{"id":1224,"date":"2026-05-09T11:56:44","date_gmt":"2026-05-09T11:56:44","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1224"},"modified":"2026-05-09T11:56:45","modified_gmt":"2026-05-09T11:56:45","slug":"zwischen-wueste-und-totem-meer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/zwischen-wueste-und-totem-meer\/","title":{"rendered":"Zwischen W\u00fcste und Totem Meer"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">En Gedi, W\u00fcstenhitze und Schwerelosigkeit<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">W\u00fcstenwind am Toten Meer<\/h3>\n\n\n\n<p>Von Nazareth machten wir uns am sp\u00e4ten Nachmittag auf in Richtung Totes Meer. Nachdem wir noch etwas durch die immer gleichen Ramschwarenm\u00e4rkte geschlendert und ein paar unscheinbare Kirchen besichtigt hatten, trampten wir \u00fcberraschend schnell quer durchs Land bis zum Nationalpark En Gedi.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bei unserer Ankunft f\u00fchlte sich alles seltsam an. Normalerweise stand die Luft unten am Toten Meer schwer, hei\u00df und feucht in der Senke. Doch diesmal fegte ein trockener W\u00fcstensandsturm \u00fcber die Landschaft hinweg. Der Himmel war dunkelgrau zugezogen und der Wind wirbelte ununterbrochen Staub und Sand durch die Luft. Uns war schnell klar, dass unser klappriges Billigzelt diese Nacht nicht \u00fcberleben w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Stra\u00dfe liefen wir einen steilen Weg zur En Gedi Field School hinauf. Von dort oben blickten wir \u00fcber das Tote Meer bis hin\u00fcber nach Jordanien. Es f\u00fchlte sich absurd an, mitten in der W\u00fcste zu stehen, kilometerweit keine richtige Infrastruktur um sich herum, nur Berge, Salz, Staub und diese unwirkliche Landschaft \u2014 und gleichzeitig \u00fcberlegen zu m\u00fcssen, wo man heute Nacht schlafen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weit entfernt balancierte ein Mann im gr\u00fcnen Nationalparkshirt auf einer Slackline im Sturm. Schon das Zuschauen wirkte bei diesem Wind vollkommen unm\u00f6glich. W\u00e4hrend er mir half, ebenfalls auf Socken \u00fcber die schwankende Leine zu balancieren, fragten wir ihn nebenbei nach einer \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit. Wenige Minuten sp\u00e4ter bot er uns ganz selbstverst\u00e4ndlich an, bei ihm zu schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>So stellte sich heraus, dass neben uns bereits ein Australier und ein \u00f6sterreichisches Ehepaar bei ihm gestrandet waren. Auch seine Mitbewohnerin schien sich l\u00e4ngst daran gew\u00f6hnt zu haben, dass st\u00e4ndig fremde Reisende ihre Wohnung fluteten und ihr Essen mit a\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine Wohnung mitten im Nichts<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Wohnung wirkte zun\u00e4chst klein und sp\u00e4rlich eingerichtet, doch der erste Eindruck t\u00e4uschte. Lea und ich bekamen tats\u00e4chlich ein eigenes G\u00e4stezimmer mit weichen Matratzen auf dem Boden. Nach Tagen voller Improvisation f\u00fchlte sich das beinahe luxuri\u00f6s an.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend sa\u00dfen wir mit den anderen Reisenden zusammen, w\u00e4hrend drau\u00dfen der W\u00fcstenwind gegen die Fenster dr\u00fcckte. Zu unserer gro\u00dfen Freude erkl\u00e4rte der Australier irgendwann, f\u00fcr alle kochen zu wollen. Wenig sp\u00e4ter standen Reis, Gem\u00fcsepfannen, Salat, Brot und Avocadocreme auf dem Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir dort sa\u00dfen und a\u00dfen, fragte ich mich irgendwann, wann ich zuletzt ein so gutes und \u00fcppiges Essen bekommen hatte. Es musste lange her gewesen sein \u2014 wahrscheinlich noch vor meiner Abreise nach Israel.