{"id":1208,"date":"2026-05-09T11:22:46","date_gmt":"2026-05-09T11:22:46","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1208"},"modified":"2026-05-09T11:22:47","modified_gmt":"2026-05-09T11:22:47","slug":"unterwegs-ohne-plan","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/unterwegs-ohne-plan\/","title":{"rendered":"Unterwegs ohne Plan"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Trampen, Nachtfahrten und improvisiertes Reisen<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der unschlagbare Masterplan<\/h3>\n\n\n\n<p>Bevor unsere eigentliche Rundreise beginnen konnte, stellten wir in der WG unseren sogenannten Masterplan auf. Dieser bestand weniger aus einem ausgearbeiteten Reisekonzept als aus einer blo\u00dfen Liste sehenswerter Orte, die wir von Nord nach S\u00fcd sortierten. F\u00fcr mich klang das nach Abenteuer, straffem Tagesprogramm und gen\u00fcgend Raum f\u00fcr spontane Alternativen. F\u00fcr Lea wirkte dieser Plan eher wie ein r\u00e4tselhaftes Konzept des Wahnsinns.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Zelt, Isomatten, Schlafs\u00e4cken und der geliebten Sonnencreme der Marke \u201eDoktor Fischer\u201c im Gep\u00e4ck starteten wir schlie\u00dflich unsere Lowest-Budget-Reise durch Israel. Mein Ziel war es, Lea mit so wenig Geld wie m\u00f6glich so viel vom Land zu zeigen, wie andere vielleicht w\u00e4hrend eines ganzen Jahres nicht sehen w\u00fcrden. Mit beschwichtigenden Worten wie \u201eDas wird schon, immer mit der Ruhe\u201c versuchte ich, sie f\u00fcr meinen exklusiven Reisestil neugierig zu machen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die miserable Stadtf\u00fchrung<\/h3>\n\n\n\n<p>Noch bevor wir loszogen, bekam Lea in Jerusalem eine professionell angepriesene Stadtf\u00fchrung, w\u00e4hrend ich arbeiten musste. Ich hatte gehofft, sie w\u00fcrde danach mit neuen Informationen \u00fcber Kirchen, Viertel und Orte zur\u00fcckkommen, vielleicht sogar \u00fcber Ecken, die ich selbst noch nicht kannte. Umso perplexer war ich, als sie mir sp\u00e4ter nur sagen konnte: \u201eWir haben verschiedene Kirchen, T\u00fcrme und Viertel gesehen, au\u00dferdem waren wir noch an der Klagemauer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit etwas Nachfragen und anhand unscharfer Fotos rekonstruierte ich schlie\u00dflich, dass sie wohl in der Grabeskirche gewesen war, durch das armenische und j\u00fcdische Viertel gelaufen war und auf dem Dach des \u00d6sterreichischen Hospizes gestanden hatte. F\u00fcr eine f\u00fcnfst\u00fcndige F\u00fchrung war das eine eher schwache Bilanz. Lea erkl\u00e4rte es mit einer viel zu gro\u00dfen Gruppe, gro\u00dfer Hitze und einem bem\u00fchten Guide mit funktionsunf\u00e4higem Mikrofon. Ich nahm das Ergebnis schlie\u00dflich hin. H\u00e4tte ich Lea f\u00fcnf Stunden durch Jerusalem f\u00fchren m\u00fcssen, h\u00e4tte sie am Ende vermutlich auch nicht viel mehr gewusst.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lifta im Abendlicht<\/h3>\n\n\n\n<p>Am Abend liefen wir durch die friedliche Natur am Stadtrand zu den Bauruinen von Lifta. In der warmen Sonne lagen die verlassenen H\u00e4user ruhig zwischen B\u00fcschen und Steinen, leerstehende Ruinen einer ehemals arabischen Wohngegend. Etwas sp\u00e4ter lockte uns der Hunger zu einigen arabischen M\u00e4nnern, die grillten und erst einmal ein Foto mit uns machten. Da sie leider kein Englisch sprachen und sich daraus kein Abendessen ergab, traten wir weiterhin hungrig den R\u00fcckweg an.