u00fcber lachen, und ich entschied, den restlichen Abend besser ohne Kopftuch zu verbringen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der misslungene Haarschnitt von Jericho<\/h3>\n\n\n\n<p>Abdel, der Mann aus dem Laden, bot an, uns noch etwas durch Jericho zu f\u00fchren, und wir nahmen das Angebot an. Doch wie so oft kamen wir auch diesmal nicht weit. Noch in derselben Stra\u00dfe entdeckten wir einen leeren Friseursalon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich plante schon seit l\u00e4ngerem, meine Haare etwas stutzen zu lassen, war aber unschl\u00fcssig gewesen, wo, da die Preise in Israel recht hoch waren und ich schlie\u00dflich arm wie \u201eeine pakistanische Frau\u201c reiste. Also ergriff ich die Gelegenheit. Dass es schon weit nach Mitternacht war, spielte weder f\u00fcr mich noch f\u00fcr den Friseur eine nennenswerte Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setzte mich auf einen quietschenden, instabilen Drehstuhl vor einen leicht rostigen Spiegel. \u00dcberall standen Sprayflaschen, Geldosen und Rasierer herum. Lea und Abdel setzten sich hinter mich. Ich \u00f6ffnete meine Haare, die strohig in alle Richtungen abstanden. Das Tote Meer, die Sonne und der Strand hatten ihnen sichtbar zugesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur wie erkl\u00e4rt man einem arabischen Friseur, der kein Englisch spricht, dass man die Spitzen geschnitten haben m\u00f6chte, eine leicht fallende Stufe und vorne etwas k\u00fcrzer als hinten? Ich zeigte mit wilden Gesten, wie das Ganze aussehen sollte, Abdel versuchte zu \u00fcbersetzen, doch es half alles nichts. Schlie\u00dflich wurde mir das WLAN-Passwort genannt und ich suchte nach Bildern auf meinem Telefon, die der Friseur nur ungl\u00e4ubig anstarrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann griff er zu einer Schere, die aussah wie eine uralte, rostige Kinderbastelschere. Genauso f\u00fchlte sich auch der erste Schnitt an. Ungeschickt und ruckartig raspelte er ein paar Spitzen ab, w\u00e4hrend er immer wieder versicherte, wie sch\u00f6n meine Haare doch seien und dass es \u00fcberhaupt nicht n\u00f6tig w\u00e4re, daran etwas zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte ich mal besser auf ihn geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem viel zu eng gezinkten Kamm versuchte er sich durch meine filzigen Haare zu fr\u00e4sen. Als ich laut \u201eAUA\u201c schrie, fiel ihm vor Schreck der Kamm aus der Hand. Immerhin hatte er nun verstanden, dass es so nicht weiterging. Alternativen schien es aber keine zu geben. Also schnippelte er weiter, v\u00f6llig unbeholfen und ohne erkennbaren Sinn f\u00fcr das, was er tat. In seiner Verwirrung verga\u00df er sogar, einen Scheitel zu ziehen, bis ich ihn darauf aufmerksam machte. Da war im Grunde schon alles verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich im Spiegel die Katastrophe n\u00e4her r\u00fccken sah, knipste Lea munter Fotos von dem Spektakel, was den Friseur noch zus\u00e4tzlich irritierte. Schlie\u00dflich kapitulierte er und gab zu erkennen, dass er sonst eigentlich nur M\u00e4nnern die Haare schneide.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem strengen Blick in den Spiegel entschied ich, den vereinbarten Preis nicht zu zahlen. Der Friseur zeigte daf\u00fcr \u00fcberraschend viel Verst\u00e4ndnis. Zum Abschied kramte er unter dem Tresen noch ein paar alte Haarklammern hervor und schenkte sie mir. Den gew\u00fcnschten Stufenschnitt konnten sie leider auch nicht retten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Rettung um zwei Uhr morgens<\/h3>\n\n\n\n<p>Als wir sp\u00e4ter wieder bei unseren Gastgebern ankamen, wollte ich meinen katastrophalen Haarschnitt in Ruhe betrachten. Eigentlich gab es dazu nicht viel zu sagen. Ich bat um eine Schere und begann, den Schaden auf eigene Verantwortung zu begrenzen, denn was der Friseur angerichtet hatte, h\u00e4tte ich selbst vermutlich besser hinbekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Mayari das sah, geriet sie v\u00f6llig aus der Fassung. Es war mittlerweile etwa zwei Uhr morgens, aber das \u00e4nderte nichts an ihrer unglaublichen Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Sie rief eine nahe Verwandte an, die professionelle Friseurin f\u00fcr Frauen war. Die Arme hatte offenbar keine andere Wahl, als mir nun unverz\u00fcglich die Haare zu retten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gingen zu ihr. Als wir ankamen, legte sie hastig und energisch die Shisha beiseite, lief ins Bad und holte Kamm und Schere. Zur\u00fcck auf dem Balkon begann sie mit schnellen, selbstbewussten Bewegungen und ohne viel Nachfragen \u00fcber meine immer k\u00fcrzer werdenden Haare zu fr\u00e4sen. Anschlie\u00dfend f\u00f6hnte sie alles \u00fcber eine Rundb\u00fcrste und schlug auch noch vor, meine Augenbrauen zu zupfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nahm das Angebot an. Zu meinem Erstaunen war das Ergebnis eine deutliche Verbesserung. Was ein deutscher Friseur dazu gesagt h\u00e4tte, konnte ich nur erahnen. Aber jetzt waren wir ja auch in Pal\u00e4stina.