{"id":1191,"date":"2026-05-09T11:14:56","date_gmt":"2026-05-09T11:14:56","guid":{"rendered":"https:\/\/beyond-cycling.de\/?page_id=1191"},"modified":"2026-05-09T11:14:56","modified_gmt":"2026-05-09T11:14:56","slug":"durch-die-westbank","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/beyond-cycling.de\/en\/durch-die-westbank\/","title":{"rendered":"Durch die Westbank"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Bethlehem, Hebron und Begegnungen in Pal\u00e4stina<\/h3>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">In Herrgottsfr\u00fche zu Fu\u00df nach Bethlehem<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Samstag kommt in Jerusalem einem hohen Feiertag gleich. Am Schabbat sind die L\u00e4den geschlossen, Busse und Stra\u00dfenbahnen stehen still und die ganze Stadt scheint f\u00fcr einen Moment lahmgelegt zu sein. Um den Tag trotzdem zu nutzen, entschieden Lea und ich, zu Fu\u00df nach Bethlehem zu laufen. Knapp zehn Kilometer trennten uns von der arabischen Stadt, und weil es in Jerusalem bereits br\u00fcllend hei\u00df war, bedeutete dieser Plan zwangsl\u00e4ufig: sehr fr\u00fches Aufstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor Sonnenaufgang riss mich mein Handyalarm um 4.45 Uhr aus dem Tiefschlaf. Nachdem ich mich fertig gemacht und die n\u00f6tigsten Sachen f\u00fcr unsere Tagestour zusammengesucht hatte, weckte ich Lea um 5.15 Uhr, was nach ihrem deutschen Zeitgef\u00fchl eher 4.15 Uhr entsprach. Aber das geh\u00f6rte nun einmal dazu, wenn man etwas erleben wollte. Nach kurzem Gewurschtel machten wir uns auf den Weg und erreichten dank unseres treuen Begleiters Google Maps ohne gr\u00f6\u00dfere Umwege den Checkpoint von Bethlehem.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ein paar Dreht\u00fcren, einer kurzen Passkontrolle und dem Durchqueren des gef\u00e4ngnis\u00e4hnlichen Geb\u00e4udes standen wir pl\u00f6tzlich auf der anderen Seite und wurden sofort von einer Horde aufdringlicher Taxifahrer umringt. Wir wollten zum etwas au\u00dferhalb gelegenen Herodium, doch einen bezahlbaren Preis auszuhandeln, war leichter gesagt als getan. Das erste Angebot lag bei 230 Schekeln. Als der Fahrer dazu noch beschwichtigend \u201eGood price, good price!\u201c sagte, mussten Lea und ich uns sehr zusammenrei\u00dfen, um nicht laut loszulachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich landeten wir bei einem jungen Fahrer mit gegelten Haaren, Sonnenbrille und gelbem Taxi, der uns zun\u00e4chst f\u00fcr 40 Schekel fahren wollte, dann aber pl\u00f6tzlich behauptete, er habe gedacht, wir wollten nur ins Stadtzentrum. Nat\u00fcrlich war das eine Masche. Ich \u00f6ffnete die Autot\u00fcr und signalisierte ihm, dass wir sofort aussteigen w\u00fcrden, wenn jetzt kein ernsthaftes Angebot k\u00e4me. Lea raunte ich zu, sie solle sich lieber gar nicht erst anschnallen und jederzeit aussteigebereit bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach l\u00e4ngeren Diskussionen, Telefonaten und Verhandlungen, die gef\u00fchlt l\u00e4nger dauerten als die Fahrt selbst, stand am Ende ein Deal: 60 Schekel f\u00fcr Hin- und R\u00fcckfahrt zum Herodium mit einer Stunde Aufenthalt. Der Fahrer, der sich sp\u00e4ter als Deneb vorstellte, wirkte nicht begeistert, aber der Handel war abgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Herodium unter treuer Begleitung<\/h3>\n\n\n\n<p>Unweit von Bethlehem ragt das Herodium aus dem h\u00fcgeligen Umland, ein k\u00fcnstlich geformter Berg, den Herodes der Gro\u00dfe einst als Fluchtburg errichten lie\u00df. Schon von Weitem fiel seine unnat\u00fcrliche, markante Form auf. Als wir kurz nach acht Uhr am noch verschlafen wirkenden Besucherzentrum ankamen, folgte uns Deneb ungefragt bis zum Eingang.<\/p>\n\n\n\n<p>Lea und ich zahlten brav unseren Eintritt, Deneb ging einfach durch. W\u00e4hrend wir den holprigen Steinpfad schnurstracks bergauf liefen, hechelte er mit hochrotem Kopf hinter uns her. Obwohl es noch fr\u00fch war, machte die Sonne schon jede Bewegung zur Anstrengung. Oben angekommen blickten wir \u00fcber das Jud\u00e4ische Bergland, erkannten in der Ferne den \u00d6lberg und ahnten Richtung Osten die Dunstschwaden \u00fcber dem Toten Meer.