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in der WG sortierten wir unsere Route, packten gedanklich halb Israel in wenige Tage und ich k\u00fcndigte Lea eine gro\u00dfartige \u00dcberraschung in Eilat an, von der ich l\u00e4ngst tr\u00e4umte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Als ich dem Securityguard in die Arme springen musste<\/h3>\n\n\n\n<p>Bevor die Rundreise wirklich starten konnte, musste ich noch meine Pflichten im Krankenhaus erf\u00fcllen und die Nagetiere f\u00fcttern. Lea nahm ich voller Begeisterung mit. Schon der Weg dorthin wirkte auf sie leicht abenteuerlich, denn wir nahmen wie immer den dunklen, zugewucherten Schleichweg hinter unserem Haus. W\u00e4hrend ich ihn im Dunkeln entlangsauste, weil ich gef\u00fchlt jeden Stein und Ast kannte, musste Lea sich halb blind hinter mir durchtasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Krankenhaus begann wie so oft das gro\u00dfe Theater um den Schl\u00fcssel zum Tiergehege. Der Securityguard hatte angeblich seinen ersten Arbeitstag und wusste \u00fcberhaupt nicht, wo er suchen sollte. Also half ich ihm hinter dem Tresen, in unsortierten Schubladen nach dem kleinen Schl\u00fcsselpaar zu kramen. Erfolglos. Kollegen wurden angerufen, niemand wusste etwas, und schlie\u00dflich wurde der \u00e4ltere, schwitzende Wachmann von einem j\u00fcngeren Kollegen abgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser war zwar ebenfalls ratlos, aber sehr bem\u00fcht und kam auf die vollkommen verr\u00fcckte Idee, durch ein schmales Fenster eines B\u00fcroraumes in den Tierraum zu klettern. Meine Erkl\u00e4rungsversuche, dass das nichts bringe, weil die K\u00e4fige ebenfalls abgeschlossen waren, scheiterten grandios. Kurz darauf zw\u00e4ngte er sich in seiner hellblauen Uniform \u00fcber einen wackeligen Schreibtisch, an teuren Computern und Geranient\u00f6pfen vorbei, durch den Fensterspalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann lag es an mir, ihm zu folgen. Ung\u00fcnstig war nur, dass ich einen engen Rock trug. Ich sa\u00df schlie\u00dflich zwischen Geranien auf dem Fenstersims, die Beine baumelten in den Tierraum, w\u00e4hrend ich versuchte, meinen Oberk\u00f6rper durch das schmale Fenster zu winden. Der Securityguard griff mir beherzt unter die Arme und half mir hinunter, sodass ich mehr oder weniger gezwungen war, ihm in die Arme zu springen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Tierraum konnte ich mich wenigstens vergewissern, dass alle Tiere noch lebten, und den Meerschweinchen etwas Frischfutter geben. Der R\u00fcckweg gelang mir erstaunlich elegant. Dem Securityguard weniger. F\u00fcr einen kurzen Moment stand er aufrecht in den Geranient\u00f6pfen, bevor er r\u00fccklings vom Fensterbrett kippte und zum Gl\u00fcck geschickt wie eine Katze auf beiden F\u00fc\u00dfen landete. Lea und ich waren so \u00fcberfordert von der Absurdit\u00e4t der Situation, dass wir das Lachen nicht mehr unterdr\u00fccken konnten. Der Wachmann blieb vollkommen ernst.