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das zweite Ramadanessen<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach der deutlichen Korrektur des ersten Haarschnitts wurde bei unserer Gastfamilie bereits das zweite Ramadanessen vorbereitet, die n\u00e4chtliche Mahlzeit vor Beginn des n\u00e4chsten Fastentages. Obwohl Kinder grunds\u00e4tzlich auch w\u00e4hrend Ramadan essen und trinken d\u00fcrfen, nahmen selbst die ganz kleinen Kinder daran teil.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war f\u00fcr uns eigenartig zu erleben, wie sich in diesem Kulturkreis der gesamte Tag-Nacht-Rhythmus verschoben hatte. Das Leben spielte sich scheinbar vollst\u00e4ndig in der Nacht ab. Da wir uns diesem Rhythmus jedoch nicht angepasst hatten, mussten wir nach einem kleinen Snack dringend schlafen. Es war f\u00fcr uns kaum mit anzusehen, wie man um diese Uhrzeit noch frittierte Pommes, Gem\u00fcse, Brot und Kartoffeln essen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen drei Uhr nachts machten wir uns v\u00f6llig ersch\u00f6pft auf den Weg ins Bett. Dieses bestand aus einem gro\u00dfen Matratzenlager auf dem Fu\u00dfboden im Schlafzimmer der Familie. In bunte Decken geh\u00fcllt schlief ich sofort tief und fest ein und fragte mich beim Einschlafen noch, wie wir dieser Familie jemals ausreichend f\u00fcr ihre Herzlichkeit danken k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Arabische Soaps und schlaflose N\u00e4chte<\/h3>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen wollten wir eigentlich fr\u00fch aufstehen und z\u00fcgig nach Nablus weiterfahren. Dieser Plan scheiterte hoffnungslos an einer H\u00e4ufung ungl\u00fccklicher Umst\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich tief und fest schlief, lag Lea die ganze Nacht wach und drehte sich von einer Seite auf die andere. Das fr\u00fche Aufstehen scheiterte vor allem daran, dass sie es nicht schaffte, mich aus meinem komat\u00f6sen Schlaf wachzur\u00fctteln. Nach dieser Erfahrung wusste sie immerhin, wie es mir w\u00e4hrend der gesamten Reise mit ihr ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich deutlich sp\u00e4ter als geplant wach wurde, \u00fcberh\u00e4ufte sie mich sofort mit einem Wasserfall an Informationen dar\u00fcber, was sie alles am Schlafen gehindert hatte. Besonders verst\u00f6rt hatte sie offenbar, dass die ganze Nacht der Fernseher im Schlafzimmer gelaufen war, mit arabischen Soaps, Frauen ohne Kopftuch und unglaublich schlechten Schauspielern. Au\u00dferdem habe ein Kind die ganze Nacht gehustet, sodass sie fast Angst bekommen habe, es k\u00f6nne ersticken. Irgendwann habe auch noch ein schriller Wecker geklingelt, ohne dass irgendjemand bereit oder in der Verfassung gewesen sei, ihn auszuschalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Da lobte ich mir doch meinen festen Schlaf.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir schlie\u00dflich aufstanden, schlief die Familie noch. Mucksm\u00e4uschenstill packten wir unsere Sachen, ohne die Kinder zu wecken, verabschiedeten uns leise und bedankten uns so gut es in diesem Moment m\u00f6glich war.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Warten auf den Bus nach Nablus<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach einigem Durchfragen fanden wir in Jericho endlich die Haltestelle f\u00fcr den Shuttlebus nach Nablus. Eine Besonderheit arabischer Busse ist jedoch, dass sie oft erst dann losfahren, wenn sie voll sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ankamen, waren wir die einzigen potenziellen Passagiere.<\/p>\n\n\n\n<p>Man forderte uns auf, uns auf einen kleinen, staubigen Bordstein zu setzen und zu warten. Also warteten wir. Eine gef\u00fchlte Ewigkeit sa\u00dfen wir in der W\u00e4rme und schmolzen vor uns hin. Irgendwann kam noch ein Mann dazu, der ebenfalls nach Nablus wollte. Es brauchte keinen Matheleistungskurs, um auszurechnen, dass wir bei dieser Frequenz der eintreffenden Passagiere mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit heute nicht mehr in Nablus ankommen w\u00fcrden, sollte der Bus tats\u00e4chlich nur voll losfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Geduldig warteten wir weiter, mit der inzwischen tief verankerten Gewissheit, dass bisher immer irgendwie alles geklappt hatte und es irgendwann weitergehen w\u00fcrde, ob man daran glaubte oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch diesmal best\u00e4tigte sich diese Weisheit. Nach endlosem Warten kam endlich ein gelber und ausnahmsweise sogar gek\u00fchlter Bus. Ein paar wenige G\u00e4ste stiegen ein, vermutlich schlief der Rest der Stadt noch, ebenso wie unsere Gastfamilie. Vermutlich erkannte auch der Fahrer irgendwann, dass ein voller Bus reine Utopie war, und beschloss, sehr leer loszufahren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hitze, Gastfreundschaft und schlaflose N\u00e4chte Hitzekollaps in der \u00e4ltesten Stadt der Welt Es war erstaunlich einfach, nach Jericho hinein zu trampen. Vor Ort steuerten wir erst einmal die zentral gelegene Touristeninformation an, um uns \u00fcber die \u00e4lteste Stadt der Welt zu informieren. 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