<\/p>\n\n\n\n<p>Deneb schleppte sich irgendwann ebenfalls auf die Plateauebene, den Schwei\u00df in Str\u00f6men auf der Stirn, und wischte sich alle paar Schritte mit einem gestreiften Badehandtuch \u00fcbers Gesicht. Dann wollte er uns auch noch ungebeten eine F\u00fchrung auf stockendem Englisch geben. Ihm freundlich zu erkl\u00e4ren, dass wir daran keinerlei Interesse hatten, war gar nicht so einfach. Erst in den unterirdischen Sch\u00e4chten der Anlage schafften wir es, unserer klebrigen Begleitung f\u00fcr einen Moment zu entkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt nach Bethlehem schwiegen wir nachdenklich vor uns hin, bis Deneb abrupt vor der Mauer hielt. Ich zahlte den verhandelten Preis durchs Fenster, wie es als am sichersten galt. Er hielt die Scheine lange und ungl\u00e4ubig in der Hand, bis er nach einer tiefen Atempause wortlos davonkurvte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vor der Mauer von Bethlehem<\/h3>\n\n\n\n<p>Von dort gingen wir ein St\u00fcck an der acht Meter hohen Betonmauer entlang, die Bethlehem umgibt. Auf israelischer Seite ist sie schlicht grau, auf pal\u00e4stinensischer Seite wurde sie mit unz\u00e4hligen Graffiti, Parolen und Bildern \u00fcberzogen. Zwischen M\u00fcll, Schutt, Stacheldraht und Beton standen wir vor diesem einsch\u00fcchternden Bauwerk und versuchten zu begreifen, was es bedeutet, in einer Stadt zu leben, die von einer solchen Mauer eingeschlossen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder lasen wir \u201eFree Palestine\u201c, sahen gro\u00dfe Darstellungen von Trump, Netanjahu und einer pal\u00e4stinensischen Freiheitsstatue mit aufgerissenen Augen. Manche Bilder waren kunstvoll, andere roh, w\u00fctend und traurig. Trotz der bedr\u00fcckenden Kulisse konnten wir nicht aufh\u00f6ren, die Aufschriften zu lesen. Sie vermittelten einen Eindruck davon, wie sehr sich das Lebensgef\u00fchl von Unfreiheit und Rechtslosigkeit in den Alltag der Menschen eingeschrieben haben musste.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Chaos in der Geburtskirche<\/h3>\n\n\n\n<p>Als wir die Altstadt von Bethlehem erreichten, stand die Sonne bereits hoch am Himmel und machte jedes weitere Herumlaufen zur Qual. Um der Mittagshitze zu entgehen, steuerten wir die Geburtskirche an. Nach Jerusalem fiel sofort auf, wie anders die Sicherheitslage hier wirkte. Am Eingang zu einem der wichtigsten christlichen Orte stand nur ein m\u00fcde wirkender Polizist in viel zu enger Uniform, ohne Schusswaffe, nur mit Trillerpfeife und Schlagstock am G\u00fcrtel.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Kirche dr\u00e4ngten sich Touristen, Pilgergruppen und Fotografierende durch das schummrige Licht. Prunkvolle Kronleuchter hingen tief von der Decke, Menschen schoben sich in Richtung Altar, und irgendwann erkl\u00e4rte uns ein adrett l\u00e4chelnder Mann im Anzug, man k\u00f6nne die lange Schlange zur Geburtsgrotte f\u00fcr 50 Schekel pro Person umgehen. Nach den Verhandlungen mit dem Taxifahrer hatte ich darauf keinerlei Nerv mehr. Ich zog Lea am \u00c4rmel weiter und murmelte nur: \u201eJetzt bitte keine Diskussion.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann hatten wir Gl\u00fcck. Im Gewusel \u00f6ffnete ein Mann pl\u00f6tzlich ein Absperrband und winkte eine Touristengruppe hindurch. Ohne recht zu begreifen, wohin wir gef\u00fchrt wurden, folgten wir entschlossen und standen wenige Augenblicke sp\u00e4ter am Eingang zur Grotte. Eine Geb\u00fchr zahlen? Daran dachte in diesem Moment niemand. Wir zw\u00e4ngten uns durch den kleinen Eingang hinunter in eine schw\u00fclwarme, dunkle Kammer mit verbrauchter Luft. Kerzen leuchteten auf goldenen St\u00e4ndern, Menschen dr\u00e4ngten nach, und lange lie\u00df es sich dort unten nicht aushalten. Nach einem kurzen