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter standen wir noch eine Weile auf dem Balkon. Die Luft war tr\u00fcb von Salz, Dunst und Sand. Unten schl\u00e4ngelte sich die einsame Stra\u00dfe durch die Berge Richtung Eilat und auf der anderen Seite des Toten Meeres leuchteten vereinzelt die Lichter Jordaniens. Abgesehen davon war dort nichts. Nur W\u00fcste und lebensfeindliche Leere.<\/p>\n\n\n\n<p>Und trotzdem ging es uns selten irgendwo besser als in diesem kleinen Haus mitten im Nichts.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wanderung durch schwei\u00dftreibende Hitze<\/h3>\n\n\n\n<p>Nachts fegte der hei\u00dfe Wind weiter durch die Berge, doch wir lagen gesch\u00fctzt auf unseren Matratzen und schliefen erstaunlich gut. Am n\u00e4chsten Morgen standen wir fr\u00fch auf, um der schlimmsten Hitze auf unserer Wanderung durch den Nationalpark zu entgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sturm hatte sich gelegt. Kein einziges W\u00f6lkchen stand am Himmel. Die Luft war trocken und schon am fr\u00fchen Morgen schwer warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg f\u00fchrte zun\u00e4chst steil \u00fcber ein Ger\u00f6llfeld nach oben. Mit jedem Meter wurde die Aussicht grandioser. Unter uns lag das Tote Meer wie eine unwirkliche blau-graue Fl\u00e4che zwischen den Bergen. Die Landschaft wirkte karg, trocken und gleichzeitig beeindruckend weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem ersten Anstieg folgten wir einem schmalen Pfad durch bizarre Felsformationen. \u00dcberall hatte die Erosion Spuren hinterlassen. Ab und zu blieb einer von uns stehen und betrachtete die eigenartigen Formen der Steine, w\u00e4hrend vom Toten Meer eine leichte Brise her\u00fcberwehte, die neben einer kurzen Erfrischung jedes Mal auch einen intensiven Schwefelgeruch mit sich brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dank der fr\u00fchen Uhrzeit waren wir lange fast alleine unterwegs. Nach all den chaotischen Tagen voller Menschen, Mitfahrgelegenheiten und Begegnungen tat diese Ruhe unglaublich gut. Zum ersten Mal seit l\u00e4ngerer Zeit liefen wir einfach schweigend nebeneinander her und lie\u00dfen die Gedanken treiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann f\u00fchrte der Weg hinunter in ein ausgetrocknetes Flussbett. Hohe Steinw\u00e4nde ragten links und rechts empor und spendeten kurz etwas kostbaren Schatten. Es wirkte kaum vorstellbar, dass hier jemals Wasser geflossen sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach weiteren Auf- und Abstiegen erreichten wir schlie\u00dflich v\u00f6llig durchgeschwitzt das Highlight der Wanderung: Mitten in der trockenen Steinlandschaft entsprang pl\u00f6tzlich Wasser aus einer kleinen Quelle und sammelte sich in mehreren nat\u00fcrlichen Becken. Zwischen Palmen, Pflanzen und Felsen wirkte dieser Ort beinahe unwirklich. W\u00e4hrend ringsum alles trocken, staubig und lebensfeindlich erschien, entstand hier eine kleine gr\u00fcne Oase.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir g\u00f6nnten uns eine lange Pause und genossen das kalte Wasser, bevor wir schlie\u00dflich den R\u00fcckweg antraten. Beim letzten Abstieg kamen uns inzwischen gro\u00dfe Touristenmengen entgegen. Da waren wir beide froh, schon so fr\u00fch gestartet zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schwerelosigkeit im Toten Meer<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach der Wanderung trampten wir mit zwei deutschen Touristen weiter zu einem Badestrand im S\u00fcden des Toten Meeres.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl das Baden dort f\u00fcr mich l\u00e4ngst nichts Neues mehr war, f\u00fchlte es sich trotzdem wieder vollkommen absurd an, als uns beim Hineinlaufen pl\u00f6tzlich die Beine weggezogen wurden. Tr\u00e4ge lie\u00dfen wir uns vom warmen Wasser tragen, unf\u00e4hig unterzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wasser hinterlie\u00df dieses eigenartige \u00f6lig-schleimige Gef\u00fchl auf der Haut, das gleichzeitig unangenehm und faszinierend war. Wir sammelten gro\u00dfe Salzkristalle am Steg, lie\u00dfen uns im Wasser treiben und machten schlie\u00dflich die obligatorischen Fotos mit Zeitung in der Hand, w\u00e4hrend hinter uns die Berge Jordaniens im Dunst verschwammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war still. Fast unwirklich still.