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, unmittelbar vor unserer Abreise, war der Schl\u00fcssel auf fast mysteri\u00f6se Weise wieder da. Sch\u00f6n, wenn sich manche Probleme nachts offenbar von selbst l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trampen und Eselreiten<\/h3>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch morgens fuhren wir mit der Stra\u00dfenbahn ans Stadtende und liefen bis an eine breite Stra\u00dfe, die in Richtung Totes Meer und weiter Richtung Norden f\u00fchrte. Tiberias am See Genezareth war der erste Ort auf unserem Masterplan. Nun folgte Leas erste Tramperfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wurden schnell von drei j\u00fcdischen Studenten mitgenommen, danach von einem Arbeiter in einem klapprigen Minibus, auf dessen Ladefl\u00e4che Maschinen und Werkzeuge herumflogen. Kurz vor einer Kreuzung entdeckte ich ein Schild zum St. George\u2019s Monastery, einem abgelegenen Kloster mitten in der W\u00fcste. Unser Fahrer bemerkte mein Interesse und bog ohne gro\u00dfes Z\u00f6gern auf eine ruckelige Seitenstra\u00dfe ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich waren wir mitten in der W\u00fcste, auf einer schmalen Piste, rechts der Abgrund. Als die Rinnen in der Stra\u00dfe zu tief wurden, musste der Fahrer auf engstem Raum wenden. Mir wurde schon beim Hinsehen schwindelig. Mit viel Vor und Zur\u00fcck gelang das Man\u00f6ver, wobei ich bis heute nicht wissen m\u00f6chte, wie viele Zentimeter zwischen Reifen und Abgrund lagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sahen wir Beduinen mit Kamelen und einem Esel. Ohne Kommentar hielt unser Fahrer an. Ich bekam ein wei\u00dfes Tuch um den Kopf gewickelt, stieg auf den st\u00f6rrischen Esel und wurde ein kleines St\u00fcck herumgef\u00fchrt. Kurz darauf sa\u00dfen wir mit unterdr\u00fccktem Lachanfall wieder im Wagen. Unglaublich, wie viel Zeit manche Menschen sich nahmen, nur um uns eine kleine Freude zu machen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tiberias und die Flucht ans Seeufer<\/h3>\n\n\n\n<p>Gegen Mittag kamen wir in Tiberias an, einem hochgelobten Touristenort, der unseren Erwartungen in keiner Weise gerecht wurde. Ich hatte mir einen idyllischen, ruhigen Ort am See vorgestellt. Stattdessen fanden wir eine abgewrackte, dreckige Touristenhochburg mit \u00fcberteuerten, zugem\u00fcllten Badestr\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem steinigen, nicht gerade empfehlenswerten, aber immerhin kostenlosen St\u00fcck Ufer verbrachten wir die Mittagshitze und k\u00fchlten uns im See Genezareth ab. Nachdem wir eine Weile in der Sonne geschmort hatten, beschlossen wir: Hauptsache weg von hier.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der unfreiwillige Fahrdienst<\/h3>\n\n\n\n<p>Kaum standen wir wieder am Stra\u00dfenrand, hielt ein nagelneuer schwarzer Wagen mit wei\u00dfen Ledersitzen. Wir erkl\u00e4rten dem etwas verdatterten Fahrer, dass wir nach Kapernaum wollten, und er willigte ein. Erst im Auto stellte sich heraus, dass er gar nicht wegen uns angehalten hatte, sondern nur, um wichtige Dokumente in seiner Aktentasche zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem fuhr er uns bis nach Kapernaum. Als wir ausstiegen, wollten eigentlich wir uns bedanken, doch stattdessen \u00fcberh\u00e4ufte er uns mit Dankesworten. Er sei wegen seiner finanziellen Lage und fehlender Ersparnisse f\u00fcr ein neues Motorrad bedr\u00fcckt gewesen, aber unsere verr\u00fcckten Geschichten h\u00e4tten ihn wieder erheitert. Das freute uns dann auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapernaum war bei unserer Ankunft zwar geschlossen, aber die Umgebung war viel friedlicher als Tiberias. An einem sch\u00f6nen Platz am See badeten wir, stellten in der D\u00e4mmerung unser Zelt auf und sahen in der Ferne die Lichter Jordaniens. Nur die