Erhaschen der stickig-muffigen Atmosph\u00e4re wurden wir bereits wieder hinausgeschoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen suchten wir nach einem Ort, um den weiteren Tag zu planen. Wegen Ramadan waren viele L\u00e4den und Imbisse geschlossen, also landeten wir schlie\u00dflich auf zwei provisorisch aufgestellten Gartenst\u00fchlen in einem gut klimatisierten Blumengesch\u00e4ft. Der Verk\u00e4ufer blickte etwas ungl\u00e4ubig, lie\u00df uns aber ohne Kommentar gew\u00e4hren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Im arabischen Bus nach Hebron<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach kurzer Beratung beschlossen wir, weiter nach Hebron zu fahren. Arabische Busse verkehrten auch am Schabbat, anders als die israelischen Verkehrsmittel. Auf dem Busbahnhof standen etliche gelbe, klapprige Minibusse dicht an dicht. Nach endlosem Herumfragen und zahlreichen Fehlinformationen sa\u00dfen wir schlie\u00dflich in einem abgewrackten Bus mit ungepolsterten Sitzen und abgewetzten gelben Gardinen vor schmuddeligen Fenstern.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Bus sich langsam f\u00fcllte, stieg der Fahrer ein, schob eine Kassette ins uralte Radio, drehte den Schl\u00fcssel herum und das ganze Fahrzeug begann im Takt des Motors zu zittern. Die Blicke der anderen Fahrg\u00e4ste klebten auf uns. Offenbar war es auch f\u00fcr sie eine absurde Szenerie, zwei junge Touristinnen in ihren lokalen Verkehrsmitteln sitzen zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hebron \u2013 eine Stadt, zwei Welten<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach einem kurzen, erstaunlich erholsamen Mittagsschlaf im stickigen Bus erreichten wir den muslimischen Teil Hebrons. Es war deutlich ruhiger, als ich erwartet hatte. Die Sonne stand hoch, Ramadan l\u00e4hmte das \u00f6ffentliche Leben, viele Restaurants waren geschlossen und die meisten Menschen hatten sich in den Schatten zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Bummel durch die Innenstadt sahen wir einen Mann, der crepeartig d\u00fcnne Fladenbrote an einem Holzofen buk. Als er unsere interessierten Blicke bemerkte, winkte er uns zu sich her\u00fcber und dr\u00fcckte uns ungefragt jedem ein frisches Brot in die Hand. Mit schlechtem Gewissen, weil er selbst vermutlich seit vier Uhr morgens nichts gegessen oder getrunken hatte, probierten wir vorsichtig. Lea stand noch mit offenem Mund da, v\u00f6llig ungl\u00e4ubig \u00fcber diese spontane Nettigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine f\u00fcnfzig Meter weiter wurden wir von einem \u00e4lteren Herrn mit grauem Bart, Turban und traditionellem Gewand in den hinteren Teil seines Ateliers gelotst, wo er uns eine F\u00fchrung durch sein privates Humus-Museum gab. Dort zeigte er uns einen alten Mahlstein und ein Foto von einem Kamel mit verbundenen Augen, das im Kreis laufen musste, damit ihm beim Antreiben des Mahlwerks nicht schwindelig wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz darauf trafen wir Ghassan, der uns anbot, uns durch die Stadt zu f\u00fchren. Er sprach \u00fcberraschend gutes Englisch und erz\u00e4hlte uns bald von seinem Leben. An einem Checkpoint konnten Lea und ich einfach durchgehen, w\u00e4hrend Ghassan kontrolliert wurde und seine Ausweise zeigen musste. Sp\u00e4ter sa\u00dfen wir vor seinem kleinen Porzellanladen auf Plastikst\u00fchlen im Schatten, und er begann zu erz\u00e4hlen, wie schwer es f\u00fcr ihn sei, sich in seiner eigenen Stadt zu bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte zwei Jahre in D\u00e4nemark gelebt, w\u00e4re aber lieber nach Deutschland gegangen. Mit seinen Papieren und seinem Status habe er keine wirkliche Wahl gehabt. Er erz\u00e4hlte mit einem Grinsen, aber die Worte waren ernst. Jedes Mal, wenn er von der arabischen Innenstadt zu seinem Laden wollte, musste er Kontrollen, Befragungen und Unsicherheiten \u00fcber sich ergehen lassen. Wie gerne w\u00e4re er so frei wie wir.