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Durch die W\u00fcste nach Eilat<\/h3>\n\n\n\n<p>Von En Bokek wurden wir rasch von einem arabischen Busfahrer mitgenommen, der uns in seinem Minibus zwei Stunden durch die nahezu unbesiedelte W\u00fcste fuhr. Die Kommunikation war etwas schwierig und Lea verdrehte nur noch m\u00fcde die Augen, als ich mir schon wieder von jemandem eine Telefonnummer geben lie\u00df, bevor sie auf der R\u00fcckbank einschlief.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter hielten wir in einem kleinen, etwas heruntergekommenen W\u00fcstendorf namens Safir und stiegen dort in einen edlen Sportwagen ein. Am Steuer sa\u00df ein etwa sechzigj\u00e4hriger Mann mit Bundfaltenhose, protziger Uhr und Polohemd. Neben ihm eine deutlich j\u00fcngere Frau im Abendkleid und mit hohen Schuhen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meiste Zeit lief schnulzige Musik, zu der unser Fahrer lautstark mitsang. Irgendwann bog er pl\u00f6tzlich auf eine Seitenstra\u00dfe ab und hielt an einem Aussichtspunkt mitten in der W\u00fcste. W\u00e4hrend sich das ungleiche Paar fotografierte, machten Lea und ich dasselbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig sp\u00e4ter erkl\u00e4rte uns der Mann beil\u00e4ufig, dass die Frau ihn gerne heiraten wolle, er sie daf\u00fcr aber als zu jung empfinde. Wir wussten beide nicht so recht, wie wir darauf reagieren sollten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unglaubliche Gastfreundschaft<\/h3>\n\n\n\n<p>Kurz vor Eilat fragte uns der Fahrer schlie\u00dflich, wo genau wir herausgelassen werden wollten. Wir erkl\u00e4rten ihm, dass er einfach irgendwo im Zentrum halten k\u00f6nne, damit er keinen Umweg fahren m\u00fcsse. Diese Antwort schien ihm jedoch \u00fcberhaupt nicht zu gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen fragte er pl\u00f6tzlich, ob wir Hunger h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas vorsichtig nickten wir.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraufhin fuhr er uns zu einer zentral gelegenen Pizzeria und bestellte f\u00fcr uns zwei gro\u00dfe Pizzen, Salat und Cola. Nachdem er alles bezahlt hatte, verabschiedete er sich erstaunlich kurz, machte fast fluchtartig kehrt und verschwand wieder aus dem Laden.<\/p>\n\n\n\n<p>Lea und ich sa\u00dfen v\u00f6llig verwirrt mit unseren Colaflaschen am Tisch und blickten ihm hinterher.<\/p>\n\n\n\n<p>Je l\u00e4nger wir unterwegs waren, desto weniger \u00fcberraschte uns eigentlich noch, wie hilfsbereit Menschen zu uns waren \u2014 und trotzdem schafften es solche Begegnungen jedes Mal wieder, uns sprachlos zu machen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>En Gedi, W\u00fcstenhitze und Schwerelosigkeit W\u00fcstenwind am Toten Meer Von Nazareth machten wir uns am sp\u00e4ten Nachmittag auf in Richtung Totes Meer. Nachdem wir noch etwas durch die immer gleichen Ramschwarenm\u00e4rkte geschlendert und ein paar unscheinbare Kirchen besichtigt hatten, trampten wir \u00fcberraschend schnell quer durchs Land bis zum Nationalpark En Gedi. Schon bei unserer Ankunft [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"page-with-title","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-1224","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1224","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1224"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1224\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1231,"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1224\/revisions\/1231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}