Versorgung hatten wir etwas \u00fcbersch\u00e4tzt. Am Abend blieben uns lediglich Wasserflaschen und die Erkenntnis, dass Hunger in sch\u00f6ner Landschaft etwas leichter zu ertragen ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Safed, Akko und nasse Kleidung<\/h3>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen lag statt eines Sonnenaufgangs dichter Dunst \u00fcber dem See. Wir packten unsere Sachen, k\u00fchlten uns noch einmal im Wasser ab und stellten uns wieder an die Stra\u00dfe. Noch am Vormittag erreichten wir Safed, das K\u00fcnstlerdorf in den Bergen Galil\u00e4as. Nach einer kurvenreichen Fahrt wurden wir mit einer malerischen Altstadt belohnt, in der orthodoxe Traditionalisten und junge K\u00fcnstler auf eigent\u00fcmliche Weise nebeneinander existierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Arme-Leute-Fr\u00fchst\u00fcck aus pappigem Brot und langweiligem K\u00e4se liefen wir durch die verwinkelten Gassen, bis uns Hitze, Touristen und Hunger weitertrieben. Also ging es nach Akko.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort schlenderten wir durch die arabische Altstadt und verirrten uns in ein edel wirkendes Restaurant mit Meerblick. Der Kellner sah offenbar sofort, wie sehr uns die Hitze zusetzte, und bot uns an, von der Terrasse ins Wasser zu springen. Umkleiden konnten wir uns angeblich nicht, wegen Renovierungsarbeiten. Das war f\u00fcr uns kein Argument. Wenig sp\u00e4ter standen wir mit Kleidung im Meer, unter uns scharfkantige Felsen, \u00fcber uns der verwunderte Blick des Kellners, der offenbar nicht damit gerechnet hatte, dass wir sein Angebot tats\u00e4chlich sofort annehmen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der multimorbide Glockenturm<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Wasser trafen wir Mustafa, der uns kurz darauf eine exklusive Stadtf\u00fchrung anbot. Mit klitschnassen Klamotten und Rucks\u00e4cken folgten wir ihm zu seiner kleinen Wohnung in der Altstadt, wo wir unser Gep\u00e4ck abstellen durften. Dann f\u00fchrte er uns zu einem alten Glockenturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er uns bedeutete, dass wir hinaufklettern w\u00fcrden, blickten Lea und ich uns erschrocken an. Im Inneren befand sich das, was man einst wohl als Treppe bezeichnet h\u00e4tte. Die Steine br\u00f6ckelten, Holzstufen waren l\u00e4ngst herausgebrochen, \u00fcbrig geblieben waren rostige Metallstreben. Ein Gel\u00e4nder gab es nicht. Von oben rief Mustafa, der Turm sei absolut stabil. Ich hatte erhebliche Zweifel.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam kletterten wir nach oben, jeder Schritt vorsichtig, blo\u00df keine ruckartigen Bewegungen, blo\u00df nicht nach unten schauen. Als wir schlie\u00dflich oben standen, war die Aussicht \u00fcber Akko und bis nach Haifa ph\u00e4nomenal. Nur genie\u00dfen konnten wir sie kaum, weil wir die ganze Zeit an den Abstieg denken mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Minuten der Ewigkeit standen wir irgendwann wieder unten, lebendig und ungl\u00e4ubig. Auf Mustafas Dachterrasse bekamen wir Ingwertee mit Honig und ruhten uns aus. Er bot uns sogar an, bei ihm zu \u00fcbernachten, doch wir hatten bereits einen Zeltplatz mit Meerblick im Kopf und wollten am n\u00e4chsten Morgen fr\u00fch nach Nazareth weiter.