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Geisterstadt<\/h3>\n\n\n\n<p>Ghassan begleitete uns bis in die j\u00fcdisch kontrollierte Zone der geteilten Stadt. Dort begann Hebron sich vollst\u00e4ndig zu ver\u00e4ndern. Wo fr\u00fcher das Zentrum gewesen war, standen nun geschlossene L\u00e4den, leere Geb\u00e4ude und verlassene Stra\u00dfen. Arabische Bewohner durften sich nur eingeschr\u00e4nkt bewegen, manche Stra\u00dfen waren f\u00fcr sie gesperrt, an anderen gab es schmale abgeteilte Gehbereiche.<\/p>\n\n\n\n<p>Lea wirkte zunehmend fassungslos. Bei meinem ersten Besuch war es mir genauso gegangen. Man konnte sich kaum vorstellen, dass hier einmal reges Leben gewesen sein sollte. Ghassan erkl\u00e4rte, dass aus Angst, Hass und Repression Tausende Gesch\u00e4fte geschlossen worden seien. Wir liefen an verlassenen H\u00e4usern vorbei, an blau-wei\u00dfen Fahnen, an Wacht\u00fcrmen, aus denen eiskalte Augen auf eine Stra\u00dfe blickten, auf der fast nichts mehr geschah.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bat mich Ghassan unauff\u00e4llig, ihm eine kleine Wasserflasche zu kaufen. W\u00e4hrend Ramadan war es f\u00fcr ihn tags\u00fcber ein absolutes No-Go, im arabischen Stadtteil Wasser zu kaufen oder \u00f6ffentlich zu trinken, auch wenn er selbst es mit den religi\u00f6sen Regeln nicht so streng nahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir uns f\u00fcr einen Moment unbeobachtet f\u00fchlten, reichte ich ihm die Flasche. Er trank hastig ein paar Schlucke. Im selben Moment brauste ein allradbetriebenes Polizeiauto um die Ecke und bremste abrupt vor uns. Der Polizist am Fenster begann Ghassan lautstark auf Arabisch anzumahnen, dass Ramadan sei und er als Muslim tags\u00fcber nicht trinken d\u00fcrfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich konnte es kaum fassen. Bei dieser Hitze sollte man ihm nicht einmal einen Schluck Wasser g\u00f6nnen? Mit strenger Stimme fragte ich den Polizisten, ob er denn immer koscher esse. F\u00fcr einen kurzen Augenblick klappte ihm die Kinnlade herunter. Dann forderte er kalt: \u201ePassport please.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gab ihm meinen Pass, beantwortete seine Fragen und wartete, als er ihn mir zur\u00fcckgeben wollte. Freundlich, aber bestimmt erkl\u00e4rte ich ihm, dass ich nun ebenfalls gerne eine Antwort h\u00e4tte. Schlie\u00dflich sagte er ernst, er esse nie koscher und sogar Schwein. Ich bedankte mich, zog meinen Pass aus seinem Griff und kurz darauf verschwanden die Polizisten in einer Staubwolke.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Picknick auf dem Observatory Tower<\/h3>\n\n\n\n<p>Nachdem wir uns von Ghassan verabschiedet hatten, liefen wir weiter durch die leere Stadt, bis wir auf einen kleinen Trampelpfad abbogen. Ein Schild mit abbl\u00e4tternder Farbe wies zur \u201eAbraham\u2019s Spring\u201c. Schon von Weitem h\u00f6rten wir Menschen schreien und sahen sie in der Sonne stehen. Die erhoffte Abk\u00fchlung erwies sich jedoch als tiefbraunes Wasserloch, das nach Kanalisation und Abfalltonne roch. Obwohl einige darin badeten, war mir schnell klar, dass ich nicht einmal meine F\u00fc\u00dfe hineinhalten wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort trafen wir David, einen j\u00fcdischen Mann mit Kippa, der unser Entsetzen \u00fcber die Quelle offenbar teilte. Er beantwortete geduldig unsere Fragen \u00fcber Hebron und erkl\u00e4rte, dass er sich dank der Soldaten sicher f\u00fchle. Gleichzeitig bedauerte er, dass so viele L\u00e4den schlie\u00dfen mussten, hielt es aber f\u00fcr die einzige M\u00f6glichkeit, Stabilit\u00e4t herzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf unsere Frage, was wir noch sehen sollten, rief er seinen Freund aus dem Wasser und f\u00fchrte uns \u00fcber steinige Wege und durch Unterholz zu einem milit\u00e4rischen Wachturm. Am Fu\u00df des Turms verabschiedeten sich die beiden und versicherten uns, es sei kein Problem, hinaufzusteigen. Also schl\u00e4ngelten wir uns zwischen etwas verwundert dreinschauenden Soldaten hindurch und stiegen nach oben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der schattigen Dachterrasse hatten wir pl\u00f6tzlich einen weiten Blick \u00fcber diesen skurrilen Ort. Hungrig packten wir die Fladenbrote aus, die uns am Vormittag geschenkt worden waren. Wenn der Brotverk\u00e4ufer gewusst h\u00e4tte, dass wir sein Brot sp\u00e4ter auf einem milit\u00e4rischen Wachturm in Hebron essen w\u00fcrden, h\u00e4tte er uns vermutlich anders angesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Essen \u00fcberkam uns eine l\u00e4hmende M\u00fcdigkeit. Wir legten uns auf unsere Rucks\u00e4cke und schliefen kurz ein. Als wir sp\u00e4ter benommen vom Turm taumelten, wirkten die Soldaten um unsere Orientierung so besorgt, dass sie sogar ihre Kollegen weiter unten informierten, damit wir sicher zur\u00fcckfanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig sp\u00e4ter sa\u00dfen wir vor einem einsamen Wohnhaus auf einer schmalen Steintreppe bei einem pal\u00e4stinensischen Vater und seinen drei Kindern. Seine Frau brachte uns schwarzen Tee mit Minze und sehr viel Zucker. Reden konnten wir kaum, die Sprachbarriere war zu gro\u00df, aber die Gesten reichten aus. Gerne w\u00e4ren wir l\u00e4nger geblieben, doch die arabischen Busse fuhren unregelm\u00e4\u00dfig und niemand konnte sagen, wann der letzte Bus zur\u00fcck nach Bethlehem gehen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zur\u00fcck nach Bethlehem<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit mehr Gl\u00fcck als Verstand erwischten wir im arabischen Stadtteil noch einen kleinen Bus zur\u00fcck nach Bethlehem. Die Fahrt verging wie im Flug. Der alte Motor heulte in den Kurven auf, Lea und mir fielen im Sitzen die Augen zu, bis uns die genervte Stimme des Fahrers weckte und deutlich machte, dass die Fahrt nun f\u00fcr uns vorbei war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ersch\u00f6pft stiegen wir aus und machten uns zu Fu\u00df Richtung Checkpoint auf. Auf dem Weg kamen wir wieder an der Graffiti-Mauer vorbei und trafen v\u00f6llig unerwartet Hamoud, den ich Monate zuvor bei einem anderen Besuch in Bethlehem kennengelernt hatte. Damals hatte er mich eingeladen, dabei zu sein, als er und seine Kollegen die Sperrmauer bemalten. Ich war erstaunt, dass er sich noch so gut an mich erinnerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach etwas Smalltalk half ich ihm, St\u00fchle und Schilder in seinen Laden zu r\u00e4umen. Dann fuhr er uns mit seinem Wagen bis zum Checkpoint. Gerne h\u00e4tte er uns auch die restlichen Kilometer nach Hause gebracht, doch mit seinen pal\u00e4stinensischen Papieren war das nicht ohne Weiteres m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dort liefen Lea und ich mit schweren, m\u00fcden Schritten zur\u00fcck nach Jerusalem. Es war inzwischen dunkel und zum Gl\u00fcck nicht mehr so hei\u00df. Hinter dem Checkpoint durchquerten wir eine arabische Wohngegend und fantasierten hungrig dar\u00fcber, wie sch\u00f6n es w\u00e4re, irgendwann einmal zu einem \u00fcppigen Ramadanessen eingeladen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4t am Abend kamen wir v\u00f6llig ersch\u00f6pft, todm\u00fcde, ausgehungert und mit kaputten F\u00fc\u00dfen wieder in unserer WG in Jerusalem an. W\u00e4hrend Lea regungslos auf dem Sofa lag, begann ich aus den immer gleichen Zutaten und labbrigen Gem\u00fcseresten aus dem Krankenhaus ein scharf gew\u00fcrztes Arme-Leute-Resteessen zu fabrizieren. Nach diesem unglaublich langen Tag trieb der Hunger sowieso alles hinein.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bethlehem, Hebron und Begegnungen in Pal\u00e4stina In Herrgottsfr\u00fche zu Fu\u00df nach Bethlehem Der Samstag kommt in Jerusalem einem hohen Feiertag gleich. Am Schabbat sind die L\u00e4den geschlossen, Busse und Stra\u00dfenbahnen stehen still und die ganze Stadt scheint f\u00fcr einen Moment lahmgelegt zu sein. 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