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der legend\u00e4re Busdriver von Nazareth<\/h3>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach der richtigen Bushaltestelle tappten wir orientierungslos durch Akko, als ein erstaunlich gut Englisch sprechender Busfahrer auf uns zukam. Wir erkl\u00e4rten ihm unsere Pl\u00e4ne und unsere finanzielle Lage. Offenbar l\u00f6sten wir in ihm das Bild aus, wir seien \u201earm wie pakistanische Frauen\u201c und vollkommen hilflos unterwegs. Er erkl\u00e4rte, er m\u00fcsse sp\u00e4ter ohnehin noch eine Betriebsfahrt nach Nazareth machen, und wir k\u00f6nnten kostenlos mitkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Angebot lie\u00dfen wir uns nicht zweimal sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter sa\u00dfen wir in der ersten Reihe eines fast leeren Linienbusses. Der Fahrer, Aldah, hatte fr\u00fcher am Flughafen gearbeitet und konnte Wortfetzen in allen m\u00f6glichen Sprachen. W\u00e4hrend der langen Fahrt durch die Nacht versuchte er, uns Arabisch und Russisch beizubringen. Immer wieder hielten wir in kleinen D\u00f6rfern, wo uns Datteln, honigs\u00fc\u00dfes Geb\u00e4ck und starker Kaffee durchs Fenster gereicht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hielt die Stimmung hoch, w\u00e4hrend Lea beim tiefen Motorbrummen fast einschlief. Sp\u00e4t in der Nacht kamen wir in Nazareth an, doch eine Unterkunft hatten wir nicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schlafenszeit f\u00fcr Lea \u2013 aber wo?<\/h3>\n\n\n\n<p>Aldah war \u00fcberzeugt, dass sich f\u00fcr uns schon etwas finden w\u00fcrde. Lea und ich waren weniger \u00fcberzeugt, denn ein Hotel passte weder zu unserem Reisestil noch zu unserem Budget. Nach einigem Herumkurven durch winzige Gassen erreichten wir zun\u00e4chst ein geschlossenes Hotel, dann ein zweites, wo ein junger arabischer Besitzer mit einem Freund m\u00fcde auf der Dachterrasse sa\u00df und Shisha rauchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aldah verhandelte lautstark auf Arabisch. Kurz darauf standen wir in einem kleinen, sauberen, k\u00fchlen Zimmer mit gro\u00dfem Bett und Badezimmer. Um diese Uhrzeit sah es unfassbar verlockend aus. Gleichzeitig hatte ich kaum Geld, und diese Tatsache war leider tageszeitenunabh\u00e4ngig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuchte, Lea tief in die Augen zu schauen, um unsere Optionen zu besprechen. Das war unm\u00f6glich. Sie stand auf der Treppe, der Kopf hing ihr schlaff auf die Brust, und sie schwankte langsam vor und zur\u00fcck. Es wirkte, als w\u00fcrde sie im Stehen einschlafen. Aldah sah das offenbar auch und entschied kurzerhand, dass wir bleiben w\u00fcrden. Er zahlte das Zimmer f\u00fcr uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Lea geduscht hatte, wurde sie pl\u00f6tzlich wieder munter, und wir sa\u00dfen noch eine Weile auf der Dachterrasse mit Blick \u00fcber das hell erleuchtete Nazareth. Es war uns unbegreiflich, wie wir hier gelandet waren. Die Nettigkeit und Hilfsbereitschaft dieses Mannes machten uns wirklich perplex. Fast w\u00e4ren wir beim Philosophieren unter freiem Himmel eingeschlafen, schafften es aber gerade noch rechtzeitig in unsere komfortablen Betten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nazareth am n\u00e4chsten Morgen<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach einer kurzen, erholsamen Nacht lockte uns das Fr\u00fchst\u00fcck aus dem Bett. Vor uns standen unz\u00e4hlige Sch\u00e4lchen mit Oliven, Frischk\u00e4se, warmem Brot, Humus und vielem mehr. Lea trank so viel starken arabischen Kaffee, dass sie ganz hibbelig wurde, aber das war mir lieber, als wenn sie wieder kurz vor dem Einschlafen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter liefen wir durch die Innenstadt und kamen an einem Fischladen vorbei. Als ich neugierig hineinschaute und meine Kamera sichtbar um den Hals hing, dachten die M\u00e4nner sofort, wir wollten sie fotografieren. Also stellten sie sich stolz mit ihren Fischen auf, und ich machte Fotos von einer Szene, die sich ganz von selbst ergeben hatte. Kurz darauf wurden wir ins benachbarte Fischlokal gef\u00fchrt, bekamen noch mehr Kaffee und eine Einladung zum sp\u00e4teren Fischessen, die wir als strenge Vegetarier leider nicht annehmen konnten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die geliehenen R\u00f6cke<\/h3>\n\n\n\n<p>Um zur Verk\u00fcndigungsbasilika zu gelangen, mussten wir bodenlange, weite R\u00f6cke tragen. Diese hatten wir nicht dabei, also liehen wir uns an einem kleinen H\u00e4uschen zwei viel zu gro\u00dfe R\u00f6cke aus. Die Frau hinter dem Tresen war begeistert und behauptete, die Kleidung stehe uns ausgesprochen gut. Ihr eigener Modegeschmack war allerdings fragw\u00fcrdig, zumal sie selbst Jeans und ein enges T-Shirt trug.<\/p>\n\n\n\n<p>Konservativ gekleidet betraten wir die Basilika, deren Mauern mit Mosaiken aus aller Welt geschm\u00fcckt waren. Nach den vielen chaotischen Begegnungen der letzten Stunden wirkte dieser Ort pl\u00f6tzlich geordnet, hell und beinahe feierlich. Trotzdem blieb Nazareth f\u00fcr uns vor allem die Stadt, in der wir nachts mit einem fremden Busfahrer gelandet waren, ungeplant im Hotel schliefen, morgens am Buffet standen und wenige Stunden sp\u00e4ter in geliehenen R\u00f6cken durch eine der wichtigsten Kirchen des Landes liefen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwei Reisestile, zwei Welten<\/h3>\n\n\n\n<p>Gegen Mittag sa\u00dfen wir auf ein paar Treppenstufen, a\u00dfen s\u00fc\u00dfe Katajef und planten die n\u00e4chste Etappe. Da begegneten uns zwei deutsche Jungs, die wir bereits in der Nacht zuvor gesehen hatten, als Aldah mit uns durch Nazareth gekurvt war und Passanten nach einer Unterkunft gefragt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuchte ihnen zu erkl\u00e4ren, was passiert war, redete mich dabei aber eher um Kopf und Kragen. Sie blickten mich mit einer Mischung aus Misstrauen und Mitleid an. Unser Reisestil war f\u00fcr sie offensichtlich nicht nachvollziehbar. Als einer von ihnen begann, uns Tipps zu Busverbindungen und Hotels am Toten Meer zu geben, wurde mir klar, dass wir v\u00f6llig aneinander vorbeiredeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatten offenbar Mitleid mit uns, weil wir mit so wenig Geld unterwegs waren und auf sie leicht verwirrt wirkten. Mir taten sie umgekehrt ein wenig leid, weil sie aus meiner Sicht nur einen sehr oberfl\u00e4chlichen Eindruck vom Land bekamen. Lustigerweise waren am Ende alle zufrieden mit dem, was sie taten. Und so verabschiedeten wir uns h\u00f6flich, etwas ungl\u00e4ubig und mit dem Gef\u00fchl, dass Reisen manchmal weniger davon abh\u00e4ngt, wohin man f\u00e4hrt, als davon, wie viel Unplanbarkeit man zul\u00e4sst.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trampen, Nachtfahrten und improvisiertes Reisen Der unschlagbare Masterplan Bevor unsere eigentliche Rundreise beginnen konnte, stellten wir in der WG unseren sogenannten Masterplan auf. 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